Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 28 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Jüdische Angestellte und Sozialdemokraten. Durch einen Erlaß des Justizministeriums wurde dieser Tage die obligatorische Sonntagsruhe der Advokaturs- und Notariatsbeamten geregelt. Dieser Erlaß ist besonders interessant, weil er für die östlichen Provinzen die Ersetzung des Sonntags durch den Samstag vorsieht, also eine Forderung berücksichtigt, für welche der Jüdische'Klub und alle z i onistischen Organisationen seit Jahren eingetreten sind. Die „Arbeiter-Zeitung“ vom 7. Juli bespricht den Erlaß und höhnt ob der konfessionellen Sonderbündeleien der Juden. Kaum 14 Tage nach den Wahlen wagt sich der Antisemitismus der Herren wieder an das Tageslicht. Vor den Wahlen sprach man allerdings anders. Und in der Leopoldstadt gab sich der Konfessionslose Austerlitz gar als den . einzigen und echten Juden aus und seine Agitatoren gebrauchten gegen Stricker die Argumente, er Tauche am Samstag und überhaupt sei er getauft. Vor dem zehnten Kongress. Von Ludwig Batö. II. Die Finanzfrage, diese seit jeher umstrittene und noch immer nicht gelöste Frage, wird dem Kongreß so manche harte Nuß zu knacken geben. Denn es ist nur zu klar, daß ohne entsprechende Einnahmen die Leitung nicht in der Lage ist, das .von ihr Geforderte zu < leisten. Der jetzige Zustand, daß die ersten zehn Monate eines jeden Schekeljahres mit Hangen und Bangen ausgefüllt sind, daß erst in den letzten Wochen die bereits zu Beginn des Jahres verausgabten Gelder eine Bedeckung zu finden beginnen, kann nicht länger anhalten, und es ist die Ehrenpflicht der Zionisten, diesem Zustande ein Ende zu machen. Die Erneuerung der altjüdischen Institution, des Schekels, und ihre Einführung als Grundlage ides zionistischen Steuerwesens, war eine durchaus glückliche Idee und hat in ihrer jetzigen Form noch vor einigen Jahren völlig entsprochen. Die veränderten Verhältnisse, die Ausbreitung unserer Bewegung, die intensiver geführte Gegenwartsarbeit erheischen jedoch unbedingt eine Abänderung dieser Institution. Im März dieses Jahres hat der Schreiber dieser Zeilen in unserem Zentralorgan den Vorschlag „auf Errichtung eines Schekelbureaus gemacht. Der Vorschlag ging von der Erkenntnis aus, daß die Landesorganisationen und Föderationen ,aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage sind, die der Zahl ihrer Anhänger entsprechende Anzahl von Schekeln einzutreiben. Insbesondere sind wir östrreichischen Zionisten sehr oft durch die Gegenwartsarbeit verhindert, die Schekelsammlung energisch in Angriff zu nehmen. Fast immer kommt etwas dazwischen, was uns yon dieser gewiß wichtigen Arbeit iablenkt: bald sind es die Kultus- und Reichsratswahlen, bald andere Aufgaben, ich nenne von den heurigen nur die Schenkerfrage und Sammlung für die Drohobyczer Opfer. Es sollte daher ein Organ geschaffen werden, naturgemäß unter der Leitung eines Vertrauensmannes der Landeszentrale und unter strengster Kontrolle dieser — ich betone dies umsomehr, als Gg. Finzi aus Troppau ein solches Organ als eine Loslösung des Schekels von der Landesorganisation betrachtet, das einzig allein der Sammlung der Schekel obzuliegen hätte, ein Organ, das unter keinen. Umständen für andere Aufgaben oder Zwecke in Anspruch genommen werden darf. Will fnan die Vorteile eines solchen Organes, das In Form eines Bureaus zu bestellen \väre, ermessen, so möge man doch in Erwägung ziehen, daß der Nationalfond trotz des letzten, nur zu bewegten Halbjahres an Einnahmen kaum etwas feingebüßt hatte. Hätte jedoch