Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 26 gen für die Wahl bildeten selbst in Galizien ein unerhörtes Novum; das ganze Register von Schwindeleien wurde aufgezogen, der unerhörteste Terrorismus angewendet, die skandalösesten Schikanen und die verbrecherischesten Anschläge ersonnen und vorbereitet, um den wahren Volkswillen in Drohobycz zu knebeln. Es war Feuersteins Wille, daß Löwenstein gewählt werde. So kam der 19. Juni. Die Verbrecher waren mit ihren Vorbereitungen fertig, und am Wahltage sollte ihre Arbeit gekrönt werden. Was nun an unbeschreiblichen Gewalttaten, an Erpressungen und Betrügereien geleistet wurde, das hat selbst dieses Land des Wahlschwindels bis dahin nicht erlebt. Nicht Existierende wurden zu Hunderten nach Ablauf der Reklamationsfrist in die Wählerliste aufgenommen, Personen, die zur Zeit der Wahlausschreibung W'egen gemeiner Delikte in den Gefängnissen saßen, fanden sich vor und in ihrer Gesellschaft scheinen sich die Wahlmacher am w’ohlsten befunden zu haben; alle, die den Feuersteins nicht zu Willen waren, w'urden in der empörendsten Weise an der Stimmenabgabe behindert. Längst entschwundene Barbarei lebte Wieder auf. Oppositionelle Wähler W'urden zum Wahllokale nicht zugelassen; stundenlang mußten sie in brennender Sonnenglut ausharren und w'enn es dem einen oder dem anderen gelang, den Kordon der Feuersteinsdien Kreaturen zu durchbrechen, dann mußte er Spießruten laufen bis er dem Häuptling dieser Sippe, dem Feuerstein selbst, in die Arme fiel, der die Vorweisung des Stimmzettels begehrte bei sonstigem Hinauswurfe aus dem Wahllokale. Lautete er nicht auf Löwenstein, dann wurde er vernichtet. Das geschah alles vor den Augen der Regierungsvertreter, der Piatkiew’iCz und Lyszkowski, und sie sind Mitschuldige an allen den verübten Gewalttaten. Sie haben sich der Gunst und Sympathie des Feuerstein würdig erwiesen. Jahrelang haben die Juden jede Bedrückung erdulden müssen und nur krampfhaft die Faust in der Tasche geballt; nun da sie bis zur Verzweiflung gereizt wurden, da erhoben sie die Faust und die Wahlzettelfabrik des Löw'enstein wmrde gestürmt und demoliert. Unsere Brüder sind gewiß Freunde der Ordnung; aber w’enn man wehrlos den Menschen gegenubersteht, die das Recht mit Füßen treten und w’enn man auch von den Organen, die berufsmäßig die Ordnung wahren sollten, bis zur Verzweiflung gereizt wird, dann müßte man alle Nerven abgetötet haben, um ruhiges Blut zu bew’ahren. Ja, wir sagen es offen, unsere Brüder haben das Agitationslokal Löw'ensteins demoliert; die Kavallerie, die heranrückte, wurde mit Steinen bewürfen. Der Führer dieser Militärabteilung hat die Aufforderung zu schießen abgelehnt, W'eil er ein Herz im Leibe hatte und die Aufregung begreiflich fand und als das Agitationslokal des Löw’enstein gestürmt w’ar, trat Ruhe ein. Die Ermüdeten gingen nachhause. jAuch der Wahlakt wurde unterbrochen und die Schw’indlerbande veranstaltete ein Zechgelage. Alle haben gesoffen, Feuerstein Arm in Arm mit Lyszkow'ski. Ihrer Sinne nicht mehr ganz mächtig, rieten sie vermeintlich getreuen Anhängern, nachhause zu gehen, denn es könne geschossen wurden. Mit prophetischem Blicke erkannten sie die späteren Ereignisse voraus und als der Wahlakt wieder begann und nur Neugierige auf dem Platze w'aren, da krachte plötzlich ein Schuß und etliche andere folgten nach, die Menge stieb nach allen Seiten auseinander, es folgten die Schüsse bis an die 90, — und als der Pulverdampf verflogen w'ar, da lagen sie da unsere Brüder und ihre Freunde und w'älzten sich im Blute — zerfetzte Leichen. In eine Menge, die eine durchaus ruhige Haltung bewahrte, wurde blindlings geschossen. Von dem Geiste Feuersteins und Löw’ensteins waren die Angreifer beseelt und ruhige Menschen, die ihrem Volkstum dienen wollten, wurden um eines Menschen Willen, dem jeder Begriff von Recht und Gerechtigkeit abgeht, um eines herzlosen Strebers W'illen vernichtet. Seit Wahlen stattfinden, gab es keine schwindelreichere, als die Wahl in Drohobycz u :d Löw’enstein, der Advokat des Polenklubs erklärte die Wahl für legal. Erst nachdem er sich an dem Blute armer Unschuldiger sattgetrunken hatte, legte er sein Mandat