Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3 Nr. 30 JÜDISCHE ZEITUNG Geist der Freiheit {zu einem jüdischen Geiste zu machen, und wie pft klingen unsere besten zionistischen Reden und Schriften wie eine Nachahmung der Worte christlicher Freiheitskämpfer. Besonders in Westeuropa fehlte immer die Wucht des Unmittelbaren, der Kontakt jmit der Urquelle! Es fehlte die {Verbindung des Neuen mit dem altehrwürdigen historischen. Die Offiziere der Zionistischen Armee kamen ja meistens aus Westeuropa. Sie leiteten die Schicksale der Bewegung. Erzogen in einem1 unjüdischen Milieu, entrückt von der jüdischen Tradition, klammerten sie sich oft nur an die äußeren Formen. Den Inhalt, den die Osteuropäer in diese Formen hineinzutragen strebten, erachteten sie abe* gar oft als überflüssig, ja nach' ihrer Auffassung pls antizionistisch, denn der Zionismus begann für die meisten von ihnen leider erst piit Basel. Jetzt noch, wo schon manche Brücke zwi- , sehen Ost und West geschlagen ist, wo schon viel mehr gegenseitiges Verständnis herrscht, ist die Kluft noch nicht ausgefüllt. Während sich z. B. die Westeuropäer über sehr komplizierte, mit iahen Künsten jind Klügeleien der Jurisprudenz ausgestattete Organisationsstatute den Kopf zerbrechen, scheinen die osteuropäischen Zionisten wenig Interesse pn dieser Frage zu nehmen. Dagegen beschäftigt sie die Kerntrage der Bewegung: „Wie kommt man Palästina näher?“ Den eben geschilderten Umständen haben wir es hauptsächlich zu, verdanken, daß die sogenannte „Kulturirage“ aus dem Programm der Kongresse eliminiert wurde. Es war für die Frage weder Verständnis noch Sympathie. Bei der herrschenden, rein „mechanischen“ Auffassung der Bewegung war für jüdische Kulturbestrebungen kein Platz. Der Punkt des Baseler Programms, welcher die ernste Behandlung dieser. Fragen uns (zur Pflicht machte, wurde zu einem toten (Buchstaben. Erfreulicherweise macht sich aber eine andere Erkenntnis jetzt bemerkbar. Die Notwendigkeit, die Kulturarbeit Zu einem wichtigen Pro- grammpunkt zu. erheben, wird jetzt auch von vielen früheren Gegnern eingesehen. Nicht nur als- Selbstzweck ist diese Arbeit unumgänglich notwendig. Die Schaffung jüdisch-nationaler geistiger Werte, die Belebung unserer Sprache, die Entwicklung unserer Literatur wird notwendigerweise Zur (endgültigen Synthese zwischen jüdischer Kultur und europäischer Zivilisation führen — und dadurch zur Konservierung, Stärkung und Regeneration des ganzen Volkes. Im' modernen Palästina, in der Türkei, sowie in allen Golusländern müssen wir die Kulturarbeit aufnehmen und aut diese Weise: die .Cadres der zukünftigen Zionskämpter schaffen. Eine jüdisch-nationale Schule in Palästina oder in Saloniki ist für uns unvergleichlich viel wichtiger, als eine Bankfiliale in Whitechapel, als ein „diplomatischer Erfolg“ bei einem europäischen Machthaber, oder sogar als einige „zionistische Sitze“ in einem europäischen Parlamente. Wir werden in der Türkei die Judenheit für uns gewinnen, wenn Wir den türkischen Juden Erziehungsgelegenheit in unseren von uns gegründeten und von .uns geleiteten Schulen bieten. Es ist vergeblich, Reinach und seine Genossen in Paris oder London mit Worten und Protesten zu bekämpfen. Der Kampf gegen die assimilatorische Tätigkeit der großen philanthropischen Gesellschaften muß nach der Türkei verlegt werden und muß unsererseits in rein konstruktiver, aufbauender, isChaffender Form geführt werden. ln das E. A. C. müssen deshalb Männer hineinkommen, die für diese schwierigen Fragen auch Verständnis haben und in dieser Beziehung leistungsfähig sind. Es wird sich als sehr , nötig erweisen, genaue Kenntnis über das Erzidiungswesen im Orient (zu gewinnen, mit den dort mit uns sympathisierenden Kreisen in Berührung zu treten. Wenn wir die Kulturbedürfnisse des jüdischen Orients erst kennen, so können wir auch' für deren. Befriedigung eipp Agitation entfalten. Es wird sich auch bald herausstellen, daß ein Kulturressort ebenso ijK>ttut, wie ein Palästinaressort. Wir werdenjfiLr dieses Ressort auch leichter die Mittel (inden als für viele andere Tätigkeiten; wir werden weite Kreise um uns ziehen und mit mpdern-jüdisdhen Gesellschaften Hand in JJasd ^gehen können. Es ist au Cb eine Arbeii^zu-der