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Jüdische Zeitung · 1911-06-02 · 22 (2.6.1911) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
22 (2.6.1911)
Date
1911-06-02
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 22 Nach den Ereignissen der letzten Zeit wird es sich Herr Dr. Ofner gefallen lassen müssen, daß man die beiden Wörtlein des stolzen Prädikates, das ihm Herr Treumann und Herr Dr. Schwarz-Hiller, Herr Dr. Ascher und Frau Beer- Angerer beigelegt haben, umstellt. Dann wird aus dem „Gewissen des Parlaments“ das „parlamentarische Gewissen“, jenes leider so häufige, weite Gewissen des berufsmäßigen Politikers, das man deutlicher mit demagogis eher Skrupellosigkeit kennzeichnet. Dr. Ofner, ein überzeugungsmutiger Schützer der Wahrheit und des Fortschritts? Keine Stunde hätte er seinen Thronfolger Dr. Schwarz- H i 11 er an seiner Seite dulden dürfen, als dieser den Wahlaufruf der plutokratischen, reakionären Knltusgemeindepartei mitunterfertigt hatte. Ohne einen Augenblick zu zögern, hätte er seinen auserkorenen Günstling, den Gemeinderat Neust adtl, über alle Stiegen hinunterjagen müssen, als diese Zierde des Freisinns und des Judentumes darüber wehklagte, daß er nicht ganz vorne neben Schneider und Geßmann hinter dem Sarge Luegers einhergehen durfte; und seinen weiblichen Streitkräften, die kreischend Theodor Herzl und Max Nordau, Franz Oppenheimer und Adolf Stand Klerikale schimpften, hätte er — da sicli’s doch ein Politiker in W'ahlzeiten mit den Frauen nicht verderben will — zumindest sachte über den unaufrichtigen Lästermund fahren müssen. Er tat dies nicht. Er ging vielmehr zu seinen Schülern und Schülerinnen in die Schule und das „Gewissen des Parlaments“ verbreitete die schmähliche und schwerwiegende Verleumdung, daß die bewußten Jude n in Oesterreich Sonderrechte anstreben. Man sieht, sein Gewissen hat sich ganz unglaublich geweitet. Die berühmte Ofnersche „Sozialpolitik" aber hat dabei ein Loch gekriegt, das sich weiterhin vor der jüdischen Wählerschaft nicht verdecken läßt. Herr Dr. Ofner nimmt heute an einem Kommerse jüdisch-deutscher .Kommilitonen teil, leert sein Glas aufs Wohl des Deutschtums und muntert die Korona zur u,völkischen“ Arbeit auf. Aiofgen jedoch eilt er in die Hausierer Versammlung und hat die Stirn, den Retter jener spielen zu wollen, welche die unglücklichen Opfer der deutschjüdischen Politik draußen in den Provinzen sind, jener Politik, die er erst gestern selbst gefördert hat. Eine saubere Sozialpolitik, die ■ Desperados fabriziert, um sich dann ihrer „anzunehmen“. In jener harten Winternacht, da die jüdischen Schanker aus Galizien nach Wien kamen, warteten am Bahnhofe unzählige Familien. Die judennot aller Herren Länder hängt nämlich zusammen, reicht sich über Berg und Tal die Hand und . fast jeder brotlose Schanker, der hieher, kam, hatte in dieser Stadt Angehörige. Als also Dr. Ofner die galizischen Hungerleider im Stiche ließ — er hat' sich bekanntlich um die Schänkersache nicht gekümmert — hat er seine eigenen Wähler im Stiche gelassen;; L'nd nun empfehlen wir der. Ofnerciique, in dgn jüdischen Wählerversammlungen das „Gewissen des Parlaments“ zu preisen. Parteinachrichten. Der X. Kongreß findet-vom 9. bis 15. August 1911 (15. bis 21. Ab 5671) in Basel in den Räumen des Stadtkasinos statt. Die gesammelten Schekelgelder müssen bis zum 30. Juni 1911 nach Köln oder an die Zahlstellen des J. C. T. überwiesen worden