Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr: 23 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 zu Wien zugesagt. Der christlichsoziale Kandidat P e g r i s c h, der gleichzeitig Mitglied des für Redlich arbeitenden Wahikomitees ist, hat die Aufgabe für Redlich Stimmen zu sammeln, um sie dem Renegaten in einer eventuellen Stichwahl zuzuführen. So dankt G e ß m a n n meinem L'O b re-d n e r R e dli ch für den Verrat -am Freisinn. Hat Herr Kultusvorstand Dr. Körner aus Göding noch immer den herostratischen Mut, den Juden die Wahl Redlichs zu empfehlen? ■ Eine Besudelung des Andenkens Theodor Herzts Redlich hat sich letzthin in einer Versammlung in Straßnitz als Freund unseres verewigten Führers Theodor Herzl bezeichnet und hat damit für sich Wahlreklame betrieben. Wir verwahren uns gegen die Besudelung des Andenkens an jenen Mann, der die Juden gelehrt hat wahr und offen zu sein. 'Mit Redlich hatte ein Herzl keine Berührungspunkte, mit Redlich schloß er keine Freundschaften. Gegen die Redlichs und Lichts schrieb er seinen Artikel: „M a u s c h e 1“ und Renegaten verweigerte er nicht nur den Händedruck, sondern auch den Gruß. ' r * Versammlungen. Donnerstag fand in Lundenburg eine massenhaft besuchte Wählerversammlung statt, in welcher Gg. Adolf Böhm, Präsident des zionistischen Zentralkomitees, und der Kandidat Gg. Lucian Brunner sprachen. Die Reden wurden mit stürmischem Beifall aufgenommen. Weitere Versammlungen in anderen Orten des Wahlkreises finden in den nächsten Tagen statt. Licht ab Industriellenvertreter. Von wohlinformierter Seite kommt uns die Nachricht zu, daß Dr. Licht, der vom Deutschnationalen Verband aufgestellte Renegat für den Ostrauer Wahlkreis, sich um eine Sektionschefstelle im Handelsministerium bewirbt. Die'Auflösung des Abgeordnetenhauses und die Neuwahlen sind ihm da sehr ungelegen gekommen. Nach dieser Meldung wird man es auch verstehen, warum Dr. Licht ein so getreuer Diener der Regierung im alten Parlament war. Wenn man etwas vom christlichsozialen Handelsminister will! > t Auch im Industriellenverband, dessen Anwalt bekanntlich Dr. Licht ist, herrscht gegen ihn eine große Verstimmung. * Kultüsvorsteher für Antisemiten. Aus Friedek-Mistek wird uns geschrieben: Es ist wohl nicht das erstemal, daß die „offiziellen“ Vertreter der Judenschaft der beiden Schwesterstädte ihr Volk in der schändlichsten Weise verraten. Warum sollten sie sich nicht auch im gegenwärtigen Wahlkampfe hervortun? Sitzungen des Kultusausschusses werden in Agitationsversammlungen für den Renegaten Dr. Licht verwandelt. Der Kultusvorsteher Alois R e i k und der Obmann der „Chewra Kadischa“, H. Mark. K u f f l e r, unterzeichnen den Wahlaufruf für den bekannten Anitisemiten Dr. F r e i ß 1 e r, der die Anstellung seiner Beamten von der Beibringung des Taufscheines abhängig macht, für das Hausiergesetz zu stimmen und nach seiner Wahl dem Deutschen Nationalverband beizutreten verspricht. — Zum Glück gibt es hier aber auch noch selbstbewußte, nackensteife Juden, die am Wahltag beweisen werden, wie sie über die Handlungsweise ihrer „Führer“ denken. * Aus Iglau kommt uns eine Meldung ähnlichen Inhaltes zu. Dort kandidiert der Obmann des Deutschen Schulvereines Dr. Gustav Groß, der bekanntlich nicht nur für den berüchtigten Schulantrag Schmidt stimmte, sondern iiietür auf das eifrigste agitierte. Dieser Herr war es auch, der die Wiener Abgeordneten Ofner und Kuranda in den Deutschen Nationalverband . nicht aufnehmen wollte. Da gibt es Juden, welche die