Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1911-06-23 · 25 (23.6.1911) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2438141-2438327-2438352--2488-2442170
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 25 der Arbeiter Wasil Krawcow (Kopfschuß), der 36jährige französische Untertan Eugen B e r t e I ot , Lehrer der französischen Sprache (Kopfschuß). Die übrigen Toten, darunter drei Frauen, konnten bisher poch nicht agnosziert werden. Der Friedhof wurde während der Leichenbegängnisse militärisch oesetzt und vielfach wurden picht einmal die Angehörigen zur Bestattung zugelassen. Die Gräber werden von Gendarmen bewacht, pm Demonstrationen nach der Leichenfeier an den Gräbern zu verhindern. * Gesinnungsgenosse Dr. Pacht mann telegraphiert uns am 21. d. M.: 23 Tote, 50 Schwerverletzte. Stilles Begräbnis heute Nachts unter Militärassistenz. Behörde hindert Demonstrationszug. Datum der Trauerfeier wird später bekanntgegeben. * ___ Das „Czemowitzer Tagblatt“ schreibt: Kolomea, IS. Juni. Für die diesmaligen Reichsratswahlen sind von den polnisimen Machthabern dieselben Vorbereitungen getroffen worden, die ‘hier jedesmal gegen den Willen der Wählerschaft zum Siege des offiziellen Kandidaten geführt haben. Diesmal übertreffen jedoch die Praktiken alles bisher Dagewesene, da sich die gesamte Wählerschaft zum weitaus größten Teile dem Diktat der Machthaber widersetzt und jQefahr besteht, daß der offizielle Kandidat d urdhfällt Offizieller ' Kandidat ist diesmal der polnische Demokrat Bürgermeister Kl es kl ein Schwager des Krakauer Stadtpräsidenten Leo. Die Aufstellung dieser Kandidatur bedeutet einen Bruch der bisherigen Tradition, wonach jedesmal ein Jude, der sich allerdings dem Polenklub anschloß, aufgestellt wurde. Nun ist wegender diesmaligen Kandidatur auch in den Kreisen jener Juden, welche national indifferent sind* eine allgemeine Entrüstung ausgebrochen, so daß die gesamte Judenschäft für den Zionisten Dr. Gerson Zipper eintritt Der dritte Kandidat ist der Sozialdemokrat Dr. Schörr. Zwischen den beiden letzteren jst nun ein Komprimiß zustandegekommen, wonach sie sich im Falle einer Sticnwahi gegenseitig zu unterstützen haben. Die hiesige Lokalbehörde hat nun in Erkenntnis der geringen Chancen Kleskis den ganzen ihr zur Verfügung stehenden Wahlapparat zu Gunsten ihres Bürgermeisters in Bewegung gesetzt So wurden Stimmzettel bisher nur an die „sicheren“ Wähler zugestellt, während den Juden bis gestern überhaupt keine Legitimationen ausgefolgt wurden. Gestern begaben sich nun sämtliche jüdischen Bürger der Stadt zum Bezirkshauptmann, um deswegen Beschwerde zu führen, wurden jedoch' an den Stadtmagistrat gewiesen. Als sich die mehrtausendköpfige Menge zum Rathause begab, fand sie dasselbe von Militär umstellt. Nur einzeln konnten die Wähler nach menrstündigem Warten zum Magistratsreferenten gelangen, wo ihnen jedoch nicht die Legitimationen, sondern „Anweisungen“ zu den Organen, welche die Legitimationen zu verteilen hatten, gegeben wurden. Wegen dieses Vorgehens bemächtigte sich der jüdischen Bürger eine ungeheure Empörung und die zahlreiche Menge wollte gegen das Rathaus Sturm laufen. Das Militär schritt mit Bajonetten gegen die Jiiden ein, die mit Steinwürfen erwiderten, wobei auf beiden Seiten einige Verletzungen vorkamen. Der hiesige Stationskommandant Oberst Ritter