nieder, nicht deshalb, weil seine Hand, sein ganzer Körper befleckt W’ar von dem Blute, nein „W'eil er die Wahlgeschichte satt hatte“. An 30 Brüder haben wrir verloren und doppelt so viel werden Krüppel bleiben; aber sie sollen nicht umsonst gefallen sein. Die Wunden w’erden vernarben, aber die Erinnerung an die Ereignisse von Drohobycz und ihre Ursachen w'erden in uns immer lebendig bleiben müssen. Wir sind nicht das Volk der Rache, aber diese Ereignisse schreien nach Sühne. Mit dem Blute unserer Brüder soll es in die Geschichte verzeichnet w'erden, w'ohin es führt, W’enn ungeratene Söhne des jüdischen Volkes in ihrem Assimilationsw’ahn fremden Völkern dienen w’ollen und ihr Volkstum schändlich verraten. Der Verachtung w'ollen w’ir Preis geben die Löwensteins und Feuersteins und alle die ihres Sinnes sind. Treue Gemeinschaft wollen wir halten mit unseren tapferen Brüdern in Galizien, die einen so heroischen Kampf führen um die Emanzipation unseres Volkes und bei dem Blute der Gefallenen w’ollen wir geloben, treu zu halten zu unserem Volkstum und nicht eher zu ruhen, bis seine feindlichen Bedrücker ausgerottet sind. Das Andenken der Toten w'erden wir immer ehren. Daß sie gefallen sind ohne Schuld im Kampfe gegen w’iderw'ärtige Gegner, w’ollen wir an ihren Kindern und Hinterbliebenen entgelten. Unserer treuen dankbaren Erinnerung, ihr Toten, sollt ihr gewiß sein. ■ Der Versammlung wohnte Gg. Dp. Moriz Pachtmann, Advokat aus Drohobycz bei und wurde von den Versammelten stürmisch begrüßt. Er hatte sich seit Wochen mit fast übermenschlichen Kräften bemüht, das Unrecht, das er kommen sah, zu verhindern und nachdem das Schreckliche geschehen war, traf er sofort alle Anstalten, die durch die entstellten Berichte der Tagesblätter schlecht informierte Öffentlichkeit über den wahren Sachverhalt zu unterrichten und die Schuldigen der Bestrafung zuzuführen. Er schilderte die Vorfälle der Drohobyczer Wahl, wie er sie) selbst erlebt hatte, in-äußerst wirkungsvoller Weise und wahre Stürme der Entrüstung durchtobten den Saal, als er die Missetaten des Feuerstein, des Bezirkskommissärs Lyszokowski und deren Helfershelfer schilderte. Kein Auge blieb tränenleer, als er die furchtbaren Szenen schilderte, die sich nach dem Blutbad ereigneten. Und als er zum Schlüsse versprach, daß die galizische Judenschaft in ihrem Kampfe um die Befreiung von ihren Peinigern nicht erlahmen werde, erhob sich die ganze Versammlung, als wollte sie geloben, eine treue Stütze unserer bedrückten Brüder zu sein und minutenlanger Beifall brauste durch den Saal. Hierauf verlas Architekt Dr. Karplus folgende, von der Versammlung einstimmig angenommene Resolution: ,,Die am 25. Juni in den Sophiensälen tagende Monstreversammlung gibt ihrer tiefen Trauer über die blutigen Vorfälle von Drohobycz Ausdruck und 'versichert die Hinterbliebenen der dort gefallenen Opfer ihrer herzlichen Teilnahme. Die Versammlung, erfüllt von tiefstem Abscheu über das verbrecherische Treiben des Kultuspräsidenten Jakob Feuerstein und seiner im Verwaltungsdienst stehenden Drohobyczer Helfershelfer, verlangt die strengste Bestrafung aller, w’elche zunächst durch betrügerische Machinationen das Wahlresultat fälschten, durch ihr gewalttätiges Vorgehen die Volksmassen planmäßig auf höchste reizten, um schließlich unter einer wehrlosen und friedlichen Volksmasse ein furchtbares Blutbad anzurichten. Die Versammelten erklären, die Behauptung Dr. Löw’ensteins, seine Wahl sei eine legale gewesen, als eine Billigung des begangenen Verbrechens und erklären ihn als unwürdig, in Zukunft ein öffentliches Amt zu bekleiden. Die Versammlung stellt fest, daß sämtliche, beim Ministerium des Innern vor dem Drohobyczer Unglückstage vorgebraditen Beschwerden vollständig nutzlos W’aren und daß die Regierung nichts unternommen hat, um den berüchtigten galizischen Wahlschwindeleien ein Ende zu setzen. Die Versammlung erw’artet von dem neu zu- | sammentretenden Parlament die ungesäumte I Schaffung eines unabhängigen Wahlgerichtshofs.