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Jüdische Zeitung · 1911-06-02 · 22 (2.6.1911) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
22 (2.6.1911)
Date
1911-06-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 .. c’"en, er rnüßie ja zugeben, daß es neben seiner Weiie’bten deutschen Nation noch andere Völker in Oesterreich gibt, die ihr Recht wollen. Er •nußte zugeben, daß das deutschdemokratische Programm wohl Fräsen von deutscher Kultur, deufschem Empfinden und deutschem Besitzstand enthält, aber auch nicht die Spur eines Rezeptes, -.eie man in Oesterreich Frieden schafft. Er und seine Gesinnungsgenossen weichen der nationalen Frage in weitem Bogen aus, sie flüchten in eine wirtschaftliche Sachlichkeit, die ohne Berücksichtigung der nationalen, . einfach leeres Gewäsch, eine leere Gaukelei, ist. Die Sozialdemokraten machen es nicht besser. Mit wirtschaftlichen Forderungen sind sie vor vier Jahren vor die Wähler getreten, 90 Mann sind mit diesen Forderungen im Parlamente aufgezogen und was haben sie erreicht? Sind die Lebensmittel, ist das Fleisch, sind die Wohnungen billiger geworden? Haben .vir erhöhte Konsumption und haben wir die Kolportagefreiheit? Der Wunschzettel mit dem sie heute vor die Wähler treten, ist ebenso lang, wie vor vier Jahren, keine einzige Forderung fehlt, denn keine einzige wurde in diesen vier Jahren erfüllt! Auch sie schweigen die Ursache des Fiaskos, die nationale Frage tot 1 Wir Jüdischnationale machen diesen wirtschaftlich und sachlich klingenden Schwindel einfach nicht mit! Allediese Forderungen, die man ihnen mit großem A p I o m h e m pf i e h i i. stehen in unserem Program m e. Wir kämpfen und werden immer dafür eintreten. wenn es sich darum handelt, den Brot-, Fleisch- und Bodenwucherern, den Kartellen und monopo Gierten und prh i.e.ierten Bankräubern entgegenzutreten. Im aufgelösten Parlamente waren bei jeder Abstimmung der j jüdischnationale Klub aut der Seite der Unter-; drückten. Aber wir wollen timen nicht vorj lügen, daß mit den bloßen Wünschen etwas er- , reicht wird! Zwischen dem Wunsch und dem; Ziel steht ein großes Hindernis: Der nationale Streit. Wer ment an der Beseitigung dieses Hindernisses arbeitet, der arbeitet nicht ehrlich! Wir Jüdischnationale bieten Ihnen in unserem Programm das Mitte! zur Geberwindung dieses Hindernisses, wir sind die Verfechter der nationalen Autonomie. Wie wir keine Herrenmenschen und keine Sklaven wollen, so wollen wir auch keine Herrenvclker und keine Knechtvölker! Und wenn Ktiranda, Ofner. Woit, Daszynski und Austerlitz «larob aus dtr Haut fahren sollten, so erklären wir, daß Oesterreich nicht allein für die Deutschen und die Polen da ist, daß es die unerhörtest e Un ge re c h tig k eit bedeutet, wenn eine deutsclipo Inische .Majorität über die nationalen und kulturellen Bedürfnisse der Tschechen, Italiener oder Ruthen cn zu entscheiden hat, daß diese Ungerechtigkeit die Nationen nicht zur Ruhe und das Parlament nicht zur sachlichen Arbeit kommen läßt. Nach dem Grundsätze der nationalen Autonomie sind aile Fragen nationaler und nationalkuiturel- ’er Natur aus den Beratungen des Parlamentes auszuscheiden und eigenen nationaleinheitlichen Bcratungskcrpern zuzuweisen. Früher gibt es keinen Frieden und keine gesunde Wirtschaftspolitik in Oesterreich. Die ausgezeichneten Ausführungen wurden mit stürmischem Beifall aufgenommen. Nachdem Gg. Dr. W e i s e n g r ü n zu emsiger Werbearbeit aufgefordert hatte, schloß der Vorsitzende die Versammlung. M o n t a g fand in Hirschbeins Restaurant eine zahlreich besuchte Wählerversammlung statt, in welcher Gg. Torczyner und der Kandidat Gg. Stricker mit großem Erfolg sprachen. M i 11 w o c h fand in den Xestroysälenin •der Praterstraße eine von zirka 60:) Personen besuchte Versammlung statt. Es sprachen Gg. Dr. Löhner und der Kandidat Stricker. Die Kandidatur wurde einstimmig angenommen. Br. Josef Redlich für die Christlichsozialen. . Ais wir in den Wahlkampf gegen den Renegaten Dr. Josef Redlich eintraten, machten vir ihm den Vorwurf, er habe durch sein Buhen um die Gunst der Christlichsozialen die Verachtung aller Freiheitlichen auf sich geladen. Die lokalen Schmutzblättchen des Gödinger Wahlkreises, die größtenteils von den Gnaden Redüchs leben, erhoben ein Wutgeheul und leugneten ganz einfach das Blaue vom Himmel, obwohl wir mit wörtlichen Zitaten aus der „Neuen rreien Presse“, der „Bohemia“ und anderen uns lerne stehenden Zeitungen nachwiesen, daß die ganze deutsche Oeffentlichkeit den Gtßmann- Sateiliten Redlich von sich anschüttelte. , -Oie Kultusvorsteher von Gcding, Lundenburg und der Bürgermeister der Judengemeinde Ung.