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Jüdische Zeitung · 1911-06-16 · 24 (16.6.1911) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 24 Versammlungsteilnehmer setzten sich jedoch zur Wehr und jagten die Einbrecher davon. Aehn- Iiche Exzesse veranstaltete derselbe Korkes auch in S t a n i s 1 a u, wo unser Gesinnungsgenosse Dr. Oerson Zipper einen aussichtsreichen Wahlkampf führt. Auch dort überfiel Korkes mit ungefähr 100 Strolchen, die ihm von den Moschkos zur Verfügung gestellt worden waren, eine zionistische Versammlung, deren Teilnehmer blutig geschlagen und mit Steinen beworfen wurden. Schwer verletzt wurde Dr. Maier, dem die Raufbolde das Nasenbein brachen. Nur mit Hilfe der Polizei gelang es, die gewalttätige Gesellschaft zu entfernen, worauf eine Zweite von mehr als 2000 Wählern besuchte Versammlung stattfand, in welcher die Kandidatur Dr. Z i p p e r s unter stürmischem Jubel der Versammlung einhellig genehmigt wurde. Die Wahlaussichten S t a n d s und Zippers sind Ssehr günstig, es ist mit Bestimmtheit Izu erhoffen, daß beide Gesinnungsgenossen aus dem Wahlkampf siegreich hervorgehen werden. Auch in einigen anderen ostgalizischen Wahlkreisen, in welchen die Wahlen bekanntlich erst *am 19. d. M. stattfinden, stehen unsere Gesinnungsgenossen in einem aussichtsreichen Kampfe. * Charakterfestigkeit. Die Sonntagsnummer der liberalen Wiener Tagesblätter brachte die Liste der „Deutschfreiheitlichen Kandidaten für Wien“. Diese Liste und die Aufzählung der Namen der Mitglieder des Zentralwahlkomitees enthält viele interessante Dinge. Daß Kamillo Kuranda in dieser Liste als „de utschfreihei11 icher“ Kandidat Erscheint, ist zumindest erwähnenswert, da doch die ganze Wahlarbeit der Oes. Isr. Union sich diesmal auf die Reklame für Kuranda beschränkte und dieser konsequente Verein bekanntlich der Welt einreden will, er bekämpfe die Deutschfreiheitlichen. Interessant ist auch die Empfehlung des Dr. Wilhelm Neumann als Kandidaten für das Parkviertel. Dieser Mann ist bekanntlich neben Dr. v. Fürth bei den letzten Gemeinderatswahlen wegen seines Abfalles vom Judentumvom dz. Gemeinderat Max Frank bekämpft worden und ist auch durchgefallen. Zu unserer Verwunderung lesen wir aber unter den Namen derjenigen, welche Dr. N e u m a n n empfehlen, auch Herrn Max Frank. Daß er Schriftführer, der früher genannte Dr. v. Fürth Obmann-Stellvertreter des Wahlkomitees ist, erhöht nur die Heiterkeit. Herr Max Frank ist also wahrhaftig ein unerschütterlicher, ehrenwerter Politiker! Audi zwei andere Namen von Komiteemitgliedern wird man sich gut merken müssen: Edmund Melcher und Professor Leopold Königstein. Dieses W,ahIkomitee hat auch für den Wahlkreis Währing I, „um nicht die Zersplitterung der Stimmen zu steigern“, von der Aufstellung eines Kandidaten neben Dr. Leopold Waber Abstand genommen. Dr. Leopold Waber ist nämlich deutschnationaler Antisemit, es ist also selbstverständlich, daß die Herren Frank, Königstein und Meicher sich zu dieser kleinen Aufmerksamkeit verpflichtet fühlten. In einer Mittlerversammlung Erlauschtes. Der Kampf zwischen Dr. Ofner und Dr. Mittler hat sich' bekanntlich, im Gegensatz zur berüchtigten Kampfesweise der Zionisten in äußerst ritterlichen Formen abgespielt. Wir empfinden es jmit tiefem Schmerze, daß es uns noch nicht gelungen ist, uns zu diesen Höhen der Gesittung emporzuschwingen. Zu Nutz und Frommen unserer erziehungsbedürftigen Gesinnungsgenossen seien einige Redewendungen aus der wahrhaft chevaleresken Polemik derer um Mittler wiedergegeben, wie sie in der am 10. d. M. im Hotel „Continental“ stattgefundenen Versammlung erlauscht wurden. Nachdem Dr. Mittler persönlich in zweistündiger Rede die Vorzüge