Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 32 (11.8.1911)
- Date
- 1911-08-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 32 (zSujrück, so; können wir eine Besserung nicht konstatieren, viel eher eine bedeutende Verschlechterung! Den einzigen Lidhtpunkt, die einzige Besserung, sehen wir in der Türkei. Dort haben unsere Brüder hach den politischen Umwälzungen der letzten Jahre die gleichen Vorteile von der errungenen Freiheit er-' halten, wie die übrige Bevölkerung des ottomanischen Reiches. Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung, die dort den Juden /gewährt wurde, ist allem Anscheine nach ernst gemeint. Sind doch die Türken stets freundlich zu den Juden gewesen und haben sie doch schon in jener finsteren Zeit, als. twir überall geächtet und verfolgt wurden, de naus Spanien vertriebenen Juden Gastfreundschaft und ein Asyl gewährt. Mit dieser Tatsache haben wir gleich von vornherein gerechnet und rechnen (auch heute mit. ihr, obgleich sich anscheinend gegenwärtig dort' Strömungen bemerkbar machen,.die sich gegen den Zionismus richten. Diese durch Unkenntnis oder gar Böswilligkeit hervorgerufenen Stimmungen können nicht von langer Dauer sein, wiel sie aut falschen und unwahren Vorausetzungen beruhen. Traurig und schmerzlich ist es für uns nur, daß auch einzelne Juden, Söhne unseres eigenen Stammes, mithelfen, die öffentliche Meinung gegen uns aufzubringen, ohne zu bedenken, daß sie damit das Wohl der jüdischen Gesamtheit gefährden. Die Wahrheit wird aber durchdringen, und mit ihr die Erkenntnis, daß der Zionismus dem ottomanischen Reiche ebensoviel Vorteile und Nutzen bringt wie dem jüdischen Volke selbst. Vorläufig ist diese Erkenntnis dort noch nicht durchgedrungen. Die Debatten in der türkischen Kammer über den Zionismus haben gezeigt, wie wenig noch unsere Bestrebungen in vielen türkischen Kreisen bekannt sind, wie vollständig sie auch von solchen, die sie dem Namen nach kennen, verkannt werden. Unsere Schuld ist es aber nicht, daß über uns allerlei Märchen und Lügen verbreitet werden. Von der ersten Stunde an haben wir alle unsere Verhandlungen in der vollsten Oeffentlichkeit geführt. Nicht hinter verschlossenen Toren getagt, nicht ein einziges Mal geheime Sitzungen abgehalten, weil es bei uns eben keinerlei Geheimnisse gibt und wir nichts zu verbergen haben! Wir haben feierlichst erklärt, daß wir in der Gesetzgebung der freiheitlichen Türkei die Garantien für unsere persönliche und nationale Sicherheit erblicken, daß es unser Bestreben ist, unsere Wohlfahrt und unser Schicksal mit dem des Ottomanischen Reiches zu verknüpfen, indem wir uns in einem Teile dieses» Reiches, jin Palästina, auf dem Boden unserer Väter, eine Heimstätte errichten wollen. Nur grobe Unkenntnis oder Bosheit können es fertig bringen, (uns nachzusagen, daß wir die Los- ■ trennung Palästinas vom ottomanischen Reiche erstreben, daß wir ein selbständiges, jüdisches Königreich errichten lwollen. Klipp ü nd klar haben wir in unserem Programm unsere Wünsche, unsere Hoffnungen und unser Ziel zum Ausdrude gebracht und festgelegt: „Der 'Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina'*. Nicht einen Judenstaat, sondern eine Heimstätte, aut dem alten Boden unserer Väter, in der .wir uns als Juden, ohne verfolgt und bedrängt zu werden, national ausleben können. Dazu brauchen wir die öffentlich-rechtliche Sicherung! Wie diese zu erreichen ist, hängt von den politischen Verhältnissen!ab. Unter