Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 22 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 22 daß es bei Ofners Mannen nicht Widerhall finden würde. Ein Aufatmen ging durch die Versammlung. Die jüdischnationalen sind gerichtet, der jüdischnationale Gedanke ist erschlagen. Herrn Dr. Ofner scheint es unbekannt zu sein, daß bereits heute ein- Judenschlüssel in allen Aemtern existiert. In Mähren zum Beispiel kommt auf 13 arische Beamte ein Nichtarier. Juden sind die längste Zeit überhaupt nicht angestellt worden, sondern nur getaufte Renegaten. In Niederösterreich wurden bis zur Amtszeit des Präsidenten des Oberlandesgerichtes V i t o r e 11 i Juden bei Gericht überhaupt nicht angestellt. Erst den Bemühungen der Zionisten, dieser verfluchten Anhänger der Resolution Schmidt, ist es gelungen, durchzusetzen, daß Juden — ungetaufte — angestellt werden. Was hat Herr Dr. Ofner, mit dem weiten Herzen für die ganze leidende Menschheit, dazu beigetragen? Aber Dr. Ofner hat uns entlarvt und er ist ein ehrenwerter Mann! Der Kampf gegen den Renegaten Redlich. Versammlung ln Auspitz. Donnerstag, den 25. d. M., fand in Auspitz im Hotel zur „Gold. Krone" eine iingemein zahlreich besuchte Wählerversammlung statt, an der. sich sämtliche jüdische und zirka 200 christliche Wähler, zumeist Deutschnationale, beteiligten. Die Leitung der Versammlung Vvurde den Herren Wilh. Seidl (einem Deutschnationalen, der sein Amt in vollster Objektivität führte), Kultusvorsteher Berisch und Redlich übertragen. In zweistündiger Rede entwickelte der- Kandidat Herr Lucian Brunner sein Programm. Er präzisierte insbesondere den Standpunkt der Jüdischnationalen gegenüber den Deutschen. Seine freimütige Aussprache erweckte den lebhaftesten Beifall der Versammlungsteilnehmer, die seine Ausführungen mit einhelliger Zustimmung lohnten. Als zweiter Referent unterzog Gg. Ing. Gr oag die Person und das Verhalten des Prof. Redlich einer scharfen Kritik, mit der sich die Versammlung durch ihr einstimmiges Mißa trauensvotum gegen den Täufling durchaus einverstanden erklärte. Auch diese Versammlung schloß, wie alle früheren, mit einem vollen Erfolg für den jüdischnationalen Kandidaten, der die Sympathien aller jüdischen Wähler des Wahlkreises unbedingt auf seiner Seite hat. Galizien. Zionistische Kandidaturen. Lemberg,. 30. Mai Außer den bereits gemeldeten Kandidaturen hat das Zentralkomitee in Lemberg noch die Ausstellung folgender Kandidaten beschlossen : Adolf Stand in Stanistau; Dr. Samuel Wahrhaftig aus Krakau im Wahlkreise Tarnobreeg — Kolbuszow — Mielec u. sw. Dr. Hersch Syrop, Advokat in Neusandez, im Wahlkreise Tarnow (Stadt); Dr. Julius Wurzel, Advokat in Stryj im Wahlkreise Bobrka — Bursztyn — Rozdol — Rozdol — Bolszowce — Zydaczow; Dr. Hersch Syrop im Wahlkreise Jaslo, Dembica, Gorlice usw. Gg. Adolf Stand dürfte auch in T a r - nopol kandidieren, wo er bereits bei den letzten Wahlen eine ansehnliche Stimmenzahl erlangte und nur infolge äußersten Terrorismus unterlag. In Stanislau kam bei den Wahlen im Jahre 1907 der zionistische Kandidat Dr. Markus Br au de mit 1204 Stimmen in die Stichwahl und bekam in dieser nur 123 Stimmen weniger als der polnische Gegenkandidat Stwiertnia. Es dürfte noch in Erinnerung