Dr. Ofners in höchst schmeichelhafter Weise behandelt hatte, trat dessen Primadonna, Dr. Jolles (ein aus Galizien stammender Germane), auf den Plan. Er erklärte unter stürmischem Beifall, die Freiheitlichsozialen, die es gewagt hätten, dem Donauklub, diesem „wahren Patrizier- und Gentlemenklub“, Konkurrenz zu machen, als „den jüdischen Bastard der antisemitischen Partei und als Unkraut, das rücksichtslos äusgerissen werden müsse“ (Zwischenrufe: Sehr richtig! Ausgerissen sollen sie werden!). Den Höhepunkt der Begeisterung aber erklomm die Versammlung, als ein späterer Redner den freiheitlichsozialen zu den. vielen, von ihnen geführten Firmen taxfrei einen neuen Titel verlieh, indem er sie als die „Partei der wahren, Saujuden“ bezeichnete. Ein dritter Redner erklärte, Dr. Mittler sei für die Leopoldstadt so unentbehrlich, daß man ihn dort anbinden müsse. (Zwischenruf eines tollkühnen Ofncrianers: So ist es! Binden soll man ihn!) Die handfesten Ordner aber taten ihre Pflicht, der Mann flog hinaus und mit diesem Knalleffekt schloß die erhebende Versammlung. Wieder ein besserer Kultus- Vorsteher, Bekanntlich hat der Jüdische Nationalverein den Gesinnungsgenossen empfohlen, überall dort, wo die Wahl eines der aufgestellten Kandidaten bei der Hauptwahl untunlich erscheint, die Stimmzettel mit dem Namen des Vereinsobmannes Dr. Jakob Ehrlich auszufüllen. Unter anderem ist diese Parole auch unseren Gesinnungsgenossen in Olmütz und Proßnitz zugegangen, was das in Olmütz erscheinende „Mährische Tagblatt' in einem, offenbar aus der Feder des Kultuspräsidenten Dr. Jakob Eben, herrührenden Artikel „aufs Entschiedenste verabscheut“. Ist es wirklich so verabscheuungswürdig, verehrter Herr Kultusvorsteher, wenn einige selbstbewußte Juden erklären, daß sie dem sogenannten deutschfreiheitlichen, in Wirklichkeit aber antisemitischen Deutschen Nationalverband nicht blindlings Gefolgschaft (zu leisten gewillt sind? Und ist es nicht eine bewußte Unwahrheit, wenn Sie behaupten, daß „hier seit Beginn unserer konstitutionellen Aera ungetrübte Eintracht zwischen den Deutschen aller Konfessionen (!) herrscht?“ Und ist es nicht eine lächerliche. Denunziation, wenn Sie behaupten, daß - w i r den Frieden stören? Von /den antisemitischen Frechheiten des Deutschnationalen Verbandes haben Sie wohl noch nie etwas gehört? Sie haben allerdings Recht, wenn Sie behaupten, daß der „plötzlich aufgetauchte Kandidat“ nicht die geringste Aussicht hatte, bei der Wahl durchzudringen. Wenn Sie aber daraus weiter schließen, daß seine Namhaftmachung deshalb „ve r w er f 1 i ch“ gewesen sei, können wir Ihnen nur mit unserem Freunde Robert Stricker antworten, daß die Chance ausschlaggebend sein kann für einen Turfschwindler und Kartenspieler, nicht aber für einen ehrlichen Mann, der seinen Stimmzettel so ausfüllt, wie es seine Ueberzeugung gebietet. ^^^^Wlbfiwähite Nahrung liliLlluiÜLiila für gesunde u. kranke Kinder sowie Magenleidende. Verhütet ubeseitigt Brechdurchfall. Diarrhoe. Darmkatarrh. Preis per Dose K 1.80,erhältlich in jeder Drop-Apotli Der Kampf ge?en den Renegaten Redlich. Der jüdische Nationalverein hat es sich' zur Aufgabe gestellt, den Wahlkreis Nikolsburg-Göding von dem Renegaten Dr. Josef Redlich zu säubern. Es war dies. kein leichtes Beginnen, denn die Familie Redlich ist in diesem Wahlkreise reich' begütert, ihr Einfluß ist groß und der Wahlwerber Redlich hat seine Zeit, soweit die Christlichsozialen sie nicht in Anspruch nahmen, dazu benützt, Söhnen und Schwiegersöhnen seiner Landsleute kleine Gefälligkeiten zu erweisen, die Dankbarkeit er- {heischen. Aber es stand doch zu erwarten, daß die jüdische Wählerschaft erkennen wird, mit welcher Schmach sie sich bedeckt, wenn