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Jüdische Zeitung · 1911-06-16 · 24 (16.6.1911) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr: 24 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Prof. Redlich mag auf seinen Erfolg stolz ■sein! Wir beneiden ihn nicht darum, weil wir (wissen auf (welche Art er zustande kam. Bekanntlich hat es der Kultusvorstand von Göding, •Dr. Ludwig Körner verstanden, seine Amtskollegen im Wahlbezirke zu der Meinung zu bekehren, daß es die vornehmste Pflicht eines Kultusvorstehers sei, sich für die Wahl eines Renegaten, der dem Dr. Geßmann mehr als gefällig ist, einzusetzen. Dem Einflüsse dieser •Herren ist es zuzuschreiben, daß von den 11 CO Juden des Wahlbezirkes 685 sich herabwürdigten, Prof. Redlich zu wählen. Von den restlichen 1560 (christlichen Stimmen, die Redlich erhielt, entfallen auf Göding und Lundenburg allein 759, beziehungsweise 49-1 Stimmen. Besonders interessant mag der Umstand sein, daß sich die Gödinger Stimmen auf drei Nationen verteilen, nämlich auf Deutsche (inklusive derjenigen mosaischer Konfession), Tsche- •chen und Magyaren. Die Vertreter der beiden letzteren Nationen sind nämlich Arbeiter der •Fritz Redlichschen Zuckerfabriken und wurden •als solche natürlich in die deutsche Wählerliste aufgenommen. Leider wurde die Kandidatur Lu- •cian Brunners erst zu einem Zeitpunkt bekannt, als die Rekursfrist abgelaufen war. Nichtsdestoweniger wurden noch einige Zuckerfabriksbeamte, im Alter von 19—21 Jahren, von der politischen Behörde, ohne Anhörung der Gemeinde, gestrichen. Die Legitimationen für die Redlichschen Arbeiter wurden in der •Kanzlei der Zuckerfabrik abgegeben. Dorthin wurden die Arbeiter •einzeln berufen und ihnen mitgeteilt, daß sie wählen könnten, wen, sie wollten. „Nur zu ihrer Bequemlichkeit“ sei eine Stampiglie mit dem Namen des Prof. Redlich vorbereitet. Natürlich haben -dann alle Leute nolens volens diese Stampiglie auf ihren Stimmzettel darauf drücken müssen. Im Wahllokal selbst hatte Prof. Redlich einen mächtigen Anhang. Der Wahlkommissär, Bürgermeister Dr. Mayer (Advokat der Gödinger Zuckerfabriken) erlaubte nämlich jedermann den •Aufenthalt im Wahllokal, insolange die Ruhe nicht gestört werde. Von dieser Erlaubnis machten die Agitatoren Redlichs den nützlichsten Gebrauch. Sehr häufig sah man einen Gemeindebeamten, Wie er in einer Ecke des Saales bereitwilligst die Redlichstampiglie in Tätigkeit setzte. Nie haben wir die Richtigkeit des Satzes „Wes Brot ich eß, des Lied ich sing“ eindringt licher empfunden, als bei der Wahrnehmung dieser Szenen, die den Ekel und die Empörung in gleichem Maße hervorriefen. Man muß noch erwähnen, daß in letzter ■Stunde ein mit „Iwri onauchi“ gezeichneter Flugzettel erschien, der, reichlich tnit Zitaten in hebräischer Sprache versehen, versuchte, für Redlich Stimmung zu machen. Wir werden nicht verabsäumen, den Verfasser dieser unerhörten Schamlosigkeit ausfindig zu machen, um ihn vor den Augen der jüdischen Oeffentlichkeit zu brandmarken. Die aufrechten Juden, welche für Brunner stimmten, haben keine Ursache zur Resignation. Denn es ist unzweifelhaft, d.aß der Kampf, den unsere Gesinnungsgenossen mit Auf- •opferung geführt haben, einen großen, moralischen Erfolg gezeitigt hat. Wir danken Lucian Brunner, daß er durch seine Kandidatur 415 jüdischen Wählern die Schmach erspart hat, einen Mann von den politischen Qualitäten Prof. Redlichs