Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 31 (4.8.1911)
- Date
- 1911-08-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 31 u. s. w. Für jeden Eingeweihten ist es klar, daß sich irgend etwas vorbereitet. Ich möchte daher in letzter Stunde noch einmal knapp und klar sagen, was wir „Oppositionellen“ verlangen: Wir fordern eine Leitung, die durchaus und in jeder Hins chtaufjenemintellektuellen und moralischen Niveau steht, welches derBedeutung undder Würde des Zionismus entspricht Wir verwerfen absolut die Verflachung und Verseichtung unserer großen Idee, sowie jede Art mesquiner Kampfesweise gegen hervorragende Gesinnungsgenossen. Wir fordern eine Leitung, die genau weiß, was sie will und in jeder Richtung: Land- und Volkspolitik, Ideenpropaganda etc. die Bewegung tatsächlich führt Wir würden es als Zeichen von mangelndem Führertalent ansehen, wenn Leiter der Bewegung erst wider ihren Willen auf die richtigen Bahmen gebracht werden müssen. Wir fordern von der Leitung, daß sie alle vorhandenen Kräfte integriert, zusammenfaßt, sie an die richtigen Plätze stellt und daß sie einen lebendigen Blut ström in die Unterorganisationen, diesen Körper des Zionismus, sendet Wir perhorreszieren ein fortwährendes Abstoßen bedeutsamer Kräfte und das Bekämpfen ganzer Landesorganisationen von persönlichen Gesichtspunkten aus. Wir verlangen von der Leitung, daß sie durch ihr Auftreten und ihre der Größe des zionistischen Gedankens entsprechende Haltung, sowie durch ein lebendiges warmes Interesse an allem Jüdischen, den Zionismus wieder ins Bewußtsein aller Juden als das Gewissen, das Herz und den Kopf des Judentums einprägt. Wir verwerfen ein würdeloses Gejammer über unsere Schwäche und das Predigen eines faulen Friedens mit den Erscheinungen der Assimilation. Wir verlangen; daß die Leitung an den einzelnen Zionisten die höchsten sittlichen Forderungen stellt, im Bewußtsein, daß der Zionismus nur als moralische Kraft das Judentum vor den zersetzenden Einflüssen des Golus bewahren - es erhalten —und zu neuen* Schöpfungen anregen— es erneuern — kann. Wir halten es für das größte Unglück, daß im Interesse einer Verbreiterung der Organisation jede Anforderung sittlicher Höherentwicklung an die Zionisten aufgehört hat und die Organisation zu einem bloßen Schekelzahlerverein herabgesunken ist. Wir verlangen von der Leitung, daß sie die umwertende Kraft des Zionismus für das Individuum, deneinzelnenZionisten als eine der wichtigsten Emanationen der Idee erkenn und sie mit allen Mitteln zu verstärken sucht. Wir verwerfen die Verspottung der nach innerer zionistischer Konzentration und Entwickelung der zionistischen Erkenntnis ringeaden Zionisten als eines „von der Richtung Äbirrenden“ und auf „Nebenpfaden“ Wandelnden. Wir verlangen von der Leitung, daß sie die Hauptelemente für die Zlonisierung der Judenh eit: Pa lästinäliebe und hebräische Sprache, in den Mittelpunkt ihrer Aufmerksamkeit und ihrer Propaganda s t e 111. Wir lehnen das Verkleinern der Bedeutung dieser Elemente, sowie den Standpunkt ab, der Zionismus habe sich überhaupt um seelische Kräfte nicht zu kümmern. Wir fordern von der Leitung, daß sie den nationalen Charakter der zionistischen Bewegung mit aller Schärfe betont und alles unterstützt, was die Nationalisierung der Juden fördern-kann.! Wir verwerfen die Duldung eines anationalen Zionismus, sowie die Zulässigkeit von Unterscheidungen zwischen unserem Volks- und unserem Stammesbewußtsein. Wir perhorreszieren die Gleichgültigkeit gegenüber den nationaljüdischen Bewegungen in Oesterreich und Rußland. Wir verlangen, daß die Leitung auch den demokratischen Charakter unserer Bewegung streng zum Ausdruck bringt und alles tut, um die politische. Erziehung der Zionisten zu fördern. Wir wünschen, daß sie in den Komitees und Kongressen die Herausbildung eines politischen Willens befördert. Wir verwerfen es als undemokratisch und ghettomäßig, wenn den freigewähhen und verantwortlichen Vertretern der Organisationen „Notable“ des Zionismus gegenübergestellt werden, denen höhere Rechte und höhere Autorität eingeräumt wird. Wir perhorreszieren ein System, durch welches den leitenden Institutionen, insbesondere Aktionskomitee und Kongreß, es technisch sehr erschwert wird, die ihnen gebührende Stellung als leitende Körperschaften auch wirklich einzunehmen. Diese Forderungen sind nur ein kleiner Auszug dessen, was wir als Mindestmaß ansehen. ‘'Niemand wird sagen, daß es keine prinzipiellen Forderungen von höchster Wichtigkeit sind. Ich bin sicher, daß manche von ihnen auf Widerstand stoßen werden. Aber dann verlangen wir einen Kampf gegen diese Prinzipien und keinen gegen die Personen, die sie vertreten. Ein zweites Hamburg verträgt die Bewegung nicht Möge der zehnte Kongreß an Emst und Sachlichkeit der Debatten seinen Vorgänger weit übertreffen und die Luft gründlich reinigen. Das ist die Voraussetzung für ein weiteres Gedeihen der Organisation und für die Mitarbeit gerade der besten Kräfte. Die galizischen Wahlen vor Gericht. (Von unserem Korrespondenten.) Der Tarnopoler jüdische Turnverein Bet h a r sollte am 24. Juni ein Fest veranstal-: ten. Zufolge der Drohobyczer Vorgänge vom 19. Juni sagte der Vereine sein Fest ab. Die betreffende Ankündigung lautete: „Infolge des Mordes in ProhobyCz und des Raubes in Tarnopol wird das Fest verschoben.