sein, daß eine große Zahl für Braude abgegebener Stimmen deshalb für ungiltig erklärt wurde, weil dessen .Vorname Markus mit c statt mit k geschrieben war. Gegen Stand kandidiert jetzt dort der berüchtigte Propinator Rauch. In den Wahlkreisen Tarnobrzeg, Tarnow und Jaslo, welche zu Westgalizien gehören, gab es bei den letzten Wahlen keine zionistischen Kandidaten. Diesmal erfolgte die Aufstellung zionistischer Kandidaten aut Wunsch der westgalizischen Gesinnungsgenossen, welche mit Recht daraut hinwiesen, daß einige Wahlkreise Westgaliziens große jüdische Majorität haben, z. B. Tarnow; in anderen bilden die Juden fast 50 o/o der Wähler. * Im Wahlbezirke Rawa Ruska — Zol - kiew kandidiert der Moschko Dr. Steinh a n s, dem von der „Rada narodowa" Starzynski entgegengestellt wird. Steinhans setzt nun Himmel und Hölle in Bewegung, um die Rada zur Zurücksetzung der Kandidatur Starzynskis zu bewegen. Wiewphl der Wahlkreis eine große jüdische Majorität hat, beharrt die Rada auf der Kandidatur.Starzynskis. Im Wahlkreise Zolkiew—Rawa Ruska—Sokal wird Gg. Df. Samuel Rappaport kandidieren. Bei den letzten Wahlen erhielt Df. Rappaport gegen Starzynski 639 Stimmen. * Im Lemberger II. Wahlkreis kandidiert der frühere Abgeordnete dieses Wahlkreise)*, Ernest Breiter, dessen polnische? Gegenkandidat Battaglia den . Kampf mit allen Mitteln der Korruption und Gewalt führt. Die Wiederwahl Breiters, der von den Zionisten unterstützt wird, ist ziemlich sicher. ' * Kolischer. Aus B r o d y wird uns geschrieben: Dr. Kolischer, der in Brody gegen Stand kandidiert, §cheint seiner Sache sehr unsicher zu sein. ■ In .der vorigen Woche ließ er seine Wahlmacher Kalier und Bloch nach Lemberg zu sich kommen, um sich von ihnen über seine „Chancen“ berichten zu lassen. Der Bericht scheint sehr ungünstig ausgefallen zu sein, denn Kolischer begab sich stracks zum Statthalter^ bei welchem er über den Bezirkshauptmann .von •Brody Klage führte. Dieser, klagte er, sei objektiv und wolle seine Kandidatur nicht durch „entsprechende Mittel“ unterstützen. Außerdem sympathisiere er mit Stand. Der Statthalter, tief gerührt, erbarmte sich des armen Kolischer, beschied den Bezirkshauptmann zu sich, dem er die „Weisung“ erteilte, Kolischer zu unterstützen. Kolischer, der Papierlieferant der galizischen Landesbehörden ist, fürchtet mit seinem Mandate auch die Lieferungen zu verlieren. * Stand in Stanislau. Aus Stanislau wird uns berichtet: Am Samstag fand hier unter Vorsitz des Gg. Dr. H a 1 p e r n eine von mehr als 2000 Personen besuchte Wähler Versammlung statt, in welcher unser Kandidat A d o 1 f Stand in einer einundeinhalbstündigen Rede sein Programm entwickelte. Stands Kandidatur wurde einstimmig angenommen. < * Der polnische Nationalrat hat folgende jüdische Kanditaturen bestätigt: Dr. Löwenstein für Drohobycz (zionistischer Kandidat Dr. Zipper), Dr. Arthur Goldhammer für Stryj—Kalusz (zionistischer Kandidat Dr. Leon Reich), Edmund Rauch für Stanislau (zionistischer Kandidat Adolf Stand). Bezüglich der änderen Kandidaturen werden in der nächsten Sitzung Beschlüsse gefaßt werden. * Rzeszow, 1. Juli 1911 (Telegramm_öer „Jüd. <Ztg.