-Brod, welche es doch nicht wagten, allbekannte Tatsachen wegzulügen, führten zur Entschuldigung Redlichs an, es sei ihm „eine Entgleisung“' widerfahren, er habe durch seine berüchtigte üeßmannrede wohl gefehlt, sonst sei er aber ein entschiedener Gegner der Christlichsozialen. Nun hat aber der Täuf.ing Redlich Farbe bekannt. Allerdings nicht aus Liebe zur Aufrichtigkeit, sondern der Situation Rechnung tragend. Die bewußten Juden wollen nämlich von ihm nichts mehr wissen, auf die ihm nachlaufenden Kuitusvorsteher-Mameluken braucht er auch keine Rücksicht zu nehmen, die Deutschnationalen haben ihren eigenen Kandidaten aufgestellt, und so erkannte er ganz richtig, daß er sich nur mit den Stimmen der Christiichsozialen helfen kenne, wobei ihm zustatten kommt, daß diese aus zarter Rücksichtnahme für ihren „Hausjuden“ einen schwachen Kandidaten aufgestellt haben. Alle von Redlich gehaltenen Reden sind ein fortgesetztes und aufdringliches Werben um die Gunst der Klerikalen lind Geßmanns. Während Dr. Lecher in Brünn, der doch gewiß als führende Persönlichkeit der Deutschfreiheitlichen .angesehen werden muß, die Christlichsozialen in seinen Kandidatenreden aufs schärfste angreift, während Freiherr v. Hock in seinen Wiener Versammlungen erklärt, ein freiheitlicher Poli iker dürfe in den deutschnationalen Verband nicht eintreten, weil dieser mii den Christlichsozialen packelt, hat der Täufling Red ich in seinen Versammlungen in Lundtnburg. Gcding und Pohrlitz erklärt, er habe jederzeit ein gutes Einvernehmen mit den C h r i s t 1 i c h s o / i a I e n a n gestrebt und werde d ie s a u e h i n Z ukunft tun. Und da wagen es die Kultusvorsteher von Gcding, Lundenburg mul Brod von den Juden zu verlangen, daß sie diesem scliamiosen Nachläufer der Clhristlichsozialen ihre Stimmen geben sollen? Haben die Christlichsozialen über uns nicht das ruchlose Ritualmordmärchen verbreitet? Haben sie unsere Ehre nicht unzähligemal besudelt? Haben sie nicht zahlreiche Juden durch wirtschaftlichen Boykott erwürgt? Haben sie nicht alle Aemter von Juden „gesäubert“? Und da soll es das Bestreben eines Vertreters eines Bezirkes sein, in dem Juden den Ausschlag geben, die Deutschen den Christlic'nso/.ialen auszuliefern? Sind wir denn Knechtseelen, daß man uns eine solche Verruchtheit V.umutet? Oder sind wir schon so vernunt'tio?, daß wir unsere größten Hasser unterstützen sollen? Nachdem Redlich seine Liebeserklärung an die Christlichsozia'.en öffentlich wiederholt und ihnen auch für die Zukunft Treue geschworen hat. liegt die Dummheit und politische Unreife der Herrn Redlich nachlaufenden Kultusvorsteher klar zu Tage. Der nächste Gemeindetag wird berufen sein, diesen Herren zu sagen, was die jüdische Oeffentlichkeit von innen denkt, und wenn die alten mährischen Judengemeinden den ihnen angetanen Schimpf nicht auf sich sitzen lassen wollen, wird es ihre Ehrenpflicht sein, nicht nur Herrn Redlich zu entfernen, sondern auch seine Protektoren. Der Wahlkreis Ost ran. Ari den Juden < istraus kann man das ganze Unheil studieren, das die Assinti ationsbestrebungen der letzten vier Jahrzehnte angerichtet haben; selbst Männer, denen ein gewisses Empfinden für inr Volkstunt nicht abgespruchen werden kann und die für die Bestrebungen des modernen Judentums reges Interesse bekunden, werden von Zeit zu Zeit wieder rückfällig und das aus Boskowitz, Proßnitz und Brod importierte Judendeutschtum präponderiert. Insbesondere zu Wahlzeiten. Dabei haben cs die Verhältnisse und die unermüdliche Arbeit jüdischer Studenten seit mehr als fünfzehn Jahren doch so weit gebracht, daß die Judenschaft sich schon als etwas mehr fühlt, denn eine bloße Religionsgenossenschaft. In Fragen lokaler Politik organisieren sie sich fallweise; einmal haben sie es auch schon durchgesetzt, daß radikal-antisemitische Männer auf die Wahl in die Gemeindevertretung verzichten mußten; ein