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Jüdische Zeitung · 1911-06-02 · 22 (2.6.1911) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
22 (2.6.1911)
Date
1911-06-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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- Nr: 22 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 rain urbar gemacht, daß sie moderne Ackerbaumethoden eingeführt und auch die wirtschaftliche Lage der Fellachen gehoben haben. Uebrigens sagte selbst der arabische Deputierte Said Bej (Jerusalem), daß die Türkei mit der Einwanderung zufrieden wäre, wenn sich alle Juden naturalisieren ließen, da diese einem sparsamen, gebildeten und intelligenten Volke angehören. Auch der Minister des Innern Halil Bej schlug viel sanftere Töne an, als früher. Er sagte nur, daß Ansammlungen fremder Juden in irgend einem Teile des Reiches, die eigene politische Ziele verfolgen, verhindert werden würden. Ganz besonders hervorgehoben zu werden verdient die Haltung des jüdischen Deputierten Masliah Effendi, eines Allianceschülers, der verlangte, man solle, bevor man über den Zionismus urteilt, eine Kommission zum Studium der zionistischen Frage einsetzen, deren Urteil dann für das weitere Verhalten der Regierung maßgebend sein solle. Manche türkische Zeitungen, wie z. B. der „J^une Tu^c‘‘j setzten die in der Kammer begonnene Aufklärung über den wahren Nutzen, den die jüdische Kolonisation Palästinas der Türkei bringt, an Hand von Ziffern fort, und so wird ein langsamer Umschwung der öffentlichen Meinung vorbereitet. Dazu trägt auch sehr viel der Umstand bei, daß die angreifenden arabischen Delegierten ihrem Beruf nach Großgrundbesitzer sind, bei denen das treibende Motiv nichts anderes ist, als die Erkennntnis, daß infolge der jüdischen Kolonisation die Ansprüche ihrer eigenen arabischen Arbeiter und Pächter, die bis nun von den Feudalherren - furchtbar ausgeb^tet wurden, bedeutend steigen. Ist nur erst der türkische Parlamentarismus mehr demokratisiert, als heute, wo die Deputierten zum* größten Teil Großgrundbesitzer sind, dann wird auch der eminente soziale Nutzen, den die jüdische Kolonisation dem Lande bringt, genügend gewürdigt werden. Im allgemeinen ist man in unseren Kreisen, gegenüber solchen Parlamentsdebatten, noch immer viel zu nervös. Ihre Bedeutung wird weit überschätzt. Es ist zunächst ganz natürlich), daß in der türkischen Kammer die Frage der jüdischen-Einwanderung nach Palästina diskutiert werden muß, da es in einem Lande mit Konstitution und annähernd freier Presse kein Ausweichen vor der Oeffentlichkeit gibt. Es ist weiter ganz selbstverständlich, daß die Regierung die Einwanderung fremder Untertanen, seien es jetzt Juden oder Nichtjuden, ungern sieht, weil in der Türkei noch die Konsulargerichtsbarkeit (herrscht, also z. B. der einwandernde russische Jude dem russischen Konsul und nicht den türkischen Gerichten untersteht. Damit müssen wir rechnen und danach die ■Schritte zur Naturalisation der Einwanderer einrichten. Einer Kolonisation türkischer Juden können überhaupt keine Schwierigkeiten bereitet werden. Aber nehmen wir selbst an, daß diese Kammerdebatten wirklich gewichtiger zu nehmen wären, als es tatsächlich der Fall ist, so muß folgendes bedacht werden. Nichts ist heute labiler, als der innere Zustand der Türkei. 