Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 24 (16.6.1911)
- Date
- 1911-06-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 24 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Korrespondent der „Welt“ Salomon Kaplan eifrig für Austerlitz Stimmung machte. Ob es mit der Stellung des Korrespondenten der „Welt“ vereinbarlich ist, gegen den offiziellen jüdischnationalen Kandidaten eineh Mann zu unterstützen, der den Zionismus unzähligemal besudelt hat, darüber wird wohl noch an einer anderen Stelle gesprochen werden. Jüdischnationale Wahlerfolge. Im Wahlbezirk Czernowitz I wurde der bisherige Obmann des Jüdischen Klubs Di*. BENNO STRAUCHER mit grosser Majorität wiedergewählt. Er erhielt von 5810 abgegebenen Stimmen 3290; ADOLF WALLSTEIN (deutschfortschrittlicher Jude*) blieb mit 1188 Stimmen, der Sozialist IPPEN mit 1084 Stimmen in der Minderheit. Im Wahlbezirk RADAUTZ kommt unser Gg. LUCIAN BRUNNER in eine aussichtsreiche Stichwahl gegen den Christlichsozialen HRUSCBKA. BRUN¬ NER erhielt von 5477 abgegebenen Stimmen 2074, flRUSCHKA 2484, Dr ARTHUR MAHLER 749 Stimmen. Wie diese Ziffern nachweisen, wird es das ausschließliche Verdienst Brunners sein, wenn dieses Mandat den Christlichsozialen entrissen wird. Alle Ausstreuungen, welche das Eingreifen Brunners in den Wahlkampf als Gefährdung des Mandats hinstellten, waren somit Wahlmanöver.; * Aus Czernowitz erhalten wir folgendes Telegramm vom 14. d. M.: Ei ne im jüdischen Festsaale soeben tagen.de große Versammlung der jüdischen Nationalpartei in Czernowitz hat den einstimmigen Be- Schluß gefaßt, die Kandidatur Brunners bei der Stichwahl aufs kräfste zu unterstützen, Agitationsreisen zu diesem Zwecke zu unternehmen und alles an zu wenden, um ihm zum Siege zu verhelfen. Gleichzeitig werden alle Parteifreunde der drei Städte für morgen nach Czernowitz berufen, um gemeinsam die Aktion e i n z u I e i t e n.. Doktor Straucher. Fraenkl. Süß. * Nach Auflösung des Reichsrats war Herr Dr. Artur Mahler politisch obdachlos ge^ worden. Durch die Wellen der jüdischnationalen Begeisterung bei den letzten Reichsratswahlen in die Höhe getrieben, war er in der Stichwahl durch die Stimmen der Ruthenen im Landgemeindenwahlkreis Trembowla zum Abgeordneten gewählt Worden. Seine jüdischen Wähler waren für ihn mit Begeisterung in den Wahlkampf gezogen, unbekümmert um die Drangsalierungen der Bezirkshauptleute und polnischen Machthaber: Doktor Mahler aber setzte seinen Stolz drein, Gast des Herrn Dzieduszicki zu sein. Die Ruthenen waren ihm wertvolle Bundesgenossen gewesen, er verletzte sie aber aufs tiefste durch sein wiederholtes! Werben um die Gunst des Polenklubs. Als radikal-oppositioneller Abgeordneter war er ins Parlament geschickt worden, bei den Abstimmungen über das Budget fehlte er aber im Hause, um nicht gegen die Regierung stimmen zu müssen, und als das Abgeordnetenhaus vor der Auflösung stand, warnte er die Regierung im „Neuen Wiener Tagblatt“ vor dieser Maßregel — weil ihre Folge die Wahl von radikaloppositionellen Abgeordneten sein würde. Ebenso jwie er sich als Politiker nicht verläßlich gezeigt hatte, ebenso unverläßlich war er als Parteigenosse. Von dem Bestreben geleitet, sich mit den offiziellen Wiener Israeliten, die (sich doch bei jeder Gelegenheit als Todfeinde des Nationaljudentums gezeigt hatten, in ein freundliches Verhältnis zu setzen, hielt er sich demonstrativ von allen Aktionen seinen Wiener Parteigenossen fern. Während