sie den Abtrünnigen, den Bundesgenossen der Christlichsozialen zu ihrem Abgeordneten erwählt. Allein man unterschätzt eben immer noch die verheerende Wirkung der Assimilation und man wird sich, Wenn auch schweren Herzens, damit abfinden müssen, daß die Generation der Alten nicht mehr besserungsfähig ist. Im Anfang der Wahlbewegung hat die Judenschaft dieses Wahlkreises die Kandidatur des jüdischen Wahlwerbers mit viel Enthusiasmus aufgenommen; viele Kultusvorsteher und Bürgermeister der autonomen Judengemeinden waren sich ihrer Pflicht bewußt und gaben der Wählerschaft ein schönes Beispiel. Da griff der Renegat ein und was er tat, konnte natürlich für die Judenschaft nicht ehrenvoll sein. Er veranlaßte einen seiner Wahlmacher, den Kultusvorstarid Kö rner in Göding, seine Standeskollegen zusammenzürufen und unter Anwendung allen Hochdrucks kam schließlich ein Aufruf jüdischer Kultusvorsteher zustande, der, an die jüdische Wählerschaft gerichtet, die Wahl des Renegaten Redlichs empfahl. Abeies, CtwrniCek, Kohn und Rebenwurzel erklären, „sich das deutsche Nationalbewußtsein nicht nehmen zu lassen. Der jüdischnationale Standpunkt sei im Osten des Reiches und an den Hochschulen am Platze, in Mähren widerspreche er der mehr als hundertjährigen Tradition“. Das ist eben Renegatenmoral! Aus Rücksicht für den Renegaten sollen die Juden ihr Volkstum im Stiche lassen, den deutschen Antisemiten aus Tradition Henkersdienste leisten und ihre eigenen Brüder idem Hasse der im Lande dominierenden Gegner preisgeben. Das Pamphlet stammt aus der Feder Redlichs und ist von 17 jüdischen Repräsentanten gefertigt; es wird einen Schandfleck bilden in 4er Geschichte der Juden Mährens. Die .Wahlbewegung zeitigte überhaupt ganz sonderbare Blüten. Da wendet sich in einer Flugschrift ein Mann an seine jüdischen Glaubensgenossen des V. mährischen Wahlkreises und, reichlich mit hebräischen Zitaten gespickt, erbringt er den unwiderleglichen' Beweis, daß die jüdische Nation leider schon 2000 Jahre nicht mehr existiert. Nur eine Religion bestehe noch, und Tausende starben für die Thora. Also möge man Redlich wählen, der Religion und Thora verlassen und die Christlichsozialen zu seinen (Genossen erkoren hat. Der Pamphletist erdreistet sich, den empörenden Stumpfsinn seines lächerlichen Machwerkes mit dem Worte „Iwri Onauchi“ zu fertigen. Schmählicherer Mißbrauch wurde mit diesem stolzen Worte wohl noch nie getrieben. Die Auswüchse der Assimilation Mährens werden wir nicht besser brandmarken können, als durch wortgetreue Wiedergabe dieses Pamphletes. Unsere Freunde werden ermessen können, welche Unsumme von Arbeit erforderlich ist, um diesen Augiasstall zu säubern. Der Wahlkampf hatte aber auch erfreuliche Momente, und wir sind stolz auf unsere 400 Gesinnungsgenossen, die, allen Gewalttätigkeiten trotzend, ihre Stimmen auf unseren Wahlwerber vereinigt haben. Zur Regenerierung der mährischen Juden ist der Grund gelegt; es wird dafür gesorgt werden, daß sich darauf ein stolzer Bau erhebe. J- Von einem Wähler, wird uns geschrieben: So wäre es denn den äußersten Anstrengungen der Red lieh-Clique gelungen, auf Prof. Re dl ich die höchste Anzahl von Stimmen zu vereinigen, welche auf die Kandidaten des V. deutsch-mährischen Wahlkreises entfallen sind. Es wurden abgegeben: Für den „deutschfreiheitlichen“ Kandidaten Prof. Redlich 2240 Stimmen, für den Deutschnationalen Primavesi etwa 1200 Stimmen, für den Sozialdemokraten Ko hn .gegen 950 Stimmen, für den, Christlichsozialen Pegrisch 600 Stimmen, für den Jüdischnationalen Lucian Brunner 415 Stimmen. Es kommt daher Prof. Redlich itnit Bezirksrichter Priraavesi in die Stichwahl.

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