'Wir haben darauf immer hingewiesen, sogar zu Zeiten, ,wo alles an die Festigkeit des jungtürkischen Regimes glaubte. Wie unberechenbar die Situation ist, beweist u. a., daß zur selben Zeit (zwei ausgezeichnete Kenner der Türkei, zu den diametral verschiedensten Ansichten ge- 1 an gen köryien. Der eine, Bela v. Rakvoszky, der 20 Jahre als Botschaftsrat in der Türkei .gelebt bat, bestätigt (in einem Artikel vom 26. Mai in der „Neuen Freien Presse“) das Ur- ~teii, das vor ihm schon andere Kenner der Türkei,- wie Sax, gefällt haben, indem er ihrer weiteren Entwicklung ein düsteres Prognostikon stellt; der andere, Ernst Jackh, ein Intimus (von Mahmud S'chewkes Pascha, spricht in einem soeben erschienenen Buche: „Der aufsteigende Halbmond“, in begeisterten Worten von dem unvermeidlichen Aufstieg des Landes. Es ist jedenfalls so viel sicher, daß die Türkei erst am Anfang großer politischer Umwälzungen steht, die angesichts der enormen sozialen, nnationalen, religiösen Unterschiede zwischen den Bevölkerungsteiien ebenso unvermeidlich, als unberechenbar sind. Demgegenüber steht aber auf unserer Seite die unbedingte Tatsache, (daß die jüdische Kolonisation in jeder Weise der Türkei nützt, und daß wir unseren Weg mit unerschütterlicher Beharrlichkeit verfolgen. Daher sind w i r, die wir anscheinend so schwach mächtigen Widersachern gegenüberstehen, auf die Dauer gegen alle Verläumdungen und Hemmnisse unbedingt die Stärkeren. Wenn wir zäh und beharrlich bleiben, dann wird die Wahrheit, die wir der Türkei verkünden, früher oder später bei irgend einer Konstellation durchdringen müssen. Wenn wir aber zag und neurasthenisch vor jedem Angriff uns zurückziehen würden, dann frei.ich, wäre der Gedanke einer jüdischen Renaissance auf dem Boden Palästinas eine Utopie geworden. Der Wahlkampf in der Alliance. Aus Konstantinopel schreibt man uns: Auch im Orient ist eine lebhafte Bewegung unter der jüdischen Bevölkerung anläßlich der Wahlen zum Zentralkomitee der Alliance Isr. Universelle bemerkbar, und bei den unabhängigen Elementen herrscht große Erregung gegen Herrn Reinach und das in ihm verkörperte System. Trotzdem wird für die Pariser Liste mit den bedenklichsten Mitteln gearbeitet und versucht, so das Wahlresultat zu beeinflussen. Massenhaft werden die nach Herrn Reinachs Ansicht so „rückständigen Juden“ zu Mitgliedern der Alliance „ernannt“, indem man ihnen sagt, sie können einen Beitrag zahlen, wenn sie wollen, oder auch nicht. Als Gegenleistung werden sie zur Wahl Reinachs verpflichtet. G eichzeilig wsOrden in den Listen dieser neugebackenen Wähler von Angestellten der Alliance die Namen des Justizrats Fuchs und des Geheimrats Landau mit der Begründung gestrichen, man müsse an,' Ihrer Stelle ortsansäßige Kandidaten aufsteilen. Natürlich sind diese Kandidaten völlig aussichtslos, da sie nur Stimmen in dem jeweiligen Wahlort erhalten. Aber der Zweck wird erreicht, den Paris bekämpfenden Herren Stimmen *zu entziehen. Auch wird verbreitet, die D. C. G. wolle sich vermittels der Wahlen lediglich der in Paris angelegten Gelder der A. l.U. bemächtigen. ' In anderen Städten wagt man nicht, die deutsche Liste zu wählen, weil man Grund hat, die Entziehung der Subventionen für die Schulen der I. C. A., deren Vertreter (z. B. Herr Astruc in Rumänien) gleichzeitig Vertreter der A. J. U. sind, zu befürchten, falls nicht „richtig“ gewählt wird. Die Deutsche Konferenzgemeinschaft wird sicher nicht unterlassen, diesen Wahlmethoden nachzugehen und die Kassierung der so erschlichenen Stimmen zu veranlassen. Wie berechtigt die Forderung einer öffentlichen Wahlprüfung ist, beweisen jetzt schon die oben skizzierten Wahlmaninpulationen. Wie wir erfahren, hat die Pariser Leitung der Alliance entgegen den bisherigen Gepflogenheiten einen Ukas erlassen, demzufolge unterschriebene Wahlzettel als ungültig betrachtet werden sollen. Bei den Wahlen von 1902 und 1905 waren ausschließlich unterschriebene Wahlzettel verwendet worden. Die neue, vollkommen willkürliche Anordnung kann nur zu undurchsichtigen Wahlen führen. Im Orient, wo ohnehin mit allen Mitteln und Praktiken versucht wird, die Pariser Liste durchzudrücken, können jetzt ungestört beliebig Stimmzettel