der verstorbene Abgeordnete Gabel an die Spitze des Nationalvereins trat, die Abgeordneten Stand und Straucher jede Gelegenheit benutzten, um ihren politischen Freunden werktätig zur Seite zu stehen, suchte Doktor Mahler die politische Gesellschaft zionistischer Renegaten und zweifelhafter politischer Agenten auf, wodurch auch sein persönlicher Verkehr mit den Parteigenossen »naturgemäß leiden mußte. Bei den vorletzten Kultusgemeindewahlen machte er sich eines argen Disziplinbruches schuldig, bei den letzten Kultusgemeindewahlen trat er in einer offiziellen Versammlung auf, um — ein Märchen über die Alliance Israelite aufzutischen und sich eine gründliche Abfuhir zu holen. Daß aber in Wien eine starke Opposition in Befolgung der vom zweiten Zionistenkongreß ausgegebenen Parole gegen die Kahalclique einen schweren Kampf führe, davon wußte dieser zionistische Abgeordnete nichts zu erzählen und hielt sich von dem Kampfe vollständig ferne. Auch bei den letzten Landtagswahlen in der Leopoldstadt übte er geradezu ostentative Abstinenz. Die Schänkerfrage schien ihn nicht zu berühren; die Unterbringung und Verpflegung der Schänker in Wien war nicht seine Sorge. lAllerdings bei ihrem Empfange hielt er anr Bahnhof eine Rede und in Wien marschierte er an der Spitze des Zuges. So war es nur eine) natürliche Folge seines Verhaltens, daß er nach Auflösung des Hauses von der ganzen Partei entschieden abgelehnt wurde, nachdem ihm auch in der letzten Sitzung der Reichsexekutive das Vertrauen nicht ausgesprochen worden war. Nach Auflösung des Hauses stand er geradezu außerhalb der Partei. Das zionistische Zentralwahlkomitee Lemberg stellte ihn als Kandidaten nicht mehr auf und eine selbständige Wahlbewerbung in einem galizischen Landgemeindenwahlkreis erschien;ihm. infolgeder erbitterten Gegnerschaft der Ruthenen unmöglich. So schickte er denn den Sekretär der Oe s t.- 1 s r. Union als seinen Vertrauensmann in die Bukowina, damit dieser ihm das Städtemandat Suczawa-Sereth verschaffe. Der Sekretär der „Union“, jenes Vereines, welcher gegen die jüdische Kurie in der Bukowina intriguiert hatte, als Vermittler eines ehemaligen zionistischen Abgeordneten in der Bukowina! Statt sich mit der Jüdischen Nationalpartei der Bukowina ins Einvernehmen zu setzen, betrat er einen Weg, der Shn niemals zum Erfolg führen konnte. Die politische Laufbahn Mahlers in der jüdischnationalen Partei, die zweifellos sehr verheißungsvoll begonnen hatte, hat also kein rühmliches Ende genommen. Er ist ein Opfer seiner Opportunitätspolitik geworden, für welche in der aufstrebenden, .nationaljüdischen Partei kein Platz ist. Doktor Artur Mahler war zweifellos berufen, in unserer Organisation eine führende Rolle zu spielen und erfreute sich im Beginn seines Auftretens vieler Sympathien. Seine Parlamentsrede in der Universitätsdebatte war gewiß eine anerkennenswerte Leistung. Umso bedauerlicher ist es, daß er sich mit falschen Ratgebern umgab, die ihn planmäßig seiner Partei entfremdeten. Reichsratswahl in Tarnow. ln Tarnow erhielt unser Gg. Dr. Malz 1194 Stimmen und wäre fast mit dem allpolnischen Kandidaten T e r t i l in die Stichwahl gekommen. Dieser Erfolg ist umso bedeutungsvoller, als bei den letzten Reichsratswahlen die Zionisten in den von den Polen vollständig beherrschten westgalizischen Bezirken überhaupt keine Kandidaten aufgestellt batten, und er eröffnet gute Aussichten für den Wahlkampf in Ostgalizien. Aus der Wahlbewegung. Wahlschwindel