“ Die Staatsanwaltschaft konfiszierte das Plakat wegen Uebertretung der Paragraphen 300, 487 und 488. Der Verein erhob nun gegen die Kon-A tfjskation durch keinen Vertreter Dr. W a I div mann Einspruch. Die betreffende Verhandlung fand |am' 25. Juli vor dem hiesigen* Kreisgelrichte (statt. Im' 'Eingänge der Verhandlung verlangte der Staatsanwalt (mit Rücksicht auf viele, im Einsprüche gegen die galizisdhen Behörden erhobenen Beschuldigungen geheime Durchführung der Verhandlung, Dieser Antrag wurde jedoch abgelehnt. Dr. 'Waldmann konnte nun iri längerer Rede (nachweisen, Idaß für diese Konfiskation, nicht der Paragraph 300, sondern nur der Paragraph 488 maßgebend sein könne. Dieser Paragraph sehe’jedoch die Führung des Wahrheitsbeweises vor, Wozu er (Dr. Waldmann) bereit 'sei. ' Nach kurzer Beratung gestattete der Gerichtshof dem Vertreter des „Bethar“ ins meritum einzugehen. Dr. Waldmann führte nun den Wahrheitsbeweis für den Ausdruck „Rau b in Tarn o p o 1“, und bezüglich des Ausdruckes „M o r d in Drohobycz“ verlangte er die Requirierung der jGerichtsakten aus Drohobycz. Was die Behauptung „Raub in Tarnopol“ betrifft, legte er dem Gerichtshof Beweise vor' daß* der gegenwärtige Abgeordnete Rudolf Gail widerrechtlich von den Behörden „unterstützt“ wurde, daß Gail gefälschte Stimmzettel verwendet habe, die nur auf dem Wege des Amtsmißbrauches oder Betruges herbeigeschafft Werden konnten. (Die Stimmzettel sind nämlich, was schon aus oberflächlicher Besichtigung hervorgeht, zuerst mit der Stampiglie „Rudolf Gail“ und nachher mit dem Siegel der Bezirkshauptmannsdhaft versehen worden.) Für die Anhänger des Gail waren separate Eingänge ins Wahllokal reserviert. Ein Wahlmacher des Gail wurde in dem Augenblick betreten, als er, mit vielen Wahllegitimationen und Stimmzetteln versehen, sich ins Wahllokal, offenbar um mehrmals für Gail zu stimmen, begeben wollte. Diese Legitimationen wurden ihm jedoch von drei Wählern abgenommen und in den Legitimationen fanden sich diese gefälschten Stimmzettel. Weiters erzählte Dr. W a I d m a n n von den Mißbräuchen in den Wahllokalen: Wie man dort offenen Stimmenkauf betrieben, wie man oppositionellen Wählern die Stimmzettel und Legitimationen entrissen und sie zerrissen habe. Zur Bekräftigung dieser Angaben verlas Dr. Walümann viele, mit einzelnen Wählern auff-, genommene, von ihnen eigenhändig gefertigte Protokolle und legte unter allgemeiner Bewegung gefälschte Stimmzette i und die dem Wahlmacher des Gail abgenommenen Legitimationen auf den Tisch des Gerichtshofes. In weiterer Rede besprach Dr. Waldmann noch viele) andere Fälle von Mißbrauch, Vergewaltigung und direktem Rau b. Seine Ausführungen benahmen dem Staatsanwalt den Mut zu einer Replik. Der Gerichtshof zog sich zur Beratung zurück und verr kündete folgendes Urteil: Die Konfiskation wird nach Paragraph 300 zu Recht bestehend erkannt. Ob die Führung des Wahrheitsbeweises gestattet werden könne, respektive ob sie ge-, hingen sei, finde der .Gerichtshof nicht nötigt zu .erklären. Gegen dieses Urteil meldete Dr. Waldmann die Erhebung einer Beschwerde an die höhere Instanz an. Die Verhandlung hatte aber ihren Zweck erreicht: vor Gericht wurde nachgewiesen, daß in Tarnopol ein öffentlicher Man datsraub vorgekommen ist. Aus dem jüdischen Leben. Eine hohe Auszeichnung eines englischen Juden. Aus London Wird berichtet: Sir Matthew. Nathan, Sekretär der Rostverwaltung, wurde Zum Vorsitzenden der Fiskusverwaltung ernannt. Sir M. Nathan ist der einzige Jude, der Zu verschiedenen Malen das Amt eines Governors in einigen britischen Kolonien bekleidete. Sir Matthew Nathan kam auch als Nachfolger des jüngst verstorbenen englischen Generalkonsuls jn Aegypten, Sir Eldon Gorst, Jn Betracht. * Eine Spende Von 20.000 Fns. für Zionistische) Zwecke. Kiew. Auf Veranlassung des Kronrabbiners Aron’sokn hat Herr Hepner, Inhaber einer Zuckerfabrik, 20j000 Francs für zionistische Zwecke gespendet. * Ein jüdischer Gesandter in Kostarika. ~ Aus Newyork wird berichtet: Herr Lewis Einstein wurde vom Präsidenten Taft zum amerikanischen Gesandten iti Kostarika (Zentralamerika) ernannt. Herr L. Einstein war bereits im1 diplomatischen Dienst der Vereinigten Staaten' in London, Paris, Konstantinopel und Peking tätig.'