“ Darstellung der Drohobyczer Ereignisse laut Berichten von Augen- und Ohrenzengen. Dr. Hermann B e r n f e 1 d , Advokat in Drohobycz, und ein Anhänger und persönlicher Freund des Dr. Löwenstein, befand sicn als Führer der Deputation am Samstag in Wien und äußerte sich über die Vorfälle in Drohobycz wie folgt:; ,,Ich begab micn am Wahltage um 10 Uhr vormittags aus meiner Wohnung zum Wahllokal, um meinen Stimmzettel, der mit dem Namen Dr. Löw’enstein ausgefüllt war, der Kommission zu überreichen. In der Nähe des Lokals bemerkte ich eine Abteilung von Kavalleriesoldaten, am Eingänge selbst befand sich der Major, der dieselben befehligte. Es herrschte ein furchtbares Gedränge unter den Einlaß begehrenden Wählern. Da ich selbst ins Wahllokal nicht eintreten durfte, kehrte ich um und wollte den Heinnveg antreten. Da begegnete ich in der Stryergasse einem Freunde, der mir, als ich ihm meinen erfolglosen Versuch, abzustimmen, mitgeteilt hatte, einen Zettel überreichte mit den Worten: „Versuche dein Glück damit, du wirst erstaunt sein.“ Auf dem Zettel war zu lesen: Bürger wehr. Vorweiser dieses ist zum Eintritt ins Wahllokal berechtigt. Der Bezirkshauptmann: Piatkiewic’z, m. p. Ich begab micn nunmehr in Begleitung eines zweiten Wählers zurück zum Eingänge des Wahllokals, w’ies den Passierschein vor und bereitwilligst W’urde nicht nur mir, sondern aucn meinem Begleiter Platz gemacht. Im Wahllokal bemerkte ich zu meinem Erstaunen nur senr we-. nige Wähler, wänrend es doch draußen hieß, der Andrang zu den Kommissionstischen — icn bemerkte deren vier — sei so groß, daß der w’eitere Einlaß aus Sicherheitsgründen zeitweilig suspendiert werden müsse. Allerdings herrscnte bei einem zweiten Eingang in der Nähe einer Hintertür ein ganz merkwürdiges Treiben. Ich bemerkte zanlreiche stadtbekannte Agitatoren der Löwensteinpartei, die geschäftig ein- und ausgingen und Stimmzettel in die Urne warfen. Zur Zeit, als ich mich im Wahllokal befand, haben sich dort zirka 8 bis 10 Wähler und 150—200 Agitatoren aufgehalten. Ich empfand -angesichts der schamlosen Schwindeleien einen maßlosen Ekel und entfernte mich alsbald aus dem Lokal. Am Ausgang W’ar ich noch Zeuge folgender charakteristischer Szene: Der mir persönlich gut bekannte Vorstand des Bezirksgerichtes, Herr Dr. Adolf Ritter von Pi- 1 e z k y, war mit einer Anzahl von Richtern und Gerichtsbeamten erschienen, um abzustimmen. Ich begrüßte die Herren und der w’achhabende Kavalleriemajor w’ar schon im Begriffe, innen den Eintritt freizugeben, obgleich. sie keinen Passierschein vorgezeigt natten. Da hörte der Major einen Zuruf, der ihm galt. Er drehte sich um, W’endete sich einen Augenblick darauf zu den genannten Herren und verweigerte ihnen entschieden den Eintritt ins Wahlokal. Mir war diese plötzliche Gesinnesänderung klar, denn icn hatte bemerkt, w’ie der Wahlkommissär Lys« kow’ski dem Major ein Zeichen mit der Hand gegeben hatte, welches w’ohl bedeuten sollte, die Gerichtsherren nicht ins Lokal eintreten zu lassen. — Ich entfernte mich nun aus dem umfriedeten Teil des Wahllokals. Vor demselben stürmte gerade die Menge das Agitationslokal der.Lö'wensteinpartei. Die Kavallerie attackierte die Massen, von der sie mit Stöcken bedroht und mit Steinen beworfen wurde. Ich hatte den Eindruck, daß das Verhalten der Soldaten, jnsbesonders der Offiziere, ein durchaus korrektes — ja, sogar ein loyales w’ar. Denn plötzlich hörte ich Kommandorufe, die Reiter machten Kehrt und verblieben in dieser Stellung, ohne sich w’eiter um die exendierende Menge zu bekümmern. Es trat auch alsbald Ruhe ein, zumal — es war inzwischen zirka 1 Uhr geworden — es verlautete, daß der Wahlakt durch eine Mittagspause unterbrochen w’.orden sei und erst um 3 Uhr nachmittags fortgesetzt w’erden würde. Ich begab mich in die in der Stryergasse gelegene Wohnung eines Freundes. Die weiteren Ereignisse des Tages sind mir aus den Darstellungen von allerdings einwandfreien Zeugen bekannt, doch lege ich Wert darauf, daß sie die blutigen Vorfälle des Nachmittages von Herren sich schildern lassen,’ die selbst Zeugen derselben W’aren.“ Herr Dr. Moritz Pachtmann. Advokat und der Leiter des zionistischen Wanlkomitees in Drohobycz, gibt uns folgende Schilderung über den Verlauf der ganzen Wahlkampagne in Drohobycz und über die .blutigen Ereignisse am Wahltage selbst: '.....