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Jüdische Zeitung · 1911-06-23 · 25 (23.6.1911) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
25 (23.6.1911)
Date
1911-06-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 25 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 konnte man wähnen, daß das allgemeine Wahlrecht den Völkern £uch die Freiheit des Wählens bringen werde. Aber, wie dieses Regierungssystem Bienerth die alten Methoden des Regierens auf das Oesterreich des allgemeinen Wahlrechtes aufpfropfen will, so .Jeben; auch in Galizien die; ölten Methoden des Wählens wieder auf. Wohl wird nur in Galizien auf die Wähler geschossen, aber in ganz Oesterreich bürgert sich nun allmählich die galizische Art des Wählens ein, die amtliche Beeinflussung der Wähler, das Eingreifen der Regierungsgewalt.in die Wahlagitation.. Darum wird das' Parlament, werden alle ehrlich demokratischen Elemente gegen die Art, wie man in Galizien Wahlen macht, sich mit aller Kraft zur Wehr petzen jnüssen.“ Dr. Na.tan von Löwenstein. Der Name Doktor Natan Löwenstein wird blutbefleckt bleiben in der Leidensgeschichte der gaiizischen Judenschaft. Er, der im Jahre 1907 nach dem offiziellen Wahlergebnis mit großer Mehrheit zum erstenmal als Abgeordneter der Stadt Drohobycz gewählt wurde, durfte es während der ganzen Parlamentsession auch nicht einmal wagen, seine Wähler aufzusuchen : als das Haus aber aufgelöst wurde, war seine Wiederwahl beschlossene Sache. Nach Auflösung des Haukes versuchte : er eine Versammlung abzüha}ten, die Erbitterung des Volkes war aber von einer solchen Leidenschaftlichkeit, daß er mit Schimpf und Schande aus Drohobycz fliehen-.mußte. Je näher der Wahltag kam, desto lebhafter" und häufiger wurden die Klagen über'Wahlschwindel und Erpressung Der offiziöse Telegraph konnte aber beruhigt melden, die Chancen des Herrn von Löwenstein seien die ■ allerbesten. Und als _sejne Gegner auf Befehl seiner verworfenen Kreaturen durch Bajonette vom Wahllokal' ferngehalten wurden, als seine Bluthunde öffentlich den jüdischen Wählern die Stimmzettel aus der Hand rissen und sie mit anderen vertauschten, da war seine Wahl gesichert. Und als schließlich die Gewehrsalven knatterten und sich unschuldige Mütter und Greise wehklagend im Staube wälzten, als Jünglinge und Männer zu Tode getroffen niedersanken, da war Löwenstein endlich Sieger. In vielen Wahlschlachten ist schon Blut geflossen, und gar off haben Bajonette und Kugeln. .. das Wahlglück verbessern müssen. Wo von nationaler Leidenschaft oder religiösem Fanatismus erfüllte Volksmassen feindlich aufeinander stoßen, wo Rassen- und Klassenhäß friedliche Menschen in wild wütende Tiere verwandelt^ da ist ein menschliches Leben niemals hoch gewertet. Doch nicht Leiden-- schaft und Fanatismus, nicht Rassen- und Kfcfissenhass hat in Drohobycz mehr als ein .Viertelhundert Menschen getötet und vierzig zu Krüppeln geschossen. Damit Herrn von Löwensteins verachte Wäihlhyänen ungestört ihr verbrecherisches Werk beendigen können, damit 1400 von dem blutigen Wahlmacher" Feuerstein durch frechen Betrug in die Wählerliste hineingeschwindelte - feile Lumpen ungehindert für Löwenstein stimmen, damit durch Hintertüren jene berühmten 68 Wähler Eingang in das Wahllokal finden, die in der Wählerliste als Bewohner einer 26 Quadratmeter großen Hütte figurieren, damit feiger* hinterlistiger Schwindel über Recht und Gesetz triumphiere, deshalb müßte in den Straßen von Drohobycz Blut fließen, mußten Kinder ihre Eltern, Frauen ihre Ernährer verlieren; weil sich Jakob Feuerstein, den die verlogenen polnischen Berichte zum „Führer der Intelligenz“ machen, der aber in Wirklichkeit