wir vielleicht im' 'gegenwärtigen .Augenblicke am meisten befähig sind und Jvtr-'äie wir am ehesten Kräfte genug be- -jgitzeu. Mannigfaltig und schwer sind also die Arbeiten, die uns jn den wenigen Baseler Tagen bevorstehen. Mögen die Delegierten’ und die Leiter des Kongresses (alle vom tiefen Ernste dieser Probleme durchdrungen sein und mit Ruhe., und Verständnis ihre Lösung versuchen. Das wird die höchste Würdigung sein, die sie dem Jubiläumskongreß bezeigen können! Von der Woche. Assühilantenpolitik. Kaum hat das „hohe. Haus“ seine Pforten geöffnet, als sich auch schon die Kuranda und Ofner im -vollen Glanz ihrer Staatskunst zeigen. Aus taktischen Gründen verbünden sie sich mit den ärgsten Rasseantisemiten, den Schönerianern. Das werfen Wir ihnen nicht vor, denn der Verband ist ein rein taktischer und bezweckt die Erlangung von Ausschußmandaten. Zu demselben Zwecke vereinigt sich aber dieser „taktische Verband“ mit den Ukrainern, doch siehe da — Ofner und Kuranda springen aus. Mit so heterogenen Elementen verbünden sie sich nicht einmal zu taktischen Zwecken! Klarer und entschiedener konnte das Assimilantentum dieser Herren als ihr innerster Wesenskern nicht zutage treten. Man denke: Der rüdeste Rassenantislemit steht ihnen, wenn er ein Deutscher ist, näher, als der judenfreundliche, fortschrittliche Ruthene, der Angehörige eines Volkes, dessen Vertreter im letzten Parlament sich stets der jüdischen Interessen angenommen haben, und das Schulter an Schulter mit dem jüdischen Volk gegen .den gemeinsamen Bedrücker im Poleriklub kämpft. Mit den ärgsten Feinden des Judentums können sie taktisch Zusammengehen, mit seinen Freunden ist es unmöglich. Denn den Kuranda und Ofner ist das Judentum egal, sie sind deutsche Männer, und niemals können sie mit Leuten Zusammengehen, die nicht der deutschpolnischen Arbeitsmajorität ‘angehören, sei es auch nur zu rein taktischen Zwecken. Damit wollen diese Herren ihr Deutschtum recht aufdringlich anstreichen. Daß der Zweck nicht (erreicht und auch diese erbärmliche Haltung der beiden deutschen Israeliten ihre Anerkennung als Volksgenossen durch den Nationalverband nicht zur Folge haben wird, ist klar. Aber wie borniert ist auch ihr Getue! Einem Malik, einem Iro, diesen Ultradeutschen,’ ist es möglich, mit den Ruthenen einen taktischen Verband zu bilden, ohne daß sie ihr gewiß patent-echtes Deutschtum verleugnen — einem Ofner und Kuranda sind selbst diese Teutonen noch zu wenig deutsch — — — Wann (werden die Juden endlich einmal ein- •sehen, daß es auch für sie nur Freund und Feind gibt? Daß ihre Feinde durch die deutschpolnische Arbeitsmajorität repräsentiert werden 1 und daß die Ruthenen ihre natürlichen Bundesgenossen sind, so wie die nationaljüdische Politik es predigt! Jüdische Wähler, die einen Ofner und einen Kuranda wählen, welche Herren selbst nach Drohobycz den leisesten Schein von Opposition gegen den Polenklub aufs ärgste perhorreszieren, die lieber mit Schönerer gehen, als gegen Bobrzynski, um1 nur ihre deutsche Maske zu bewahren, werden von Wahl zu JJPahl immer spärlicher werden. Und eines Tages werden die Hanswürste der deutschisraelitischen Politik nicht mehr aut der Bretterbude der Parlamente agieren können. Vom X. Kongreß. Wahlresultatp aus Westösterreich. J)Istrikt Böhmen. 1. Ing -Hugo Slonitz (Ignaz Karpeles), 2. Prot. Jakob' Wertheimer .(Frau Steffi Propper), 3. Ernst Fleischer (Dr. Karl Thieberger), 4. Dr. Emil Margulies (Richard Klauber), 5. Frau Elisabeth Perutz (Ferdinand Lederer), 6. Ludwig Steiner (Julius Kohner), 7. Prof. Dr. Mossinssohn (Siegfried Schmitz), 8. Ing. H. Polaczek THerman Klein), 9. Dr. Hermann Baneth (Siegfried Weil), 10. Dr. Alfred Engel (Dr. Jaro Stein), 11. Ludwig Propper (Richard Steiner), 12. Dr.Karl Thieberger. Die Namen in Klammern bedeuten die Ersatzdelegierten. * Sitzung der wesiösterreichischen Landsmannschaft am X. (Kongresse, (2 Uhr nachmittags!. Dienstag, den 8. August, findet eine Sitzung der Delegierten der westösterreichischen Organisation in Basel (statt. Der Ort wird rechtzeitig bekanntgegeben. Der Präsident: Adolf Böhm. Das mährische D.