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Jüdische Zeitung · 1911-07-28 · 30 (28.7.1911) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
30 (28.7.1911)
Date
1911-07-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Kopte schon so umgestaltet haben, daß immer und fiberall das Bewußtsein, nicht nur für sich, sondern auch für eine Gemeinschaft zu arbeiten, den Antrieb äquivalieren könnte, welcher' aus, dem Wunsche nach eigenem Besitze fließt, der' sich namentlich in bezug auf den Besitz eines Stückes Land immer und überall, auch bei der sich eben jetzt abspielenden inneren Kolonisation in den verschiedenen Staaten als mächtigster Hebel, alle Kräfte aufs äußerste anzuspannen, erwiesen (hat. Die Mischung von privatwirtschaftlicher und gemeinnütziger Kolonisation wird übrigens nur wohltätig, d. fa. durch das Beispiel sozial erzieherisch .wirken. Auch rein praktisch ist jene Mischung von großem Werte. Die mehr in gemeinnützigem Sinne betriebenen Wirtschaften werden vorbildlich sein im Sinne eines technisch musterhaften Betriebes, hoher Arbeitslöhne und anderer .sozialpolitischer Maßnahmen. Der private Kolonist wird dagegen wieder ein Mehr an Initiative, Unternehmungslust und vielleicht Anspannung der Arbeitskraft aufweisen. Es wird dadurch nicht nur eine gesunde Entwickelung der Kräfte des .Volkes nach'allen Richtungen hin stattfinden, sondern auch, durch das gegenseitige Beispiel, eine wechselwirkende Befruchtung. Allerdings birgt die privatwirtschaftliche Kolonisation gewisse Gefahren, jene des Uebergangs des Bodens in fremde Hände und die Aufsaugung des Bauernlandes durch Großgrundbesitz. Gerade um diesen Gefahren zu begegnen, darf aber der Nationalfonds nicht die Politik des „laisser faire, Jaisser aller“ betreiben. Läßt er die private Kolonisation nur durch private Institutionen (Agrarbanken) alimentieren, so ist eine Einflußnahme nicht möglich. Nimmt er aber in irgend einer Weise teil an der privaten Kolonisation, z. B. durch vorübergehende Leihe von Geldern (an die Jüdische Agrarbank, so kann er in mehrfacher 'Weise Ingerenz nehmen, tr kann zur Bedingung machen, daß der Kreditnehmer jüdische Arbeiter anstellt, daß Kredite nur an kleine und mittlere Bauer» gewährt 'werden, daß die Jüdische Agrarbank odte<r der 'Jüdische Nationalfonds bei allen exekutiven und freihändigen Verkäufen des belehnten Landes ein Vorkaufsrecht besitzt etc. Kann die Jüdische Agrarbank ohne Beteiligung des Nationalfonds als jüdisch-gemeinnütziges Institut gegründet werden, und sich ohne diese Beteiligung die nötigen Gelder verschaffen, dann wäre eine solche seitens des Nationalfonds unnötig. Wenn dies nicht der Fall sein -wird, so Wird in einer vorübergehenden Anlage von 1 Nationalfondsgeldern bei der Jüdischen Agrarbank, sofern obige Bedingungen erfüllt sind, nichts gefunden werden können, was den idealen Zwecken des Nationalfonds widerstreitet. Dies wird um so klarer, wenn man bedenkt, daß. die Jüdische Agrarbank nicht nur die privatwirtschaftliche Kolonisation zu unter- ,tützen berufen ist, sondern auch jene - aur Nationalfondsboden selbst Die Pächter oder Pächtergenossenschaften aut diesem .werden, wie jeder Landwirt, Kredite z. B. zu Aineliorationen, Investitionen etc. brauchen. Die Beschaffung dieser Kredite wird ihnen aber deshalb schwerer fallen, als dem privaten Grundbesitzer, weil sie nicht in der Lage sein werden, wie dieser, ihr Grundstück zu verpfänden, zu hypothezieren. Die Agrarbank wird die Sicherheit vielmehr in der Solidarhaftung der Pächter-, Betriebs- (Sied- Iungs-) oder Pächterkreditgenossenschaften suchen müssen und zum Teil auch darin, daß die für den Kredit ausgeführten Verbesserungen dem Nationalfondsboden zugute kommen, dessen Wert erhöhen. Infolgedessen ist die Tätigkeit der Agrarbank auch im Interesse' der Ermöglichung der Bewirtschaftung von Nationalfondsboden