v. Pfeiffer, welcher jetzt erst von dem Vorgehen gegen die Juden bei der Verteilung der Legitimationen erfuhr, intervenierte sofort in -überaus energischer Weise beim Stadtmagistrat für die . in ihrem Rechte so schwer geschädigten Wähler und erzielte tatsächlich den Erfolg, daß mit der Verteilung der Legitimationen an die Juden begonnen wurde. Eine große Deputation der Juden sprach dem Oberst für sein mannhaftes Eintreten den Wärmsten Dank aiis und bereitete ihm Ovationen. Die Verteilung der Legitimationen an die Juden wird, wie dies nicht anders vorauszusehen war, sehr lässig yorgenommen, so daß heute, wenige Stunden vor der Wahl, noch über 1200 Legitimationen an die jüdischen Wähler nicht verteilt wurden. * Der Bericht eines Augenzeugen. Aus Drohobycz schreibt ein Wänler der Arbeiter-Zeitung“: „Als langjähriger Leser der .Arbeiter-Zeitung“ und als Mitglied der vereinigten Opposition in Drohobycz, der unter Lebensgefahr gestern zur Abstimmung schreiten mußte, bringe ich Ihnen einige Details über die Genesis der blutigen Vorfälle und über die Vorfälle selbst Wie Ihnen bekannt ist, ■ weilte vorige Woche eine Deputation der oppositionellen Drohobyczer Parteien in Wien, um beim Minister des Innern Beschwerde zu führen wegen der schwindelhaften Wahlliste, wegen der Nichtbesetzung der Wahlkommissionen mit Vertretern aus der Mitte der sehr zahlreichen Opposition und wegen des Terrorismus des hiesigen _ Bezirkshauptmannes Piatkiewiecz und des Ktiltusvorstandes und berüchtigten Wahlmachers Jakob Feuerstein, dessen volksfeindlichem, herostratischem Treiben die Arbeiter-Zeitung bereits so manche Spalte gewidmet hatte. Der Sektionschet versprach, die gewünschte Abhilfe; wer sich jedoch daran nicht kehrte, waren die genannten Herren, die, selbstherrlich und der bedenklichen Gärung und Erbitterung des Volkes nicht achtend » ihre Provokationen emsig fortsetzten. Der Bezirkshauptmann Piatkiewicz entnahm kein einziges .Mitglied für die Wählkonimission ,der Opposition — mit Ausnahme von etwa zwei oder drei Vertrauensmännern—, trotz des wiederholten Ansuchens der Fünrer der Opposition Advokaten Dr. Aberbach, Dr. Spitzmann und :Dr. Pachtmann. Der Kultusvorstand Feuerstein reizte die Wähler durch seine Wanlschwindeleien, und zwar entriß er Wählern Legitimationen und Wahlzettel, öffnete, wie dies auch’ andere Mitglieder der Kommission taten, ostentativ die Stimmzettel und trieb den ungeheuerlichsten Wanlterrorismus. Obwohl viele Kommissionsmitglieder bei den Schüssen ihre Sitze in der Wanlkommission verließen pnd sich’ vor Schrecken in die Seitenzimmer flüchteten, organisierte Jakob Feuerstein den weiteren Stimmenraub und führte Löwensteinsche Wähler durch eine Seitengasse, die von Militär blockiert war, zur Urne. Inder Bahnstraße häufen sicn Gemordete und Verwundete, das Volk jammert vor Entsetzen gepeitscht und 'die allgemeine Panik benützt Feuerstein, um das Wahlgeschäft zu vollenden. Wie allgemein behauptet wird, soll der Bezirkshauptmann Piatkiewicz noch1 vor Wochen mit Scnießen gedroht haben und auf seinen direkten Befehl hin. hat der Maior des Bataillons nach einigem Sträuben das Kommando zum Losfeuern gegeben. Der Jammer ist unbeschreiblich und viele Passanten, die sich nicht vordrängten und runig ihren Geschäften nachgingen, sind der verbrecherischen Füsillade zum Opfer gefallen. Es herrscht ungeheure Aufregung