Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 28 (14.7.1911)
- Date
- 1911-07-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 28 liehen Teile der Judenschaft im Osten dieses Reiches die einzige Sprache ist, die sie sprechen, von den ersten Worten an bis zum Grabe. Tausende haben anläßlich der Volkszählung die jüdische Sprache als Umgangssprache bekannt Nun wurden sie von den Zählkommissären — vermutlich in jüdischer Sprache — darauf aufmerksam gemacht, daß es eine jüdische Sprache nicht gibt Und da die Juden nicht parierten und sich wahrheitsgemäß zur polnischen Umgangssprache nicht bekannten, haben sie die Bezirkshauptmannschaften und Stadtmagistrate die volle Strenge des Gesetzes fühlen lassen. Hunderte wurden mit 40 K Geldstrafe belegt. Galizien hat eine neue Einnahmsquelle und die Arreste werden zu klein werden. Das Staatsgrundgesetz gewährleistet jedem Volksstamme ein unverletzliches Recht auf Wahrung und Pflege seiner Nationalität und Sprache. Jede Verletzung derselben wird vom Reichsgerichte über Beschwerde als Verletzung gebrandmarkt. Es liefen eine ganze Reihe von B e - schwerden bei dem Reichsgerichte ein und über 12 solcher, von etwa 100 Juden gefertigten Beschwerden hatte das Reichsgericht am 7. und 8. Juli zu erkennen. Die entscheidenden Vorfragen waren: Bilden die Juden einen Volksstamm, und sprechen sie eine besondere Sprache? Im Falle der Bejahung dieser Fragen hätte erkannt werden müssen, dass durch die gefällten Straferkenntnisse der Bezirkshauptmannschaften und Stadtmagistrat, (die von der galizischen Statthalterei nahezu ausnahmslos bestätigt wurden, das Staatsgrundgesetz verletzt worden ist. In einem früheren Falle hat das Reichsgericht erklärt: „d i e ganze historische Entwicklung der österreichischen Gesetzgebung in Ansehung der rechtlichen Stellung der Juden im Staatswesen gehe dahin, die Juden nicht als Volksstamm (eine Nationalität) sondern als Bekenner der mosaischen Religion, als eine Religionsgesellschaft anzusehen und als solche zu behandeln“ Die Vertreter der am 7. und 8. Juli vor dem Reichsgerichte zur Verhandlung gelangten Beschwerden Gg. Dr. Isidor Margulies und Dr. Emil Krasny haben sich nun mit aller Schärfe gegen diese durchaus unrichtige, für die Beurteilung der Frage des Bestandes der Nationalität auch gänzlich unentscheidende Anschauung des Reichsgerichtes gewendet, unter anderem auf die grosse Zahl derjudenordnungen und insbesondere darauf hingewiesen, dass noch die Konskription vomjahre 1846 di;e Juden als besonderen Volksstamm berücksichtigt hat. In eingehender Weise wurde dargelegt, dass die am 26. Oktober 1910 aus Anlass einer mit der Volkszählung nicht zusammenhängenden Entscheidung zum Ausdruck gebrachte Anschauung des Reichsgerichtes unh aItb a r ist Auch die Frage, ob die jüdische Sprache die Sprache des Volksstammes oder nur, wie das Reichsgericht früher meinte, eine blosse Lokalsprache (ein Dialekt lokalen Charakters) ist, wurde aus Anlass der letzten Verhandlungen vor dem Reichsgerichte gründlich erörtert Darüber wird ein andermal ausführlich gesprochen werden. Das Reichsgericht hat erkannt, daß d urch di e Strafe rkenntnisse dergalizischenBehörden das Gesetz nicht verletzt wurde* Nach Einlangen der schriftlichen Ausfertigung soll dieses Urteil des Näheren beleuchtet werden. Im Gegensätze zu dem früher erwähnten Erkenntnisse wurde jedoch diesmal die Beantwortung der Frage, ob die Juden im Sinne des Gesetzes einen Volksstamm bilden vorsichtigvermieden, und eine Vergleichung der früheren Urteilsbegründuug mit dem nunmehr erflossenen Urteil rechtfertigt den Schluß, daß die Anschauung des Reichsgerichtes eine Wendung zum Richtigeren genommen hat. Die Sprache ist allerdings