und seiner Wertsteigerung gelegen, der Nationalfonds hat daher auch ein direktes Interesse an der Agrarbank. — Eine Entscheidung soll und kann der Kongreß in dieser Frage nicht bringen. Dazu ist sie noch viel zu wenig in der Organisation, diskutiert .worden. Aber sie sollte wenigstens am Kongreß in ihrer ganzen Breite aufgerollt und besprochen werden, um für die künftige Entscheidung den Willen der Vertreter der Volksorganisation zu kennen und eine Basis für die weiteren Erörterungen der Frage in breitester Oeffentjichkeit zu schäften. Was der Kongreß außer den prinzipiellen Debatten pn Beschlüssen über die einzelnen Erfordernisse der Palästinaarbeit bringen wird, läßt, sich nicht vorhersehen. Leider ist noch immer der Usus herrschend, daß Anträge erst am Kongreß selbst gestellt und dort natürlich ohnenähere Prüfung durchgepeitscht wurden müssen. Bis zur Stunde ist noch kein Antrag, der betreffs der Palästinaarbeit am Kongresse eingebracht werden wird, zur allgemeinen Kenntnis gelangt Keinesfalls werden irgendwelche besonders wichtige -Beschlüsse gefaßt »'erden, es werden vielmehr wahrscheinlich alle Anträge auf eine Ausgestaltung der Tätigkeit der zionistischen Institutionen in Palästina abzielen, im Sinne und im Rahmen des bisher unter der bewährten Leitung von Warburg und Ruppin Geleisteten. Es W'äre nur dringend' zu wünschen, wenn auf diesem Kongresse den Delegierten der zionistischen Organisation die eminente .-Wichtigkeitder Pale- JÜDISCHE ZEITUNG . '! — stine Land - Development .Company für das Kolonisationswerk eindringlich vor Äugen geführt würde, da leider konstatiert werden muß, daß di_eses 'Wichtige Institut noch immer nicht die nötige Beachtung findet. Aut dem Kongresse (werden sich eine stattliche Anzahl palästinensischer Delegierter Befinden, unter ihnen auch solche aus der jüdischen Arbeiterschaft. Ihre Anwesenheit und ihre .Anteilnahme an den Verhandlungen wird nicht nur speziell der Behandlung der Palästinafrägen zustatten kommen, sondern die Solidarität aller Volksgenossen, 'die für und die in Palästina an dem Werke der jüdischen Renaissance arbeiten, bekunden. Mehr als alle großen Worte und als jede noch so laute Begeisterung wird die Bekundung solcher Solidarität die Bedeutung des Zionismus für die Wiedergeburt des jüdischen Volkes in Palästina auf dem Kongresse erweisen. Der X. Zionistenkongreß. In Nummer 29 der „Jüdischen Rundschau“- Berlin, erschien unter obigem Titel ein Artikel vom Gg. ür .Oh'. W e i z m a n n- Manchester, dem wir folgende Stellen entnehmen: Die bewußten Nationaljuden haben zur Genüge von der Geschichte gelernt, wie wenig .es von jeher dem Judenvolke genützt hat, wenn es versuchte, seine Interessen mit denen irgendeiner anderen Nation zu verknüpfen. Wir als die SdhW'ächeren würden immer naturgemäß die Ausgenutzten bleiben. In dieser Auffassung unterscheiden wir uns prinzipell von unseren halbassimilierten Brüdern. Wir Zionisten wollen nicht mehr als Anhängsel Irgendeiner Nation fungieren, wir wollen auch nicht von der Türkei als solches betrachtet wurden. Das Ist eine Herabwürdigung des alten Judenvojkes, die lange genug gedauert hat. Wir wollen geben und empfangen. Die Beschuldigungen der: „Times“, daß wir germanophile, gegen England gerichtete Politik treiben, beruhen deshalb 'aut krasser Unkenntnis der - Grundprinzipien der zionistischen Bewegung. Wir wurden uns aber gar nicht wundern, wenn morgen irgendein deutsches Blatt uns anglophiler Politik beschuldigt.’ Wir Juden hatten immer unter diesen tragischen Mißverständnissen zu leiden, die gar oft als eine tiefe historische Ironie sich gestalteten. Die einzige Antwort,' die wrir darauf geben können und wollen, ist: jüdische Politik zu treiben. Die sogenannten offiziellen Vertreter der Judenheit, in den - meisten Fällen die Haute Finance, tragen den größten Teil der Schuld für diese verhängnisvollen Mißverständnisse. Sie \varen es, die feich immer „plus royaliste que!e roi“ gebärdeten. Sie w'ollen immer 5 mehrr epgli^ch seit?, ... als die -.Engländer, oder mehr französisch als die Franzosen, während feie in der Wirklichkeit doch international sind, wie es das Kapital selber ist. Die Interessen dieses kleinen, aber leider einflußreichen Teiles der Judenheit sind ,den Interessen der nationaljüdischen Volksschichten entgegengesetzt. Es ist deswegen heller Unsinn, die Zionisten für die' Handlungen, eines,, Sir E., Cassel oder irgendeines anderen Magnaten jüdischer Abstammung verantwortlich {zu machen. Wir haben ja diese Sache wiederholt betont, und wollen auch auf dem Kongresse nicht unterlassen, weitere Aufklärungen zu geben, und wir hoffen, daß man uns doch endlich hören und (verstehen wird. Die internen , Angelegenheiten, welcher dieser Kongreß zu; behandeln haben wird, sind nicht minder wichtig. Die Parteileitung, w'elche aut dem .vorigen Kongresse erschüttert wurde, muß jetzt reorganisiert und gestärkt werden, dje Finanzen der Bewegung müssen konsolidiert wurden. Schön aut der Jahresftonferenz wurde im Prinzip der Verlegung der Zentralleitung .von Köln nach' Berlin zugestimmt. Ohne (auf die- Personälfragen jetzt näher eingehen fcu wollen, möchten wir doch betonen, daß es für ein harmonisches Wirken der oberen Leitung notwendig ist, den osteuropäischen' Zionisten, vor allem unseren russischen Gesinnungsgenossen, eine adäquate Vertretung im E. A. C. einzuräumen. Es war ein verhängnisvoller Fehler, den der Permanenz-Ausschuß im Haag begangen hat, indem er um des lieben Friedens willen die tüchtigsten russischen Arbeiter aus dem E. A. C. ausgeschaltet hat. Wir sahen die Folgen davon in Hamburg, und W'ir werden uns hüten -müssen, den Fehler nochmals zu begehen. Er könnte diesesmal fatal Werden! Ein harmonisch zusammengestztes E. A. C. mit einem vertrauenswürdigen politischen Komitee, zur Seite, könnte die Aufgabe unter sich aufteilen. Aut diese Weise würde das Schicksal des E. A. C. nicht mehr von der für uns so verhängnisvollen ^Geographie abhängen. Die ganze Leitung, mit Ausnahme der politischen, könnte in Berlin sein; die politische Arbeit aber dürfte vielleicht, aim besten von. London oder Paris aiis erfolgen/ Diese Einteilung würde viele befriedigen, vor allem aber hätte sie gar manches politische Bedenken aqs der Welt, geschafft. Es wird Aufgabe des11 nächsten E. A. C. wurden, die Parteifinanzen im engeren Sinne zu konsoldieren, indem es erstens neue Nr. 30. Einnahmequellen schafft und zweitens die administrativen Kosten, die ‘jn den letzten Jahren so gewachsen sind, zurüdkschraubt. Aber auch die Finanzinstitute, die Bank und der Natipnal- Fonds bedürfen eines engeren Zusammenwirkens mit dem A. C. Die Leitung der Bank hat sich tatsächlich so gestaltet, daß der Kongreß keine direkte Beziehung zu ihr. hat. Aus rein technischen Gründen ist eine Behandlung der Bankfragen am Kongresse schwierig; sie ist aber notwendig, und die Notwendigkeit wird mit jedem Jahr dringender! In dasselbe Gebiet fällt auchdie Frage des Nationalfonds. Dem E. A. C. muß jetzt vom Kongresse der klare Auftrag gegeben werden, der die Tätigkeit der Bank und des Fonds bestimmt. Eine klare, auch dem Laien verständliche. Uebersidht der Finanzgebarung der Bank des NF, der P. L. D. ,C., der A. P. C., sowie der für die übernächste Zukunf texistierende Arbeitsplan dieser Institutionen muß in Form ein'ffisi Blaubuchs zur schleunigsten Veröffentlichung gelangen. In den letzten Jahren ist es ferner' die sogenannte „praktische Arbeit jn Palästina“ ein integrierender Bestandteil der zionistischen Tätigkeit geworden. Der Widerstand der politischen Zionisten von der plten Schule ist zum Teil gebrochen, phd die Leitung mußte schwuren Herzens dem Drucke der Partei nachgeben, ein Palästina-Ressort