Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1911-06-30 · 26 (30.6.1911) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2438141-2438327-2438353--2499-2442182
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 26 vici,- Schmelz, Vyslouzil agitierten im Wahllokale und in den Gängen zu diesem ganz ungeniert für Hruschka. In Suczawa drang zeitig früh die Polizei in das Agitationslokal ein, das sich in einer Privatwohnung befand, und nahm "das gesamte Agitationsmaterial ohne jeden Grund mit sich. Die Wahlkommissäre vereitelten die Konstituierung der Kommissionen, Brunners Vertrauensmänner wurden unter den nichtigsten Vorwänden aus dem Lokale gewiesen und dann konnte die Hruschkameute ungehindert die „Wahl“ machen. Der Wahlkommissär gab den Wählern Leo v. Fudhs, Albert v. Fuchs, Hodel, Bücher, Gabor und vielen anderen mit Hruschka ausgefüllte Stimmzettel. Als der Wähler Konczewicz einen solchen Stimmzettel zurückwies, fragte ihn der Kommissär, was ihm daran liege. In einem Wahllokale fungierte als Kommissär ein Verwandter des Kandidaten Hruschka namens Lupu, der einen Tag nach der Wahl aus dem Staatsdienst trat. Dieser ließ kein Mittel unversucht, um das Wahlglück zugunsten Hruschkas zu korrigieren. Er versuchte auf jede mögliche Weise, sich in die Stimmzettel Einsicht zu verschaffen. Als der Vertrauensmann Brunners, der Sozialdemokrat Herr Max Halpern, dagegen protestierte, drohte er ihm mit der Verhaftung wegen Einmengung in eine Amtshandlung. Nur je ein Wähler wurde in das Wahllokal eingelassen und die Abstimmung jedes einzelnen dauerte eine viertel bis eine halbe Stunde. Viele Wähler mußten erst erzwingen, daß ihre Stimmzettel in die Urne geworfen werden. Viele Agitatoren Brunners wurden ohne jeden Grund verhaftet, während die Hruschkas die größten Betrügereien unter den Augen der Behörden unbehelligt verüben konnten. Wiederholte Interventionen beim Bezirkshauptmann blieben erfolglos. Aber am ärgsten hausten die Behörden in R a d a u t z. Lieber die daselbst begangenen Gewalttätigkeiten schreibt das Czernowitzer sozialdemokratische Organ ,,Volkspresse“: Seit Menschengedenken ist in Radautz keine so schändliche Wähl gemacht worden, wie die am 20. Juni. Ein erdrückendes Material liegt uns vor, das die ungeheuerlichen Mittel charakterisiert, mit denen die Behörde ihren Kandidaten „durchgebracht“ hat, und wir wollen hier wenigstens die krassesten Fälle anführen. Der Lehrer Cyganesku wurde noch vor der Wahl mit sofortigem Dienstesantritt nach Mardzina Versetzt Die Lehrer Larioneskul und Kellermann .wurden am Wahltage suspendiert Der Steuerassistent Buksdi wurde vor der Wahl nach Putilla versetzt. Als er sich aber bereit erklärte, die Agitation für Brunner aufzugeben und für Hruschka einzutreten, wurde seine Versetzung wieder rückgängig gemacht. Der Ob.-Fin.-Rat Z o 11 a - hausierte von Amt zu Amt, um den Beamten begreiflich' zu machen, daß man für Hruschka stimmen „müsse“. Auch in „technischer“ Beziehung hatte die Regierung alles vorbereitet, um den „Sieg“ Hruschkas zu ermöglichen. Eigentliche Wahlkommissionen gab es nicht. Denn die Kommissionsmitglieder, die für Brunner waren, wurden einfach nicht zugelassen. Als sie vor acht Uhr kamen, sagte man, daß es zu früh sei. Und als sie sich um- 8 Uhr einstellten, erklärte ihnen der Kommissär, er könne sie nicht mehr zulassen, denn es sei schon — eine Minute nach acht! Und sie wurden auch' wirklich hinausgewiesen! Alle Vertrauensmänner des Brunner wurden unter den nichtigsten