Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 22 (2.6.1911)
- Date
- 1911-06-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 22 (siehe das Treiben des deutschfreisinnigen Herrn Stürgkh) ein argrarisches (siehe die Handelsvertrags- und Approvisionierungspolitik) und ein reaktionäres (Vereins- und Preßgesetzentwürfe!). Für uns Juden muß daher die Wahlparole sein: Gegen Bienerth! Gewiß wird in dem einen oder anderen Bezirk dem jüdischen Wähler es schwer fallen.zwischen den Uebeln, die er zu wählen hat, das kleinste herauszufinden; in zweifelhaften Fällen, wird daher die Parole, den Kandidaten der Opposition zu wählen, den Ausschlag geben. Wir wissen leider, daß es viele Juden gibt, die sich denken,-daß es auf ihre „paar Stimmen'- nicht ankommt. Das ist aber total unrichtig. Die Juden in Oesterreich haben die Möglichkeit, in 13 Wahlkreisen jüdischnationale Abgeordnete zu wählen und in mindestens 7 anderen Bezirken den Ausschlag zu geben. Damit haben sie das Schicksal Bienerths in der Hand, denn seine Majorität im neuen Parlament wird kaum 20 Stimmen betragen. Und nach Bienerth, der über der Opposition der Tschechen, Ruthenen, Zionisten und Sozialdemokraten stürzen wird, gibt es kein einseitig deutsch-polnisches und überhaupt kein national-parteiisches Regime, soll nicht die parlamentarische Maschinerie durch Obstruktion stillgelegt werden. Dann muß ein Ausgleich in der nationalen Frage stattfinden und die Bahn ist frei für die Gruppierung der Abgeordneten nach politischen. kulturellen und wirtschaftlichen Interessen. Niemals war das nötiger, als in diesem Abgeordnetenhaus, welches die im Jahre 1917 ablaufenden Handelsverträge und den Ausgleich mit Ungarn zu schlichten haben wird. _ Jeder Jude, der durch seine Stimme das deutsch-polnisch-antisemitische Ministerium Bienerth stützt, schädigt nicht nur seine Interessen als Jude, sondern auch seine wirbchaitlicnen und kulturellen Existenzbedingungen. Und wenn die Juden aus Ghettoangst früher immer mit jeder Regierung, auch mit der antisemitischen gingen, so haben wir Jüdischnationale sie von dieser selbstmörderischen Torheit geheilt, sie gelehrt, niemanden nachzulaufen, sondern sich selbst zu einem politischen Faktor zu machen. Gegen Bienerth! So lautet bei den diesmaligen Reichsratswahlen die Wahlparole der österreichischen Juden. Maskeasclierze. Wenn wir die Assimilation mit einer Krankheit vergleichen, so gibt es drei Stadien derselben. An der schwersten, der terziären Form leiden die Aitliberaien. ' Ihnen ist nicht mehr zu helfen. Sie sind bereits taub und blind, int zweiten Stadium betinden sich die Freiheitlichsozialen, im erster, die jüdischen Sozialdemokraten. Letztere naben den liberalen und freiheitlichsozialen Schwindel vielleicht nicht ganz durchschaut, aber sie ahnen ihn, ohne sich, dies selbst gestehen zu wollen. Anderseits fehlt ihnen zur Gesundung, d. i. zum jüdischnationalen Bekenntnisse, die Kraft und der .Mut.' So stürzen sie sich denn ohne weitere Ueberlegung in den sozialdemokratischen Strudel, mit dem innigen Wunsche, dorr spurlos zu verschwinden. O trügerische Hoffnung! Die armen Flüchtlinge können auch dort keine Ruhe finden und bilden in der sozialdemokratischen Gesellschaft eine eigene, schart umrissene Gruppe, einen bereits wohlbekannten Typ, den Typus des jüdischen Sozialdemokraten. Sie teilen das Los des Eindringlings', der'sich durch Fleiß und gute Sitten Duldung zu erwirken hofft, dabei aber in steter Angst lebt, erkannt und*ausgeschifft zu werden. Diese Angst steigert sich zeitweise zu einer eigenen Art Von Verfolgungswahn. Die Bedauernswerten leben in der ständigen Furcht, man könnte sie eines geheimen Zusammenhanges mit dem Judentume verdächtigen. Kein Mittel ist ihnen schlecht und niedrig genug, wenn es gilt, sich von diesem vermeintlichen Verdacht zu reinigen. Ein Beispiel. Die Sozialdemokratie ist bekanntlich eine Gegnerin des Klerikalismus. Die jüdischen Freiwilligen