der Nationalfond kein eigenes Sammelorgan gehabt, so wäre die „Jüdische Zeitung“ in den letzten Monaten sehr oft ohne Sammelausweis erschienen ... Allerdings muß anerkannt werden, daß die Schekelsamml ung des innerösterreichischen Distriktskomitees diedesvorigenKongreßjahresü.bert r1 f f t, was zum Teile auf die Ernennung von eigenen Schekelkommissären zurückzuführen ist. Anderseits aber hat pich in Galizien der Mangel eines Schekelbureaus nur (zu fühlbar gemacht: das Resultat der bisherigen Schekelsammliche *n ®sl°sterre'c*1 ist ein geradezu kläg- Der zweite Gesichtspunkt, der. die Errichtung eines solchen Büros nötig macht, ist die 1 atSache, daß die Einhebung der Schekolim mit y^rhältnismäßig bedeutenden Kosten verbunden ,SV — da das engere A.-C. nur voll abgeheferte Schekolim anerkennen will — die Landesorganisation aufzukommen hat. Wie kann jedoch von der Landesorganisation, die in der Regel nur sehr geringe Einnahmen, dagegen aber umso größere Ausgaben hat, verlangt werden, daß sie für diese Einhebungskosten aufkomme? Bei dem heutigen Entwicklungsstadium unserer Bewegung ist dies ein nichts weniger als billiges Verlangen. Neben diesem, die Sichers tellung unserer Einnahmen bezweckenden Antrag hat der Schreiber dieser Zeilen fast zu gleicher Zeit einen aut die Erhöhung dieser Einnahmen hinzielenden Antrag eingebracht. Er besteht in der Einführung von Schekelkassen und mehrere Gesinnungsgenossen haben bereits diesem Anträge warm das Wort geredet. Die Einführung der Schekelklassen, etwa folgend: J. KL 24 K, II. Kl. 12 K., III. Kl. 6 K, IV. Kl. 2.40 K und V CI. 1.20, aas ist, das bisherige Ausmaß würde eine fast Verdreifachung der Einnahmen zur Folge haben, die durch gleichzeitige Errichtung von Schekelbureaus gesichert wäre. Die Einhebung des Schekels von den einzelnen Zionisten würde nunuiehr auf Selbsteinschätzung, bezw. Selbsteinreihung in die betreffende Schekelklasse beruhen u. zw. auf Grund der womöglich persönlichen "'Aufforderung seitens des Schekelkommissärs oder der Schekelkommission. Dieses Verfahren würde nur im ersten Jahre größeren Schwierigkeiten begegnen, da sich das vom innerösterreichischen Distriktskomitee inaugurierte Katastersystem für die weiteren Jahre auch hier gut bewähren könnte. Es liegt mir fern, gegen die von der Kölner Zentrale eingeleitete Sammlung von f r eiwilligen Jahresbeiträgen auch nur ein Wort zu verlieren, es wird aber einem schwer, den großen Unterschied zwischen einer fakultativen und einer obligatorischen Besteuerung nicht hervorzuheben, ganz abgesehen davon, daß sich jm der ersteren nur die vermögendsten Gesinnungsgenossen b e t e i I i g e n w e r d e n, während nei einer auch nur halbwegs strammen Organisation das System der Schekelklassen eine alle Volksschichten umfassende obligatorische Besteuerung >vird. Die ärmeren werden auch weiterhin 1.20 K an Schekel entrichten, der weitaus größere Teil der westösterreichischen Zionisten wird aber johne Vveiteres das Doppelte oder Dreifache des bisherigen Schekels bezahlen. Sollte sich die Hoffnung auf Verdreifachung der Einnahmen nicht erfüllen und diese von den jetzigen maximalen 100.000 Mark nur auf 150.000 Mark steigen, würde fes sich noch immer reichlich verlohnen, die Schekelklassen einzuführen, denn die Schekelklassen allein bedeuten eine für absehbare Zeit endgiltige Lösung der zionistischen Finanzfrage. Die Krankheiten der Juden. Von Prof. 