Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 25 (23.6.1911)
- Date
- 1911-06-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 25 Dem Andenken der Toten von Drohobycz. Sonntag, den 25. Juni, 10 % Uhr vorm. findet in den SOEIENSlLEN eine große TrancrHntidgelinng statt An unsere SstmcIcMschen Gesinnungsgenosse«! Die gesinnungsgenossisöhen Organisationen nnd Vertranensmänner werden anfgefordert, anlässlich der Blntwahl von Drohobycz überall Profestnnd Trauer» Versammlungen abznhalten. Die Versammlnngen sollen nach MSglichkeit am Sonnta&den 25. Juni stattfindem DER VORSTAND des Jüdischen Nationalvereines. 4- -i- 4 Ü' 11 •* f 1 ■t: '•1 Das Blutbad pon Drohobycz. In diesen furchtbaren Tagen der Nationaltrauer obliegt uns eine grausame Pflicht Wir müssen den eigenen Schmerz zurückdrängen und wir dürfen nicht dulden, daß das jüdische Volk an den Gräbern von Drohobycz mit bebenden Lippen kauert und klagt Als in Rußland, der von Judenhassern gedungene und alkoholisierte Mob Kinder und Greise massakrierte, durfte uns das Entsetzen schütteln und es mußte aus allen jüdischen Siedlungen der Jammer über die Bestialität der menschlichen Instinkte aufsteigen. Hier aber ward das Volk von seinen eigenen jüdischen Peinigern ans Messer geliefert, von denselben Entarteten, die es in unbegreiflicher Verblendung zu Macht und Reichtum gebracht und jnit seinen mühseligen Armen hoch emporgehoben hat Darum müssen wir sorgen, daß sich die, ach so menschliche Klage in eine Anklage wandelt Aus der allgemeinen VCfehmut muß die Empörung aufschießen, heiß und stark wie ein reinigendes Feuer. Jetzt darf kein Tränensch'leien das Aug e trüben, hart müssen die Herzen sein, jvie die Flintenkugeln von Drohobycz. Pie ganze zivilisierte Welt weiß zur Stunde, daß Dr. Löwenstein und seine Schergen das Massengrab geschaufelt haben. Ueber dreiundzwanzig Leichen und über fünfzig wunde, zu Boden gestreckte Menschenleiber schreitet er ins Parlament, unsäglicher Jammer der Hinterbliebenen gellt ihm nach. Als in Oesterreich das allgemeine Wahlrecht erstritten war, hatte sich in den Reichsratswahlen des Jahres 1907 das jüdische Volk Galiziens wie ein Mann erhöben, um die Ketten abzuschütteln und seine eigene Vertretung zu erlangen. Damals waren die Erbfeinde überrascht und geblendet Von dem heroischen Mut, von dem selbstlosen Jdealismus, mit dem der verhöhnte Kaftanjude vielfach seine Existenz in die Schanze schlug, um nur die politische Mündigkeit zu Erkämpfen {jind der unglaubliche Terrorismus der Gegner vermochte bloß die Hälfte der bewußtjüdischen Mandate zu unterdrücken. Damals verschworen sich die Scnlachzizen und ihre Hintermänner, die Wahl von ZioBisten in Hinkunft unmöglich zu machen. Als vollends der jüdische Klub im Parlamente den ganzen Jammer der galizischen Schandwirtschaft aufzurollen verstand, (als man das polnische Judenelend über die Wiener Ringstraße zu führen wagte, war man pich’ jn Lemberg darüber einig, daß kein Zionist fürderhin jaus galizischen Wahlkreisen faervorgehen dürfe. Der Polenklüb faat’s 'beschlossen, die Statthalterei setzte den Siegel darunter und die Hausjuden wurden zur Durchführung legitimier! So begann das Haupt der Moschkojuden, der Berüchtigte Dr. Löwenstein, die Vergewaltigung des jüdischen Volkes in Szene zu setzen. Es reihten sich Verbrechen an Verbrechen, und Wer die Vorgänge bei den Drohobyczer Wahlen in den Tageszeitungen verfolgte — sie sind an anderer Stelle dieses Blattes ergänzt —, wird .die verzweifelte, ohnmächtige Wut der genarrten Wähler dieser Stadt am Wahltage begreifen können. Dr. Löwenstein sah' die steigende Erregung, er wußte, daß die Qual dieser Menschen, die sieh um ihr Heiligstes betrogen sahen, bis zur Raserei aufgestachelt war, und er ließ nicht locker und er Jagte sie Sn die Gewehrsalven, jn die gefällten Bajonette. Vor Monaten noch1 hat er die Komödie Sn Szene gesetzt, die sich „Enquete Zur Bekämpfung der galizischen „Judennot“ nannte — und jetzt hat er jüdischen Familien die Väter, jüdischen Eltern ihre hoffnungsvollen Kinder geraubt, jetzt hat er darbende jüdische Erdwachsarbeiter zu Krüppeln geschlagen, jetzt hat er eine ganze große Judengemeinde ins tiefste Elend gestürzt. Wehe über Dr. Lövv^enstein, wehe über seinen . Scharfrichter, den Kultuspräsidenten von Drohobycz, wehe über die jüdische St adt, die Jakob Feuerstein in ihren Mauern fürderhin düldet, wehe über das österreichische Parlament, «renn es einen blutbeklebten Mann unter seinem Dache sitzen ließe! Die jüdischen Helden von Drohobycz sind wie Makkabäer gefallen. Wahrlich, zum Himmel schreit die Untat der Volksverräter, die ßo viel blühendes» kostbares Leben, so viel unersetzliche Volkskraft ihren Machtgelüsten opferten. Die Renegaten mögen auf ihren Geldsäcken erzittern, denn das Morden von Drohobycz hat uns ehern zusammengeschmiedet: Blut i s t e i n ganz besonderer Saft! .