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Jüdische Zeitung · 1911-06-09 · 23 (9.6.1911) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
23 (9.6.1911)
Date
1911-06-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Ja, hat denn der österreichische Staatsbürger das Wahlrecht bekommen, damit er die Gewinstchance wähle? Er hat es bekommen, damit er nach Recht und Ueberzeugung sich für das beste Programm und dessen ehrlichsten Vertreter entscheide! Der Hazardspieler, der Berufsspieler, der Turfschwindler läuft der Gewinstchance, läuft dem Erfolge nach! In den Spielhöhlen und auf dem Turf regiert die Chance. Es ist die frechste Zumutung, die man an einen ehrlichen Wähler stellen kann, wenn man von ihm fordert, nicht nach besserer Einsicht und Ueberzeugung, sondern der Chance zuliebe zu wählen! Das heißt die Moral der Schwindler und Taschendiebe von der Freudenau, die Moral der Spielhöllen auf den Wahlplatz tragen. Der Wähler, der in diesem Sinne wählt, beschmutzt und besudelt seinen Stimmzettel! Hat denn unser Kandidat Stricker keine Chance, keine Aussicht gewählt zu werden? Seine Versammlungen sind die glänzendsten, die begeistertsten, die anerkannt bestbejsuchten, die einzigen wirklichen Massenversammlungen. Ist seine Kandidatur aus diesem Grunde aussichtslos? Er ist ein unerschrockener und fähiger Redner! Seine erbittertsten Gegner haben das anerkannt und haben es daher unterlassen, ihm auch nur ein einziges Mal in offener Versammlung entgegenzutreten! Ist seine Kandidatur aus diesem Grunde aussichtslos? Der jüdischnationale Gedanke hat seit der letzten Wahl, seit dem Jahre 1907, die rapidesten Fortschritte gemacht. Vier jüdischnationale Abgeordnete sind ins Parlament eingezogen und haben ihren Platz, von allen österreichischen Parteien respektiert, würdevoll und erfolgreich behauptet. Hat dieser Umstand vielleicht die Wahlaussichten des Jüdischnationalen Stricker verschlechtert? Hunderte bürgerlicher und studentischer Agitatoren arbeiten seit Wochen für den Kandidaten Stricker, tagtäglich melden sich Neugewonnene freiwillig zur Mitarbeit! Die Bewegung ist so stark, daß selbst die liberale Presse den jüdischnationalen Kandidaten nicht mehr totschweige n kann, wie sie es früher getan, sondern fast täglich Berichte über Versammlungen bringt, in welchen Stricker spricht. Kann Stricker deshalb nicht gewählt werden? Stridker ist staatlicher Beamter und Ingenieur. Viele (christliche Fachkollegen werden ihm, als dem berufensten Vertreter ihrer Standesinteressen, ihre Stimmen geben. Die hervorragendsten und angesehensten Organisationen, wie z. B. der Oesterreichische Ingenieur- und Architekten-Verein haben es ihren Mitgliedern zur Ehrenpflicht gemacht, Stricker zu wählen! Ist das ein Umstand, welcher seine Wahl ausschließt. Wohl stellen die Männlein und Weiblein des Dr. .Ofner öffentlich die Behauptung auf, die Kandidatur Strickers sei aussichtslos und für Dr. Ofner ungefährlich. Das hat sie aber nicht gehindert, an Personen, die dem Kandidaten Stricker nahestehen, heranzutreten und sie tu bitten ,ihn zu bewegen, diesmal noch Schonung zu üben und Zurückzutreten! Gar so ungefährlich scheint also Strickers Kandidatur doch nicht zu sein! Alles spricht für ihn: Sein modern jüdisches und modern österreichisches Programm, der Fortschritt seiner Partei, seine Person, seine Stellung