“) Im Wahlkreise Rzeszow-Ropczyce-Sedziszow wurde unser Gesinnungsgenosse Dr. Abraham Freilich als Kandidat aufgestellt. Die Aufstellung dieser Kandidatur hat unter der jüdischen Bevölkerung große Begeisterung hervorgerufen. Alle Juden werden ihre Stimmen dem zionistischen Kandidaten geben. Die anderen Kandidaten sind der Allpole Dr. G r a b s k i, der gewesene Finanzminister. B i 1 i n s k i und der Sozialdemokrat Dr. P e I z 1 i n g. * Bukowina. Die Jüdische Nationalpartei der Bukowina hat Dr. Benno Strau'cher in seinem bisherigen Wahlkreise Czernowitz-Ost wieder als Kandidaten für den Reichsrat aufgestellt. Bei der letzten Wahl wurde Dr. Straucher mit überwältigender Majorität (3318 Stimmern bereits im ersten Wahlgange gewählt. Die politische Situation der Juden in Prag, ii. Von unserem Korrespondenten. Prag, 30. Mai 1911 Das Interesse der Juden-an den Wahlvorgängen ist nun endlich auch in Prag erwacht. Vor allem ist die Aufmerksamkeit aut die Vorgänge im tschechischjüdischen Assimilantenlager gerichtet, aus dem rücksichtslose Enthüllungen ein Licht über traurige Zustände werfen. Die jüdischen Tschechen gehören vornehmlich' zwei Parteien an, der realistischen und der jungtschechischen. Die realistischen Juden hatten bisher im repräsentierenden „Verband der tschechischen Juden“ die Führung. Max Pleschner und Leo Vohrysek waren tonangebend, der „R o z v o j“, das Assimilantenorgan, wird von einer realistischen Gruppe redigiert. Diese Leute haben die Kandidatur des tschechischjüdischen Dr. Lederer aus Neuhaus autgestellt — die realistische Gesamtpartei vorschiebend und vergebens die Unterstützung der jungtschechischen Partei suchend. Diese Kandidatur wufde mit Emphase ins Werk gesetzt, um, wie .ausdrücklich -misten, im Parlament und im ganzen Lande, zu paralysieren. Ursprünglich schien es, als wenn der ganze Verband mit dieser .Kandidatur einverstanden wäre. Jetzt aber weiß man es besser. Vor der ganzen Oeffentlichkeit, in langen Artikeln in den „N a r o d n i 1 i s t y“ und im „C as“, stellt sich der eine Flügel der Assimilariten gegen den änderen. Die jungtschechischen Assimilanten selbst bekämpfen die realistische Kändidatür. Der „Vefband“ scheint in Brüche gegängen zu sein; jedenfalls wurden seihe Führer zur Demi ission gezwungen, der. „Rozvo j“ wird häßlicher und illoyaler Kämpfesweise bezichtigt und 'offen wird erklärt; daß die. Kandidatur Dr. Lederers von den jungtschechischen Juden bekämpft wird, der „Verband“ hat beschlossen, Dr. Lederer nicht zu unterstützen. Einzelheiten Zu berichten, würde zu weit führen. Der Kampf Zwischen Ofner und Mittler ist ein Friedensfest gegen die Haltung def beiden jüdischtschechischen Gruppen zueinander, Lügner^ Kriecher, Streber,, charakterlose Gesellschaft, Speichellecker, so nennen die einen die anderen. Recht mögen sie beide häben. Aber es ist charakteristisch, daß diese Kämpfe die logischen Folgen der assimilatorischen Politik sind. Die tschechischen Assimilanten sind überhaupt viel konsequenter als die deutschen; umso schneller beweisen sie selbst die Absurdität ihres Handelns.. Nie ist es so klar geworden, (wohin es führt, wenn Juden in fremdem Dienst und Sold stehen. Die jungtschechischen Juden unterstützen, zur gerechtfertigten Entrüstung der tschechischen Assimilationsbrüder, selbsLdeh Ri tu äl m o r d ad vok aten Baxa und seine Bundesgenossen.