Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 30 (28.7.1911)
- Date
- 1911-07-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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JUDGDE ZEUUNG URTIONHL -JUDI5CHE5 QREflN Ausländ ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067 Nr. 30. Wien, Freitag den 28. Juli 1911. V. Jahrgang Kongreß u. Palästinaarbeif). Von Adolf B ö h m, Wien. Seit (die Richtung der „praktischen Palästinaarbeit“ in der zionistischen Organisation so ziem- •lich aut allen Linien gesiegt hat, ist man geneigt, kiie Bedeutung der Zionistenkongresse für die 'Palästinäsache (äußerst gering einzuschätzen. Es "besteht auch kein 'Zweifel, (daß 'ein Kongreß keines der schwierigen Palästinapropleme der Lösung näher-bringen, über die Prinzipien der zionistischen .Palästinaarbeit nicht viel Neues beschließen und:'betreffs der Verwendung des Zionistischen Fonds ,nur ganz allgemeine Direktionen geben kann. Zweifellos ist es auch für die ruhige und natürliche innere Entwicklung der palästinensischen Siedlung nicht vom Vorteil, wenn, wie unvermeidlich, in den Kongreßdebatten die Distanzen verschoben, die Linien vergröbert werden, - oder ‘alles „Palästinensische“ kritiklos angehimmelt wird. Doch die nüchternen Praktiker in allen Ehren, der Zionistenkongreß ist trotz all seiner Mängel der Ort,;auf Idem immer wieder der nationale Enthusiasmus entfacht wird, jener Seelenzustand, welcher die Vorbedingung dafür ist, daß überhaupt für und in Palästina etwas Nennenswertes geschaffen werden kann. Ich meine damit durchaus nicht in erster Linie, daß, wie schon so oft gesagt wurde, jene Begeisterung für die nationale Renaissance vor allem dazu nötig ist, um die großen Schwierig- 'keiten des Kolonisationswerkes zu überwinden. Wenn inan die heutigen Zustände in Rußland betrachtet, so ist es klar, daß schon .der Drang, diesen (zu entgehen und in erträglichere Verhältnisse Zu kommen, eine So mächtige treibende Kraft darstellt, daß sie schon für sich allein — wenn im fortschreitendem Maße durch die zionistische Hilfsarbeit (Kreditinstitute, Versuchsstation, Arbeiterfürsorge etc.) die Bedingungen für die Existenz der jüdischen Landwirte in Palästina gebessert und europäischen Ver-i hältnissen angenähert werden sollten — zur Ueberwindung iso mancher Schwierigkeiten genügt. Diese sind übrigens im Vergleich gegen die Zeit-der „Bilu“ ganz bedeutend geringer geworden, womit natürlich nicht gesagt werden soll, daß der nationale Enthusiasmus als stärkster psychischer Motor entbehrt werden kann. Ich glaube aber andererseits auch nicht, daß seine bewegende - Kraft unbedingt nötig ist, um1 die - Volkszuwendungen an den Nationalfonds und andere Institutionen zu erhalten und zu mehren. Denn die jüdische Kolonisation in Palästina ist heute in cler Judenheit nun einmal „populär“ und speziell der Nationaltonds ist es. Wenn dieser fortfahren wird, in So gemeinnütziger Weise in Palästina zu arbeiten Wie bisher, so wird er auch ohne das Vorhandensein eines gesteigerten nationalen Enthusiasmus seine Eingänge wachsen sehen. Es handelt sich um mehr, um ein höheres: darum', daß nur die nationale Ideenwelt unser Volk befähigen kann, siCh aufs neue sozialschöpterisch Zu erweisen.. Es ist heute jedermann klar, daß Schicksal und Zukunft der jüdischen Siedlung in Palästina in erster Linie von der Gestaltung der Arbeiterfrage abhängt. Und deren wichtigste Seite ist nicht, ob überhaupt in den Kolonien und Plantagen die jüdischen Besitzer jüdische Arbeiter beschäftigen oder nicht, sondern ob es gelingen kann, solche Verhältnisse zu schaffen, die dem jüdischen .Arbeiter ein Vorwärtskommen, einen Aufstieg zum Pächter und eventuell zum Besitzer ermöglichen. Ich halte es für den ver- ■ dienstvollsten Teil der Propaganda Franz Oppenheimers, diese Wahrheit ins allgemeine Bewußtsein eingeprägt zu haben. Aber auch ohne seine geniale theoretische Konzeption, und abgesehen von der Frage, ob speziell die 'Siedlungsgenossenschaft eine endgiltige Form sein wird, muß jeder Beobachter der palästinensischen Entwicklung ganz von selbst aut diese Wahrheit stoßen. Alle Erfahrungen mit der