Würdelosigkeit in solchem Mbße besitzen, einen Wahlaufruf dieses Dr. Groß zu unterzeichnen. Zu ewigem Angedenken seien die Namen dieser das Judentum schändender Männer niedriger gehängt: Karl Bondi, Spediteur; Simon Brett, Droguist; Jonas Heim, Privatier; A. Lieblich, Kultusvorsteher; Albert Pokornv, Zahnarzt; kais. Rat Hellmann, Tuchhändler; Wilhelm Oesterreicher, Kaufmann; Dr. Ed. Kraus, Advokat; Dr. Spitz, Advokat; alle in Iglau. * Zur Situation im Wahlbezirk Fulnek- Neutitschein. Die Brünner „Jüdische Volksstimme“ schreibt: Jüdischer Wählerfang, Rufe nach dem deutschen Bewußtsein des jüdischen „Stimmviehs“ sind so übliche Begleiterscheinungen eines jeden Wahlkampfes, daß jedermann, falls sie einmal ausbleiben, verwundert den Kopf schüttelt. Man flüstert dann in jüdischen Wählerkreisen von der Unbesiegbarkeit des Wahlbewerbers, der seine sichern Chancen durch eine allzu deutliche Absonderung von den jüdischen^ Wählern ängstlich hütet, und er wird schließlich gewählt, weil ja sein Erfolg im Vorhinein feststand und weil es vermieden werden soll „ihn aufs äußerste zu reizen“. Der so Gewählte hat dann den Vorteil unbefleckt, judenrein zu erscheinen, denn die paar Hundert jüdische Stimmen, ohne die er niemals gewählt worden wäre, sind ihm ja ungewollt, wie eine reife Frucht in den Schoß gefallen. Und auf diese so mühelose Weise hat er den Freibrief, ausgestellt und gezeichnet von seinen jüdischen Wählern, das servile Judenpack nach Herzenslust zu begeifern. — Viel schwieriger gestaltet sich die Situation für den Kandidaten, wenn die Juden des Wahlbezirkes sich ihres Einflusses, der oftmals über den numerischen hinausgeht, bewußt geworden, diesem nun auch praktische Wirksamkeit zu verschaffen sich anschicken. Da zeigt sich die Erbärmlichkeit der Hurrahnationalisten in.ihrer ganzen Größe! Geschwindigkeit ist keine Hexerei! Vom vorgestrigen Judenhasse bis zur gestrigen Judentoleranz und heutigen Judenfreundlichkeit ist ein ganz kurzer Entwicklungsprozeß, den ein so skrupelloser Verwandlungskünstler ebenso schadlos, ohne Gewissensopfer zurücklegt, als er den Rückzug in sein ureigenes Wesen, den bösen Judenfeind, meisterhaft und umso rascher, weil unbehelligt, vollführt. Im obgenannten Wahlbezirke ist nebst dem bisherigen Abgeordneten Nießner der deutsch- „freiheitliche“ Bürgermeister von Neutitschein Ingenieur Ullrich auf den Plan getreten. Ullrich ist nun so ein Verwandlungskünstler per exzellence! Selbst deutsch-radikaler Parteigänger, also ein Intimus des bekannten Antisemiten Dr. Sommer, der ihn auch auf seinen Agitationsfahrten begleitet, hat er es durch sein aalgtattes Wesen verstanden auch in jüdischen Wählerkreisen den I Glauben an seine Judenfreundlichkeit zu er- | wecken. Dieser Verwandlungstrick war zweifach notwendig! Einmal, steckt den Herren Deutschradikalen die kategorische Ablehnung, die ihr Bewerber bei den letzten Reichsratswahlen (Dr. Bodirsky) seitens der jüdischen Wählerschaft erfuhr noch in allen Gliedern — da importierte, und noch dazu stark deutsch-radikal geptefferte Ware nicht Anklang fand, versucht man es nun mit einem weniger gewürzten, heimischen Produkt — und dann tauchten, dank der Umsicht des Kultusvorstehers von Leipnik, Herrn David Spitzer, der es verstanden hat, den faktischen jüdischen Einfluß rechtzeitig in die Wagschale zu werfen, gleich vom Anfang gewichtige Bedenken gegen die Unvoreingenommenheit des Herrn Ullrich im Judenpunkte auf, die sich trotz der Bereitwilligkeit des Herrn Kandidaten im Judenpunkte befriedigende Aufklärungen