'Dr. med. A 1 b u - Berlin. (Auszug aus einem im Zentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gehaltenen Vortrage.) Die Juden sind so wenig wie die meisten anderen Volksstämme eine einheitliche Rasse im anthropologischen Sinne. Schon im Altertum lassen sich unter den (Juden 11 Prozent Blondhaarige nachweisen, die durch frühzeitige Mischung mit der arischen Völkergruppe entstanden sind. Die Juden sind Jdas beste Beispiel dafür, daß eineRasse nicht unveränderlich ist. Unter den heutigen Juden Londons hat eine neue anthropologische Untersuchung bereits 20 Prozent arischer Rassensymptome festgestellt. Außer der Mischung mit anderen Voiksstämmen kommt der Einfluß hygienischer und kultureller Verhältnisse in Betracht, deren günstiger Einwirkung die Juden fast ein Jahrtausend lang durch ihre Abgeschlossenheit in den Ghettos entzogen waren. Dieses beschränkte Milieu hat nicht nur ihre körperliche Entwicklung behindert, sondern in weit stärkerem Maße noch auf ihre Nerven- und Geistestätigkeit und auf ihr Seelenleben nachteilig eingewirkt. Die Erscheinung zahlloser, in jeder Hinsicht einwandsfreier Juden in modernen 'Kulturstaaten beweist, daß all die den Juden nachgesagten schlechten Eigenschaften und Krankheiten ihnen nicht rasseneigentümlich sind, sondern nur erworben durch die auf ungezählte Generationen hindurch fortwirkenden ungünstigen Umstände der äußeren Lebensverhältnisse. Nur solche vermögen Krankheiten hervorzurufen, niemals aber irgendwelche natürliche, angeborene Rassenanlage. Wenn man früher geglaubt .hat, daß es einen Rassenschutz gegen Krankheiten, besonders infektiöse, gäbe, so hat neuere Wissenschaft die Haltlosigkeit all dieser oft nacherzählten Märchen erwiesen. So hat sich z. B. ergeben, daß die Neger von Malaria hur deshalb nicht befallen werden, weil bereits die Kinder in so umfangreichem Maße von dieser Krankheit durchseucht werden, daß die Erwachsenen sich dagegen als immun erweisen, wie bei uns gegen Masern und Scharlach. Auch die Syphilis hat die Neger nicht verschont, nachdem sie ihnen durch den Verkehr mit den Kulturvölkern zugetragen worden ist. Es gibt überhaupt keine Rassenimmunität! Wenn die Juden im Mittelalter von Pest, Aussatz und Cholera weit weniger betroffen wurden als die Christen, so lag die Ursache darin, daß sie sich überall von der infizierten Bevölkerung abschlossen. Von den Pocken andererseits wurden sie in neuerer Zeit vielfach weniger heimgesucht, weil sie sich der als segensreich empfohlenen Impfung nicht entzogen. Die Sterblichkeit an Tuberkulose ist hier und da tatsächlich bei den Juden geringer, aber nicht infolge eines natürlichen Schutzes, sondern weil sie meist in besseren hygienischen und materiellen Verhältnissen leben, welche gerade für die Bekämpfung dieser Krankheit von ausschlaggebender Bedeutung sind. Sie sind auch gewohnt, ärztliche Ratschläge sorgfältig zu beachten. Schließlich schützt sie die Alkoholabstinenz von der deletären Einwirkung dieser chronischen Infektion. Sonst aber sind die Juden den ansteckenden Krankheiten gegenüber nur günstiger gestellt im Kindesalter, wo Masern, Scharlach, Keuchhusten und Diphtherie bei ihnen meist weniger Opfer fordern, weil selbst arme jüdische Kinder sich in dem Elternhause durchschnittlich guter Pflege zu erfreuen haben. Am( auffälligsten ist die überaus günstige Ziffer der Säuglingssterblichkeit bei den Juden. Sie ist darauf zurückzuführen, daß es weniger uneheliche jüdische Neugeborene gibt, die ja allenthalben das größte Kontingent zu der hohen Säuglingsmortalität stellen, und die Kinder im allgemeinen sorgfältigere Abwartung genießen, z. B. häufiger die naturgemäße Ernährung durch die Mutterbrust erhalten. An Lebensschwäche sterben mehr jüdische Neugeborene, pber weniger