in der Stadt, weinende Angehörige bestürmen die Spitäler und die Arbeiterschaft der Drohobyczer Fabriken und der nahen Boryslawer Oelgruben ist in hellem Aufruhr und schwer durch die Organisationen von Verzweiflungstaten zurückzuhalten. Der intellektuelle Urheber Jakob Feuerstein ist’ jn Gesellschaft seines Trabanten, des Bordellbesitzers Steinhäuser, nach Lemberg geflohen, jum der Rache des erregten Volkes Zu entgehen. Dr. Löwenstein kann auf seine blutige Wahl stolz sein.. Die Reinwaschungsversuche der Schuldigen. In der „Neuen Freien Presse“ hat der Drohobyczer Bürgermeister Jarosz den Versuch gemacht, die Schuldigen reinzuwaschen. Wir erhalten von dem Drohobyczer Advokaten Dr. Maryan Rosenberg, folgendes Telegramm,_ das diese Versuche, . Herrn Dr. Löwenstein reinzuwaschen, Widerlegt: Die Erklärung des Bürgermeisters Jarosz, daß keine Wahlmißbräuche stattgefundeä haben, ist unwahr. Im Gegenteil: die Wählerlisten wurden von der Bezirkshauptmannschaft durch Aufnahme von Hunderten fingierten Namen wie .auch von Toten und von notorischen Verbrechern gefälscht. An dem Wahlschwindel beteiligten sich Gemeindefunktionäre, wie dpr Gemeindesekretär Kiedacz. Am Wahltag herrschte unglaublicher Terror und überhaupt wurden Wähler, die keine Passierscheine von der Bezirkshauptmannschaft hatten — solche wurden nur den Löwensteinschen Wahlhyänen ausgefolgt — ins Wahllokal nicht hineingelassen. Das Kommando zum Schießen auf die Wähler, die Seit Stunden vergebens um Einlaß ins Wahllokal baten, gab Bezirkskommissär Lyszkowski in einem Augenblick, als die Menge sich’ ruhig verhielt. Die Zusammenstöße der Wähler mit dem Militär fanden Vormittags statt und standen in keinem Zusammenhang mit dem nachmittägigen Massenmord der Wähler. Als Rechtsanwalt der Hinterbliebenen nach den erschossenen Wählern habe ich heute an das hiesige Gericht eine Anzeige gegen Kommissär Lyszkowski eingebracht und Fakten angeführt, die das Verbrechen des Mißbrauchs der Amtsgewalt und gemeinen Mord beweisen. Ich habe bei Gericht auch den Antrag über Verhängung der Untersuchungshaft über den Kommissär Lyszkowski gestellt. Advokat Dr. Marian Rosenberg, Gemeinderat. Der Bluthund Feuerstein in Wien! Mittwoch' abend erwartete die gesamte jüdisdi'natiohale Studentenschaft Wiens, mehr als 700 Mann, den Henkersknecht Dr. von Löwensteins, den Drohobyczer Kultuspräsidenten und Vizebürgermeister Jakob Feuerstein, der nebst Löwensfein an dem entsetzlichen Drohobyczer Blutbade Schuld trägt. Die Kunde von den blutigen Vorfällen in Drohobycz hatte unter der jüdischnationaien Studentenschaft in Wien eine furchtbare Erregung erweckt Der Groll der Studenten richtete Sich hauptsächlich gegen den Vizebürgermeister. Jakob Feuerstein, der den unerhörten Wahlraub zugunsten Dr. Löwensteins und gegen den zionistischen Kandidaten Dr. Zipper beimaß. Die Studenten entsendeten sogleich einen Vertrauensmann nach' Drohobycz, und dieser verständigte heute seine .Kommilitonen, daß Vizebürgermeister Feuerstein nach Wien abgereist sei und dort abends Eintreffen Werde. Daraufhin zogen in den Abendstunden sämtliche jüdischnationale Studenten zum Nordbahnhof und erwarteten die Ankunft Feuersteins. Einige Studenten aus Drohobycz hatten sich vor dem Perron postiert, um F euerstein sogleich zu agnoszieren. Unter ihnen befand sich auch der Bruder eines der l'n Drohobycz erschossenen Demonstranten, der beim Anblick Feuersteins hysterische Anfälle erlitt. Dies steigerte noch die Wut der S tudenten, die sich' nun plötzlich verschöben und mit erhobenen Stöcken und unter den Rufen : „Schlaget ihn nieder! Er hat. unsere Brüder gemordet!