Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438327-2438359--2562-2442251- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Oman 1× ep/1047563
OCR text
Nr. 32 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 send Kronen. Sie Werten gefälschte Stimmzettel in die Urne. Draußen stehen im Sonnenbrände tausende Wähler seit der frühesten Morgenstunde Man läßt sie einfach nicht zur Wahl, man verhöhnt sie. Und damit die freidhe Gaunerbande ja nicht im Saufen und Schwindeln gestört werde, müssen österreichische Soldaten Wache stehen! Eine herrliche Verwendung unserer glorreichen Armee! Stolz können wir drauf sein und stolz auf unseren österreichischen Kriegsminister, der sich am Tage der Abrechnung in trauter Gemeinschaft mit Feuerstein und Genossen, hinter eine Lüge flüchtet! Oesterreich und die österreichischen Juden am — Scheidewege. Von Dr. K. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, bereitet sich im österreichischen Gesamtreiche wieder einer jener Systemwechsel vor, wie wir ihn 1867 nach Etablierung ides Dualismus!und :1879 nach Be- 'ruiung d es Ministeriums T a a t f e erlebt haben Beidemale war der Beweggrund die äußere Politik. Die Niederlage Oesterreichs bei Königsgrätz und der Verlust seiner Vormachtstellung in Deutschland, der Widerstand der Deutschliberalen gegen die Okkupation von Bosnien und Herzegowina führten.zum Sturze dieser herrschenden! Und wieder stehen wir am Vorabende europäischer Komplikationen, die mehr für die innere Entwicklung des Donaureiches bestimmend sein werden, als die Vorgänge in allen unseren parlamentarischen Vertretungskörpern in Cis- und Transleithanien. Das jungtürkische Regime kracht in allen Fugen. Trotz entgegengesetzten Behauptungen stehen wir nicht am Ende, sondern am Beginne der albanesischen Wirren, welche durch die chaotischen und ungeklärten Zustände in den anderen Provinzen der Türkei und den übrigen Balkanstaaten, sowie durch äußere Einflüsse immer von neuem angefacht werden. Oesterreich' als Balkanmacht — und seit der Annexion von Bosnien-Herzegowina auch der größte Südslavische Staat — ist an allen diesen Vorgängen am Balkan beteiligt; denn dieser ist nicht nur sein wirtschaftliches Absatzgebiet, sondern auch seine politische Interessensphäre. Der Weg nach Saloniki dart von keiner Großmacht Oesterreich verrammelt werden. Seine Hauptrivalen sind dort Rußland und Italien. Die Beziehungen zu beiden Staaten sind nicht die rosigsten. Schon anläßlich der Annexion von Bosnien - Herzegowina war die Kriegsgefahr einejakute und jeden Moment kann sie durch Verwicklungen in Albanien und in den Balkanländern aktuell werden. Darum ist die rascheste Durchbringung der Wehrgesetzvorlagen heute die wichtigste Aufgabe der {Ministerien Gautsch und Khuen, wie sich die Chancen dafür im österreichischen Abgeordnetenhause gestalten werden, wird erst die politische Entwicklung, im fterbste zeigen. Aber es scheint, daß mit Ausnahme der Sozialdemokraten fast alle übrigen Parteien unter gewissen Modalitäten für dieselben mit Rücksicht auf die Kriegsgefahr stimmen werden. Anders liegt die Sache in Ungarn. Die Position K h u e n s ist keineswegs so fest, wie die pseudoliberale Presse behauptet und die von den magyarischen Obstruktionsparteieni geforderten nationalen Konzessionen in der Wehrvorlage stoßen auf den unüberwindlichen Widerstand der maßgebensten Faktoren in Wien und sämtlicher österreichscher Parlamentsparteien ohne Unterschied der Nationalität. Wir stehen also voreiner akuten Veriassungskrise, umsomehr;als auch! das Zweite österreichische Volkshaus durch die stets zunehmende Zersetzung seiner sämtlichen Parteien — mit oder ohne Obstruktion — bald wieder auf demselben Flecke stehen wird, wie der obstruierte ungarische Reichstag. Dazu gesellt sich der in der jüngsten Zeit sehr scharf zugespitzte Gegensatz zwischen Magyaren und Kroaten, sowie die lawinenartig anwachsenden und die nationale Autonomie erstrebende nicht magyarische Nationalitätenbewegung. Alle diese Momente, verbunden mit der Unfähigkeit der Parlamentarier beider Reicnshälften, Ordnung zu schaffen, bringen die