sein. Für die Wahlen zum Kongreß ist nur die Zahl der bis zu diesem Termin in Köln oder beim j. C. T. eingegangenen Schekelgelder maßgebend. Die Wahlen zum Kongreß sollen in der Zeit vom 3. bis 5. Juli 1911 stattfinden. Die Protokolle über die erfolgten Wahlen müssen spätestens bis zum 15. Juli 1911 in den Besitz des Zionistischen Zentralbureaus in Köln gelangt sein. Proteste gegen yorgenommene Wahlen sind sofort nach der Wahl gleichzeitig bei dem Bureau der Landesorganisation (Föderation) und bei uns mit ausführlicher Begründung einzureichen. Nach dem 15. Juli einlaufende Proteste können nicht berücksichtigt werden. Die Protokolle über die Wahlhandlungen sind ordnungsgemäß aufzunehmen. Formulare kennen von uns in beliebiger Anzahl bezogen werden. Zionistisches Zentralbureau, Köln. Mitteilungen des i. ö. O.-K. Schekelabrechnung. Dieselbe erfolgt, wie bereits mitgetei'.t, am 14. und 15. Juni im Büro, IX., Türkenstraße 9. Die Herren Schekelkommissäre werden um strikte Einhaltung dieses äußersten Terniines ersucht. Wahlen zum X. Kongreß. Die Wahlen finden in der ersten Juniwoche statt. Ein außerordentlicher Distriktstag, der Ende Juni stattfindet und zu dem auch alle Kandidaten geladen werden, wird dem i.-ö. Distriktsverband Gelegenheit zur Stellungnahme zu den Beratungen des X. Kongresses geben. Gesellschaftsreise nach Basel. Das detaillierte Programmmit genauem Kostenplan wird unmittelbar nach den Reichsratswahlen, die die Mitglieder des D.-K. vollauf beschäftigen, an sämtliche Interessenten hinausgehen und auch in der „Jüd. Zeitung“ abgedruckt werden. Die Zahl der angemeldeten Reiseteilnehmer läßt mit Bestimmtheit eine imposante Beteiligung der österr. Zionisten am Jubiläumskongreß erwarten Kongreß-Sonderausgabe der „Welt“. Die „Welt“ gibt auch diesmal täglich erscheinende Kongreßberichte heraus, worauf die Gg. aufmerksam gemacht werden. ä Aus dem jüdischen Leben. Gustav Mahler. Vor wenigen Tagen ist der große Künstler und ehemalige. Hofoperndirektor G ustav Mahler zu Grabe getragen worden. Die Tagesblätter widmeten ihm seitenlange Nekrologe, schilderten in den verschiedensten Variationen sein Leben und Wirken und schließlich auch das „Entdecken“ seines Talentes. Zur Steuer der Wahrheit sei daher folgendes mitgeteilt: Gustav Mahler, der Sohn eines jüdischen Likörfabrikanten in Iglau, kam als Gymnasiast im Jahre 1875 in das Haus des Domänenverwalters Gustav Schwarz in Morawan. Dieser, ein Jude und großer Musikfreund, erkannte des jungen Mahlers Talent und bemühte sieh, seinen Vater zu bestimmen, ihn im Wiener Konservatorium ausbilden zu lassen. Schwarz selbst reiste mit dem jungen Mahler nach Wien, | führte ihn dem Prof. Epstein zu, und erwirkte f ihm durch denselben die Aufnahme ins Kon- | servatorium. Heute ist Schwarz ein Greis von j SO Jahren und beschließt seine Tage im Iraeli- 1 tischen Versorgungshaus in der Seegasse. Mit Stolz erfüllt es ihn, daß er Gustav Mahlers Talent entdeckt und die ersten Schritte getan hat, welche seinen heutigen Ruhm begründeten. Schwarz besitzt Briefe von Mahler, und seinen Eltern aus dem Jahre 1S75, welche obige Angaben bestätigen. W—1. Zur Kiewer Ritualmordhetze. Die berüchtigten antisemitischen Dumadeputierten Purischkewitz und Timuschkin haben den Anführern der hiesigen „echtrussischen“ Vereine mitgeteilt, daß sie in den nächsten Tagen nach Kiew zu kommen beabsichtigen, um auf eigene Faust eine „Untersuchung“ über die Ermordung des