Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1911-06-09 · 23 (9.6.1911) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
23 (9.6.1911)
Date
1911-06-09
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2438141-2438327-2438350--2468-2442148
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 23- Im Landgemeiadenbeizrk Buezacz — Monasterzyska—Podhajcs, in welchem Wahlkreise im Jahre 1907 unser Gg. Dr. Gabel p. A. als Minoritätsvertreter gewählt wurde, kandidiert jetzt unser Gesinnungsgenosse Dr. Abraham Salz aus Tarnow. * Der polnische Nationalverband hat außer den bereits gemeldeten, folgende jüdisch-polnische Kandidaturen bestätigt: Dr. Josef - Gold in Zloczow' (zionistischer Gegenkandidat: Dr. Abraham Salz), den „gemäßigten Israeliten“ Rudolf Gail in Tarnopol (zionistischer Gegenkandidat: Adolf Stand). Für K o 1 o m e a wurde der christliche Bürgermeister Dr. Kleski als Kandidat bestätigt. Diese Kandidatur ist eine gewissenlose Provokation der jüdischen Bevölkerung. Kolomea, das zirka 70 Prozent Juden bat, hatte bisher immer — auch im Kurienparlament — einen jüdischen Vertreter. Was sagen Kolischer und Löwenstein, die im „polnischen Nationalrate“ sitzen,' zu diesem frechem Raubversuch an der ohnehin spärlichen Vertretung jüdischer Interessen? Noch vor wenigen Wochen hat Dr. Löwenstein großsprecherisch verkündet, daß er es durchzusetzen wissen wird, daß der sogenannte „Jüdische Besitzstand“ gewrahrt wird. Wie groß der Einfluß der Moschkos auf die Mitglieder des Nationalrates ist, geht aus diesem Beschlüsse ganz deutlich hervor. Nicht einmal einen Moschko — ein solcher hatte in Kolomea aufgestellt werden sollen — w’ollen die Schlachzizen. Die Erregung unter der jüdischen Bevölkerung Kolomeas ist eine ungeheure. Selbst die Kahalsleute, die treuesten Diener des Polenklubs, sind über diesen Beschluß empört. . Die Aussichten unseres Kandidaten des Gg. Dr. Zipper sind dadurch die besten geworden. Der wirksamste Protest wird die Wahl Zippers zum Abgeordneten sein. •* ’ Sozialdemokraten als Sddachzizenknechte. Dr. Diamant, der bisherige Vertreter Lemberg III, iSer sich immer als eifrigster „Polenklubtöter“ gebärdete, hat mit ' den Moschkos ein Wahlkompromiß abgeschlossen. Ein Versicherungsvertrag mit Gegenseitigkeit. Die Moschkös haben ihm nur zum Scheine einen Gegenkandidaten entgegengestellt, der nur ein Schrittmacher Diamands ist. Sie agitieren lebhaft für den Sozialdemokraten. Wahrlich ein herzerfreuender Anblick — Schmelke v. Horowitz für Dr. Diamand. Dieses Kompromiß richtet sich gegen den Abg. Stand. Als Morgengabe in dieser ehebrecherischen Ehe Horowitz-Diamand versprechen die Sozialdemokraten den Moschkos Wahlhilfe gegen die Zionisten. Eine kurze Reminiszenz aus dem Wahlkampfe 1907. Diamand kam mit dem sattsam bekannten von Horowitz in die Stichwahl. Der Zionist Dr. Braude erhielt zirka 900 Stimmen. Von den Sozialdemokraten war man an die Zionisten herangetreten, ein Kompromiß für die Stichwahlen zu schließen. Tatsächlich wurde auch ein allgemeines Kompromiß abgeschlossen, durch das sich die Parteien verpflichteten, überall den Kandidaten zu unterstützen, der gegen einen „Polenklubler“ in Stichwahl sei. Besonders in Lemberg III stimmten nicht nur die Zionisten für Diamand, sondern versahen auch die ganze Agitations- und Schlepperarbeit. Daß die Sozialdemokraten das Kompromiß nicht hielten, ist Wohl überflüssig zu sagen. Jetzt, durch das neue Kompromiß hat die sozialdemokratische Partei eine Felonie und einen Parteiverrat