andermal haben sie gegen die Aufstellung eines Antisemiten für den Landtag energisch, wenn auch erfolglos Protest erhoben und wenn aus Anlaß der Reichsratswahlen eine Versammlung der Judenschaft zur Bestechung jüdischer Fragen zusammentrat, so war wohl kaum das gemeinsame Glaubensbekenntnis das einigende Band. Aber aile diese schönen Anläufe werden zu Wahlzeiten zunichte. Die große Menge vertraut den Führern und diesen steckt noch viel zu viel des spezifischmährischen Prem her-Liberalismus in aßen Gliedern. Von der begeisterten Judenrede aus Anlaß der Eröffnung des Deutschen Hauses bis zu den einleitenden Worten der letzten jüdischen „Licht"-Vcrsammlung ist wohl ein gewaltiger Sprung, abe£ es wird eben doch noch von Zeit zu Zeit im liberalen Sumpf gewatet. Die Juden Ostraus sind zweifellos Verächter der Taufe. Aber der getaufte Reichsratskandidat wird pardoniert. Durch ihre Wahlhilfe glauben sie die Sympathien der Deutschen zu gewinnen und verraten um diesen Preis ihr Volkstum; wahrlich ein gewagtes, ein abscheuliches Spiel. Auch wirtschaftliche Momente werden vorgeschützt; die Abhängigkeit von den städtischen und gewerkschaftlichen .Machthabern und die Furcht vor deren Rache. Aber wozu hat denn die Jndenschaft ihre Vertretung in der städtischen Gemeindestube? Wird denn nicht aus Anlaß der Gemeindewahlen das Kräfteverhältnis geprüft, die Steuerkraft der Judenschaft erwogen und der Besitzstand an jüdischen Mandaten festgestellt? Wenn diese Gruppe jüdischer .Mandatsträger nicht imstande sein sollte, zu verhindern, daß die Wahrung nationaler Interessen der Judensehait mit rankimösein Verhalten der Stadtväter beantwortet wird, dann wäre es wohl besser, auf „jüdische“ Repräsentanten überhaupt zu verzichten. L ud die gewerkschait.ichen Machthaber? Sie sit/.en auch in den Gemeindestuben der Orte des Wahlkreises, auch sie kennen die Bedeutung der jüdischen Bevölkerung und es wird ihnen kein Geheimnis geblieben sein, daß ein großer Teil der Industrien sich in jüdischem Besitze befindet. Den Kampf gegen Täuflinge aber, den müssen die jüdischen Großindustriellen \ on den jüdischen .Massen lernen mul die gleiche Belehrung sollte auch den JuJeiiführern < Istraus von der jüdischen Wählerschaft erteilt werden. Es mag wohl sein, daß eine energische Abwehr der Verletzung nationaler Ehre von der Kaufmannschaft eine Zeit lang unlieb empfunden werden würde; dies wäre aber sicherlich nur eine ganz vorübergehende Erscheinung und der ideelle Gewinn für die Zukunft wäre unschätzbar noch. Schließlich kann doch das Volkstum für sich ein kleines Opfer verlangen, und wie man Opfer bringen muß, das lehren uns unsere Brüder in Galizien und in der Bukowina. Der kleinste abhängigste Händler in Galizien trotzt um seiner politischen und nationalen Ehre willen, dem despotischesten Bezirkshauptmaiiii mehr, als die kulturell so hochstehenden Ostrauer jiidenführer dem liberalen Freundeskreis oder den jüdischen (iewerken. Wir haben kaum mehr die Hoffnung für dicsuia! Rcmednr zu scnafieii. ln der Z.:„ium muß die Jndenschaft rechtzeitig ihren eigenen Weg geilen. Ihre gesellschaftliche Isolierung wird sie auch die politische Selbständigkeit leureii. Der Schalmeienklang' der „Ostrauer Zeitung" and ihrer Hintermänner darf -:e in Zukunft nicht mehr verführen. J- Wahlbewegung. Wien. Ofner entlarvt die Zionisten. Der Nimbus der < Itnerischen ldcaigestnit ist ein für allemal geschwunden. Im Laute der Wahlbewegung hat er so oft der Wahrheit ins Gesicht geschlagen, daß mail Ofners Worte wird zweifach und dreifach überlegen müssen. In seiner Versammlung vom 10. v. *l\. im „Continental“ hat er wiederum ein starkes Stückchen geleistet. Er sagte wörtlich: „Ich bin für die strengste Durchführung der Staatsgrundgesetze auch den Juden gegenüber. L) i e jüdischnatiunalen Bestrebungen jedoch führen in ihrer Konsequenz zur Durchführung der Res olution Schmidt. Nur ein Beispiel aus Mähren, Schlesien oder Böhmen. Die Beamtensteliep werden dort nach einem nationalen Schlüssel aufgeteiit. Die Juden werden angestelh als Deutsche oder auch als Tschechen. Dann werden. die^ Juden leer ausgeh.cn. Die Konseuuerrz der iüdischnationalcn Bestrebungen ist die Resolution Schmidt." Nichts kann so dumm sein,

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