Gründen hinausgewiesen. So zerriß ein Kommissär dem Dr. Rosenfeld die Legitimation und wies ihn hinaus, wreii er angeblich agitiert hätte. Tatsächlich hatte er damals wegen irgend einer Schweinerei interveniert. — Wir fragen, wozu wollten die Hruschkaleute allein unter sich sein, wenn nicht dazu, um sein Wahlglück zu „korrigieren“? Die Stimmzettel wurden erst am Wahltage zugestellt, und zwar mit Hruschka ausgefüllt. Die Wahlokale wurden zu „Agitations“-Lokalen des Hruschka erniedrigt. Seine Hyänen genierten sich nicht, in den Wahllokalen unter den Augen der Gendarmen Stimmen zu kaufen. So bot das Kommissionsmitglied M. Schapira dem Chaim Weißbein 5 K für eine Stimme an, Chaim Michel trug dem Litman Herer 10 K für seine Stimme an. Herman Sand gab dem Rub. Reicher 10 K für die Stimme. Und als dieser das anzeigte, wurde er hinausgeschmissen. Als einer einen Wachtmeister auf forderte, gegen die Bestechungen einzuschreiten, war dieser über diese Zumutung so entrüstet, daß er ihm mit Verhaftung drohte. Ein anderer Wachtmeister, der sich nicht zu allem mißbrauchen lassen wollte, wurde von einem Kommissär abkommandiert, weil er „zu nichts tauge“. — Die Kommission gab den Wählern mit Hruschka ausgestellte Stimmzettel. Ja, selbst Intelligenzlern, wie den Herren Landesgerichtsrat Sessan oder Prot. Hahon u. a., schämte man sich nicht, solche Zettel anzubieten. Die Wahlokale waren vom Militär umstellt. Dagegen wurden die schamlosesten Mißbräuche der Hruschkahyänen geduldet, ja, die Kommissäre verweigerten jede Protokollierung auch der ungeheuerlichsten Gesetzesbeugungen. Eine Meute von Spitzeln wurde aut die Bevölkerung losgelassen, welche die Wähler provozierten, um sie dann zu verhaften. Man drohte auch, daß man es wie in Drohobycz machen werde, wenn man es versuchen sollte, diesen Gemeinneiten Widerstand zu leisten... Zu Mittag w’urde auch die berüchtigte galizische Mittagspause gemacht, in welcher wohl der Hauptschwindel arrangiert wurde. So wurde dann in der Volksschule Kirchengasse „festgestellt“, daß für Brunner 100 Stimmen abgegeben w’urden. Mehr als 300 Juden und Rumänen wollen aber beeiden, daß sie hier für Brunner gestimmt hasen.- Mit diesen abscheulichen Mitteln ist die Mehrheit des Hruschka zustande gekommen. Es soll aber auch an anderer und geeigneter Stelle über diese Wahl gesprochen werden und wir werden hoffentlich1 die Herrschaften belehren, daß ihnen in Zukunft die Lust vergehen wird, solche Schandwahlen zu machen. Sow'eit die „Volkspresse“. Was sich während der Mittagspause im Wahllokale „Volksschule, Kirchengasse“ zutrug, erzählte das Kommissionsmitglied, Herr Josef K i r b u s, Stadt- und Gemeinderat in Radautz. Als sich die Kommission zum Speisen in ein Nebenlokal begeben wollte, machte Kirbus den Kommissär Kwetton aufmerksam, daß man die Urne nicht unbewacht lassen könne, es mögen zwei Kommissionsmitglieder zu deren Bewachung Zurückbleiben. Kwetton sagte ihm, er möge beruhigt sein, der Sekretär der Bezirkshauptmannschaft, Otto Szama r k i e w i c z, der ein verläßlicher und ehrlicher Mensch sei, werde die Urne bewachen. Daraufhin begab sich Kirbus mit den anderen Kommissionsmitgliedern ins Speisezimmer. Es ließ ihm jedoch keine Ruhe und nachdem er rasch ^gegessen, begab er sich ins Wahllokal. Und da bot sich ihm folgendes Schauspiel dar: Die Urne war leer und auf dem Tische lagen die Stimmzettel, bei denen Szamarkiewicz manipulierte. Auf die Frage, was er denn treibe, sagte er lächelnd: „Ich wollte den Herren das Skrutinium ersparen. Hruschka hat 700, Brunner 100 Stimmen!