ein roher, des Schreibens nur notdürftig mächtiger Emporkömmling ist, es sich in den Kopf gesetzt hatte, seinen Schützling Löwenstein mit imposanter Majorität zum Sieger zu machen, deshalb mußte eine ganze Stadt Trauer und Wehklagen erfüllen. Die Leidensgeschichte unseres Goluth ist wieder um ein blutgetränktes Blatt reicher geworden. Viele unserer Glaubens¬ und Stammesgenosseri sind in den vielen Jahrhunderten der Zerstreuung unseres Volkes blindwütigem Hass und blutrünstigem Fanatismus zum Opfer gefallen. Zum erstenmal aber istes geschehen, daß frech e Machtgier und skrupelloser Ehrgeizeinesentärtetenjuden mit kühlem Blut jüdische Greise; Frauen , und Jünglinge hingeschlac.htet h.at.‘ Als vor wenigen Jahren die furchtbare Blutbeschuldigung gegen uns wieder erhoben wurde, da schrieen wir empört auf und unsere flammende Entrüstung kehrte sich gegen den berüchtigten „Bluthund von Polna“. Schwachköpfe sind wir, wenn wir glauben, daß freche Verleumdung unsere Ehre zu beeinträchtigen vermag. Ein Ernst Schneider ist keine Schande für uns, der schändet nur die Gesellschaft, die ihn in ihrer Mitte duldet. Herr Dr. Natan von Löwenstein sitzt aber in unserem Hause, überhämt mit allen Ehren, die ihm das Leben zu bieten vermag. Und so fällt seine Blutschuld auch auf uns, wenn wir ihn nicht aus unseren Reihen jagen und ihn brandmarken für alle Zeiten. ■ * Ein Leser schreibt uns: Als vor fünf Jahren während der politischen Wahlen in Ungarn "drei armselige slovakische Bauern der Brutalität der Gendarmerie zum Opfer fielen, ging ein mächtiger Protestruf dufch ganz Europa gegen die' barbarische Willkür der rpagyarischen’ Herrschaft.'"Es 'widernallte allenthalben von den PröfesirÜfen der'r, erhabensten Geister derKültüHnenkchheit.' Wir stehen pun am Grabe von zwanzig Gefallenen und am Krankenbette von unzähligen Verwundeten — jdles Opfer einer reaktionären Regierung und der rasenden Herrschsucht der „unterdrückten“ Polen, die mit den Zynischesten, jeder pesittung geradezu honnsprechenden Mitteln die Ruthenen, aber insbesondere die Juden in ihre Macht zwingen Wollen. .Wird sich! 'a uch pur eine Stimme im, großen europäischen Blätterwalde für die Gefallenen von Drohobycz erheben, die da starben, weil sie für die Freiheit des jüdischen Volkes gegen die Tyrannei änkämpfen . zu glauben mußten? Wird auch pur eine Stimme das Brutale und Unmenschliche des Vörgenens der Polen in einer Weise mißbilligen, wie dies geschieht, wenn andere Völker Schaden nehmen? Wird auch die Stimme derer?u vernehmen sein, die gleich bei der Hand sind, von Humanität triefende Artikel von pich zu geben, wenn es sich um das .Leben Zweier slovakischer Bauern oder dreier rumänischer Schafnirten handelt? Werden auch die, die nicht müde werden, das traurige Los der armen, unterdrückten Polen fortwährend zu beweinen und Europa daran zu erinnern, etwas von sich hören lassen? Björnson, der große Norweger, der fluch für die Juden ein fühlendes Herz hatte, ist nicht mehr unter den Lebenden, aber was wird wohl Georg Brandes sagen, der israelitische Däne, der . mit allen Fasern seiner Seele für. die Freiheit der Polen schwärmt und den das bloße Wort von der jüdischen Freiheit jnit Scnauer und Erregung erfüllt? Fragen, von denen wir nur zu gut wissen, wie sie beantwortet werden. Allein das vergossene. Blut, das den Drohobyczer Wahlkampfplatz gietränkt hat, wird nicht vergeblich geflossen sein. Es wird für uns ein ewiges Merkmal bleiben' pnd den Boden unserer Freiheit .befruchten... Während der Kreuzzüge brachten brutale Horden , in den Rheinprovinzen Tausende und Abertausende von Juden um und diejüdische Nachwelt hat das Andenken der Blutzeugen in „Memoirebüchern“ "geehrt und bewahrt, die von Zeit zu Zeit in, den Synagogen verlesen wurden. Treu wollen auch wir das Andenken der Drohobyczer Gefallenen hüten, denn sie fielen für Uns, für ihr Volk und dessen Zukunft. Nicht nur die jüdische Geschichte, auch unsere Herzen werden ihnen eingedenk bleiben! L. B. * Von einem^ Leser: Offener Brief an den Reichsratsabgeordneten » Dr. v. Löwenstein! Sie sind der Sohn eines Rabbiners, da 'dürfte Ihnen die Bibelstelle Deutorom XXI bekannt sein. Wenn ein von unbekannter Hand Ermordeter gefunden wurde, da mußten die ältesten Männer Israels hintreten und über dem Sühnopfer„Egla aryfer“ ihre Hände hinnalten mit dem Bekennt? nisse \,,U nsere Hände taten es nicht, unsere Augen sahen es nicht. O! Vergib dem Volke Israels.“ In Drohobycz sind" viele gemordet, viele tödtlich verwundet auf einem Boden, den Sie, edler Sohn eines Rabbiners, als Ihr Scnlachtfeld ausersehen, auf einem Gebiete, wo Sie Ihren Ehrgeiz gepflanzt haben, der solch blutige Blüten sprießen - ließ. Da Sie, der Sohn eines Rabbiners, der Schwiegersohn eines Geadelten, und selbst geadelt, somit auch den Rang eines Aeltesten in Israel einnehmen, treten Sie nun hin mit Ihren „reinen“ Händen und Ihren „reinen“ Gewissen und sprechen Sie laut und vernehmlich den zitierten Bibelspruch : , ’„Meine H ände taten es nicht, meine Äugen sahen es nicht,“ nur dann können Sie die Würde eines Gesetzgebers bekleiden! Was Sie bisher für das Land Galizien und speziell für Jhre jüdischen Glaubensgenossen geleistet, rechtfertigt keineswegs die Massenmorde, die Ihretwegen verübt wurden. Was Sie künftig leisten können oder wollen, ist so wenig, so bedeutungslos, daß es nicht ein Haar der uii? schuldig Gemordeten aufwiegen kann. Bei Kain heißt es: „Das Blut deines Bruders tönt von der Tiefe bis zu meinen Höhen empor“, diesen biblischen Satz mögen Sie sich vor Augen halten, wenn Sie Ihren mit Bruderblut gefärbten Parlamentssitz besteigen, und er möge in Ihren Ohren erklingen! P. Josefstahl Wien, IX., Elisabethprömenade 19. Blutige Wahlen in Galizien B> Betrug in der Bukowina. Die Namen der Opfer. Drohobycz. Die Namen der bisher agnoszierten Todesopfer lauten: 22 Tote üi(d 52 tV er letzte. Drohobycz 21. Juni. (Privat.) Im Laufe des heutigen Tages sind von den Schwerverletzten vier im Spital gestorben. Bisher wurden 22 Todesopfer bestattet. Von den 36 im Krankenhause liegenden Schwerverletzten befinden sich sechs in einem Zu- . stand, der das Aergste befürchten läßt, ln häuslicher Pflege befinden sich 16 Verletzte. Die bisher bestatteten Opfer des blutigen Zusamt menstoßes mit dem Militär sind folgende: Der 19jährige Arbeiter Hanne Be eh (Kopf- , schuß), der 45jährige. Kutscher Jakob Koch, aus Boryslaw (Brustschuß), der Kaufmann Leon Mühl (Lungenschuß),, der 65jährige Arbeiter David . Schoppe r (Kopfschuß), er hinterläßt elf Kinder, der 27jährige Arbeiter E r d m a nn (Bauchschuß), der 39jährlge Advokaturssollizitator Moritz Rintzel (Bauchschuß), der Advokaturskandidat Dr. Messer (Kopfschuß), der Sonn des Kaffeehausbesitzers S ch ä chter jKopfschuß), der Arbeiter Bai ab an (Bauchschuß), der Privatbeamte Weingarten (Lungenschuß ), der Schankbesitzer Rapaport . (Bauchschuß), der 52jährige rüthenische Schlosser Di? mitro Taparski (Bajonettstich), der 27jährige Diener Joset Walaga (Bajonettstich),; der 54jährige Schuster Stanislaus Urban o w i c z (Halsschuß ), der 19jährige Arbeiter Franz Kusnicz: (Kopfschuß), der 45jährige Bauer Josef Wala (Lungenschuß ), der 35jährige Arbeiter Franz Przystaj (Kopfschuß), der 36jährige Werkmeister Ladislaus) Wienczynski (Kopfschuß und zwei. Bajonett? stiche),

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