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Jüdische Zeitung · 1911-06-16 · 24 (16.6.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
24 (16.6.1911)
Date
1911-06-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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NRTIDNRL - Erscheintwöchentlich.—Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., LiechtensteinstraBe 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4- -5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige «anoeaacsaoacBscaocaoeM Ausländ ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. caocaocaocaocaocaacaocaocaa Nr. 24. Wien, Freitag den 16. Juni 1911. V. Jahrgang. Parole für die Stichwahlen! Der Jüdiselie National verein hat im Wahlkreis Leopoldstadt I. Gg. Ingenieur Robert Stricker und im Wahlkreis Nikolsburg-Gödijig Gg. Lucian Brunner kandidiert. Beide Wahlwerber haben eine ansehnliche Stimmenanzahl auf sich vereinigt. Für die Stich wallen in diesen Wahlkreisen gilt folgende Wahlparole: jBCjf* In .Leopoldstadt I ist Dr. Julius Ofner zu wählen. “^00 Im Wahlkreis IVikolsburg-Gäding, wo der getaufte Jude und Freund Gessmanns Dr. Josef Redlich dem Deutschnationalen Priraavesi gegenüber steht, sind leere Stimmzettel abzugeben. In allen übrigen westösterreichischen Wahlkreisen sind Wahlwerber freiheitlicher Gesinnung gegtn Reaktionäre sämtlicher Parteischattierungen zu unterstützen. Die Kandidaten des Deutschen Nationalverbandes, der fast ausschliesslich auä Antisemiten besteht, können jedoch als freisinnige Wahlwerber nicht aufgefasst werden, wiewold sie von den sog. liberalen Zeitungen missbräuchlich „Freiheitliche1* genannt werden. Bei Stichwahlen zwischen Reaktionären verschiedener Parteirichtungen wird Walilenthalturg, bezw. in Ländern mit Wahlpflicht Abgabe leerer Stimmzettel empfoh’en. Der Vorstand des Jüdischen Nationalvereines. Das Resultat der bisherigen Reichsratswahlen. Sieht man von den zionistischen Erfolgen ab und wertet den allgemeinen Effekt der bisherigen Reichsratswahlen, so muß man ihn mit gemischten Gefühlen betrachten. Aufs höchste erfreulich ist natürlich der Niederbruch der Christlichsozialen in Wien, deren Führer sämtlich am allerschlechtesten abgeschnitten haben. In einer so schnell wachsenden Großstadt wie Wien, in Welcher die Industrialisierung rapid fortschreitet, kann naturgemäß für die Dauer kein Platz sein für eine bornierte reaktionäre Partei. Die Arbeiterschaft wächst hier schnell und Stärkt die Sozialdemokratie, das intellektuelle Niveau der ganzen Bevölkerung hebt sich zusehends, und damit haben die „Büchelfeinde“ ä la Bielohlawekif nd die niemals nüchternen Ritualmordhetzer ä la Schneider ausgespielt. Es ist nur ein schmachvolles Zeichen der furchtbaren Unkultur der Wiener Bevölkerung, daß sich die christlichsozialen Größen mehr als zwei Jahrzehnte halten konnten und noch immer nicht völlig abgetan sind. Aber es ist deshalb noch kein Grund, über den Ausfall der Wahlen in Verzückungskrämpfe zu geraten. Das Schwergewicht liegt diesmal ebenso wie immer, in den Stichwahlen und da wird sich durch den Bund der Deutschen Christ- Iichsözialen und Deutsch„freiheitlichen“ ein sehr betrübendes Resultat ergeben. Die Sozialdemokratie wird zu Gunsten der deutschen Gemeinbürgerschaft förmlich dezimiert werden, und wenn auch im deutschen Verband die Christlichsozialen numerisch etwas schwächer sein werden als früher und die Deutsch„freiheitlichen“ erheblich stärker, so ist das Gesamtbild für uns Juden ein sehr ungünstiges. Die Sozialdemokratie, so sehr wir auch ihr Verhalten im Punkte der Judenfrage verdammen müssen, bietet doch noch eher eine Gewähr dafür, daß sie gegen Gesetze, die einen Pogrom auf intellektuellem Gebiete, wie den Antrag Schmid, oder auf wirtschaftlichem.Gebiete, wie das'Hausiergesetz, verursachen können, stimmt, indes die Mehrheit der Deutsch„freiheitlichen“ unbedingt dafür stimmt. 