und sein Beruf und nicht zuletzt die Furcht sein er Gegner. Unser Kandidat Stricker hat somit die besten Aussichten, gewählt zu werden! Wenn die Wähler der Leopoldstadt wählen, wie die Vernunft und die ehrliche Ueberzeugung es ihnen gebietet und sich nicht durch die unsauberen Mittelchen der Gegner beirren lassen, zieht Ingenieur Robert Stricker ins Parlament ein. Täuflinge. Wir sind erbärmlich dürre Schwachmenschen gegen unsere Renegaten. Gehen nie über ein unnützes Lispeln hinaus. Im trauten . Kreis, in gut jüdischer Atmosphäre fallen starke Worte über solche; da hält es der eine für eine Cha-. rakterlosigkeit, der andere rundweg für eine Gemeinheit. Aber draußen, in gemischter Luft, wird man friedsamer, nachgiebiger. Der Mann — was wollen Sie? — will Karriere machen, war sterblich verliebt, hat keinen Dunst vom Judentum gehabt. Und schließlich, er hat gute Manieren ,ist pietätvoll gegen die Seinen, tut was für die Juden. Ueberhaupt, ist vielleicht im Innern ein besserer Jude als die Gauner, die sich im Tempel die Brust wund schlagen und tags darauf Pleite machen. Und so sitzt der Maranne an unserem reinen Tisch, tut sich gütlich an unserer wohligen Gemütswärme, schlürft unbeanständet das Intelligenzfluidum der jüdischen Gemeinschaft. Dann geht er m die höhere Sphäre, breitet die Schätze aus, die er bei uns geholt, und wird Rat, Kronenritter, Stabsoffizier und Freiherr. Erklärt das Judentum in Bausch und Bogen für drückend, überflüssig, unzeitgemäß, schneidet ätzende Witze aus der ghettokranken Haut des jüdischen Volkes und tritt für Albanesen, Buren, entlassene Sträflinge, Hetären und Lohnarbeiter ein, und entrüstet sich nach dem Frühstück über die „aller Zivilisation hohnsprechenden“ Znstände im Reiche des Zaren. Bis hieher ein harmloses Subjekt. Geht wie ein Gockel aut dem Misthaufen großstädterischer Kultur, hat Beziehungen, heiratet eine Null mit Nullen, und ist Schnittlauch auf allen Suppen. Aber d abei bleibts nicht. Der Mann steigt behende von Staffel zu Staffel und ist bald auf einer Höhe, von der ihn die wimmelnde Menge sieht. Und die Menge hat, es ist schon so, die dort oben nicht sonderlich gern. Sie stehen zu sehr in der Sonne, des Goldes, des Ruhmes, der Macht. Das Murren aus den düstern Tiefen richtet sich gegen den Mann auf der hohen Staffel. Die Silhouette in der Sonne hat eine krumme Nase. Und der Haß bekommt Direktion. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, wo der Renegat gefährlich wird. Sein wurmstichiger Charakter, gewohnt alles zur Seite zujräumen, was ihm bergauf [im [Wege [liegt, emfindet die Last des Blutes, wie eine angeborene Schmach. Statt durch erhöhte Menschlichkeit die pfäffisch aufgekitzelte Plebsbestie zu sänftigen, entwickelt sich in dem hohen Herrn ein atavistischer Haß gegen die armen, gehetzten jüdischen Untermenschen die „schmutzig, betrügerisch und unappetitlich“ sind, natürlich jeden anständigen Menschen zum Antisemiten machen müssen. Er kann wohl nicht mfibeulen mit der räudigen Buttikenhyäne, färbt seine perverse Feindseligkeit kulturgemäß, chamberlainistisch, ästhetisch und schadet den Blutbrüdern . mehr, als tausend alkoholisierte Rowdys. Er nimmt wegen des verganischen Gekläffes keine jüdischen Arbeiter, Beamte, Angestellte, zwingt seelenschwache Hungerleider zur Taufe und spricht von der „Verjudung“ wie von einer