dem alten Regime stellten wir Wünsche aut, die den damaligen Verhältnissen angepaßt waren. In der neuen' freiheitlichen Türkei erblicken wir — ich ■wiederhole es — in den konstitutionellen Einrichtungen die volle Garantie unserer |p ersönlichen und nationalen Sic her he it. Was wir aber verlangen müssen, ist, daß dem jüdischen Einwanderer in Palästina die Möglichkeit gegeben Wird, das ottomanische Bürgerecht ohne jedwede Einschränkung zu erlangen, und daß er d ann den jüdischen Volkssitten entsprechend ungehindert leben kann. Diese Garantie, die uns nur durch das öffentliche Recht gesichert Werden kann, müssen wir verlangen, in unserem eigenen Interesse, aber auch im Interesse des ottomanischen Reiches selbst. Denn nur als freies, allen anderen ottomanischen Völkern gleichgestelltes Volk werde wir in der Lage sein, das zu leisten, was ein Volk wie das unsrigezu-j leisten vermag, zum Nutzen des gesamten ottomanischen Reiches ebensosehr wie zu unserem eigenen Wohl. Denn es ist unser Traum und sehnlicher Wunsch, in einem blühenden und mächtigen ottomanischen Reiche ein blühendes und glückliches jüdisches Volk zu sein. Mit diesem Gedanken, geehrter Kongreß, treu! Standhaft zu unserem Programm, fest das hohe Ziei im Auge und treu unserer Sache und uns jselbst! Mit diesem Gedanken geehrter Kongreß, Wollen wir an die Aufgaben herantreten, die unser hier harren. Als eine der wichtigsten Aufgaben dieses Kongresses betrachte ich die endliche Verabschiedung des Organisationsstatutes. Der Entwurf, der Ihnen hier im Druck vorliegt, ist in mühevoller und langwieriger Arbeit zustande gekommen. Er hat gewiss manche Mängel iind wird in vielen Punkten wohl nicht älle Wünsche befriedigen und daher kleine Abänderungen erfordern. (Er enthält aber große und wichtige Verbesserungen gegen den bisherigen Zustand, uRter .welchem unsere Organisation bislang zu leiden hatte. Auch unsere ungünstige Finanzlage ist aut Schäden in unserer Organisation, denen wir abhelten müssen, zurückzutühren. Um unser Budget aut eine gesunde, feste Grundlage zu stellen, hat die Leitung eine B es t euerung unserbf/ FinanZinstitut i o n e n dem vorigen Kongresse vorgeschlagen. Dieser Vorschlag hat aber die Zustimmung des Kongresses nient,gefunden, und es wird daher jetzt unsere Aufgabe feein (müssen, meue Einnahmequellen, sei es durch' Erhöhung des Schekels oder durch Einführung sonstiger Beiträge, zu schaffen. Zum ersten Male wird uns aut diesem Kongresse die Emigrationsfrage beschäftigen. Die Regelung der Emigration, so eminent wichtig feie auch ist, gehört nicht -zu unseren direkten Aufgaben und obgleich Wir uns hüten müssen, unsere Kräfte, die unserem Ziele gewidmet, zu zersplittern, haben wir dennoch nie aufgehört, diesem überaus wichtigen Problem unsere, ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Auch1 hut unserer nationalenSp rache werden wir uns diesmal eingehender als zuvor beschäftigen. Die hebräische Sprache, ein Hauptbestandteil unserer jüdischen Kultur, hat stets unsere "innigste Liebe und unser höchstes Interesse gefunden. Haben wir doch sogar, der Zeit vorauseilend, hebräisch zur offiziellen Sprache. des Kongresses bestimmt. Die zionistische Organisation kann und soll aber aut diesem Gebiete «licht alles allein tun. Wir haben kleine1 Anfänge gemacht, einige hebräische Zeitungen mit Mühe und großen Opfern gegründet, die Herausgabe hebräischer Werke unterstützt. Aber unsere Aufgabe -kann sich naturgemäß nur darauf