“ So wurde Hruschka „gewählt“. Wie wir in Brody ums Man dat betrogen wurden! Ein Augenzeuge berichtet urisV Schon die Einleitung zu diesem galizischen Machwerke ließ erkennen, daß „man“ alles dransetzen wollte, um den ehrlichen Volkswillen zu unterdrücken. Zunächst das Anlegen der Wählerliste. Schämen sollten sich die Christlichsozialen, verstecken sollten sich all die großen Macher im großen Wien vor dem kleinen Gemeindeschreiber und -Sekretär im kleinen Brody. Allerhand „Wähler“ wurden in die Liste aufgenommen, Tote und Bettler fanden ihren Platz in derselben dagegen fehlten stadtbekannte Kaüfleute, Inhaber protokollierter Firmen, insoweit sie nur den leiseseten Verdacht aufkommen ließen, daß sie zu den Zionisten gehören. Dann kam das Rek I a m afi o n s ve r f ähren. Schablonenmäßig erledigte die Bezirkshauptmannschaft die Reklamationen von oppositioneller Seite, mit „nicht berücksichtigt“, ohne die Gründe und Belege zu prüfen, ebenso wie alle Reklamationen von offiziöser Seite, trotz krasser Gesetzesverletzung berücksichtigt wurden. Einem Kaufmanne, der am Platze über 20 Jahre existiert, vor zwei Jahren in den Gemeinderat kandidiert'wijurde, beim Heer gedient h a t, :\v urde das Wahlrecht abgesprochen, weil seine österreichische Staatsangehörigkeit bezweifelt wurde, dagegen wurde das Wahlrecht, ohne Bedenken, Leuten zugesprochen, trotzdem sie Pfründner sind, von öffentlicher Wohltätigkeit leben — es waren eben sichere Stimmen für Dr. K o I i s c h e r. Und die Verteilungsweise der Legitimationen! Am Pfingstmontag begann sie, doch wurden sie nicht von den Polizeiorganen besorgt. Das Wahlkomitee Dr. Kolischer fühlte Erbarmen mit den armen Polizeileuten, die so viel Arbeit zu leisten hatten. Fiaker auf Wahlkosten wurden ihnen zur Verfügung gestellt, nur fanden sie Platz am Kutschbock, drinnen im Fiaker saßen zwei bezahlte Agitatoren Kolischers, die auch die Legitimationskarten hielten, bei den Wählern vor fuhren, ihnen die Legitimationskarten übergaben, unter vier Augen mit ihnen über die Kurshöhe der „Aktie“ verhandlten, und diese Agitatoren ließen sich vom Wähler Vollmachten ausstellen, die sie zur Behebung der Legitimationsscheine berechtigten. Der mitfahrende Polizeimann hielt draußen Wache, damit dieser Kuhhandel ungestört vor sich gehen soll. Erst auf Intervention des oppositionellen Wahlkomitees würde dieser Uebelstand behoben, in der Weise, daß Kommissäre die Zustellung der Karten besorgten, doch merkwürdig, die Agitatoren Kolischers wußten stets im voraus, welchem Wähler die Karte zugestellt wird und waren noch vor dem Kommissär an Ort und Stelle, um den ^ehrlichen“ Handel abzuschließen — Hunderte von Legitimationskarten Wurden im Magistrate als unbestellbar zurückgehalten — sie sollten am Wahltage „mitstimmen“. Im Magistrat und im Sitzungssaale des Gemeinderates saß der Assessor Herr K a 11 i r und „amtierte“. Er ließ gewisse Wähler durch die Polizei zitieren und beangabte das Geschäft mit K 10.— pro Stimme, für den Rest von K 30.— erhielt man eine Karte, die nach erfolgter Abstimmung am Wahltage ausgezahlt werden sollte. — Die Fiakerb esitzer erhielten ihre Karten überhaupt nicht, sie wurden beim Polizeiinspektor Tylniecki abgegeben und dieser legte Blancovollmachten den Leuten zur Unterschrift vor. Jedem, der Miene machte, die Unterschrift zu verweigern, wurde mit Revision des Gefährtes gedroht. Und der Gerichtstag kam! In aller Frühe wurde das Wahllokal des Zionisten Stand von einem ganzen Heer von Gendarmen und Polizisten umzingelt, eine um Mitternacht vom Richter E i s n e r unterfertigte Revisionsbewilligung präsentiert und die Suche nach angeblich „gefälschten“ Stimmzetteln begann. Ueber 1100 Legitimationskarten wurden konfisziert und vom Polizeiinspektor beschlagnahmt, wiewohl niemand ein Recht dazu hatte. 