“ auf Feuerstein eindrangen. Dieser flüchtete gitternd über die Stiege auLden Perron zurück'. Die aüfgeregten Studenten setzten ihm nach, wurden aber durch «Wachleute aufgehalten, die mit gezückten Säbeln die Demonstranten aus der Halle auf die Straße drängten. Doch1 .wurden auch dort die Demonstrationen fortgesetzt, so daß es wiederholt zu Zusammenstößen mit der Wache kam, die schließlich einige Arretierungen vornahm. Trotzdem wichen die Studenten nicht von der Stelle und erst als sich das Gerücht verbreitete, daß Feuerstein!das Bahnhofgebäude durch einen geheimen Ausgang verlassen habe und auf dem Wege zu Verwandten in der Rathausstraße sei, setzte sich die Menge in 'Bewegung, um Feuerstein jn sein Logis zu folgen. Bei der Ferdinandsbrücke stellten sich ihnen jedoch abermals Wachleute in den Weg, die die Demonstranten mit großer Mühe zerstreuten. Eine große Menschenmenge schloß sich der Demonstration an und stimmte erbittertindie Rufe „M ö r d e r“, „B 1 u t h u n d“, „Verbrecher“ ein. * Sammlung für die Hinterbliebenen der in Dro- ' hobycz Getöteten. Bei den Reichsratswahlen in Drohobycz sind mehr als 25 Menschen getötet und mehr bis 50 schwer verletzt worden. Das Elend der Hinterbliebenen ist grenzenlos. Ein 65jähriger Mann wurde getötet, der 11 unversorgte Kinder zurückläßt. Väter und Gatten sind ihren Familien entrissen worden. ‘ Trage jeder dazu bei, das ent- , setzliche Elend zu lindern. Unsere Gesinnungsgenossen werden aufgefordert, überall sofort Sammlungen zu veranstalten. Die eingelangten Spenden werden in der „Jüdischen Zeitung“ veröffentlicht. Sammelbogen werden über Verlangen in der Redaktion ausgefolgt. Die Sammlungen sind an die Herren Ingenieur Oskar Kramer und Max Weißmann abzuführen. Das Zionistische Zentralkomitee für Westösterreich'. Der Jüdische Nationalverein. Wahlergebnisse. Ueber den Ausgang der Wahlen in Wien Leopoldstadt I, wo Gg. Ingenieur Stricker über 1000 Stimmen erhielt, und G ö d i n g (Mähren), wo Gg. Brunner eine große Zahl von Stimmen auf sich' vereinigte und den Täufling Redlich in die Stichwahl trieb, haben wir bereits berichtet. Es seien nunmehr die. Resultate in den anderen Bezirken, in welchen Zionisten kandidierten, bekanntgegeben. Die Ziffern entsprechen natürlich nicht der Wirklichkeit, es sind „amtliche“ Ziffern aus Galizien und der Buko- *wina, wo oekanntlich tausende und abertausende zionistischer Stimmen einfach gestohlen und tausende von unseren Wählern mit Bajonetten und Kugeln von den Urnen weggetrieben wurden. In Stryj und Buczacz stehen die Zionisten Dr. Reich resp vDr. R i n g 1 in aussichtsreicher Stichwahl, im Wahlkreise Peczenizyn (Land), wo unser bewährter Parteigenosse Dr. J. Schalit kandidiert, jst ein neuerlicher Wahlgang notwendig. . Buczacz. Stichwahl zwischen Bernhard Stern (Pole) jnit 3143 und Dr. Michael Ringel (Zionist) mit 2576 von 6527 gütigen Stimmen. Ferner erhielt Teophil Melen (ruthenischer Sozialdemokrat) 785 Stimmen. S t a n i s 1 a u. ■ Gewählt Rauch (polniscner Demokrat) mit 2590 von 4835 gütigen Stimmen. i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.