25—30 Sozialdemokraten weniger und um so viel antisemitisch angehauchte Deutschfreiheitliche mehr — das ist kein Gewinn für die Interessen der Juden- Und im tschechischen Lager zeigte die Wahlbewegung gleichfalls viel unerfreuliche Erscheinungen. Die „freiheitlichen“ Jungtschechen haben sich mit den Antisemiten verbündet. Baxa und Klofac sind als gemeinsame Kandidaten bereits gewählt und Fresl ist in sicherer Stichwahl. Am Prager Vysehrad gab es Dienstag stürmische Begeisterung und Klofac feierte den Bruderbund zwischen Jungtschechen und Antisemiten. Sollen wir uns angesichts dieser Erscheinungen besonders freuen, daß die Herren Kuranda und Ofner wieder im Parlament einziehen, I daß der deutschfreiheitliche „Judenstämmling“ Friedmann gewählt ist und der einzige wirklich antiklerikale Deutsche Oesterreichs, Zenker, in ^aussichtsreicher Stichwahl steht? Wir können aus guten Gründen. deshalb nicht in Jubel '.ausbrechen. Was werden die Herren Hock und Zenker gegen den Klerikalismus ausrichten, wenn die Deutschfreiheitlichen wieder den Bund mit den Christlichsozialen schließen werden? Was werden die Juden davon haben, wenn; die Ofner und Kuranda wieder die deutsche Politik — wenn auch draußen vor den Toren der deutschen. Parteien — mimen werden? Die betrübende Tatsache bleibt, daß die nationalen Rampfverbände gestärkt aus den Wahlen hervorgehen, daß die traditionelle Nationspolitik eine Ralliierung aller wahrhaft freiheitlichen und aller antiagrarischen Abgeordneten, welcher Nation immer, verhindern wird. Und deshalb werden im nächsten Parlament von den großen Nationalverbänden, welche Klerikale und Freiheitliche, Agrarier und Industrievertreter fest aneinanderschließen, noch mehr als bisher die Interessen der Freiheit und die Interessen der städtischen, industriellen und kommerziellen Bevölkerung und damit auch die Interessen der Juden an die Klerikalen und Großagrarier verraten werden. Und dieses Parlament soll die neuen Handelsverträge und den neuen Ausgleich mit Ungarn schließen! Es ist sehr unerfreulich, daran zu denken, daß wir in den Hauptlinien unserer Wirtschafts- und Handelspolitik von diesem Parlament beinahe bis zum Jahre 1930 gebunden werden sollen! Bei diesen Wahlen hat sich eine schwere Schuld der Sozialdemokraten nicht nur an ihnen selbst gerächt, sondern ganz Oesterreich ist in der politischen Entwicklung dadurch um mindestens ein Jahrzehnt zurückgeworfen worden. Die Sozialdemokratie, die im alten Hause 86 Mann stark war, hatte die historische Aufgabe, das von ihr seit vielen Jahren theoretisch begründete und praktisch akzeptierte Programm der nationalen Autonomie ins erste Parlament des allgemeinen Wahlrechts zu werfen und dadurch die Orientierung unserer inneren Politik völlig zu verändern. Hätte sie das getan, hätte sie mit demselben Elan für die nationale Autonomie gekämptt wie vorher für das allgemeine Stimmrecht, dann wären die jetzigen Wahlen unter dem Zeichen einer großen Idee: Nationaler Kampf contra nationaler Friede! gestanden und ganz anders ausgefallen. Aber die österreichische Sozialdemokratie hat ihre historische Aufgabe zu lösen verabsäumt. Sie ist in den Fehler aller anderen politischen Parteien Oesterreichs verfallen, anstatt einer Programmpolitik eine Fraktionspolitik zu betreiben; keine Politik der großen Ziele, sondern eine der kleinen Erfolge. Und damit ist sie aus einer großen Kulturpartei zu einer Fraktion geworden, die bloß die nächsten praktischen Interessen der Arbeiterklasse und nicht zuletzt der Arbeiterführer vertritt. Umso nötiger ist es, daß eine kräftige und aufrechte österreichische Partei ins Parlament einzieht, welche den nationalen Frieden, die soziale Gerechtigkeit und den wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritt mannhaft verteidigt. Eine solche Partei ist nur die jüdischnationale, die von einigen Wilden, wie Hock oder Zenker, in man-

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