Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 26 (30.6.1911)
- Date
- 1911-06-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438327-2438353--2496-2442179- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JHI5CHE ZEIÜNG NnTIDNHL -JUDI5CHE5 DRBflN _Illllllllllllllllllllll Erscheintwöchentlich.—Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Spi^echstunden täglich von »1 -12 Uhr vormittags und 4- -5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurfickgestellt — Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn* Ganzjähr. K10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. Nr. 26. Wien, Freitag den 30. Juni 1911. V. Jahrgang. Aktion zur Verfolgung des Wahlschiindels in Galizien und in der Bukowina! Die in Galizien und in der Bukowina bei den letzten Reichsratswahlen verübten Betrügereien und Gewalttätigkeiten haben selbst das berüchtigte landesübliche Mass weit überstiegen- Dieser freche Rechtsraub muss endlich seine Sühne finden I Der Jüdische liationalverein wird alle zu seiner Kenntnis gelangenden strafbaren Handlungen den kompetenten Behörden zur Anzeige bringen und eine energische Ver- - folgung der Betrüger verlangen- Wir fordern deshalb alle gesinnungsgenbssischen t Organisationen und Vertrauensmänner auf5 in ihren Orten unter Beiziehung juristisch gebildeter Personen das Material zu sammeln und es ehestens an das Sekretariat des Jüdischen Nationalvereines, Wien IX-, Lichtensteinstrasse lir. 11, zu übermitteln. Es können nur solche Anzeigen berücksichtigt werden, welche konkrete Anschuldigungen enthalten und sich auf einwandfreie Beweise berufen. DER VORSTAND des Jüdischen Nationalvereins für Oesterreich. Protestkundgebung gegen die Drohobyczer Verbrechen. Der „Jüdische Nationalverein“ veranstaltete am 25. Juni in den Sophiensälen eine große Trauer- und Protestkundgebung gegen die Drohobyczer Greuel, die einen imposanten und äußerst würdigen Verlauf nahm. Mehr als 4000 Personen waren erschienen, um ihrer Entrüstung und ihrem Schmerz Ausdruck zu geben. In der Versammlung herrschte eine leidenschaftlich erregte Stimmung, die-, sich in äußerst stürmischen Kundgebungen gegen die Drohobyczer Bluthunde Luft machte. So oft die Namen Löwenstein und Feuerstein genannt wurden, durchdröhnten tausendstimmige Pfui-Rufe minutenlang den Saal und es bedurfte längerer Zeit, bis die Erregung nachließ. Die Versammlung wurde vom Vereinsobmann Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Jakob Ehrlich mit folgender Ansprache eröffnet: Das erste Wort, das sich heute unseren vor Erregung zitternden Lippen entringt, ein Wort der Klage sei es, und nicht der Anklage. Der erste Ruf, der heute aus unserem bedrängten Herzen emporsteigt, ein Schmerzensschrei sei er, und kein Schrei der Entrüstung. Denn wir haben heute zunächst die traurige Pflicht, einen Akt der Pietät zu erfüllen gegen die 25 Menschen, die sich am 19. J uni blutüberströmt in den Straßen von Drohobycz wälzten, gegen jene Märtyrer, denen sich ihre Lieben nicht nähern durften, als sie ihre letzten Seufzer ausstießen, gegen jene sinnlos Niedergemetzelten, denen man keine Glocken läuten und keinen Kaddisch sagen durfte, als sie zu nächtlicher Stunde Verbrechern gleich zu Grabe getragen wurden, und die noch1 über das Grab hinaus als exzedierender, von wilden Instinkten erfüllter Mob verleumdet wurden, der kein begütigendes Wort versteht und zu dem man im Interesse der Ordnung mit Bajonetten und Flintenkugeln sprechen muß. Und als sie nachts verscharrt wurden, da war kein Priester und kein Freund da, der ihr Andenken gesegnet hätte, aber Bajonette blitzten jenen entgegen, die zum letzten Abschied gekommen waren. Darum müssen w i r heute das Andenken der Gefallenen ehren und ihre unglücklichen Hinterbliebenen trösten! Darum müssen w i r es laut in die Welt hinausrufen, daß friedliche Bürger niedergestreckt wurden, während schamlose Verbrecher vor den Augen der Hüter der Oi«i?ung ihr^n frechen Raubzug beendigten! Die überwiegende Mehrzahl der in Drohobycz Gefallenen ist Blut von unserem Blute, ein Grund mehr zur Trauer, aber noch immer nicht Grund genug, das Verbrechen, das