50 mit dem Namen - Adolf Stand abgestempelte Stimmzettel wurden weggenommen und aufs Amt gebracht. Nach Einsichtnahme in den Legitimationskarten und Stimmzetteln, wobei das Wahlgeheimnis schon verletzt war, wurden alle Dokumente zurückgestellt — ein Beweis, daß der Verdacht .von Fälschung nur v orgebracht wurde, um die Legitionskarten des Standschen Wahlkomitees in Händen zu bekommen und dessen Anhänger näher kennen zu lernen. Dieses, jedem Recht hohnsprechende Vorgehen bewog das oppositionelle Wahlkomitee, die Parole der Wahlenthaltung auszugeben, welche bei der Bevölkerung, sofort Verständnis fand, und tatsächlich stimmten von den zirka 3700 christlichen Wählern kaum 25 Prozent, von den 2500 jüdischen Wählern kaum 200. Es zeigte sich bald, daß die Parole der Wahlenthaltung eine glückliche war. Die ganze „jeunesse Polonaise“ war mit Revolvern versehen, die Waffenpässe datierten vom 16. und 17. Juni, also zwei Tage vor der Wahl. Es wurde jungen Leuten gestattet, Waffen zu führen, Passierscheine vom Magistrate sollten ihnen den Weg durch den Militärkordon bahnen, ein zweites Drohobydz drohte den Brodyer Wählern, welches nur durch die Besonnenheit der Zionisten vermieden wurde, was allgemein sogar von gegnerischer Seite zugestanden und anerkannt wird. In den kleinen Städten, wie in L o p a t y n, zum Brodyer Wahlkreise gehörend, wurden den Wählern nummerierte Stimmz ettel zugestellt. Der Stimmzettel trug die Nummer der Legitimationskarte des betreffenden Wählers. So wurde Dr. Kolischer zum Abgeordneten „ernannt“, gewählt wu r d e er nicht, weil fast alle Wähler gegen ihn waren. Gegenüber all den in di e Presse lancierten Gerüchten sei hier noch zum Schlüsse konstatiert,-daß während der Revision im Standschen Komiteelokale weder irgend eine gefälschte Amtsstampiglie, noch welche gefälschten Stimmzettel vorgefunden, und daßüberhaupt niemandverhaftetwurde. Am Tage nach der Wahl hieß es in der Stadt, daß das Wahlprotokoll nicht ganz in Ordnung sei. Dieses Gerücht scheint Wahrheit zu enthalten, denn noch am 20. Juni, also einen Tag nach der Wahl, wurden von der Polizei Legitimationskarten aufgekauft und mit 3—5 Kronen bezahlt. Die Zählung der in die Wahlurne hineingezauberten Stimmen soll nicht ganz gestimmt haben.. B. * •Brody. In der am 24. d. M. im jüdischen Volkshause stattgefundenen Massenversammlung, in welcher die Herren B r a f t und Dr. GI a s b e r g referierten, wurde einstimmig folgende Resolution gefaßt: Die am 24. Juni 1911 im „Jüdischen Volkshause“ tagende jüdische Volksversammlung von über 2000 Wählern protestiert gegen die seitens des Magistrates und der Beamten der israelitischen Kultusgemeinde betriebene Korruption und den Stimmenkauf anläßlich der Reichsratswahlen, konstatiert, daß Herr Dr. Heinrich Kolischer zum Reichsr'atsabgeordneten einseitig „ernannt“, keineswegs aber von den großen Massen der Bevölkerung gewählt wurde, anerkennt ihn daher auch nicht als ihren Vertreter im Parlamente und fordert ihn kategorisch auf, nac h dem Mus t.er seines Parteigenossen Dr. v. Löwenstein das he raus ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.