nach Meinung des Reichsgerichtes immer noch „eine Lokalsprache, ein Dialekt lokalen Karakters“, wenn sie auch über die ganze Welt verbreitet ist, und die jüdische Sprache der den A'<ten von den Vertretern der Beschwerden angeschlossenen Wahlaufrufe des als Richter des Reichsgerichtes fungierendenProfessor Starczy nski an seine jüdischen Wähler scheint als Mundart der deutschen Sprache angesehen, worden zu sein. Linguistiker und Germanisten werden da wohl opponieren D i e J u d e n Gal izi ens müssen nun das wahrheitsgemäße Bekenntnis ihrerUmgangssprache mit Gold oder Freiheit bezahlen. Sie sind auch größere Opfer gewöhnt. Nationalität und Sprache kann ihnen schließlich doch kein Gericht der Welt nehmen. Von der Woche. Abg. Kolischer als Lobredner Weißkirchners. Der Abgeordnete Kolischer, der vom Statthalter ernannte Abgeordnete von Brody, hat unmittelbar nach den Wahlen die Kühnheit begangen, dem demissionierten antisemitischen Handelsminister Weisskirchner, der sich während der Wahlen an antisemitischen Redegesten nichtgenug tun konnte, im Industrierat den Dank und das Bedauern darüber auszusprechen, daß er nicht mehr Minister ist. Es ist hier nicht der Ort die Frage zu erörtern,'' in wieweit seine; Tätigkeit als Handelsminister der Volkswirtschaft zu gute gekommen ist. Die Wahlen haben bewiesen, dab sich Kolischer «diesbezüglich gegenüber den überwiegenden Großteil -der städtischen Bevölkerung im Wiedersprudh befindet. Daß es aber grade ein Jude sein wird, der dem Weisskirchner eine Träne nachweint, das hätte wohl niemand gedacht, Weisskirchner hat seine Macht ausgenützt, um die Juden zu schädigen. Wir erinnern nur an sein H ausiegesetz und an die Antwort, die er den Sch ankern erteilte. .Kolischer hat sicherlich im wohlerwogenen Interesse seiner Brodver „Wähler“ gehandelt. Doch hält! Ist Herr Kolischer nicht Papierlieferant der Staats- und Landesbehörden? * Abgeordneter Freisler. Zur Zeit des Wahlkampfes haben wir auch vor dem Kandidaten des Friedeker Wahlkreises Dr. Fr e i s I e r gewarnt. Dessen ungeachtet haben sich' dennoch Juden gefunden, die ihn nicht nur gewählt, sondern auch seinen Wahlaufruf unterzeichnet haben. Wir haben seinerzeit die Herren Kultusvorstand Alois Reick und den Obmann der „Chewra Kadischa“ Markus K u f fler deswegen etwas unsanft apostrophiert. Wir erhielten lauch eine „Berichtigung“ von den Friedeker Herren, die wir aus Platzmangel nicht gebracht haben, ln dieser Berichtigung waren gar erbauliche Dinge zu lesen. Dr. Freisler sei kein Antisemit, im Gegenteil, er habe Herrn Kuft- ,1er vor einer Versammlung im Nebenzimmer befriedigende Antworten über seine Stellung zu den Juden gegeben, habe Herrn Kuffler auche inen Brief geschrieben, so daß man ruhig Herrn Freisler den Juden zur Wahl empfehlen könne. Unter diesen Umständen war es überflüssig Dr. Freisler in öffentlicher Versammlung zu interpellieren, wie er sich zum Antisemitismus verhalte. Wir möchten vor allem konstatieren, daß der oberwähnte Freislerbrief wohl an den Adressaten gelangt ist, Herr Kuffler sich' aber mit aller Entschiedenheit gewehrt hat, den Brief anderen Sur Kenntnis zu bringen, da er ein Pr iv atbrief sei. Da werden denn doch die Versicherungen in dem Privatbrief nicht so ganz befriedigende gewesen sein! Aber Dr. Freisler, der Sekretär der Troppauer Handelskammer, hat sich doch geäußert! Inseiner Wählerversammlung hat er sich entschieden für das ausschließlich gegen die Juden gerichtete Ha usi ergesetz ausgesprochen. Er hatte nur auszusetzen, daß zwei kleine judenreine Orte seines Wahlkreises nicht die Ausnahmsbedingung genießen. Und nach den Wahlen hat Herr Dr. Freisler dem F ührer der wenigen Christlichsozialen seines Wahlkreises einen Brief