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Jüdische Zeitung · 1911-06-30 · 26 (30.6.1911) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
26 (30.6.1911)
Date
1911-06-30
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 „Als Regierungskandidat wurde zu Beginn des Wahlkampfes' Dr. Löwenstein nominiert. Wir Drohobyczer hatten das umsoweniger erwartet, als er sich seit seiner Wahl im Jahre 1907 kein einziges Mal bei uns hatte blicken lassen und schon deshalb sehr unbeliebt war. Zudem war es zwischen ihm und seinem Wahlmacher Jakob Feuerstein zu Differenzen gekommen, die — das wußten wir noch nicht — bei Auflösung des Reichsrats in Wien beigelegt worden waren. Als Dr. Löwenstein eine Wählerversammlung in Drohobycz ankündigte, kam es ohne jede Agitation unsererseits zu einer Manifestation gegen den bisherigen Abgeordneten, an der sich 3000 Wähler beteiligten und gegen die Wiederkandidatur eine so entschiedene Stellung ergriffen, daß der Kandidat es vorzog, garnicht auf der Estrade des Versammlungslokals zu erscheinen. Da erklärte Jakob Feuerstein: j,U n d wenn Ihr Alle ihn nicht wollt, ich werde seine Wiederwahl durchz u s e t z e n wisse!“ Damit begann die korrupteste Wahlkampagne, die Galizien je gesehen. Als die Wählerliste erschien, war es sofort klar, daß da mit dem großzügigsten Wahlschwindel gearbeitet wird. Die Liste war keine Liste der Wähler, sondern der Nichtwähler. Sie enthielt nicht nur Namen von in Drohobycz gänzlich unbekannten Personen, sondern auch Namen, die in ganz Galizien garnicht Vorkommen. Nach der Reklamationsfrist figurierten plötzlich in der "Liste 1400 neue Wahrer, darunter 1350 Juden, von deren Existenz kein Mensch in Drohobycz etwas wußte. Diese unerhörten Machinationen drängten uns einen aufreibenden Kampf auf. Wir versuchten zunächst in Drohobycz selbst diesem Wahlterror beizukommen. Es War vergebens. Da begab ich mich an der Spitze mehrerer angesehener Wähler nach Wien, wo uns der Obmann des „Jüdischen Nationalvereins“. Herr Dr. Jakob Ehrlich, eine Audienz im Ministerium des Innern erwirkte. Unter seiner Führung ünd der des Dr. Alfred Lanzer führten wir Beschwerde und verlangten insbesondere die Streichung von 724 Wählern auf Grund beigelegter Akten, aus denen unzweifelhaft erhellte, daß sie das Wahlrecht nicht besitzen. Es wurde uns Abhilfe versprochen und tatsächlich wurden diese 724 Wähler aus der Liste gestrichen. Der Bescheid kam uns 24 Stunden nach der Wahl zu. Natürlich erreichte der Wahlschwindel der Löwensteinpartei am Wahltage selbst seinen Höhepunkt. Daß er von den Drohobyczer Behörden aufs tatkräftigste gestützt wurde, ist selbstverständlich. Für 7003 Wähler wurde ein einziges Wahllokal etabliert, in welchem an vier Tischen der Wahlakt vorgenommen Wurde. Das Agitationslokal der Löwensteinpartei befand sich 43 Meter vom Wahlokal entfernt, das Gesetz schreibt 100 Meter an Minimum vor. Die Vertrauensmänner, die meiner Partei zugestanden wurden, wurden mir erst am Morgen des Wahltages namhaft gemacht, so daß es mir unmöglich war, die Herren sofort ins Wahllokal zu dirigieren. hui Lokal selbst wurde ihnen ein Platz auf einer Bank derart angewiesen, daß sie mit dem Rücken gegen die Tische der Kommissionen saßen und so in vollständiger Passivität verharren mußten. Als sich ein Vertrauensmann umwandte, wurde ihm vom Wahlkommissär Lyskowski mit sofortiger Entfernung gedroht. Von 5—6 Uhr früh wurde den Wählern der Zutritt ins Wahllokal freigegeben. Ab 6 Uhr hörte diese „Begünstigung“ gänzlich auf. Vor dem Haupteingange faßte der Major