beschränken, Anregungen zu geben und allen Unternehmungen aut diesem Gebiete unsere moralische und in beschränktem Masse unsere materielle Unterstützung zu gewähren. Zu unserer Freude -.jetzt die Histadruth, die Organisation für hebräische Sprache und Kultur, entstanden, die gewiß unser aller Unterstützung sicher sein kann . Der Frauenarbeit im Zionismus haben wir bis jetzt keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Wir müssen es jetzt endlich tun und müssen unseren Frauen den Weg Zeigen zu einer ersprießlichen zionistischen, Arbeit, damit auch sie ihre Pflichten "erfüllen find, wie einst unsere Mütter in alter Zeit, an der Erlösung unseres: Volkes mitarbeiten können. Diea 1 lerwidhtigstfe Aufgabe aber die Sie diesmaZzu lösen haben, ist die Einsetzung einer neuen Leitung. Ich trete von der Leitung zurück, weil ich muß: Ich muß es tun, sowohl im Interesse der Bewegung, als, auch im Interesse meiner geschwächten Gesundheit, die mir Ruhe gebietet und es mir nicht mehr gestattet, der erste Diener unserer Organisation!zu bleiben. Geehrter Kongreß! Die Geschichte unserer jungen Bewegung ist >n (zwei Perioden einzuteilen. Die erste, die Glanzperiode mit Herzl an der Spitze, spielte sich l n Wien ab. Es ist geradezu sündhaft, wenn jetzt versucht wird, die Bedeutung dieser großen Zeit (herabzusetzen und zu behaupten, daß sie praktisch nicht produktiv gewesen sei. Die größten praktischen Arbeiten sind gerade in diesem Zeitabschnitte geseistet Worden. Die Organisation selbst, der Kongreß, die Jüdische Kolonialbank, die Anglo-Palestine Company und der Jüdische Nationaltonds, lauter Institutionen, die die Grundsäulen unserer Bewegung geworden ■ sind, der teste Kitt, der unsere Organisation in den allerstürmischsten Zeiten zusammengehalten hat und noch zusammenhält. Allerdings waren diese Schöpfungen, wie es auch, gar nicht anders sein Konnte, poen nicht testgefügt, da uns damals doch noch jede Erfahrung aut diesem ganz neuen Gebiet gefehlt hat. Erst der zweiten Periode, die ich als die „Kölner“ bezeichnen Will, ist die Festigung (Und der Ausbau dieser Institutionen Vorbehalten geblieben. Unsere Organisation wurde fester, - die Banken einträglicher, und der Nationalfonds erreichte den jetzigen hohen Aufschwung. Außer den Filialen der Anglo-Palestine Company haben wir in dieser Periode die Anglo Levantine Banking Company neu geschaffen. Eine gute zuverlässige Vertretung an den wichtigsten Punkten, in Palästina und in der Hauptstadt des türkischen Reiches, haben wir uns eingerichtet und in allen Zweigen unserer Verwaltung uns einen tüchtigen Beämtenstab herangebildet. Die Siedlungsgenossenschaft und noch1 eine ganze Reihe anderer Institutionen sind teils direkt von uns gegründet, teils indirekt durch unsere Mithilfe entstanden, und andere feind noch' in der Entstehung begriffen. Dies, geehrrteij (Kongreß, sind die praktischen Leistungen der zweiten, der Kölner Periode! Der zionistische Geist hat auch in dieser Zeit nicht geruht. Wir hören seine Schwingen lauter und kräftiger rauschen als jemals zuvor. r Mit diesem Kongreß treten wir in den Zeitabschnitt der (zionistischen Geschichte ein, in eine neue Periode. Diese beginnt (erfreulicherweise unter günstigeren und glücklicheren Bedingungen als die vorherige. Möge sie auch fernerhin vom1 Glücke begünstigt werden und möge es ihr gelingen, uns zum heißersennten Ziele zu führen, nach Zion. [ .