Knaben Juschtschinsky anzustellen. Der Vorsitzende der russischen Rabbinerkömmission, Rabbi J. L. Zirelson in Kischinew, wendet sich in der jüdischen Presse an alle Rabbiner der Gouvernements- und Kreisstädte, sowie an alle Chassidimrabbis mit der Aufforderung, eine von ihm entworfene und in den großem russischen Tagesblättern zu veröffentlichende Protesterklärung der geistlichen Rabbiner zu unterzeichnen. Protest der russischen Schriftsteller gegen die Ritualmordhetze. Aus Badenweiler (Schwarzwald) schreibt man der „N. J. K.“: Der hier zur Kur weilende bekannte jüdische Dichter Scholem-Aleichem (S. Rabbinowitz) erhielt ein Schreiben von dem russischen Schriftsteller Alexander Amphitheatrow, worin dieser ihm mitteilt, daß die angesehensten russischen Schriftsteller beabsichtigen, eine gemeinschaftliche energische Protestkundgebung gegen die Ritualmordhetze in der russischen Presse zu Veröffentlichen. Pogrompanik in Bessarabien. Aus Galatz (Rumänien) wird uns geschrieben : Alle Züge von der russischen Grenze bringen zahlreiche jüdische Flüchtlinge aus verschiedenen Städten Bessarabiens, die aus Furcht vor nahe bevorstehenden Pogromen die Heimat verlassen, ln den letzten Tagen wurden aus Kiew mehr als 50 der Schwarzen Hundert nach Bessarabien kommandiert, die namentlich in Kischinew (wie auch im Norden in Hornel) ständige Komitees zur „Ermittelung von Ritualmorden“ bilden. Antisemitische Agitatoren durchziehen die Städte und Dörfer unter dem Schutze der Polizei und anderer Behörden und verbreitert Ansichtskarten, auf denen mit feuerroten Buchstaben gedruckt ist: „Rechtgläubige Christen, russische Männer,, erbarmt Euch Eurer Kinder, nehmet Rächern den Juden! Auf; schlaget die Juden, bis es nicht einen einzigen Juden in Rußland gibt!“ Die Intervention der. jüdischen Bevölkerung bei den Behörden war bisher erfolglos. Die Entstehung der Judengemeinde in Saloniki. Der soeben in Saloniki herausgegebene Almanach National enthält auch einen sehr interessanten Aufsatz über die Entstehungsgeschichte der Judengemeinde von Saloniki, dem wir die folgenden Daten entnehmen: Schon in den Briefen des Apostels Paulus wird erwähnt, daß bereits im jahrhundert der christlichen Aera in Saloniki eine zahlreiche Judengemeindejb estanden habe. Im 15. Jahrhund.:! n. der übl. Zeitr. ließen sich wieder zahlreiche Juden aus Norddeutschland, Ungarn und Polen in Saloniki nieder. Die stärkste jüdische Einwanderung erfolgt jedoch nach 1492, dem Zeitpunkte der Vertreibung der Juden aus Spanien. Gegen Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts siedelten sich ungefähr 20.000 Juden in Saloniki an. Sie bildeten 36 verschiedene Gruppen: Zwei Gruppen von Juden hatten diese spanischen Flüchtlinge bereits in Saloniki vorgefunden: die Aschkenasim und die Italiener- Rabbi Jacof Ben Habib de Zamora erzählt in seinem historischen Werke, daß er in Saloniki eine Anzahl hervorragender Rabbiner vorgefunden habe. Die italienischen Juden besaßen hier zwei Synagogen und zwar eine der sizilianischen und eine der Juden von Paulia. Der Rabbiner der italienischen Judengemeinde hieß Samuel Franco. Zivnostenskä banka Filiale Wien i. Heppengasse 12. EINLAGEN auf Biichel: EINLAGEN im Konto nach Vereinbarung. Zentrale in Prag, gegr. i£C8. 4 Aktienkapital und Reserven: K 75 Millionen. oi r Wechselstuben in Wien: L Herreng. 12. II. Praterstr. 24, VII. Mariahilferstr. 84, X. 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