Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 23 (9.6.1911)
- Date
- 1911-06-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 23 Deshalb sind wir gegen die zu Gunsten der Grossgrundbesitzer geführte Steuerpolitik, für eine moderne Industriepolitik und gegen alle zünftierischen Hemmungen der freien Volkswirtschaft. Wir sehen die Hauptaufgabe des Staates in -einer Hebung von Lebenshaltung und Konsumkraft der mittleren und unteren Schichten der Bevölkerung. Deshalb sind wir für Ausbau der Sozialpolitik, insbesondere der sozialen Versicherung und gegen die hochagrarische Soll- und Approvisionierungspolitik. Wir sehen den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritt der Bevölkerung nur gewährleistet durch eine moderne Kulturpolitik. Deshalb sind wir gegen den Klerikalismus in jeder Form, insbesondere sind wir für die Freiheit der Schule, sowie für eine Hebung der Volksbildung und den Ausbau aller wissenschaftlichen Institute. Wir glauben, daß dem Antisemitismus dadurch Vorschub geleistet wird, daß die Juden bisher nie als Juden Postulate vertreten haben, so daß man ihnen alle schlechten Absichten in die Schuhe schieben konnte. Man hat sie als Polenklubler für reaktionär, als Sozialisten für revolutionär, als Deutschnationale für Tschechenfeinde und Kulturkampfhetzer etc. verschrieen. Deshalb sind wir dafür, dass die Juden ihre politische und kulturelle Weltanschauung als Juden vertreten, was allein ihre Stellung im Staate klar und unzweideutig dokumentieren wird. Das ist in knappen Zügen das Programm der national-jüdischen Partei in Oesterreich. Wer es billigt, der stimme am 13. Juni resp. 19. Juni für deren Kandidaten Kandidaten dei Jüdisch-Nationalen Österreichs: Niederösterreich: Wahlkreis V (Leopoldstadt I): ROBERT STRICKER. Mähren: Wahlkreis V (Göding): LU¬ CIAN BRUNNER. Galizien: Wahlkreis Lemberg III: Adolf Stand. „ Brody: Adolf Stand. „ Stanislau: Adolf Stand. „ Tarnopol: Adolf Stand. „ Buczacz-Sniatyn: Dr. Michael Ringel. „ Drohobycz: Dr. Gerson Zipper. „ Kolomea: Dr. Gerson Zipper. „ Stryj: Dr. Leon Reich. ,. Zloczow: Dr. Abraham Salz. „ Tarnobrzy - Kolbuszow - Mielec: Dr. Samuel Wahrhaftig. „ Tarnow: Dr. D. Malz. „ Bobrka - Bursztyn - Zydaczow: Dr. Julius Wurzel. „ Jaslo - Dembica - Gorlice: Dr. Hersch Syrop. „ Rawaruska-Zolkiew-Sokaf: Dr. Samuel Rappaport „ Rzeszow -Ropczyce -Sedszyszow: Dr. Abraham F r e i li c',h. „ Buczacz (Land) Monasterzyska- Poekajce: Dr. Abraham S alz. „ Sanok-Dobromil-Stary-Sambor: (Städtebezirk) Dr. Moriz Goldberg. „ Milnica-Borszczow-Zaleszczyki: Dr. Michael Ringel. Die Liste der zionistischen Kandidaturen in Galizien ist damit noch nicht erschöpft; sie wird in der nächsten Nummer, ergänzt. (Die Wahlen in Ostgalizien beginnen am 19. Juni). Bukowina: Czernowitz-Ost: Dr. Benno Straucher. Suczawa-Sereth-Radautz: Lucian Brunner. Die Wahlen in Westösterreich. In Wien und an manchen Orten Böhmens und Mährens haben die Juden durch ihre Zahl einen ausschlaggebenden Einfluß auf den Ausfall der Reichsratswahlen. Der „Jüdische Nationalverein für Oesterreich'4, die einzige politische Organisation der österreichischen Juden, die eine einheitlich-programmatische und ausschließlich jüdische Politik führt, hat in z\vei Wahlbezirken selbständige Kandidaten aufgestellt. In Wien, Leopoldstadt I, ist unser Kandidat Herr Robert Stridker, Ingenieur der k. k. Staatsbahnen. Ihm gegenüber stehen zwei deutschliberale .jüdische Kandidaten, Ofner