einer Kavallerieabteilung, die vor dem Lokal Stellung genommen hatte, Posto, um nach den Weisungen des Wahlleiters nur bestimmten Personen den Zutritt zu gestatten. Unsere Agitation war auf diese Weise vollständig lahmgelegt worden. Die Wähler stauten sich1 vor dem Wahllokal, und angesichts des Wahlraubes, der an ihnen begangen wurde, bemächtigte sich der Menge eine ungeheure Erregung. Sie stürmte das Agitationslokal der Löwensteinpartei, demolierte es und benähm - sich auch gegen das vorgehende Militär agressiv. Ich eilte zum Bezirkshauptmann, der mir zusagte, daß die Wähler in kurzer Zeit zur Wahl zugelassen werden. Ich veranlaßte den ruthenischen Reichsratskandidaten, Richter Kobryn, und den Zionisten Suche stow, diese Mitteilung des Bezirkshauptmannes der erregten Menge von einem Balkon in der Stryjerstraße aus bekanntzugeben. Richter Kobryn erklärte: „Wir danken Euch für Eure Stimmen, aber lieber verzichten wir auf alle Stimmen, bevor einem von Euch ein Leid zugefügt wird. Faßt Euch in Geduld, bleibt ruhig, der Bezirkshauptmann hat eben zugesagt, daß Ihr alle ins Wahllokal hineingelassen werdet!“ Auf Grund dieser beruhigenden Ansprache erkühnten sich die regierungsfreundlichen Blätter zu der Behauptung, daß „verhetzende Ansprachen an die exzedierende Menge gehalten wurden“. Trotz der Versicherung des Bezirkshauptmannes wurde auch weiterhin der Zutritt ins Wahllokal verweigert, mit der nunmehrigen Motivierung, daß eine Mittagspause angeordnet worden sei. Während derselben erhielt ich von unserem Vertrauensmann aus dem Wahllokal einen Zettel mit der Nachricht, daß dort trotz der Pause weitergewählt werde daß Hunderte von Löwensteinagitatoren ganze Bündel von Stimmzetteln in die U men werfen und daß am Vormittage Jakob Feuerstein Jmehreren oppositionellen rWählern die Stimmzettel aus 'den Händen gerfssen und die Wähler selbst geschlagen habe. Der Wahlkommissär Lyskowski den er wiederholt darauf aufmerksam gemacht habe, habe ihm mit sofortiger Entfernung gedroht. Schließlich bat er mich, sich entfernen zu dürfen, da er vor Aufregung schon krank sei. Da begab ich mich mit den Herren Dr. Rosenfeld und Dr. Backenroth zum Bezirkshäuptmann und veranlaßte ihn, über das soeben gehörte ein Protokoll aufzunehmen, das er eigenhändig schrieb und das von mir und meinen Zeugen unterfertigt wurde. Als mir der Bezirkshauptmann neuerlich Versprechungen aut Abstellung der Wahlschwindeleien und sofortiger Zulassung aller Wähler zur Wahl machte, erklärte ich ihm rundwegs, daß ich ihm keinen Glauben mehr schenke und entfernte mich. Unterwegs traf ich Dr. Silberstein, der mir mitteilte, daß eben eine Depesche aus Wien vom Ministerium des Innern eingetroffen sei, mit dem Wortlaut: „Wir hören, daß Löwensteinanhänger bedroht werden und verlangen sofortige Herstellung der Ordnung.“ Ich eilte aufs Telegraphenamt und gab nach Wien eine dringende Depesche auf des Inhalts, daß das Gegenteil wahr sei und daß den oppositionellen Wählern seit 6 Uhr früh der Eintritt ins Wahllokal verwehrt werde. Daraufhin begab ich mich in unser am Smolkaplatz gelegenes Agitationslokal. In der Agitation selbst war eine vollständige Apathie eingetreten. Wir erklärten uns das mit der angedrohten Mittagspause. Auf der Stryjerstraße, die ich vom Smolkaplatz zum Teile überblickte, herrschte vollkommene Ruhe. Neugierige, darunter viele Frauen und auf dem Schulgang befindliche Schulkinder, gingen auf und ab und betrachteten das am Vormittag von der Menge demolierte Agitationslokal der Löwensteinpartei. Plötzlich hörte ich Schüsse