scheußlichen Infektion; auf der anderen Seite schraubt der zitierte Mob die wirtschaftliche und politische Carotte noch fester um den abgehärmten Hals des jüdischen Proleten — wegen des Juden aut der hohen Staffel. Jetzt ist ihm naturgemäß von unserer Seite nicht mehr beizukommen. Ordensketten glitzern im stolzen Bogen über seine goldstrotzenden Ordenspracht, seine Visitkarte hat den _ Text eines kleinen Romans. Der Graf und Idiot X. sagt ihm du (kleine Wechselverbindlichkeit), der Minister Y. läßt sich von dem „jüdischen Koppel“ die Etatsreden stilisieren und der Kunstriese Z. malt für mäzenatische Scheks die werte Familie samt Hund und Automobil. Die Villa am Gardasee ist von Olbrich entworfen, von Portoix & Fix möbliert. Wir tanzten anno Tobak bereits ums goldene Kalb. Der Tanz ist nicht unmodern geworden. Im Gegenteil. Er ist lebhafter, bewegter, sinnlicher, eine Art Matchiche oder Cake-walke um das vierzehnkaratige Säugetier. Und schließlich ist man in den Gemeindestuben Israels, die nach alten Kleidern und muffigen Prinzipien riechen, auf „Ihn“ stolz. „Ein gediegener Mensch, kolossale Arbeitskraft! Ein Genie.“ Und dann das jubelnde „Er ist unser“. Und der Schames fügt hinzu: „Sein Großvater, Gott hab’ ihm selig, hat kein Wort deutsch gekannt, war ein ganz gewöhnlicher Schochet in Podhajce.“ 1 Aber alle diese Abszesse am Leibe des jüdischen Volkes gehen nicht so auf. Mancher, der durchs Wasser ging, um ins Trockene zu kommen, hungert mit dem Sakramente der Taufe versehen, in den glänzenden Kasematten der neunten und achten Rangsklasse oder wird, lebhaft macht sich sdton die Rassenströmung geltend, trotz Baptisma und Levation „wegen Ueberfüllung“ abgelehnt und geht einem gutjüdischen Beruf, wie Advokat oder Journalist, in verdrossener Laune nach. Aber etwas will man ja doch davon haben; und man wird Antisemit. Sind viele dieser Verunglückten Schoßkinder der katholischen Kirche. Und nun die sittliche Lebensart in diesen angefäulten Familien. Der Sohn — natürlich — kriecht gleich bei Geburt oder spätestens nach der Matura zum Kreuz. Der Papa und die Mama haben es nicht getan aus Pietät, wegen irgend eines unsympathisch verklausulierten Testamentes oder weil „ich zu alt bin“. Im Grund genommen eine anrüchige Transzendental-Feigheit. Und die Töchter? Die jüdischen Ehen sind besser, sicherer. Aber wenn schließlich ein Offizier oder — mboh, man läßt sich einfach konfessionslos erklären, jederzeit parat zum Sprung hiehin oder dorthin. Sie liegen sozusagen transito . . . Zu viel Schmutz, meinen Sie? Zu grell die Farben? Kaum. Zugegeben: Es gibt Fälle von Apostasie, die aus einer blutigen Notwendigkeit entspringen. Wenn der brennende Hunger einen kirre macht oder eine narkotische Brunst. Die Scheiterhaufen Torquemadas und die „eiserne Jungfrau“ der Kongregation de Propopaganda fide sind wohl stärkere Triebfedern gewesen und blieben bei tausenden sonder Wirkung. Doch es ist ein unbilliges. Verlangen, ein ganzes Volk von Helden und Blutzeugen zu wollen. Wir lassen den Zwang gelten, wie das trockene Gesetz: Vis compulsiva, qui cadet in constantem virum. Wir raten aber zu außerordentlicher Skepsis. In 98 Affären ist das ganze „Ich mußte“ ein fadenscheiniges Mäntelchen für die entblößte Scham. Wenn ein jüdischer Intelligenzler das Mädel von der Nähmaschine oder dem Ladenpult in seine