* ■ Drohobycz, 19. Juni. Der berüchtigte* Wahl-' macher Feuerstein aus Drohobycz hat heute mit hunderten Wahlhyänen, zum Teil fremden Personen, das Wahllokal belagert und in alleinigen Besitz genommen. Der Bezirkshauptmann wurde von den oppositionellen Parteien auf diese Mißbräuche mehrmals aufmerksam gemacht; er verfügte aber gar nichts dagegen, so daß bis Zwei Uhr Nachmittags sehr wenig Wähler der oppositionellen Parteien zur Wahlurne zugelassen wurden; diejenigen, die Einlaß fanden, wurden in unerhörter Weise drangsaliert, jeder mußte dem unter besonderen Schutz des Wahlkommissärs stehenden Feuerstein den Stimmzettel vorzeigen, überdies hat jeder der Vorsitzenden der Kommissionen jeden einzelnen Stimmzettel geöffnet und. gelesen, den oppositionellen Wählern ganz offen mit Repressalien gedroht. Die Wahlzettel wurden den Wählern von den gedungenen Agitatoren aus der Hand gerissen, die abgegebenen Stimmzettel wurden zum größten Teil vor den Augen der Wähler, und der - Vertrauensmänner umgetauscht in die Rockärmel gesteckt; einzelne Wähler wurden im Wahllokal mißhandelt und konnten trotz stundenlangen Wartens die oppositionellen Wähler nicht ins Wahllokol kommen. Dann ließ Feuer stein das Wahllokal für volle zweiStünden absperren und ließ nur seine Wahlhyänen mit den falschen Legitimationen durch die Hintertür herein. Angesichts dessen drängten sich die oppositionellen Wähler und standen in größeren Massen vor dem Wahllokal, auf Einlaß wartend. Mit einemmal wurden mehrere Salven ohne vorherige Ermännung auf Befehl der Kommissäre Lyszkowski und Sebolawski auf die angesammelte Wählermasse abgefeuert, und zwar wurden diese eingekeilt und den Davoneilenden, die sich! retten wollten, wurden Kugeln nachgejagt. Es .blieben ,am Platze 23 Tote, 29 Verwundete liegen. Trotzdem keine Wähler mehr am Platze waren, führte die Kommission die Wahlen mit gedungenen Wahlhyänen, die mehrmals abstymmten, weiter. Die JJezirkshauptmannschaft hat trotz der herrschenden Erregung und Erbitterung den Regierungskandidaten ruhig' wählen lassen. Für das Präsidium der oppositionellen Parteien. * ‘ Dr. Pachtmann. * Die Wiener ^Arbeiter-Zeitung“ schreibt: - „ln Galizien wurde heute geschossen. Es sind eben Wahlen und da geht es in Galizien nach1 alter Sitte nicht ohne einige Tote ab. Man weiß ja, wie in Galizien gewählt wird. Selbst in Krakau weigert sich! der Bürgermeister Dr. Leo, die Stimmzettel zur Stichwahl zuzustellen, und will sie den Wählern erst bei der Wahlurne zustellen. Noch ärger frieb man es in Drohobycz. Falsche Legitimationen wurden im Bürgermeisteramt für die Wahlhyänen des Regierungskandidaten Dr. Löwenstein verwahrt, die Wahllokale waren von den Agitatoren Löwensteins besetzt und> damit man ganz sicher gehe, wurden die oppositionellen Wähler überhaupt nicht zur Wahl zugelassen. Militär zu Fuß und zu Pferde umgab in großem Bogen das Amtshäus, in dem die Wahl stattfand, und wer zur Wahl wollte, wurde erst auf Herz und Nieren geprüft, ob er auch ein verläßlicher Wähler sei. So wurde das Volk gereizt, und als. das Maß voll war und als sich: die um ihr ®»ürgerrecht betrogenen Wähler mit Stöcken und Steinen gegen die Bajonette zur Wehr setzten, da krachten fünf Salven. Herr Dr. Löwenstein war gewählt. Zwölf Wähler wurden erschossen — nach einer anderen Version sind es gar achtzehn oder noch mehr arme jüdische Wähler von Drohobycz, - die auf diese JVeise von dem Irrglauben bekehrt werden mußten, daß man jemanden anderen wählen dürfe als den Dr. Löwenstein, die Zierde des Polenklubs. Ein Dutzend Wähler wurden erschossen, weil Herr Dr. Löwenstein nicht anders in das Parlament kommenkonnte. Und einige Dutzend Wähler werden als Krüppel dahinsiechen, weil sie [nicht davon abzubringen waren, daß das Wahlrecht ihnen auch' das Recht gebe, einen anderen zu wählen als Herrn Dr. Löwenstein, den Advokaten des Polenklubs, den Erwählten der Regierung. Mit Blut ist die Geschichte der Emanzipation der Völker in Galizien geschrieben. Nun