krachen. Ich eile auf den Platz, indem ich meine Freunde mit den Worten zu beruhigen trachte, da-ß das nur Schreckschüsse gewesen seien. Da bemerke ich einen jungen Mann, der, aus der Stryjerstraße kommend, einige Schritte über den Smolkaplatz läuft und dann niederstürzt. Ich eile auf ihn zu, sehe Blut fließen. Sonst gibt der Mann kein Lebenszeichen. Ich will ihn mit einigen Freunden aufheben. Einer erkennt ihn, er ist der 18jährige Horowitz. In unserer Samariterarbeit werden wir plötzlich von einem Gendarmen gehindert, der uns mit vorgehaltenem Bajonett bedroht und uns vom Platze verjagt. In der Nähe liegt der 75jährige David Schipper mit einer Schußwunde am Arm. Der zweite Gemeindearzt von Drohobycz, der eben die Stelle passiert, will ihm zu Hilfe eilen. Doch auch er wird daran von dem Gendarmen gehindert und so geht der Greis an Blutverlust zugrunde. Niemand darf den Verletzten zu Hilfe kommen. Die Armen, die ein unglücklicher Zufall zu dieser Zeit in die Stryjerstraße geführt hat, müssen zwei Stunden lang in der glühenden Sonne auf dem Pflaster liegen. Nach der Zahl der Schußdetonationen muß sich vor dem Wahllokal etwas entsetzliches abgespielt haben. Voller Grauen kehren wir in unser Lokal zurück, um dort still auseinander zu gehen. Unsere Arbeit hat ein jähes Ende gefunden, noch bevor wir sie eigentlich beginnen konnten. Uns allen ist es klar: „Die M an n 1 i ch er gewehre haben die Wiederwahl Dr. Löwensteins entschiede n.“ Von Personen, die sich zur Zeit der Gewehrsalven in der Nähe des Wahllokals befanden, hörte ich noch folgende grauenhafte Details: Der Ruthene Tartar sky, Vater von sechs Kindern, erhielt einen Schuß ins Bein und wollte sich über den Zaun, der den Platz um das Wahllokal einfriedete, flüchten. Dabei wurde er von einem Gendarmen von rückwärts durchbohrt und blieb tot auf dem Platze. Ebenso wurde der 25jährige Josef W a 1 a g e r durch einen Bajonettstich getötet. Der durch einen Beinschuß verletzte Fried starb an Blutvergiftung. Der Primararzt des städtischen Krankenhauses teilte uns mit, daß er bei fast allen Verletzten Schüsse in den Rücken konstatierte, ein Beweis, daß in die fliehende Menge gefeuert wurde. Während die tätlich Verletzten auf dem Pflaster ihr Leben verröchelten und die Schwerverwundeten ohnmächtig in der glühenden Sonne stundenlang dalagen, veranstalteten die Kommissionsmitglieder im Vereine mit den Löwenstein-Agitatoren im Wahllokal ein Saufgelage, dessen Kosten sich auf 3000 Kronen belaufen. Ich hörte vielfach sagen und klagen: „Hätte man mit dem Wein, der im Wahllokal in Strömen floß, die Wunden der armen Verletzten auf der Straße gewaschen, so wäre die Zahl der Toten leicht verringert worden.“ So erklären sich die blutigen Vorgänge in Drohobycz mit der Tatsache, daß das Gemetzel von volltrunkenen Bestien in Menschengestalt angeordnet wurde. Soweit Herr Dr. Pachtmann. Wir hörten ferner: Daß die liberale Presse, insbesonders in Wien, nach dem Bluttage in Drohobycz entstellte una gefälschte Berichte brachten, nimmt in Drohobycz nicht Wunder. Der Korrespondent des größten Wie ne r liberalen Blattes, ein gewisser P a r n e ß, erhält von Jakob Feuerstein eine jährliche Dotation von 4000 Kronen. Sammlung für die Binterder Drohobyczer Opfer. Sammelbogen Nr. 27, N. Drimmer, 13.50 Sammelbogen Nr. 65 H. Donath 18.60, Sammelbogen Nr. 121, Achiwah, 13.50, Sammelbogen 114, Dr. Weiner, 150.—, Sammelbogen 110, Hermann Berthold 31.—, Sammelbogen 118, Achiwah II, 29.80, Sammelbogen 154, Dr. Jakob Kohn, 100.—, Sammelbogen 248, W. Spitzer, Olmütz, 79.