zu wählen. Der Boden ist geackert, die Ernte wird nicht ausbleiben. * Am 15. d. M. kamen in Lundenburg die Vertrauensmänner des Gödinger Wahlkreises zusammen, um über die Stellungnahme zu der Stichwahl 'zwischen Redlich und Primavesi zu beraten. Der Beratung wohnten für den Natioiialverein Dr. Jakob Ehrlich und Dr. Egon Z re i g bei, außerdem war Gg. Max H i c k e 1 aus Brünn anwesend. Die Versammlung beschloß, den Gesinnungsgenossen die Abgabe leerer Stimmzettel zu empfehlen. — Uebrigens ist Primavesi, zufolge eines am selben Tage in Brünn .abgeschlossenen Kuhhandels, zugunsten Redlichs zurückgetreten. Parteinachrichten. Die Alliancewahlen. Die „N. J. K.“ berichtet: Wie uns mitgeteilt wird, hat die überwiegende Mehrheii der Alliancemitg'ieder in Deutschland für die Liste der Deutschen Konferenzgemeinschaft gestimmt. Das ist auch in denjenigen Orten geschehen, wo das Pariser Zentralkomitee einen besonderen Anhang Reinachs vermutete. Das endgültige Wahlresultat aus allen Ländern wird erst in einigen Wochen bekannt sein. Es Wird jedoch jetzt schon damit ge-\ rechnet, daß Reinach infolge der nichts weniger als einwandfreien Wahlmanipulationen, namentlich im Orient, „gewählt“ ist. Aufgabe der D. K. G. wird es sein, jenen sonderbaren Wahlmachenschaften näher nachzugehen und mit aller Entschiedenheit dahin zu wirken, daß nur die wirklich rechtmäßig abgegebenen Stimmen als gültig anerkannt werden. Bei den jüngsten Alliancewahlen erhielt die Liste der Deutschen Konferenzgemeinschaft von etwa 7000 beim deutschen Büro eingegangenen Stimmen 6024. Auf die Pariser Liste entfielen nur 930 Stimmen, davon wurden in Nürnberg 520 und in Frankfurt a. M. 160 abgegeben*. Außerhalb dieser Orte und Mannheims hat also die Pariser Liste eine größere Zahl von Votanten nicht einzuziehen vermocht. In Frankfurt a. M. sind infolge des Vorgehens des Lokal-, komitees, das sich völlig unberechtigterweise weigerte, die Berliner Stimmzettel anzunehmen, überhaupt nur 240 Stimmen abgegeben worden, davon SO auf die Berliner Liste. Von 111 in Berlin abgegebenen Stimmen erhielt Herr Reinach nur 5! in Holland haben sich von etwa 900 Wählern nur etwa 300 für Paris entschieden, auch in Antwerpen erhielt die deutsche Liste die große Mehrheit, ebenso in St. Gallen. Die Alliance zählt etwa 22.000 Mitglieder. Da bei so umständlichen Wahlen erfahrungsgemäß höchstens 50—60 Prozent der Wähler von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen, so müßte nach menschlichem Ermessen die Berliner Liste durchgedrungen sein. Jedenfalls hat die D. K. G. bei diesem Abstimmungsverhältnis die doppelte Pflicht, pich nicht durch die in Saloniki und anderen Orten vorgekommenen Wahlmachensclyaften um die Früchte ihrer Arbeit bringen zu lassen. Krise in der A. J. K. O. Aus Berlin meldet man der „N. J. K.“: Der Vorsitzende des Vorstandes der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation (A. J. K. O.), Herr Dr. Ginsburg, hat aus Gesundheitsrücksichten sein Amt niedergelegt. Es ist zunächst nicht abzusehen, wie die A. J. K.\ |Ö. die so entstandene Krise überwinden wird. Dies dürfte umso schwieriger sein, als, wie uns aus guter Quelle berichtet wird, die Bemühungen des Geschäftsführers Dr. Nossig, Londoner jüdische Kreise zur Bereitstellung von Geldmitteln für die projektierte Parzellierungsbank zu gewinnen, als gescheitert zu betrachten sind» Rußland und die amerikanischen Juden. Aus London schreibt man der „N. J. K.