geschrieben, der von Danksagungen und Versprechungen an die Ckristlichsozialen .einfach strotzt. Er möge ja nur über die Wünsche gerade dieses Teiles der Wählerschaft stets am' Laufenden gehalten werden und sein heißes Bestreben werde sein, sie zu erfüllen. Mit Wehmut und Schmerz empfindet er die Niederlage der Christlichsozialen in Wien. Er sei mit der Haltung der Wiener Wählerschaft gar nicht einverstanden. So der Abgeordnete Dr. Freisler. Wo bleib t der Freisinn dieses Mannes, wo seine ge rechte und korrekte Haltung den Judengegenüber? Für die Friedeker - Judenschaft eine neuerliche Illustration der politischen Fähigkeiten ihrer „offiziellen“ assimilatorischen Führer. * Die ,-judenfreundlichen“ Sozialdemokraten. Die „Svornost“, ein in jVL-Ostrau erscheinendes, ^tschechisches Organ der nordmährischenj Sozialdemokraten, bringt in seiner Nummer vom 30. Juni 1911 folgende erbauliche und lehrreiche Notiz: „Die Fi.rmung hat in den eben verflossenen Tagen in Mähr.-Ostrau und Umgebung stattgefunden. Bekanntlich beteilt der Pate seinen Firmling zum Andenken mit verschiedenen Geschenken. Diese Geschenke kaufen die allerfrömmsten Paten bei jüdischen Firmen, aus einem ganz einfachen Grunde, ohne daß sie sich dessen bewußt wären, etwas Unrechtes zu tun. Heiligenbilder, Rosenkränze, Gebetbücher und sonstige Gegenstände, von jüdischen Firmen stammend, läßt man segnen. Wenn die Sachen nur billiger sind als beim Christen, dann ist alles in Ordnung!“ Wie man sieht, läßt die Sozialdemokratie kein Mittel unversucht, um nicht nur die nationalen, sondern auch die konfessionnellen Gegensätze zu b,schlichten“. Löwenstein will das Droliobyezer Mandat. Der plumpe Schwindel wurde in der fresse vorbereitet. Tagtäglich brachten die Wiener Blätter, welche durchwegs von bestechlichen Löwensteinkreaturen, Korrespondenten aus Galizien, bedientwerden, lügnerische Notizen von Vertrauenskundgebungen für Löwenstein, von Bitten, die angeblich an ihn gerichtet, er möchte doch um Himmelswillen das blutbefleckte Schandmandat behalten. Er bewirbt sich wieder darum, die Verzichtskomödie ist aus. Wir begrüßen diesen .Ausgang! Er soll es nur tragen, dieses Mandat, das Symbol des verruchtesten Verbrechens, an welchem das Blut unschuldiger Greise und Weiber klebt! Wenn es in Oesterreich ein Recht gibt, wenn die Abgeordneten — von den reaktionärsten bis zu den freiheitlichen — auch nur ein Restchen Ehrgefühl im Leibe haben, dann werden sie auch nicht eine Stunde mit - dem Träger eines solchen Mandates zusammensitzen! Tun sie es dennoch, so machen sie sich zu Mitschuldigen an dem himmelschreienden Frevel und das österreichische Parlament wird ein Denkmal unauslöschlicher österreichischer Schande sein! Protest gegen Dr. Kolischer. In Brody fand eine Protestversammlung statt. Es wurde folgende Resolution gefaßt: „Die am 24. Juni 1911 im „Jüdischen Volks-) hause versammelten 2000 Wähler protestieren gegen die seitens des Magistrates und der Beamten der israel .Kultusgemeinde geübte Korruption und den Stimmenkauf anläßlich der vor kurzem1 vorgenommenen Reichsratswahlen. Sie konstatieren, daß Herr Dr. Heinrich1 Kolischer zum Reichsratsabgeordneten einseitig „ernannt“, keineswegs aber von der Bevölkerung gewählt wurde, sie anerkennen ihn daher nicht als ihren Vertreter im1 Parlamente und fordern (ihn kategorisch auf, nach dem Muster seines Parteigenossen Dr. v. Löwenstein, das erschwindelte Mandat niederz u I e g e n. Sie sprechen weiters dem bisherigen" Abgeordneten - der Stadt, ■ Herrn Adolf Stand,* ihr vollstes Vertrauen aus und schwören, ihm nach wie vor im Kampfe um die gerechte jüdische Sache, ganz besonders aber im Kampfe um die Anerkennung der jüdischen Nation, treu zu folgen.“