schaffen und allen palästinensischen Fragen mehr Taten als Reden. widmen. Unter der Leitung des Palästina-Ressorts entstand eine Reihe neuer Einrichtungen, für die die Partei Geld und Menschen gab und geben wird. Es ist hier nicht der Ort, auf eine Kritik dieser Arbeiten, die durchaus keine leichten sind, einzugehen. Wir können nur Sagen, daß diese ganze Tätigkeit uns als eine experimentelle erscheint, und schon als solche ist sie von ungeheurer Bedeutung. Die Partei mit ihren schwachen Finanzinstituten kann unmöglich selber an Jjroßkplonisatioh denken. Kolonien werden überhaupt nicht von politischen Parteien geschaften Die Partei kann und soll rein vor-, bereitende experimentelle Arbeit schaffen und dadurch der Privatinitiative die W.ege ebnen und dem in jüdischen Kreisen langsam 'anwachsenden Interesse für Palästina durch bewußt durchgeführte gelungene Versuche großen Ansporn verleihen. Die sogenannten praktischen Zionisten, zu denen auch der Verfasser die Ehre hat sich zu zählen, können keineswugs die jetzige Kolonisation als Selbstzweck betrachten — dazu ist sie viel zu klein .und zu unsystematisch, sondern als Mittel zum Zweck, als Vorbereitung für die bessere Zukunft. Was man von der Leitung erwartet, ist, daß sie diese Arbeit mit aller Energie und Umsicht; mit gutem-Willen, nicht notgedrungen, und mit einem Plan auch durchführt. Sie dart deshalb "die P. L. D. C. nicht als'Stie't- 'kind betrachten, sie müßte die A. P. C. mehr zu einem politisch-kolonisatorischen Institute als zu einem reinen Geldinstitute machen, sie muß versuchen, als ihre Ratgeber in all diesen Fragen nicht nur Kaufleute, sondern auch Fachgelehrte,, wüe Politiker, Agronome, Techniker und Nationalökonomen heranzuziehen. Die schon in Palästina vorhandenen ernsten Kräfte müssen in allererster Linie konsultiert .werden. Die bureaukratische Regierung vom grünen ‘Tische aus, so- *.vie die Verhöhnung der „Doktoren“ und die Anpreisung des alleinseligmachenden, „kaufmännischen“ Systems muß bedeutend eingeschränkt werden. Die Leitung hatte aber bisher keinen Arbeitsplan in Palästina, lebte von' der Hand in den Mund. Die Arbeiten trugen den Charakter von vereinzelten Projekten. Ein Programm kann aber nur durch tiefes Studium -geschaffen werden, und das unterließ unsere Leitung. Es ist freilich nie zu spät, das zu beginnen. Es muß aber jedem Kenner der Verhältnisse klar sein, daß sogar bei planmäßiger und systematischer vorbereitender Tätigkeit in Palästina W'ir noch sehr wuit von dem großen Momente entfernt sind, wo .wir an eine Ansiedelung im größeren' Stile denken können. Unsere Arbeit ist dazu viel zu ■ (schwer und viel zu mühselig, und nur in der ersten jugendlichen Begeisterung konnte man an eine Wundermacht glauben, die imstande w'äre, die Tore Palästinas mit einem Male vor dem' Judenvolke zu öffnen. Gesetzt sogar, das Unmögliche geschieht und die unbehinderte. Einwanderung ins Land der Väter ist gegeben, so würden w'ir uns1 doch sehr schnell mit der tief schmerzlichen und demütigenden Tatsache abfinden müssen, daß die Judenmassen und vor allem die konstruktiven Elemente sich nicht so rasch bewegen werden. Denn das Vqik ist jetzt noClt ebenso wenig vorbereitet für den Eintritt ins Land, wie das Land für die Aufnahme des Volkes. Und diese Vorbereitung des Volkes hat die zionistische Partei infolge einer ganzen Reihe von unliebsamen und tragischen Umständen sehr, vernachlässigt.' Diese Behauptung mag manchem paradox klingen. Haben w’ir doch agitiert, die Zionistische Idee laut proklamiert, haben w'jr doch das Judenleben mit neuen Werten bereichert, kurz einen neuen Geist der Freiheit ins dunkle Ghetto getragen; Das ist alles wahr! Vieles ist geschehen, aber das ist bei weitem1 nicht genug. Vor allem verstand die Partei es nicht immer, diesen neuen

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