dort begangen wurde, gerade vom jüdischen Standpunkt aus mit besonderem Nachdruck zu beklagen. Denn Mannlichergewehre kennen nicht die menschlichen Vorurteile, und ihre Kugeln machen keinen Unterschied zwischen Rassen und Konfessionen. Was uns Juden aber besonders ^schmerzlich trifft, das ist die furchtbare Überzeugung, daß es ein entarteterjude ist, der mit leider nur allzu gutem Erfolge tätig war, eine Volksbewegung, die uns mit stolzer Freude erfüllt, durch Betrug zu erwürgen und in Blut zu ertränken. Und tat er dies etwa im Kampfe für eine große Idee? Ist Dr. Nathan von Löwenstein wirklich so preiswürdig, daß seinetwegen 80 Kinder zu Waisen, daß Eltern ihrer Kinder, Frauen ihrer Gatten beraubt werden müssen? Wir wissen nur von ihm, daß er zu einer Zeit, wo ein großer Teil seines Volkes in Armut vertiert, Adel und Orden erhält, wir haben von ihm nur gehört, daß er im Jahre 1907 auf öffentlicher Parlamentstribüne das unsaubere Geschäft übernahm, die Wahlschwindeleien des Polenklubs zu verteidigen, ob aber seine Verdienste so groß sind, daß zu seinen Ehren in eine friedliche Stadt Trauer und Schmerz einziehen muß, auf diese Frage wird uns sein blutiger Wahlmacher Feuerstein die Antwort wohl schuldig bleiben.“ Redner forderte im weiteren Verlauf seiner Ausführungen die Versammelten zur Unterstützung der Hinterbliebenen auf und schloß mit den Worten: „Verachtung den blutgetränkten Wahlhyänen Löwensteins, unerbittl'ichen Kampf der korrupten, ga- 1 i zischen Verwaltung, liebevolle Fürsorge den Hinterbliebenen der unglücklichen Opfer!“ Hierauf ergriff Gg. Hot- und Gerichtsadvo- _kat Dr. Emil Krassny das Wort, dessen Rede wir folgendes entnehmen: Auf den Friedhöfen von Drohobycz wölben sich frische Gräber; der Tod geht dort um und täglich hält er reiche Ernte. Jünglinge mit opferwilliger Entschlossenheit, Greise, deren halbgebrochener Blick auflebte im Kampfe für das Volkstum, sind gefallen. Was haben sie getan, daß sie ihr Leben verwirkt haben? Hatten sie Böses im Sinne oder planten sie gar ein Staatsverbrechen? Nichts von all dem, von dem Rechte, ,das der, Staat .allen seinen Bürgern gewährt, wollten-sie Gebraucli machen, ihrer Liebe zum Volkstum wollten sie Ausdruck geben, gegen brutale Vergewaltigung haben sie sich gewehrt, gegen Rohheit und Perfidie, und statt ihr Recht zu erlangen, begegneten sie den Läufen der Mannlichergewehre und ihr Herz, das so warm schlug für ihr Volk, wurde durchbohrt von den Bajonetten brutaler Gendarmen. Die offenfreudige Entschlossenheit, die helle Begeisterung unserer Brüder ist gebrochen und über ihren Leichen wölben sich die frischen Gräber in Drohobycz. Die Geschichte unseres Volkes kennt manches blutgetränkte Blatt; aber da zogen sie hinaus in die offene Feldschlacht oder sie wurden bekämpft von grimmigen Gegnern und waren Sieger oder wurden besiegt. Gar oft floß im Mittelalter das Blut Unschuldiger; aber da waren es fanatisierente Kreuzzügler, die unsere Brüder in wahnsinniger Raserei niedermetzelten. Daß aber Juden und Ruthenen von verbrecherischer Judenhand hingemordet werden, das blieb den Löwensteins und Feuersteins Vorbehalten, und zu den vielen Titeln die sie tragen, haben sie sich den neuen Titel erworben: die Judenmörder von Drohobycz. (Stürmische Pfuirufe.) Der Redner besprach die politische Entwicklung der Juden in Galizien, das Verhalten der Hausjuden des Polenklubs bis zum allgemeinen Wahlrecht. Er behauptet, daß auch schon im Jahre 1907 die Wahl des Dr. v. Löwenstein in Drohobycz das Ergebnis eines ungeheuren Wahlterrors und der berüchtigsten galizischen Wahlschwindeleien war. Damals konnte es dem Löwenstein noch gelingen, die strenggläubigen Brüder irrezuführen, indem er in den Tempeln den frommen Mann posierte. Aber bald war er durchschaut. Während der vier Jahre seit seiner ersten Wahl hat er den Wahlkreis nicht einmal besucht und als er nach Ausschreibung der neuen Wahlen eine Wählerversammlung abhalten wollte, da wollten ihn die Wähler nicht hören und er hat die Rednertribüne nicht betreten. Umso größer mußte der Terror werden, den sein Wahlmacher Feuerstein anwendete. Die Vorbereitun-