Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1911-06-16 · 24 (16.6.1911) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438327-2438351--2475-2442156
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 24 chen Punkten unterstützt werden kann. Unsere Blicke richten sich daher mit erwartungsvoller Spannung nach Galizien, wo die kommenden Wahlen über die Stärke des Jüdischen Klubs entscheiden werden. Hoffen wir, daß es trotz des furchtbaren Terrorismus und der nicht minder großen Korruption der Wahlmacher gelingen wird, unsere Partei gestärkt aus den Wahlen hervorgehen zu lassen! Torwarts! In der Leopoldstadt hatGg. Stricker 1010 Stimmen auf sich vereinigt (Zu den offiziellen 799Stimmen kommen 211Stimmen, dieanuliert wurden, weil die Stimmzettel auf Striker, stattStricker lauteten.) Unsere Stimraenzahl ist auf das Doppelte gewachsen, der deutschliberale Kandidat Dr. Mittler blieb weit hinter unszurück(519Stimmen) undGenosse Austerlitz sowie die famose sozialdemokratischeParteileitung, der es beliebte in einem jüdischenWahlkreise einen deutschtümelnden, antisemitelnden Renegaten aufzustellen, haben i h ren D enkz ett el. * Nur wer ermessen kann, was es heißt, ohne die erforderlichen materiellen Mittel in den Wahlkampf zu treten, nur wer die schier unüberwindlichen Hindernisse überblickt, die sich den Vorkämpiem des modernen bewußten Judentumes in diesem tief unglücklichen zerrütteten und genarrten Judenbezirk entgegentürmen und nur der, welcher weiß, daß ein beträchtlicher Teil unserer zionistischen Gesinnungsgenossen in unbegreiflicher Verblendung die nationale Arbeit verabscheut und abseits steht, j a mitunter sogar gegen uns arbeitet, der wird unsere stolze Freude über das Wahlergebnis, unseren Frohmut ganz begreifen. Trotz aller Tücken und Nücken haben auf unseren Ruf über eintausend Wähler der neuen Sache und dem neuen Mann die Stimme gegeben. Diesem mutigen ersten Tausend wird in absehbarer Zeit die gesamte Judenschaft des Bezirkes, aber auch die nichtjüdische Bevölkerung, die der Reaktion und dem elenden Cliquenwesen der Leopoldstadt fern steht, zu Dank verpflichtet sein. Dieses ersteTausend legitimiert uns, in den Angelegenheiten des Bezirkes ein gewichtiges Wort mitzusprechen und Gg. Robert Stricker hat die Pflicht, sich um seine Wähler weiterhin zu kümmern. Wer die Gewissenhaftigkeit und die Energie unseres Mannes kennt, weiß, daß er seiner Pflicht nachkommen wird, getreu dem Programme des jüdischen Nationalvereines, das Gerechtigkeit gegenüber allen Völkern dieses Reiches fordert, streng demokratisch ist und als Postulat die nationale Autonomie für jeden Volksstamm anstrebt. Den noch fernstehenden Gesinnungsfreunden die — in einer verknöcherten Dogmatik befangen — abseits stehen, rufen wir zu: Heraus aus der Enge! Seht doch, wie gerade durch unsere gesunde und moderne innerpolitische Betätigung die erste Prämisse des Zionismus, die Nationalisierung des Volkes bewirkt wird, wie gerade in den Gebieten der nationalpolitischen Arbeit unsere Kongreßinstitutionen und unsere kulturellen Bestrebungen gedeihen, wie die ganze Oeffentlichkeit durch uns gezwungen wird, zur Judenfrage und ihrer einzig möglichen Lösung Stellung zu nehmen. Hört doch endlich, wie das jüdische Volk nach uns ruft! Wenn jemals, so sind die Jüdischnationalen jetzt verpflichtet, mit allen Kräften das Volk aufzuklären und das österreichische Judentum vor einer neuen, furchtbaren Gefahr zu warnen. Die verderbte assimilatorische Presse ist über die gewiß erfreuliche Niederlage der Christlichsozialen in Ektase geraten und stimmt ein Jubellied an, weil allenthalben deutschnationale Antisemiten gewählt wurden. Die von Juden geschriebene und erhaltene „Neue Freie PresseJ preist die Wahl eines K'.-H. Wolf und eines Dr. Er 1 er und ebnet so den blutigsten, den allergefährlichsten Judenhassern die Wege. Diesem Verbrechen einer Journaille, die das Judentum zum Schleppträger der rohesten und wüstesten Antisemitenpartei machen will, muß sofort eine zielbewußte doppelt tatkräftige Agitation der jüdischen Nationälpartei entgegengesetzt werden, soll das jüdische Volk in Oesterreich nicht Tagen unsäglicher Drangsalierung seitens der deutschnationalen Meute entgegensehen. Mit dem ziffermäßigen und dem ungleich höheren moralischen Erfolg ist unsere Verantwortung gewachsen. Wir werden am Platze sein. Mögen alle fernestehenden Freunde zu uns stoßen. Dann ist uns für die Zukunft nicht bange. Der Verrat der Deutschfreiheitliehen. Der erbärmliche Schwindel, den die »Neue Freie Presse« mit der von ihr erfundenen Bezeichnung »Deutsch-f rei h e itlich«, die sie auf den Bund von Wolf bis Redlich anwendet, um sich selbst und alle Juden Oesterreichs zu betrügen, treibt, ist nun doch so gründlich entlarvt worden, daß kein Israelite mehr darauf hineinfallen wird. Diese sonderbare Gesellschaft, deren Häupter für den Antrag Schmid, für das Hausiergesetz gestimmt und die alle judenr feindlichen Exkurse der Christlichsozialen mitgemacht haben deren Minister, Herr Stürgkh, der klerikalste des Kabinettes ist, die ferner dem Deutschen mosaischer Konfession Kuranda die Aufnahme versagte, ist trotz alledem von der »Judenpresse« als Retterin aus der klerikalen und antisemitischen Gefahr in den höchsten Tönen gepriesen worden. Nun abrr ist die innige Allianz zwischen diesen famosen »Freiheitlichen« und den klerikalen Antisemiten aller Welt offenbar geworden. Die deutschen Freiheitshelden haben diese Allianz für die Stichwahlen fester denn je geknüpft und Arm in Arm mit Geßmann werden sie die deutschen Sozialdemokraten zur Strecke bringen. Angeblich geschieht dies im Interesse des bedrohten Deutschtums. Werlacht nicht? Die Deutschen beherrschen heute die Regierung, sie sind auf jeden Fall in einer Position, daß auch kein späteres Ministerium gegen sie regieren könnte und überdies sind die deutschen Sozialdemokraten auch gerade keine Verräter der Nation, was sich in den Badenitagen aufs Klarste erwiesen hat. Also dieser Grund ist absolut nicht stichhältig. Sondern den Deutschfreiheitlichen ist es um die paar Mandate zu tun, denen zu liebe sie das letzte Feigenblatt ablegcn und die dünne Scheidewand zwischen sich und den klerikalen Reaktionären vollends entfernen. .. Deutschfreiheitliche und Christlichsoziale sind eine antisemitisch-reaktionäre Gesellschaft. Schmachvoll handelt der Jude, der heute noch dieser Partei Wahlhilfe leistet oder nachläuft, ln der Stichwahl hat jeder Jude unbedingt gegen diesen Block seine Stimme abzugeben. Wer das nicht tut, wählt seinen eigenen Henker. Die Leopoldstädter Wahlniederlage der Cultusgemeindecliqne. Dr. Alfred Mittler, der deutschliberale Kandidat der Wiener Kultusgemeinde, ha,t eine geradezu schmähliche Niederlage erlitten. Sie war wohlverdient und kam nicht überraschend. Noch vor wenigen Wochen berief der Präsident der Wiener Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern die jüdisclinationalen Wahlleiter zu sich und legte ihnen nahe, die Kandidatur Robert Strickers zurückzuziehen, da diese ganz aussichtslos sei und nur Dr. Mittler und Dr. Ofner als ernste Wahlbewerber in Betracht kämen. Die Wahl hat aber gezeigt, daß Dr. Mittler kaum die Hälfte 'd er auf Stricker entfallenden Stimmen auf sich vereinigen konnte, und mit Recht bemerkt die „Arbeiter-Zeitung“, daß der größte Teil des jüdischen Kleinbürgertums im jüdischnationalen Lager stehe. Dr. Alfred Mittler war aber auch tatsächlich durch seine deutschtümelnden Phrasen, die er in seinen meistens von galizischen Juden besuchten Versammlungen zum Besten gab und durch seine unsinnige Scharfmacherei gegen die Sozialdemokraten geradezu zur komischen Figur geworden. Sowie die große Btimmenzahl Dr. Ofners ein Erfolg seiner Person und nicht seines Programmes war, ebenso bedeutet die Niederlage Mittlers den endgültigen Zusammenbruch der deutschliberalen Lüge bei der Leopoldstädter Judenschaft. Die Niederlage Mittlers ist umso bedeutungsvoller, als bei der letzten Reichsratswahl der iKultusgemeinde Dr. Gustav Kohn (natürlich auch deutschfortschrittlich) über 1200 Stimmen auf sich vereinigt hatte. Redakteur Austerlitz. Dem Redakteur der „Arbeiter-Zeitung“, Friedrich Austerlitz, sollte es also doch nicht beschieden sein, Vertreter der Leopoldstädter J uden zu werden. Seinen Mißerfolg verdankt er wohl nicht in letzter Linie der Agitation der Jüdischnationalen, die sich gerade gegen ihn mit aller Schärfe wendete. Derselbe Herr, welcher gelegentlich der bekannten Reichsgerichtsverhandlung die jüdische Sprache als „Budapester Orpheum-Deutsch“ bezeichnet hatte, verschmähte es nicht, bei den galizischen Juden in jüdisch geschriebenen Zirkularen um die Stimmen zu schnorren, und während er in der „Arbeiter-Zeitung“ die Juden fast täglich verhöhnt und beschimpft, spielte er sich während der Wahlkampagne geradezu auf den Nationaljuden heraus, der trotz seines „Austrittes“ ein guter, stammesbewußter Jude sei. Die Heuchelei hatte keinen Erfolg und Austerlitz hvurde von der großen Mehrheit der Juden mit Entschiedenheit abgelehnt. Als kleine Pikanterie muß vermerkt werden, daß auch der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.