gutgepolsterte Existenz erhebt, erscheint ein Charakteropfer „ihr zulieb“ entweder schwächlich oder erlogen. Und das Avancement vom Finanz-Offizial zum Revidenten ist auch nicht der oberwähnte wirtschaftliche Zwang. Wie gesagt, in 98 Fällen ebendieselbe Charakterlosigkeit, nur durch die Motivierung mit Feigheit garniert. Gleichfalls: Die überzeugten Konfessionslosen. Eine Abart des homo sapiens, der man mit Vorsicht zu begegnen hat. Haben sich meistens „durchgerungen“ durch die mystischen Zweifel, durch den qualmenden Wust der Tradition, und das Gift einer bigotten Erziehung zum Theiismus, Monismus, Häckelismus, Atheismus. Siehe den großen Anatole France: Die Vorstellung von den sittlichen Wirkungen der Religion ist ein unbedachter Trägheitsschluß. Was sie sind, als das wollen sie gelten. Siehe den tiefen Peter Altenberg: „Sei, der du bist, nicht mehr, nicht weniger!“ „Sind glaubenslos, wollen es daher auch in den Matriken des Magistrates sein. Dem Stamme nach — bekennen sie mit treuherzig intelligentem Blick, die Hand an der Brust — sind wir natürlich nach wie vor Juden. Manche sind sogar national (das hat mit Religion nichts zu tuni und überhaupt innerlich vollkommene Juden (glauben Sie äußerlich nicht, Herr Koranyi?). Mit Verlaub: Die mosaische Lehre ist das einzige dokumentierende Band für die jüdische Einheit, in der Wiege liegt der nationale Gedanke und wird noch lange, ach lange brauchen, ehe er die versprengten Volksplasmen zu einem vitalen Organismus zusammensaugt. Wer sich heute und morgen außerhalb der religiösen Mauer stellt, wird von den anderne nicht als voller Jude betrachtet, von den eigenen als solcher nicht anerkannt. Weiters ist der irdische Glaube nicht eine grenzenlose Seligkeitslehre, wie die Offenbarung und der Koran, die ihre Sendlinge hingehen lassen zu allen Völkern, um das Wort zu predigen, hier mit Demut, dort mit Feuer und Krummsäbel. Moses schuf eine tief völkische Stammesreligion, die ihre wundervolle Eigenart aus dem kreisenden heißen Volksblut holt und sic durch dreitausend Jahre wieder ausströmt. Ist ein immens nationales Monument. Carlyle nennt die Mahabaratta den „Pentateuch des Indra“; ein feiner, plastischer Ausdruckauch für uns. Und endlich ad „Konfessionslos“ ist ein öffentlich registrierter Unglaube auch ein Glaube, eine anämische, schönheitslose Fratze eines Glaubens. Denn wer sich wahrhaft durch den herkulischen Hydrakampf der seelischen Gottsehnsucht durchgerungen, in tausend Fieberschauern sich den vollendeten, intrasigenten, trostlosen Rationalismus erobert hat, hat gewiß die liliputanische Eitelkeit verloren, diesen Sieg aktenmäßig feststellen zu lassen. Meistens dürfte der Untergrund zu dem „Emporringen zu einer freieren, höheren Weltauffassung“, wie der freiheitlich-soziale Ofnerschwätzer sich auszudrücken belibet, eine Erhöhung der Kultussteuer sein um Kronen zehn.... Resümee: Wie allüberall, sind auch bei uns die Marannen eine tief verächtliche, schwer uns schädigende Sippe; und wir sind erbärmlich schwach gegen sie. Wir züchten fast den giftigen Pilz. Es ist an der Zeit, vorzugehen. Rücksichtslos, calvinisch. Sonst verseuchen sie uns. Es wäre Sache unserer Besten, Stärksten, Tapfersten, über diese Kampagne nachzudenken, sie vorzubereiten und wie einen ernsten Krieg zu führen. BEDA.

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