an Darmkatarrh, Lungenentzündung usw. Die geringere Säuglingssterblichkeit ist nicht etwa nur eine absolute wegen der niedrigeren Geburtenziffer bei den Juden, die sich in den letzten Jahrzehnten andauernd noch vermindert hat, anscheinend infolge ihrer in den Kulturstaaten zunehmenden materiellen Wohlhabenheit, mit der auch bei Andersgläubigen überall eine Abnahme der Geburten einherzugehen pflegt. Bei den Juden tragen noch andere Momente Schuld an dieser höchst bedenklichen Erscheinung: die Männer heiraten weniger und in späterem Alter. Die Christen haben eine reiche Vermehrung vornehmlich durch die Arbeiterschaft, die früh heiratet und viel Kinder ihat. Dieser Mangel an einer Arbeiterschaft erklärt zahlreiche Abweichungen der jüdischen Mortaiitätsstatistik von dem Durchschnitt der Gesamtsterblichkeit. Ihr günstiger Stand wird, wie Ischon erwähnt, in erster Reihe durch die niedrige Säuglings- und Kindermortalität erklärlich, ip zweiter Linie aber durch die im allgemeinen längere Lebensdauer. So gab es, um von vielen Beispielen pur eines herauszugreifen, 1895 in Berlin 33 Prozent mehr jüdische Greise über 70 Jahre als christliche. Die Erreichung eines hohen Alters, welche auch von manchen orientalischen Völkerstämmen berichtet wird, ist keine rassenbiologische Eigenschaft, sondern nur die Folge maßvoller Lebensweise und besserer Ernährung, vielleicht bei den Juden auch dadurch bedingt,daß sie weniger in gefährlichen Berufen und Betrieben tätig sind. Ihre vorsichtige, von Extravaganzen meist freie Lebensweise befähigt sie wohl auch zu der leichten Anpassungsmöglichkeit in allen Ländern und Klimaten der Erde. Ebenso wenig wie den Juden ein ererbter, angeborener Rassenschutz innewohnt, besitzen viele eine Disposition für gewisse Krankheiten, die ihnen oft nachgesagt wird, zumeist in der Absicht, um sie auch dadurch als eine besonders gekennzeichnete Rasse zu brandmarken: das häufigere Auftreten gewisser Krankheiten soll das untrügliche Zeichen körperlicher Degeneration sein! Eine kritische Betrachtung der vorliegenden Statistiken läßt aber auch hier solche Schlußfolgerungen als gänzlich unberechtigt erscheinen. Es gibt keine Krankheiten, die den Juden eigentümlich oder charakteristisch sind. Wenn einige Krankheiten bei ihnen häufiger Vorkommen oder zu sein scheinen, so ist letzteres Folge einseitiger Statistiken, ersteres aut ganz andere Ursachen als Rassenanlage zurückzulühren. Was zunächst die Zuckerkrankheit anlangt, die in aller Welt als ein Entartungssymptom der jüdischen Rasse gilt, so beruhen die darauf bezüglichen Angaben auf den Mitteilungen hervorragender Professoren aus Großstädten, die von wohlhabenden Leuten von Nah pnd Fern konsultiert zu werden pflegen. Der im allgemeinen aut die Erhaltung der Gesundheit bedachte Jude fürchtet gerade diese Krankheit, welche, weil sie fast immer ohne erheblichere Beschwerden verläuft, sonst weniger beachtet wird. Vortragender hat in seiner eigenen Privatpraxis nach einer vierzehnjährigen Statistik allerdings auch etwa 10 Prozent mehr jüdische als christliche Diabetiker behandelt, aber auch diese Erfahrung ist nicht einwandsfrei, weil sich die Krankenklientel nicht in einem, dem prozentualen Verhältnis der Bevölkerung entsprechenden Verhältnis zusammensetzt. Unter den zuckerkranken Patienten der Poliklinik und der Kassenpraxis fanden sich nur sehr wenig Juden, weil diese eben fneist den besser situierten Kreisender Bevölkerung angehören. Unzweifelhaft nachweisbar ist die stärkere Beteiligung der Juden nur bei den Nerven- und Geisteskrankheiten, und zwar sowohl Jbei den