- Einer ihrer Führer, Otto Pacovsky, wird von realistischer Seite beschuldigt, daß er heute dem Jungtschechen Cech nachkriecht, in der Hoffnung, von ihm „befördert“ zu werden; ’früher hat er den Abg. Cech brüskiert, weil dieser ihm nicht genug (dienstwillig war. Diese Jungtschechenjuden sind charakterloser, trotzdem — sie schon konsequenter sind. Die realistischen Juden sind noch bei der fortschrittlichen Partei, deren freisinnige Haltung vorläufig durch Masaryk gesichert ist. Aber auch Masaryk kann nicht immer gegen die Volksinstinkte ankämpfen, will nicht immer Opportunitätsrücksichten ignorieren. Deshalb gelingt es den tschechischen Juden, die der realistischen Partei ansehnliche Truppen zuführen zu können vorgeben, Masaryk bezüglich seiner Ueberzeugung, daß die [Assimilation die Judenfrage nicht löse, wenigstens zum Schweigen zu bewegen: aber die realistische Partei wird über kurz öder lang sehen, daß sie an den jüdischen Deserteuren nicht die besten Bundesgenossen erwirbt. Dr. Lederer belbsL dem man nachsagt, daß er persönlich ein ehrenwerter Mann sei, ist nicht ganz fest in seinem assimilatorischen Programm: er sucht die Bundesgenossensdiaft nichttschechischer Juden, die Jungtschechen-Juden werfen ihm, von ihrem Standpunkt nicht mit Unrecht, vor, daß er mit den deutschen Juden zusammengehe. Aber von diesen läßt sich eben doch nur wieder ein kleiner Teil verlocken: merkwürdigerweise geräde jener, der am deutschnationalsten ist. Les extremes se touchent. Zwischen Heil und Nazdar gibt es eine Brücke, von der aus der Zionismus 0 .paralysiert“ werden soll.. Dieser aber fühlt sich — trotz der Unkenrufe des „Rozvoj“ — sicherer als je im Schutze ehrlicher, offener und prinzipientreuer Grundsätze und einer ebenso besonnenen als zielber- 'wußten Taktik. Das jüdische Prag erwartet mit großem Interesse eine Versammlung, die für Mittwoch abends angesetzt ist. Ueber die Stellung der Juden zu den Wahlen wird unser Gesinnungsgenosse Advokat JUDr. Ludwig S i nger sprechen; die tschechischen Juden dürften Wahrheiten zu hören bekommen, um derentwillen sie in ihren Versammlungen bisher Herrn Dr. Singer am Reden verhindert haben. Daß Dr. Lederers Aussichten, die tschechischjüdische Bewegung am 13. Juni zu blamieren, sehr groß sind, muß nicht erst gesagt werden. In dieser Beziehung ist heute schon mehr eingetroffen, als die erfahrensten Zionisten erwartet haben. Die Zionistendebatte in der türkischen Kammer. v Immer wieder wird im türkischen Parlament die Frage des Zionisnmus aufgeworfen. Und jedesmal zeigt es sich, daß die Mißverständnisse, welchen diese Bewegung daselbst begegnet, immer geringer werden. Speziell die letzte Debatte hat gezeigt, daß das Bangemachen vor dem Zionismus, das gewisse arabische Deputierte betreiben, nicht mehr zieht, und daß in der türkischen Kammer eine Reihe von Deputierten nachwiesen, daß die jüdische Einwanderung der Türkei nur Nutzen gebracht hat. So war es in der letzten Debatte am 17. Mai seitens des Delegierten Vardkes Effendi (Erserum), Hafir' Ibrahim (Ipek) und Wlahoff Effendi (Saloniki). Der letztere sprach besonders wirksam, weil er an der Hand von Taten nachwies, daß die Juden niemand Land weggenonimen, sondern unbebautes oder wüstes Ter-