und. Mittler, und der konfessionslose Sozialist Austerlitz, Chefredakteur der antisemitischen „Arbeiter-Zeitung“, sowie ein christlichsozialer Mandätswerber. Die jüdischen Wähler sind heute nicht mehr im Zweifel, wem sie ihre Stimmen geben sollen. Sie wissen, daß es sich für sie nicht darum handelt, die nationalen Interessen des deutschen Volkes zu schützen und Trabanten des antisemitischen, agrarischen, klerikalen chauvinistischen „Deutschen Nationalverbandes“, wie es die Mittler und Ofner sind, zu wählen, auch darum nicht, der Klassenkampfpolitik der Arbeiterschaft durch die Wahl eines antisemitisch tuenden Renegaten einen neuen Kämpfer zu stellen, sie wissen, daß es sich überhaupt nicht darum handelt, irgend einen Juden zu wählen, welcher Partei immer er angehört, sondern daß es gilt, nur einen Vertreter j üdischer Interessen ins Parlament z u senden. Ein solcher ist aber nur der Jüdischnationale Stricker. Dieser Kandidat hat in einer äußerst temperamentvoll geführten Wahlkampagne sein überlegenes Rednertalent, seine Schlagfertigkeit, seinen untrüglichen Scharfblick, sowie seine selbst von Gegnern anerkannte politische- Begabung geoffenbart und ist heute in der Leopoldstadt im besten Sinne populär. Es kann als sicher angenommen werden, daß er eine bedeutende Stimmenzahl erhält und wenn er nur einen kleinen Vorsprung vor Ofner, Mittler und Austerlitz ^atj kommt er mit dem Christlichsozialeri in die Stichwahl und seine Wahl in dieser ist dann sicher. Jede Stimme ist daher von Wichtigkeit und wir richten in letzter Stunde den dringenden Appell an die jüdische Wählerschaft, den einzigen wahren Vertreter ihrer Interessen, Ingenieur Robert Stricker, Wien, III., Bechardgasse 24, ihre Stimme zu geben. 1 Im Wahlkreis Mähren 5: Nikolsburg- Pohrlitz - Auslpit'z - Göding - Lupd enb urg-Ung.-H r ad i s ch, kandidiert die jüdische Nationalpartei Herrn Lucian Brunner. In diesem Wahlkreis handelt es sich darum, den jüdischen Renegaten Dr. Josef Redlich, der bisher das Mandat inne hatte, und der im Parlament der Ruhmredner der Christlichsozialen W r, zu stürzen. Wie die Dinge stehen, hat er schon heute gar keine Aussichten mehr, da ihm von Seite seiner eigenen Partei, des Deutschen Nationalverbandes, zwei Gegenkandidaten, ein agrarischer und ein nationaler, entgegengestellt wurden. Kein Jude wird vernünftigerweise jenem Schrittmacher der Antisemiten, dem Renegaten Redlich seine Stimme geben. Dagegen hat die Kandidatur Lucian Brunners und dessen Auftreten in den einzelnen Orten des Wahlbezirkes große Begeisterung und freudige Zustimmung erregt. Lucian Brunner ist kein neuer Mann. Er ist bekannt als der einzige wahre „Achtundvierziger“-Demokrat Oesterreichs, der im Laufe der Zeit immer zu den Grundsätzen der wahren Völkerfreiheit gestanden ist, indes selbst ein Kronawetter zu den „Deutsch-Demokraten“, diese Spielart der verkrachten Deutschliberalen, übergegangen ist. Ludan Brunner war auch der erste österreichische Politiker, der durch Gründung des Vereines „Nationale Autonomie“, in welchem Vertreter verschiedener österreichischer Völkerschaften sich zusämmenfanden, einen praktischen Versuch zur Lösung der Nationalitätenfrage anbahnte, den er als Abgeordneter fortsetzen wird. Ludan Brunner war auch der einzige Jude Wiens, der als Gemeinderat in der Zeit des Aufstiegs Luegers den Mut fand, sich offen als Jude zu bekennen und mannhaft den Christlichsozialen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Dafür