Monarchie immer näher dem Momente eines Zusammenbruches der - bestehenden Befallungseinrichtungen und einer Revision der Reichsverfassung. Die Juden Oesterreichs aber, die wie die letzten Reichratswahlen neuerlich beweisen, nur Kanonenfutter für fremdnationale Parteien bilden u nd mit ihren Stimmen wie mit ihrem Gelde ihren offenen wie versteckten Gegnern zur Macht verhelfen, haben es immer noch nicht gelernt, ihre national-sozialen Interessen in Einklang zu bringen mit den Lebensbedingungen des österreichischen Gesamtreiches und eine Harmonie herz us teilen zwischen den Aufgaben jüdischer Volkspolitik und» großösterreichischer Reichspolitik. Darum treiben sie immer von neuem Wasser aut die Mühle des — Antisemitismus. Mit einer rein negativen; ausschließlich gegen die Christlichsozialen gerichteten jüdischen Partei hat man andere antisemitische Gruppen großgezogen und infolge einer grundverkehrten nationalen und sozialen Politik eine Renaissance des K 1 e r i k a 1 i sm u s unter großösterreichischer Ffagge vorbereitet. Von der Stellung, welche die Juden und speziell die nationalen Jungjuden zur staatsrechtlichen Neugestaltung des Donaureiches einnehmen werden; hängt ihre ganze ZukunftalsNationund Staatsbürger ab. Entrollen sie nun in rastloser Agitationsarbeit im gesamten Reiche die Fahne der nationalen Autonomie des Völkerfriedens, des modernen österreichischen Reichsgedanken, dann ist es möglich, eine starke jüdisch Organisation in Gesamtösterreich zu schaffen, dann werden wir unter allen Nationalitäten Verbündete erlangen, dann haben wir auch Aussicht, unsere politische sowie national-soziale Lage in Oesterreich zu verbessern. Versagen im jetzigen Momente neuerlich die österreichischen Juden und speziell unsere Gesinnungsgenossen in den gemischtsprachigen Gebieten, dann kommen sehr böse Zeiten für die Juden im Donaureiche. Die Assimilanten als Sozialistenführer. Der Streit zwischen deutschen und tschechischen Gewerkschaften, der auf die politische Partei übergreift und eine völlige Spaltung der Sozialdemokratie verursachte, beweist deutlich, wie weit es in Wahrheit Imit den Phrasen dieser Partei her ist.- Sie, welche früher die „nationale Autonomie“ aut ihre Fahne geschrieben hatte, ließ dieses Prinzip der wahren Demokratie im Stich, als es sich1 in der Praxis ihrer eigenen Gewerkschaften und innerhalb ihrer politischen Partei darum handelte, es selbst einmal durchzuführen. In der Nationalitätenpolitik hat sich also die österreichische Sozialdemokratie genau so verlogen gezeigt, wie in der Judenfrage. Aber bisher dachte man, daß zumindest im Punkte des Antiklerikalismus die Partei unbedingt zuverlässig sei. Allein auch das erweist sich als Trugschluß. In Mähren hatte anläßlich der Reichsratswahl bekanntlich der Tschechenführer Stransky, ein getaufter Jude, ein Bündnis mit der tschechischen Sozialdemokratie gegen die tschechischen Klerikalen geschlossen, dem zufolge statt 7 <sjchwarze 7 JfjOte /Tschechen gewählt wurden. Wir sind zwar die' letzten, welche assimilatorischen Nationalpolitikern Beifall klatschen, aber mit diesem Pakt hat der Renegat Stranski wenigstens einmal begrüßenswerte politische Konsequenz gezeigt. Natürlich sind die tschecbisch-„f r e i h e i 11 i c h e n“ Verbändler mit dem famosen Kramarz an der Spitze Wütend. Obzwar die tschechischen Sozialisten national bis aut die Knochen sind, bezeichnet der freiheitliche Kramarz das Vorgehen Stranskis als Verrat und weint Um die verschwundenen! ITsdie- Chischklerikaien .Das nimmt uns nicht wunder, denn wir kennen ja die freiheitlichen Nationalverbändler. Aber man sollte denken, die Sozialdemokratie wäre befriedigt; 7 Mandate durch die Hilfe von bürgerlich-freisinnigen gegen die Klerikalen gewonnen, damit kann man zufrieden sein. Aber weit gefehlt. Dieselben Adler und Austerlitz, die in Wien genau das nämliche getan naben, wie Bechyne in Brünn: sich mit Liberalen zum Sturz der Klerikalen zu verbünden, die fallen nun in der Arbeiterzeitung mit wütendem Hohn über den mährischen Pakt her. Sie sprechen vom „sogenannten antiklerikalen Kartell“ konstatieren, daß nur diesem