“: Durch die gesamte europäische Presse ging dieser Tage die Nachricht, die russische Regierung habe sich auf die energischen Vorstellungen der Vereinigten Staaten endlich dazu verstanden, die Paßbeschränkungen gegen amerikanische Juden, die Rußland zu geschäftlichen Zwecken besuchen, aufzuheben. Wie nun der „Times“ von ihrem Washingtoner Korrespondenten berichtet wird, ist diese Zeitungsmeldung durchaus unzutreffend. Das Staatsdepartement in Washington setzt der auch von einigen amerikanischen Tageszeitungen übernommenen Notiz ein kategorisches Dementi entgegen und erklärt, daß ihm Von irgendwelchen Konzessionen der russischen Regierung gegenüber den amerikanischen Forderungen absolut nichts bekannt sei. Aus dem jüdischen Leben. Arabische Ueberfätte auf eine jüdische Kolonie in Palästina. Aus Haifa geht der „N. J. K.“ über die Ueberfälle von Arabern auf eine jüdische Kolonie folgender Bericht zu: Das gefährliche Spiel, das manche Reaktionäre in Palästina und Syrien aufgenommen haben, um Unruhen im Lande hervorzurufen und hn Trüben fischen zu können, beginnt Erfolge zu zeitigen. Vor einigen Monaten wurde der Deutsche Fritz Unger, eines der angesehensten Mitglieder der deutschen Gemeinde in Haifa, vor den Augen des deutschen Konsuls in Haifa und einiger höherer türkischer Beamten von Fellachen erschossen. Kurz darauf wurde ein deutscher Oberlehrer, der ruhig in Haifa spazieren ging, von einem arabischen Individuum überfallen und durch einen Messerstich so gefährlich verletzt, daß er Palästina verlassen mußte, um in Deutschland Heilung zu suchen. Seit dieser Zeit mehren sich im Distrikte Nazareth-Haifa die Ueberfälle, denne schon mehrere Menschenleben zum Opfer gefallen sind. Die Lokalbehörden geben sich mitunter Mühe, die traurigen Vorfälle zu verhindern; was nützt dies aber, wenn die Verhetzung andauert und die friedlichen Bauern, die noch nicht erfaßt haben, was der neue konstitutionelle Zustand bedeutet, irregeführt werden. Vor einigen Wochen wurde in der Nähe einer jüdischen Kolonie ein Wächter erschossen und bald darauf ein alter Kolonist schwer verwundet. Am 25. Mai überfielen wieder 10 Fellachen aus dem Dorfe Solem bei Nazareth einen. Wächter der Kolonie Phule und schossen mehreremale auf ihn. Der Ueberfallene verteidigte sich in der Notwehr und traf mit einem Revolverschuß einen seiner Angreifer. Die Polizei aus Nazareth und Haifa intervenierte sofort, um den in solchen Fällen gewöhnlich ausbrechenden Streit zwischen den Nachbardörfern zu verhindern. Radikale Abhilfe wird jedoch nur dann geschaffen werden können, wenn der gefährlichen provokatorischen Arbeit und der Verhetzung der einheimischen Bevölkerung gegen die Europäer ein Ende gemacht wird. Hoffentlich gelingt dies der Regierung, die doch das ernste Bestreben hat, Ruhe und Frieden im Lande aufrecht zu erhalten. Proteste von Arabern gegen die antizionisti-v sehen Reden in der türkischen Kammer. Aus Jerusalem berichtet man der „N. J. K.“: Die beiden Kammerdeputierten von Jerusalem, Ruhi Bev und Said Bey, erhielten aus Die Böhmische Industrial-Bank-Filiale in Wien» I., Wipplingerstr. 2 Telephonimminerii 23067,23068,23069, 18347,2181S — Aktienkapital K 30,000000.— besorgt sämtliche Bank- und Wechselstubengeschäfte All ö und verzinst die Einlagen auf Einlagsbücher mit 14 0 - -■ Die Rentensteuer trägt die Bank aufs Eigene. ■ -

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