« Geehrter Kongreß! Im Namen des großen und engeren Aktionskomitees und auch in meinem eigenen Namen begrüße ich Sie alle, die Delegierten und auch die Gäste, die hergekommen sind, um unserem zehnten Kongreß beizuwohnen! Möge dieser Kongreß seine hohe Mission erfüllen und peine Aufgaben glücklich lösen. Möge er uns vor allem das bringen, was uns am meisten Not tut, die Einigkeit. Die_ Uneinigkeit hat viel dazu beigetragen ,dab wir von unserem Land entfernt worden sind. Nur durch Einigkeit können wir die Rückkehr ins Land beschleunigen.‘Einigkeit und Einheit muß unser Losungswort sein. Ein Gott, ein Volk, eine Sprache, ein Land, ein Zionismus! Ich eröffne den Zehnten Kongreß! Der Herr Landesverteidigungsminister. Unsere Staatsmänner nehmen alles von der leichtesten Seite. Mit einer verbindlichen Phrase, einer treuherzigen Handbewegung Werden die schwersten Hindernisse aus dem Wege geräumt. Mag es sich um Interpellation [wegen 'mißhandelter Soldaten, betrügerischer Beamter, argentinischen Fleisches oder serbischer Ochsen handeln, die Methode der Erledigung bleibt die gleiche, ln einem Schwalle von öligen Versicherungen der strengsten Objektivität einer hohen Regierung und Versprechungen betreffend die Einleitung „strenger“ Untersuchungen wird die Unzufriedenheit einfach ersäuft. Im Falle des gemeinsten aller behördlichen Massenmorde, im Falle Drohobycz haben die Verteidiger [der Regierung, der, Minister des Innern und der Landesverdeitigungsminister, im Ganzen und Großen die gleiche Praxis geübt, nur haben sie, um der besonderen Sensation des Falles Rechnung zu tragen, sich auch dgs kräftigeren Mittels der offenkundigen Lüge bedient. Der Minister des Innern, |als der; vorsichtigere, (bat sich darin gefallen, die erschossenen Greise, Kinder und Frauen als „wütende Rebellen und pöbelhafte Aufwiegler“ zu verdächtigen ünd die uniformierten und nichtuniformierten Polenklubstrolche als „Hüter der öffentlichen Ordnung“ zu verherrlichen. Der Herr Minister für .Landesverteidigung ist jals strammer jKrieger energischer losgegangen. Er hat alle komplizierten Verdrehungen und rednerischen Finessen vermieden und seine Verteidigung auf einer einfachen, klotzigen Lüge aufgebaut. Er hat frisfehweg behauptet, daß seitens der Wähler auf das Militär gesdhössen wurde. Unzählige Male und durch die eidlichen Aussagen vieler Zeugen ist die Lügenhaftigkeit'dieser Behauptung erwiesen worden. Der bekannte Maler Jehuda Epstein, welcher auf dem Balkone — von welchem geschossen Worden sein soll — stehend die Mordszene mit ansah, hat in mehreren Publikationen in der „Neuen freien Presse“ bewiesen, daßdieiSoldatenjneine ruhige Menge Neugieriger ohne jeden ersichtlichen AnTjaß; tyineiingefeuert haben. Er hat, als Anwort auf die Rede des Landeverteidigungsministers, sein Zeugnis neuerlich .veröffentlicht und den Minister so der Lüge geziehen. Aber das alles geniert diesen tapferen Soldaten, diesen Repräsentanten der österreichischen Armee nicht. Mit dreister Miene tischt er die gemeine Lüge, die ihm Genosse Jänkel Feuerstein oder irgend ein Zuhälter aus der Löwensteingarde zugetragen hat, im österreichischen Parlamente auf. Mitdieser s chmu tz i ge n V erleumdung der Toten soll der Ehrenschild der österreichischen Armqjel btiank geputztwerden! Um die Wahlurne, das Symbol der bürgerlichen Freiheit, lagert eine Bande betrunkener Wudierer, Mädchenhändler und verkommener Beamter. Die Rechnung für den von der DrohobycZer „Wahlkommission“ am 19. Juni im Wahllokale konsumierten Alkohol betrug -über Tau-