-K. hat provisorisch Herrn Dr. Werner (Iglau) in den Permanertzfaus^ schub designiert. * Das Büro des X. Zionistenkongrsses teilt uns mit, daß keine Bestellungen aut Tribünenkarten mehr angenommen werden. Die Ausgabe der Tribünenkarten erfolgt am Sonntag, den 6., Montag, den 7. und Dienstag, den 8. August, vormittags von 10—12 und nachmittags von 2—6 Uhr, sowie am Mittwoch, den 9. August, vormittags von 8—9 Uhr, gegen Vorzeigung der entsprechenden Gutscheine am Schalter des Kongreßbüros im Stadtkasino. Die Schalter werden ferner an jedem' weiteren Kongreßtage, vormittags von 9—J2 Uhr, geöffnet sein. Einer für Viele. Wir erhalten von einem deutschen Zionisten folgende Zuschrift: Buxtehude, 22. Juli 1911 Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie sind doch (so denke ich mir) ein kongreßerfahrener Mann. Vielleicht können Sie mir im Briefkasten Ihres sehr geschätzten Blattes einen Rat geben: Soll -man zum Kongreß fahren oder soll man lieber zuhause bleiben? Eigentlich wollte ich j‘a fahren. Aber da las ich neulich, daß ich eigentlich gar kein richtiger Zionist bin, nur ein armer Irrender, der vom Wege abgeirrt und zum Jahre 1897 erst wieder zuruckgeführt werden müßte... und Max Nordau muß es doch wissen, erkennen ihn doch sogar die Misrachi als Autorität an!... Dann las ich wieder von dem plötzlicjt zurückgekehrten Doktor Klatzkin. Zurück px Herzl, Ich habe zwar nicht verstanden, wieso ich mich von ihm entfernt habe, aber wenn ich das nicht einmal verstehe, was soll kJ» da beim Kongreß — werde ich da nicht noch Weniger verstehen? Und ein anderer K. (vielleicht auch derselbe) setzt in der neuesten Nummer der „Welt“ breit, aber weniger gefällte auseinander, daß man zwar über die Kultur beim Kongreß reden könne, aber nichts machen könne. Und ich' habe geglaubt, bei diesem Kongreß wird man endlich auch mal etwas tun... Also wieder nicht.. Und dann, ich habe zwar ein Mandat, aber ich gehöre nicht zu den „Auserwählten“, deren Ruf ihrer Verdienste um den Zionismus sogar bis nach Südafrika, Kanada und sonstwohin drang, ohne daß (denn diesmal ist’s ja verboten) jemand die Leute dahin als zuverlässig empfohlen hätte. Ich war überhaupt im Irrtum über die Bedeutung eines solchen Mandates: früher glaubte ich immer, es wäre damit zum Ausdruck gebracht, man sei imstande, in zionistischen Dingen mitzureden, es sei so gewissermaßen eine ehrende Anerkennung, daß man »m Zionismus mitgearbeitet, eine Meinung habe. Da höre ich aber neulich von einer großen deutschen Gruppe etwas Neues: Nicht wer beim1 Kongreß etwas leisten könnte, wurde da gewählt, sondern, wer am besten die Interessen der Ortsgruppe bei der Landsmannschaftssitzung gleich nach dem Kongreß vertreten würde. So was habe ich nicht autgetragen bekommen, was soll ich also beim Kongreß? Und dann noch etwas: Tch trat da einen, der auch ein Mandat hat. Ich hatte ihn lange nicht gesehen und dachte, nun werden wir mal so ein paar von den wichtigsten Kongreßfragen besprechen. Also wir erkundigten uns nach unserm .und aller Bekannten Befinden. Dann fing er an: „Na, was glauben Sie, wird der Kongreß bringen? (Ich freute mich schon: jetzt (dachte ich) gibt’s eine schöne Diskussion; da fuhr er fort.) „Wird Ussischkin Präsident?“ Erst schwieg ich, ich mußte es erst verwinden, dann antwortete ich: „Mein Tipp ist Köln und Wolftsohn“. Aber wissen Sie, geehrter Herr Redakteur, innerlich war mir bei diesem Gewitzet übel, und ich fragte midi wieder: Was soQ ich beim Kongreß? Faule Scherze machen kann ich zuhause besser. Na, und schließlich bekam ich jetzt die Tagesordnung zu Gesicht. Ich hatte gedacht, mindestens drei Tage werden für die Fragen der praktischen Palästinaarbeit reserviert sein. Und was sehe ich: Nicht einmal ein Referat vom Palästinaressort! Kein Reterat über Palästina! Nicht einmal eins gegen den (Handel in Palästina... Also wirklich, lieber, geehrter Herr Redakteur, antworten Sie mir im Briefkasten: Soll ich nicht lieber zuhause bleiben? Oder das Reisegeld ä conto einer Palästinareise beiseite legen? Bitte, bitte, antworten Sie mir, aber bald. Mit (besten Zionsgrüßen bin ich Ihr Kaschesfräger. Die Böhmische Industrial-Bank-FiHale in Wien, I., Wipplingerstr. 2 verzinst Einlagen auf J\l\ - Einlagsbücher mit - 14 Tfllephonnnrnmern 33067,23068,23069,18347,21813 — Afctteatapital K 30,000 060 — Ol 0 ■ emittiert eigene Bank- Schuld - Verschreibungen 0^e