zu gtfben (hier der bravouröse Verwandlungstrick I heute noch verstärkt haben und die ihm seitens des Herrn Spitzer, bei dem Herr Ullrich nicht müde wird Bittsteller zu sein, ein wohlverdientes Refus eingeheimst haben. — Noch werden jüdische Stimmen laut, die der schlecht posierten Judenfreundlichkeit Ullrichs Glauben schenken, trotz der deutlichen Absage des Kultusvorstehers Spitzer, dessen Objektivität in' dieser Frage — Herr Spitzer hat noch immer bedauerliche deutschtümelnde Rezidiven, wenn er auch sein Deutschtum innerüch längst überwunden zu haben scheint, außer Zweifel steht. Unser Schlachtruf gegen Herrn Ullrich geschieht auch nicht aus purer Begeisterung für Herrn Nießner. Unser Schlachtruf gegen Ullrich ist ein lauter Protest gegen das betrügerische Spiel, das man mit den jüdischen Wählern aufführt, eine durch den Zwang der Situation gegebene Entscheidung für Nießner, weil ein Stillschweigen als Deklaration für Ullrich gedeutet werden könnte. H. M. Galizien Achtzig Wähler Versammlungen. Aus Lemberg wird uns telegraphiert: Unsere galizischen Gesinnungsgenossen führen den Wahlkampf in großartigster Weise. Am Samstag und Sonntag fanden in allen Teilen des Landes achtzig Massenwählerversammlungen statt, an denen mehr als vierzigtausend Wählerteilnahmen. Eine solche imposante jüdischnationale Demonstration hat es in Galizien noch nicht gegeben. Der Enthusiasmus für die zionistischen Kandidaten ist überall ein ungeheurer. Unsere Kandidaten wurden mit stürmischem Jubel empfangen. Die eingebrachten Resolutionen zur Unstützung der zionistischen Wahlarbeit wurden überall einstimmig angenommen. * Das zionistische Zentralkomitee in Lemberg hat außer den bereits gemeldeten noch in folgenden Wahlkreisen zionistische Kandidaten aufgestellt : Lemberg III: Adolf Stand. Sanok — Dobromil — Sfary — Sambor (Städtebezirk): Dr. Moriz Gofdberg-Oswiencim. Mielnica — Borszczow — Zaleszczyki: Doktor Michael Ringel (Lemberg). Der bisherige Vertreter des 3. Lemberger Bezirkes war der Sozialdemokrat Dr. D i a - m a n d, der sich neuerdings um das Mandat bewirbt. Im Jahre 1907 erhielt der zionistische Kandidat Dr. Braude 353 Stimmen. Es kam zur Stichwahl zwischen Diamand und dem polnisch-jüdischen Kultuspräsidenten von Lemberg Samuel v. H o r o w i t z. Die Zionisten schlossen mit den Sozialdemokraten eine Vereinbarung, derzufolge die Zionisten in Lemberg für Diamand stimmten, dafür verpflichteten sich die Sozialdemokraten in jenen Wahlkreisen, in welchen Zionisten mit Polen in die Stichwahl kamen, für erstere ihre Stimmen abzugeben. Die Zionisten haben die eingegangenen Verpflichtungen getreulich gehalten. Sie stimmten nicht nur geschlossen für Diamand, sondern entfalteten sogar für ihn eine intensive Agitation, dank deren Diamand gegen den allgewaltigen Horowitz das Mandat erlangte. Die Sozialdemokraten haben dagegen ihr Wort in der schmählichsten Weise gebrochen. In keinem einzigen Wahlkreise traten sie, trotz der Vereinbarung, für die Zionisten ein. Gewitzigt durch diesen Treubruch werden die Zionisten diesmal beim Abschluß von Kompromissen für die Stichwahlen vorsichtiger sein. - ■ Im Wahlkreise Tarnow (Stadt) kandidiert nicht Dr. Syrop, sondern Gg. Dr. D. Malz, Advokat in Bursztvn. Die Böhmische Industrial-Bank-Filiale in Wien, IM Wipplingerstr. 2 TelephonnmDniflra 23067,23068,23069, 18347, 21813 — Aidenfapital K 30,OOP 000.— besorgt sämtliche Bank- und Wechselstubengeschäfte 0 und verzinst die Einlagen auf Einlagsbücher mit |4 ■■ Die Rentensteuer trägt die Bank aufs Eigene. 0