wurde er von den damaligen „freisinnigen Juden“ fallen gelassen. Brunner war auch der einzige jüdische Politiker der früheren Generation, der die jüdischnationale Bewegung schon in ihren Anfängen als allein zeitgemäße für die österreichischen Juden und die einzig wirklich demokratisch-freiheitliche erkannte und sich in ihre Reihen stellte. Der Name Brunners ist nicht nur ein jüdisches, sondern auch ein demokratisches und wahrhaft freiheitliches Programm. Die jüdischen Wähler des Wahlkreises Mähren 5 beglückwünschen sich zu diesem Kondidaten, dem sie am 13. Juni mit Begeisterung ihre Stimmen geben werden. Weitere Kandidaturen hat der Jüdische Nationalverein nicht aufgestellt. Hingegen hat er seinen Anhängern in den einzelnen Bezirken spezielle Wahlparolen erteilt und in seiner letzten Sitzung vom 6. Juni 1911 beschlossen, diese aufrechzuerhalten. Insbesondere sollen in den einzelnen Wahlkreisen dem Kandidaten des Deutschen Nationalverbandes, auch den sich „Deutschfreisinnig“ Nennenden absolut keine jüdische Stimme g egebe n werden, da dieser Verband erzantisemitisch und reaktionär ist. Es sei in lezter Stunde nur auf dies eine Faktum hingewiesen, daß selbst ein Dn Lecher nicht gegen das Hausiergesetz stimmte! Natürlich gilt diese Parole auch gegen den jüdischen Renegaten Licht. Und in jenen Wahlkreisen, wo nicht eine spezielle Parole für den betreffenden Wahlbezirk gilt (wie z. B. in zwei noch zu erwähnenden Prager Wahlkreisen), unseren Gesinnungsgenossen zu ermöglichen, ihr Wahlrecht auszuüben, ohne daß sie für einen, vom jüdidischnationalen Standpunkt nicht empfehlenswerten Kandidaten stimmen müssen, empfiehlt ihnen der Jüdische Nationalverein, den Stimmzettel mit dem Namen seines Obmannes Dr. Jakob Ehrlich, Hof- und Gerichtsadvokat, W i e n, I., Neuthorgasse.15, auszufüllen. Eine spezielle Wahlparole wird von dem jüdisch-politischen Verein in Prag, dessen Obmann unser Gg. Dr. Ludwig Singer ist, ausgegeben, und der Jüdische Nationalverein schließt sich derselben an. Die Gesinnungsgenossen werden gebeten, in Prag-Altstadt, wo es gilt den RitUafloiordhetzer Dr. Baxa zu Fall zu bringen, für den Sozialdemokraten Dr. Vaclav H ouser und in dem Wahlkreis Prag, Untere Neustadt, für den Sozialdemokraten Dr. Leopold Langer, zu stimmen. Der Jüdische Nationalverein hat in der Wahlbewegung mit seinen durchwegs freiwilligen Mitarbeitern sein Möglichstes getan, um die jüdische Wählerschaft aufzuklären. Wenn er nicht überall selbst eingreifen konnte, so erwartet er von der politischen Schulung unserer Gesinnungsgenossen in den verschiedenen Orten, daß sie überall verstehen werden, auf die jüdische Bevölkerung im Sinne unserer Parolen zu wirken. Mit der frohen Zuversicht, daß wir auch diesmal einen Schritt weiter auf der Bahn einer gesunden jüdischen Volkspolitik machen werden, sieht die jüdische Natlonalpartei dem Wahltag entgegen. „Die Wahlchance.“ Die Wahlhyänen in der Leopoldstadt haben ein neues Agitationsmittel entdeckt: die „Wahlchance“. ' Nachdem alle ehrlichen Mittel . versagt haben, bedienen sie sich im Kampfe gegen die Jüdischnationalen, insbesondere aber die Agitatoren des Dr. Ofner, eines erbärmli chen Manövers. Sie erzichten darauf, das jüdischnationale Programm zu widerlegen, sie loben sogar die Person und die Fähigkeiten des Kandidaten Stricker und sagen: „Alles ist' schön und gut, aber wählet den Stricker nicht, denn er hat keine Chance, gewählt zu werden!“