in Drohobycs und Brody. ln Drohobycs herrscht eine fürchterliche Erbitterung und man muß jeden Augenblick darauf gefaßt sein, daß es zum Blutvergießen kommt. Die oppositionellen Parteien sind entschlossen, dem Wahlschwindel, der von den Behörden zugunsten des Regierungskandidaten Dr. v. Löwenstein betrieben wird, unter allen Umständen ein Ende zu setzen. Die Bezirkshauptmannschaft hat über Veranlassung des Regierungskandidaten Dr. v. Löwenstein zirka 1400 Wähler nachträglich in gesetzwidriger Weise in die Wählerliste eingetragen. Hievon sind etwa 1000 Tote oder überhaupt nicht Existierende, Abgestrafte und Minderjährige festgestellt, und trotzdem hat die Bezirkshauptmannschaft die Reklamationen gegen diese Eintragungen als unbegründet zurückgewiesen. Als Unikum sei hervorgehoben, daß im Drohobycser Wahlkreise auch Frauen wahlberechtigt sind. Auf eine Reklamation hin entschied die Bezirkshauptmannschaft, daß es nicht nachgewiesen wurde, daß beispielsweise die Lea R. eine Frau sei und daß sie daher wahlberechtigt ist. ln einer Strohhütte, die einen Flächenraum von 28 mhat, wohnen nach der Wählerliste nicht weniger als 68 Wähler. Selbstverständlich werden auch die Legitimationen zum größten Teile nicht den Wählern ausgefolgt, sondern den Agitatoren des Regierungskandidaten übergeben. Vertrauensmänner der oppositionellen Parteien werden in die Wahlkommissionen nicht zugelassen. Heute spricht wegen dieser Vorfälle eine Deputation christlicher und jüdischer Wähler aller Parteirichtungen beim Minister des Inneren vor und wird energische Maßregeln zur Hintanhaltung dieses behördlichen Wahlschwindels verlangen. * Aus Brody wird uns telegraphiert: Das Wahlkomitee des Dr. Kolischer in Brody hat seit einigen Tagen im Gemeindeamt sein Agitationslokal eingerichtet, lockt unter dem Vorwände, den Wählern Wahllegitimationen im Gemeindelokale einhändigen zu wollen, die Wähler ins Wahllokal und kauft dort gegen Zahlung von 10 K und Versprechung von weiteren 30 K die Stimmen zugunsten Kolischers. Alle Proteste bei den Lokalbehörden sind erfolglos. W ir ersuchen den Jüdischen Nationalverein, beim Ministerium zu erwirken, daß das Gemeindeamt seine Autorität als Behörde nicht zu Korruptionszwecken mißbraucht, den öffentlichen Stimmenkauf im Gemeindeamt sofort einstellt, daß die gekauften Legitimationen den verleiteten Wählern zurückgegeben werden und gegen die schuldtragenden Organe sofort die Untersuchung eingeleitet werde. •* Sozialistische Gewalttätigkeiten in Galizien. Die Aufstellung Adolf Stands als Reichsratskandidaten in Lemberg 111, welcher Bezirk bisher durch Dr. Diamant vertreten war, hat die galizischen Sozialdemokraten in einen Zustand wilder Raserei versetzt. Bei den letzten Reichsratswahlen hatte in diesem Bezirke der Zionist Markus Braude fast 1000 Stimmen bekommen, und nur durch die aufopferungsvolle Arbeit unserer Gesinnungsgenossen ist Dr. Diamand bei den Stichwahlen gegen Schmelke v. Horowitz gewählt worden. Zum Dank für diese Wahlhilfe überfallen aufgewiegelte sozialistische Arbeiter im Bunde mit den Wahlhyänen der Moschkos zionistische Wähler und mißhandeln sie aut der Straße und in öffentlichen Versammlungen. Vor einigen Tagen arrangierte ein gewisser Dr. Korkes mit einer Bande betrunkener Hooligans einen Ueberfall auf eine zionistische Versammlung, die in einem Lemberger Bethaus stattl fand; sie schlugen alle Fensterscheiben ein und versuchten in das Bethaus einzudringen. Die