der Gewinn von 7 Mandaten (zu verdanken ist, obzwar die Stimmenzähl der tschechischen Sozialdemokraten, wie die Arbeiterzeitung mit Behagen mitteilt, „zurückgegangen“ sei und wütet dagegen, daß die vereinigten Liberalen und Sozialisten auch nach der Wahl den famosen Herrn Kramarz, der eigens nach Proßnitz gekommen war, um gegen die Stranskypartei und ihr Wahlkompromiß zu Felde zu ziehen, einen kleinen Krawall machten. Man traut seinen Augen nicht! Wer sich die ganze Sache nur einen Augenblick ins Deutsche übersetzt und vorstellt, daß etwa der Nationalverbändler Groß oder ein ähnlicher deutscher Staatsmann nach Wien käme, um die Liberalen wegen ihres Wahlkompromisses mit den Sozialdemokraten die Leviten zu lesen! Würde die famose „Arbeiterzeitung“ sich dann auch aut die Seite des Herrn Groß stellen und die Wiener Sozialdemokraten ob ihrer durch die Hilte von Liberalen gewonnenen Mandate verhöhnen? Bei einer solchen schmählichen Haltung des deutschen „Bruderblattes“ ist der Völlige Sieg des tschech. Separatismus voll verständlich, ebenso, wenn von einer Wiener Diktatur gesprochen wird, der sich die Tschechen absolut nicht fügen können. Für uns ist es interessant zu sehen wie auch in der (S ozialdemokratie die Führerschaft Assimilanten — der Tios Adler, Austerlitz, Bauer — schuld ist an der Zerrüttung der Partei, an ihrer Chauvinisierung, wenn der Ausdurck erlaubt ist, an ihrem steigenden Antisemitismus und an direkt reaktionären Anwandlungen. Wir sagen es hier nochmals voraus: Es wird nicht mehr lange dauern und Deutsche und Tschechen in der Sozialdemokratie werden sich wieder einigen, aber aut Kosten der assimilatorischen Führer, die man entweder an die Luft setzen oder nötigen wird, einer national-jüdischen Gruppe der Partei beizutreten. Stolypin und Sagurski. Das zionistische „T a g b 1 a t1“ in Lemberg schreibt: „Vergangene Woche brachten die Blätter eine Meldung aus Petersburg, welcne in der Oeffentlichkeit großes Aufsehen erregte. Die Meldung besagte, daß der Ministerpräsident Stolpin die Prozentnorm auch auf den Kredit, welchen die Juden in Anspruch nehmen, anwenden, d. h. den Kredit der J uden gesetzlich beschränk lepn wolle. Man sollte nicht daran glauben dab die Verfolgung der Juden auch aut das Gebiet des Bankkredites ausgedehnt werde, daß man die Juden des Kredits berauben könne. In Rußland selbst haben sich zwei Minister gefunden, der Handels- und der Finanzminister, welch« erklärt haben, daß die Ausführung des Stolvpinschen Projektes eine derartige Schädigung der allgemeinen Handelsinteressen nach sich ziehen würde, daß man das Projekt überhaupt nicht ernst nehmen könne. ln Galizien hat sich vor zwei Wochen etwas ähnliches jabgespielt, auch hier hat der Beherrscher des Kreditwesens im autonomen Galizien, Herr Sagurski, der Direktor der Landesbank, |erklärt, daß man den jüdischen Kredit einsdhränken, den jüdischen Kaufmann in seinem Lebensnerv treffen müsse, um seinen Einfluß im Lande zu beseitigen. Ein Unterschied aber besteht. Stolypin hat vorläufig nur mit der Kreditentziehung resp. Beschränkung gedroht, sie bildet noch den Gegenstand des Studiums. Bei uns im-konstitutionellen Galizien w oman die Juden, besonders in W a h-1 z e i t e n? so heiß liebVh atmanaberdie russische Prozentnorm bereits eingeführt! Von den 20 -Millionen Kronen, welcne die Landesbank den galizischen Kreditgenossenschaften als Kredit gewähren will, werden die jüdischen Kreditgenossenschaften nur 200.000 erhalten. In Rußland müssen erst die Minister beraten, müssen erst Gesetze geschaffen werden, um jeine derartige Kreditbeschränkung durchzuführen. Bei uns in Galizien wird so was ruhig ohne Aufsehenj gemacht. Der Herr Direktor von der Landesbank braucht keinen Menschen zu fragen. Er gibt einfach einen Ukas heraus, dahin lautend, daß jüdischen Kreditgenossenschaften, d. h. die jüdischen Kaufleute nur e i n Prozent des Kredits erhalten werden. Trotzdem in Galizien 12 Prozent Juden wohnen, trotzdem 90 Prozent der Kaufleute Juden sind, trotzdem von den Genossenschaften mehr als die Hälfte jüdisch sind! Das alles geniert den Herrn Direktor nicht!