gezählt werden, ohne daß man-kontrollieren könnte, ob sie tatsächlich von Mitgliedern der Alliance herrühren. Diese neuesten Machenschaften liefern wieder den Beweis dafür, wie überaus nötig es ist, die Liste des D. C. G. zu wählen. Natürlich sind auch unterschriebene Stimmzettel vollkommen gültig. Die Deutsche Konferenzgemeinschaft versendet folgendes Communique: Wir machen die verehrten Mitglieder der Alliance Israelite Universelle darauf aufmerksam, daß unser französischer Kandidat Kommandant Lipmann, Versailles, seine Kandidatur im letzten Augenblick zurückgezogen hat, weil ihm von. Herrn Bigart, Sekretär der Alliance in Paris,_ unsere ganze Aktion als eine deutsch-nationalistische hingestellt worden ist. Indem wir gegen diese Insinuation protestieren, müssen wir unser Bedauern darüber aussprechen, daß Herr Lipmann sich gezwungen gesehen hat, seine Kandidatur zurückzuziehen und bitten diejenigen Mitglieder der Alliance, die ihre Stimmzettel noch nicht abgegeben haben, an Stelle des Herrn Lipmann, den Oberrabbiner Isaac Levy in Bordeaux fcu hvählen. Kandidatenspiegel. IV. Dr. Julius Ofner. Das verflossene Volkshaushatte bekanntlich zwei Spezialitäten: Simon S tarck, den ewigen Interpellanten, und Graf Sternberg , den erheiternden Debatter. Wer sich jetzt in die Leopoldstadt bemüht, erfährt, daß es im hohen Hause noch eine dritte Spezialität gab, die ihm unbedingt erhalten bleiben muß: Herrn Dr. Ofner — das „Gewissen des Parlament s“. Mit diesem schmückenden Beiworte bezeichnen nämlich die Weiblein und Männlein um Dr. Ofner herum diesen jüdischen Leopoldstädter Kandidaten und wir greifen es auf, weil es uns diejenigen, die es münzten, wie ihn, der es sich so gerne gefallen läßt, aufs Treffendste zu charakterisieren scheint. Das Gewissen des Parlaments! Da stellt man pich ja einen Helden der Wahrheit vor, der die erzerne Männlichkeit eines Sulla oder Napoleon mit dem Ueberzeugungsmute Tolstois vereinigt, einen Cato, dessen warnende Stimme die 515 anderen Abgeordneten machtvoll beeinflußt, wenn die Herren im Begriffe stehen, die Entwicklung zurückzuschrauben oder die Rechte ihrer Mandanten zu verschachern ... Wir haben keineswegs die Absicht, den Vergleich weiterzuspinnen. Wir bitten vielmehr, die Gesellschaft zu besichtigen, die dieses hochklingende Epitheton ersonnen hat, denn dann wird man’s gleich zu werten wissen. Das „Gewissen des Parlaments!“ Hört man nicht aus dieser schmalzigen Hyperbel die Ekstase der schmatzenden Frauen heraus, die den Dr. Ofner umschwärmen und in seinen Versammlungen {hysterisch werden, wenn einer gegen ihren Liebling aufzutreten wagt, vernimmt man nicht Schmock’s verlogene Phraseologie und die Klugschmuserei gewisser junger Advokaten? Dr. Ofner war einmal ein Mensch von untadeligem Wesen und besten Absichten. Aber er war niemals ein Mann, und die Sippe, die ihn umgibt, hat ihn glücklich dorthin geführt, wo sie alle stehen, die jüdischen Tagespolitiker, die jhr angestammtes Volk nicht kannten und sich eines Tages durch den Zwang der Entwicklung genötigt sahen, just die jüdischen Mitbürger um das kostbarste anzugehen, was sie zu bieten haben: um ein Mandat. Wie die anderen macht er’s, die sich mit Gunstbuhlerei, leerem Wortschaum, ja mit häßlichen Ränken durchzusetzen trachten, um dann, wenn sie oben sind, den betrogenen Toren nichts zu geben, als im besten Falle Enttäuschung, im schlechtesten aber Verzweiflung... Die Böhmische Industrial-Bank-Filiale in Wien» I., Wipplingerstr. 2 Telephonnmninern 23067,23068,23069,18347,21813 — Aktienkapital K 30,000 000 — besorgt sämtliche Bank- und Wechselstubengeschäfte und verzinst die Einlagen auf Einlagsbücher mit ■ - Die Rentensteuer trägt die Bank aufs Eigene, 0

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