sondergleichen begangen. Nur eine Frage sei erlaubt: Was sagt Herr Daszinsky zu seinen Parteigenossen? Herr DaSzinsky, der sich wiederholt geäußert hat, es sei ihm nicht wohl, wenn er nicht mindestens einen Schlachzizen zum Frühstück fressen könne. Aber Untreue schlägt ihre .eigenen Herren und die Wahlen in Galizien werden gegen Diamand und Genossen ausfallen. Der Millionär Diamand wird in Versammlungen wieder davon sprechen, daß „wir hungernden Proletarier zusammenstehen müssen“ und wird sich seinen wohlgenährten Bauch dabei streicheln können. Unser Kandidat, Als die Kandidatur Robert Strickers nominiert wurde, war man an den diversen Wahlbörsen der Leopoldstadt ein wenig verschnupft. Seine Fähigkeiten waren den Herren Gegnern längst unaingenehm aufgefallen. Als er einmal in einer Versammlung der „Mittlerianer“ während der Gemeinderatswahlen das Wort verlangte, erklärte ihm der Vorsitzende, Herr Philipp Beck, er könne ihm unmöglich das Wort geben, denn er spreche zu gut und zu wirksam. Seine hervorragende publizistische Begabung, die sich mit gesunder Bildung und rücksiditslosem Mute paart, blieb natürlich in den verschiedent'ichen jüdisch-assimi'atorischen Klüngeln nicht unbekannt. Hat er ja seit einem Jahrzehnt die kleinen und großen Schwachen der „israelitischen“ Gesellschaft von heute rücksichtslos aufgedeckt. Keine Sünde der entarteten, volksentfremdeten jüdischen Bourgoisie, keine Lächerlichkeit der getauften sozialdemokratischen Führer, die sich in Eisenbachwitzen ergehen, damit man sie nicht erkennt, keine Unsauberheit der schamlosen, bezahlten Preßmeute ist y,feiner wuchtigen Feder entgangen. Nicht bemerkt hatten aber die Herren, daß Robert Stricker den-kleinen und gedrückten Juden, um die sich die anderen Bewerber nur um Wahlzeiten kümmern, längst ein treuer Weggenosse ist. Bei, derT Gründung der Jüdischen Handelsangestelltenorganisation stand er Pate, die jüdischen Straßenbahner und Dienstmänner kennen ihm ebenso gut, wie die kleinen Staatsbeamten, und wo ein Recht der Juden mit Füßen getreten wird, w.eiß man keinen besseren Verfechter der gerechten Sache als ihn. Die Jüdische Nationalpartei Zählt ihn Zu den ersten Führern und entsandte ihn auch' in die Reichsexeku tive, der er seit ihrer Gründung angehört. Ein kultivierter, hochentwickelter Intellekt, von ungewöhnlichem politischem Talent, eine urkräftige, herzerfrischende Individualität. So trat unser Kandidat in die Wahlbewegung. Ein aufrechter, nackenstarker Jude, neben drei Fahnenflüchtigen, denen die jüdischen Massen, die sie sonst nicht kennen, gerade gut genug sind, um sich von ihren verzweifelten Händen, in die wohlige Atmosphäre der politischen Macht ’ hinaufheben zu lassen... Der bewußte Jude Robert Stricker, neben dem „treudeutschen“ Alten Herren der „Fideiitas“ Dr. Ofner, neben dem Schönerianer Dr. Mittler, neben dem seinem Volke entlaufenen antisemitelnden „deutschen“ Sozialdemokraten ’Fritz Austerlitz. «- Und jede der zahllosen Versammlungen wurde zu einer begeisterten Kundgebung für die bewußtjüdische Idee, für das Programm des „Jüdischen Nationalvereines“ und für diePersonseines Reichsratskandidaten. Mit einer Gewissenhaftigkeit, die man in der Leopoldstadt längst nicht mehr kennt, hat Robert Stricker Abend für Abend eine bestimmte Frage des jüdischen, wirtschaftlichen» sozialen und politischen Lebens beleuchtet. Mit einer Aufrichtigkeit, die den solange getäuschten Wählern längst vorenthalten ward, sagte er ohne das kleinste Schmeichelwort, ohne die