—, Sammelbogen 393, Moritz Glück, Straßnitz, 37.—, Sammelbogen 495, Dr. P. Weisengrün, 58.—, Fritz Preßburger, Witkowitz, 4.—, Sammelbogen J. Waltuch, Nr. 276, 73.—, Sammelbogen Nr. 194, Münch, Triesch, 82.—, Sammelbogen Nr. 204, Oskar Pollak, Horitz, 61.—, Sammelbogen Nr. 166, R. Löw, Eislitz, 62.60, Sammelbogen Nr. 262, S. Thorn, 15.—, Sammelbogen Rieh. Klauber, Pilsen, Nr. 156, 35.—, Sammelbogen Nr. 3, F. Bermann 22.—, Sammelbogen Nr. 26, M. Salpeter, 17.71, Sammelbogen Nr. 107, M. Salpeter, 22.70, Isr. Kultusgemeinde Blatna, Nr. 130, 9.50, Sammelbogen Nr. 8, B. Hermann, 12.—, Sammelbogen Nr. 362, Isid. Kovasset 17.80, Sammelbogen Nr. 361, Isidor Kovasset, 17.50, Sammelbogen Nr. 212, R. Philiipp, 5.90, Sammelbogen Isr. Advokat: L. Gelbard, Nr. 363, 69.24, Sammelbogen Nr. 628, R. Sussmann, 7.40, Sammelbogen Nr. 629, A. Adwokat, 10.10, Sammlung Salo Schmerler, Kaltenbach, 40.—, Eugen Prager, Wien—Butschowitz, 5.—, Sammlung Sophiensaal 289.—, Sammlung Poale Zion, Gold. Widder, 78.—, Sammlung Nr. 530, 630, 632, B. Hermann, 17.90, Sammelbogen Nr. 364, Alfred Kohn, 24.—, Sammelbogen Nr. 73, Joset Grünstein, Kojetein, 83.—, Richard Weißenstein, Sammelbogen 272, 50.—, E .Furcht, Pirnitz, Sbg. 67 ,12.40, S. Weichsberg, Sbg. 274, 20.—, Dr. A. Grosner, Wien, Sbg. 80, 51.—, Arth. Stern, Landskron, Sbg. Nr .238, 13.—, Dr. Bernhard Hahn, Sbg. 420, 65.—, L. Softer, Göding, Sbg. 234, 50.40, Isr. Kultusgemeinde Butschowitz 29.60, Dr. Feuereisen, Tobitschau, Sammelbogen 68, 27.—, Ernst Singer, Wien, Sammelbogen 5, 11.20, Josef Grünstein Koejtein, Sammelbogen 73, 100.50, S. Rubel, Wien, Sammelbogen 509, 30.—, A. Hermann, St. Pölten, Sammelbogen 105, 31.70, M. Markus, Wien, Sammelbogen 279, 190, 106.—, Schwertfinger Aron, Wien, Sammelbogen 653, 22.20, Moritz Stern, Wien, Bankbeamter, 10.—, Dr. A. Immerglück, Sbg. Nr. 123, 43.—, Georg Sonderling, Wien, 5.—, Alb. Wachsmann, Damboritz, 12.—, Wilhelm Hoffmann, Wernstadt, 2.—, Josef Spira durch Dr. J. Ehrlich 5.—, Gymnasiale Mädchenschule, 8.—, „Theodor Herzl“, Wien, Sbg. 340, 16.50, Sbg. Nr. 28, 2.30. Summe K 2331.05. Der detaillierte Ausweis erscheint in der nächsten Nummer. Die_ Inhaber der Sammelbogen werden ersucht, die Sammlungen energisch zu betreiben und die gesammelten Beträge abzuliefern an die „Jüd. Zeitung“, Wien, IX./1., Liechtensteinstraße Nr. 11, Postsparkassenkonto Nr. 104067. Weitere Sammelbogen stehen auf Wunsch zur Verfügung. Der Raub unseres Mandates in Seretb-Radautz-Suczawa» Wir haben in der letzten Nummer über die in den drei Städten Radautz, Sereth, Suczawa anläßlich der am 20. d. M. stattgefundenen Stichwahlen verübten Betrügereien, durch welche Brunner das Mandat geraubt wurde, kurz berichtet. Inzwischen ist uns über die Vorgänge am Wahltage ausführliches Material zugekommen. Was hier an Betrügereien, Schwindel, Wahlraub, Bestechung, Beeinflussung und wie alle anderen, im Gesetze mit Strafe bedrohten Delikte heißen, geleistet wurde, spottet jeder Beschreibung. Das war keine Wahl, das war ein frecher Raub, der wohl die ärgsten galizischen Wahlen in den Schatten stellt . Aus der Fülle des Materials seien nur einige wenige Fälle zur Schande österreichischer Behörden niedriger gehängt. In Sereth wurden die Stimmzettel gekennzeichnet, um die Wähler kontrollieren zu können. Der Bezirkshauptmann Bohosiewicz suchte vor der Wahl einzelne Wähler zur Stimmenabgabe für Hruschka, den christlichsozialen Gegenkandidaten Brunners, zu beeinflussen. Angestellte der Bezirkshauptmannschaft, Popo- C22B

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