bisherigen Kolonisation haben es erwiesen, daß weder die von Administra- ~ Dieser Artikel erschien gleichzeitig in der soeben zur Ausgabe gelangten Kongreßnummer der Zeitschrift „Palästina“. tionen geführten, noch die selbstständigen Bauern kolonien, so gut sich auch manche der letzteren individuell Entwickeln mögen, für eine rasche- Ausdehnung und eine gesicherte Zukunft der jüdischen Siedlung Gewähr bieten. Was ajaesüeJL die Sicherung der Zukunft betrifft, so zeigt^gl, sich, daß es nicht immer gelingt, den Nachwuchs am Lande und Im Lande zu halten, daß als Arbeiter pur im geringen Maße Juden verwendet werden und, wo dies der Fs-, ist, diese angesichts der schlechten Bedingungen \. unter denen sie gegenüber der arabischen Konkurrenz angestellt, werden, entweder bald \vi* Jer verschwinden' müssen, oder vielfach den die Existenz der jüdi- ■ sehen Siedlung bedrohendes Klassenkampf in schärfster Form führen. (1 oale Zion.). So ist tatsächlich in der Bauernkok nisation allein keine Gewähr für die Zukunft gc {eben. Und ebensowenig kann diese das System der. zionistischen Neukolonisation sein, wie di« s irrt Zuge der Agitation für die Palestine Lanc: Development Company des ausführlichen da gelegt worden ist1.- Man hat in Palästina leshalb die zionistische Kolonisation auf ein nmes System basiert, das vielversprechende Anfänge gezeitigt hat. Mit mehr oder minder großen Abweichungen .besteht es darin, daß die in Genossenschaften zusammeflgeschlossenen jüdischen Arbeiter zu eigentlichen Subjekten der jüdischen Kolonisation gemacht Merden. Am reinsten ist dieses System in Um-el-Djumi ausgebildet, wo der Versuch mit einer selbständigen Arbeitergenossenschaft, welche die Hälfte des Reingewinnes erhält, sehr gut gelungen ist. Selbstverständlich gehört hieher auch. Aphüle (Sicdlur.gsgeiijjsenschaft) und im gewissen Sinne auch Kinefh. All diese Versuche hätten von vorneherein keinerlei Aussicht auf Erfolg gehabt, wenn nicht in Palästina ein kleiner Stamm jüdischer Arbeiter vorhanden gewesen wäre, .welcher durch die Reife seines Urteils, die bitteren praktischen Erfahrungen in Palästina und nicht zuletzt durch den unverminderten nationalen Enthusiasmus die für unsere Kolonisation gefährliche, einseitige und unzureichende Ideologie des Marxismus überwunden hätte. Man darf nie vergessen, daß soziale Konstruktionen, die man noch so schön am Papier macht, wie etwa die der landwirtschaftlichen Arbeiterproduktivgenossenschaft, in der Praxis kläglich scheitern können, wenn den bestimmten Individuen, welche den Versuch ausführen sollen, der nötige Gemeingeist abgeht. Die Geschichte der Experimente mit einzelnen Kommunistengemeinden lehrt, daß nur dort, wo durch irgend ein ideales Moment, sei es religiöser, sei es sozialer Natur, oder auch nur der Glaube an die Person des Leiters, der Versuch gelungen ist, und zwar auch dort, wo die größten praktischen Schwierigkeiten zu überwinden waren, daß hingegen ohne dieses seelisch einigende Band die Gemeinde zugrunde ging. Aehnliches gilt auch für Palästina. Gewiß wird vieles von der Privatinitiative geleistet werden, aber die Möglichkeit, eine wurzelfeste Kolonisation in breitem Stile tiurchzuführen, hängt vor allem von dem Geist ab, der die jüdische Arbeiterschaft als deren Trägerin beseelen wird. Der nationale Enthusiasmus ist allein imstande, in der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas jenen Seelenzustand, jenes Gemeingefühl, jene Begeisterung für die Parole: „Alle für einen und einer für alle“ Zu erzeugen, die nötig ist, um< die neue Form der genossenschaftlichen Kolonisation zu den gewünschten Erfolgen zu verhelfen. Wenn wir uns klar machen, daß für die zionistischen Ziele der Geist, der die jüdische Arbeiterschaft beseelt, das weitaus wichtigste Moment darstellt, dann werden wir von der bloß „nüchternen“ Auffassung der „praktischen“ Arbeit Zurückzukommen und den ausschlaggebenden Wert des nationalen Enthusiasmus Zu schützen wissen, den ein Herzl in allen Schichten des Volkes zur höchsten Glut entfacht hat, und den wach Zu halten, die .schönste und wichtigstegäbe der zionistischen Volkskongresse ist. Daß der /„Jubiläumskongreß“, der .am 9. August in Basel eröffnet werden wird, von diesem Enthusiasmus beseelt sein möge, ist der Wunsch aller Freunde der jüdischen Palästina-Kolonisation. Neben dieser ideellen Bedeutung des Zionistenkongresses sind alle einzelnen Beschlüsse, die er bezüglich1 der praktischen Palästinaarbeit der zionistischen Organisation faßt, von minderer Wichtigkeit. Es ist schon gesagt worden, ffialr in den großen prinzipiellen Fragen nicht viel Neues beschlossen werden kann. Diesbezüglich1 wird der X. Kongreß an Bedeutung hinter seinen Vorgängern Zurückbleiben. Der siebente hat das unbedingte Festlialten der Organisationen an Palästina besiegelt, der achte die endgiltige Niederlage des Charterismus gebracht und den Beginn der praktischen Arbeit beschlossen, der neunte wenigstens die Realisierung des intern essanten Projektes der Siedlungsgenossenschaft in die Wege geleitet. Dem zehnten Kongreß liegt bis nun keine wichtige Frage der Palästinaarbeit vor. Immerhin erscheint zumindest ein Problem sehr akut und der Diskussion am1 Kongresse .wert: Die Frage der Beteiligung des Nationalfonds an einer künftigen Agrarbank, die hoffentlich in absehbarer Zeit wird gegründet werden können. Diese Frage ist von größter prinzipieller Bedeutung, da entschieden werden muß, ob der Nationalfonds, dieses Vorksvermögen, die privatwirtschaftliche Kolonisation unterstützen soll oder nicht. Ueber das Für und Wider in dieser Frage hat sich Schreiber dieser Zeilen schon an anderer Stelle *) ausführlich geäußert. Angesichts der Wichtigkeit der Frage sei es gestattet, die betreffenden Aeußerungen nachstehend zu rekapitulieren : Seitens der jüdischen Arbeiterschaft sind gegen eine Beteiligung des Nationalfonds an einer künftigen Agrarbank verschiedene prinzipielle Bedenken erhoben worden. Es wurde gesagt, daß Jer Nationalfonds nicht dazu da sei, private Aneignung von Land zu fördern, bei welcher erstens keine Gewänr dafür vorhanden ist, daß das Land auch dauernd jüdisch bleibt, und die zweitens die private Aneignung einer Grundrente, welche infolge des Wachstums des jüdischen Gemeinwesens entstehen muß, ermöglicht. Dadurch würden mit Hilfe des Nationalfonds die Juden Palästinas den privaten Landbesitzern tributär. Demgegenüber ist folgendes zu bemerken: Zunächst handelt es sich bei der privatwirtschaftlichen Kolonisation um die Schaffung von Bauernwirtschaften mäßiger Größe, welche selbst nach Ansicht der extremsten Bodenreformer (Oppenheimer) und sogar Sozialisten (David) keinerlei soziale Gefahr für ein Gemeinwesen bieten, wie etwa der private Großgrundbesitz. Der kleine Bauer kann mit Aufwendung seiner und seiner Familie Arbeitskraft sich überall nur eine bescheidene Existenz erringen. Er ist kein „Kapitalist“ und bedeutet keine soziale Gefahr. Im Gegenteil erscheint überall ein gesunder Kleinmut Mittelbauernstand als Vorbedingung einer sozial günstigen Entwickelung des Gemeinwesens, wie es das Beispiel Dänemarks beweist. Diese Ansicht ist sogar heute schon von Sozialdemokraten rezipiert worden und viele Fachschriftsteller dieser Partei sprechen der inneren Kolonisation durch Staatshilfe das Wort (im Heft 21/1909, Seite 1358, der „Sozialistischen Monatshefte“ schreibt der sozialistische Agrartheoretiker Dr. Arthur Schulz: „Es ist daher für unsere Partei der Zeitpunkt gekommen, die Etablierung lebensfähiger Familienbetriebe in direktem Weg der Bauernkolonisation oder in indirektem Weg entwickelungsfähiger Landarbeiteransiedlung aut dem Gelände von üroßgütern an die Spitze eines durch diesen Gedanken beherrschten Agrarprogiairms zu rücken.“) Dazu kommt, daß bei einer derart schwierigen A'ufgabe, wie es die in Frage kommende ist, aut so /nächtige Antriebe, wie z. B. das Streben des Besitzlosen nach einem Stück Land, nicht verzichtet werden kann. Wir müssen mit Menschen rechnen, wie sie eben heute infolge einer vieltausendjährigen Entwickelung, die sich aut Grundlage des Privateigentums abgespielt hat, geartet sind und können nicht erwarten, daß die sozialen Ideen des letzten Jahrhunderts die *)—Adolf Böhm: „Der jüdische Nationaffonds“, Jüdischer Verlag, Köln a. Rh.