leiseste? Konzession für den Stimmzettel, was am Judentum faul ist, an wie Vielen traurigen Erscheinungen der jüdischen Gegenwart die Wähler selbst schuld sind, und was alles umgewertet werden muß, damit wir Selbstachtung und politische Gleichberechtigung erlangen. Und gerade die Unbedingtheit seines Wesens, sein eiserner Mut der Ueberzeugung, derkein Kompromissein kennt, wirkte auf die Juden, dieses B ezirkes wie ein Stahibad. Die Erziehungsarbeit, die Robert Stricker in dieser Wahlkampagne geleistet hat, steht einzig da. Den Vorurteilen, die er zerstörte, können nicht zehn Cafe Donaus auf die Beine helfen, und die Götzenbilder, die er zertrümmert hat» wird Herr Dr. Ofner nie wieder aufrichten können. Bevor noch der Wahltag entschied, ist Robert Stricker den Juden der Leopoldstadt ein geschätzter und geliebter Führer geworden. Die Wahlbewegung in Prag1. (Von unserem Korrespondenten.) Ueber diese haben wir schon ausführlich berichtet. Es wäre nur noch nachzutragen, daß am 31. Mai eine Zahlreich besuchte jüdische Wählerversammlung abgehalten, wurde, in welcher Gg. Dr. Ludwig Singer, in einer großen Rede Gelegenheit nahm, einer breiten Oeffentlichkeit unseren Standpunkt klar zu machen. Dr. Singer schilderte wie sowohl im deutschen, als im tschechischen Lager durch das na.- tionale Bündnis zwischen „freiheitlichen“ und reaktionären Parteien, die nationalen Verbände immer antisemitischer gefärbt werden. „Die jüdischen Wähler haben eine Aufgabe: An der Besserung der traurigen Verhältnisse der jüdischen Gesamtheit mitzuarbeiten. Deshalb haben sie die Pflicht zu wählen, da ihnen jene Entscheidung,die in ihrem eigenen 1 nteresse'1 iegt, die ihre Lebensinteressen fordert, kein ehrlicher und fortschrittlicher Wähler verdenken kan n.“ Dr. Singer wendete sich dann gegen den jüdische Stimmen werbenden deutschen Zählkandidaten. „Die Juden sind nicht dazu da, um als Sturmböcke der Deutschen den nationalen Kampf zu schüren, dessen Flammen zuerst wieder die Juden versengen.“ Aber auch für den jungtschechischen Kandidaten Czech könnten die Juden nicht stimmen, welcher der- Kandidat der vereinigten Tschechen ist. „Wir haben niemals die Jungtschechen für Philose-, miten gehalten, aber immer die Nationalsozialen: für Antisemiten.“ Dr. Singer wendete sich dann mit Vehemenz gegen die Kandidatur Baxas: „Mit dem Manne von Polna, mit dem Bundesgenossen Verganis und Schneiders, gibt, es für anständige Juden keinen Frieden, gegen Dr. Karl Baxa muß jeder Jude stimmen. Das gilt für jeden von den koalierten Parteien aufgestellten Kandidaten.“ Dr. Singer wendete sich dann gegen die Kandidatur des' „tschechischen Juden“ Dr. . Lederer und charakterisiert die terroristische- Politik der tschechischen Assimiiationsjuden, welche unter anderem die Zionisten, als Wortführer- Zivnostenskä banka Filiale Wien i. Herren gasse 12. 4 01 Aktienkapital und Reserven: K 75 Millionen I Wechselstuben L Herreng. 12, II. Praterstr. 24, VII. Mariahilfe rstr. 84, in Wien: X. Favoritenstrasse 95, XVI. Neulerchenfelderstrasse 41. 4 II o EINLAGEN auf Büchel: MClTv^i'llbarung0. | Stahlkammermit vermietbaren SAFES. Abonnement von K 7.-an. | VBrSChreibUIigen I Zentrale in Päijglgegr. 1868. — Filialen: Brünn, Budweis, Friedek-Mistek, Iglau, Klattau, Königgrätz, Krakau, Lemberg, Olmütz, Mährisch-Ostrau, Pardubic, Pilse Pisek, Proßnitz, Tabor, Trieet. ] Verzinsung [Q Kulante Besorgung aller Bank- und Börsentransaktionen. ‘ gegen Baiik8Chllld-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.