müssen daher gegen diesen Feind zu Felde ziehen. Damit aber niemand meine, sie kämpfen gegen den Klerikälismus wegen ihres Judentums, haben die wackeren Kämpfer ein eigenes Phantom konstruiert, ein Phantasiegebilde —' den jüdischen Klerikalismus. Es bedarf wohl keines Beweises hiefür, daß ein derartiges Gebilde kein reelles Dasein führt und daß es keine Organisation der jüdischen Geistlichkeit gibt. Die jüdischen Haus¬ und Landsknechte der Sozialdemokraten wissen sich zu helfen. Sie bekämpfen einen jüdischen Klerikaiismus — folglich besteht er. Und nun kann’» losgehen. Jüdischer Pfaff— christlicher Pfaff. Austerlitz kennt keinen Unterschied. Er schwingt sich auf’s Roß der Objektivität und teilt seine Hiebe gleichmäßig nach beiden Richtungen aus. Daß die Hälfte davon in die Luft geht, also eitel Spiegelfechterei bedeutet, was tut’s? Daß das Judentum dabei in ganz falschem Lichte dargestellt, also schmählich verleumdet wird — was •geht das die jüdischen Sozialdemokraten an? Sind sie denn Juden? Ihr ganzes Gehaben soll doch beweisen, daß sie keine Juden sind. Wir wollen ihnen gern bezeugen, daß sie mit i'-: nichts gemeinsam haben, um ihre Karriere in der sozialdemokratischen Partei nicht zu stören. Sie sind ja wirklich keine Juden. Sie sitzen in den Sedernächten nicht angelehnt und sagen nicht: ..Einst waren wir Knechte bei Pharao". Sie dürfen’s nicht sagen, denn sie sind heute noch Knechte und wollen es ewig bleiben. Eine schmutzige Welle Hat diese Gesellschaft aus dem finstersten Ghettowinkei an die Oeffentlichkeit geschleudert, jedem ehrlichen Juden zu Spott und. Schande. Es ist daher ein Akt der Ehrenr.otwehr, diese ’ öffentlichen Schädiger unseres Ansehens dorthin zurückzuwerfen, woher sie gekommen sind, woraus sich das Verhalten der jüdischen Wählerschaft der Kandidatur eines Austerlitz gegenüber wohl von selbst ergibt. Man kann von den Wählern Oesterreichs sagen: An ihren Abgeordneten sollt ihr sie erkennen. Die Abgeordneten aller anderen Völker werden sich gewiß jederzeit stolz zu ihrem Volke bekennen und für das Wohl und Ansehen desselben zu wirken trachten. Ofner, Mittler und Austerlitz woiier im Kostüm ins Parlament einziehen. Mittler als eisengepanzerter deutscher Ritter mit fest geschlossenem Visier, Ofner in rosa Domino, Austerlitz in Knallrot, l'nter fremder Flagge wollen sich diese Helden ihren Wählern nützlich machen. Was kann uns ein solcher Wille frommen? Was kann es zur Hebung unseres so stark geschädigten Ansehens beitragen, wenn unsere Abgeordneten teils als Wilde, von anderen Parteien Ausgestoßene im Parlamente umherlaufen, teils als Knechte fremder Parteien durch antisemitische Ausfälle jeden Zusammenhang, mit im? zu leugnen bemüht sind? Das soll unser Anteil an der österreichischen Politik sein? Wgr will dv^s eigentlich? Das kann unmöglich die jüdische Bevölkerung wollen. Das will nur der Kehricht, der moralische Abfall unseres Volkes. Wir aber sind uns und unserer Vergangenheit eine andere Rolle schuldig. Jedes Volk ist verpflichtet, seine besten Männer zum Wohls des Staates in den Reichsrat zu entsenden. Das jüdische Volk darf sich dieser Pflicht nicht entziehen. Deshalb müssen wir einer. Mann und keinen Knecht, einen Kampfer und keinen Ausreißer. - einen Ehrlichen und keinen Heuchler, kurz, iwir müssen einen Jüdischnationaien. und dürfen keinen Assimilanten wählen. Wählerversammlungen in der Leopoldstadt. Samstag fand im Hotel „Stephanie“ eine Wählerversammlüng statt, welche gleich den vorhergehenden einen Massenbesuch aufwies. Den Vorsitz führte Gg. Oberingenieur E nrs i 1 Fried. Als erster Redner sprach- Og. Adolf Böhm über Oesterreichs Wirtschaftspo'kik. Die gehaltvollen Ausführungen wurden beifällig aufgenommen. Hierauf sprach der Kandidat Robert Stricker,' stürmisch bejubelt: Den ausgezeichneten Ausführimgen sei folgendes entnommen: Dem österreichischen Parlamente ergeht es so, wie manchen berühmten Persönlichkeiten. So lange sie leben kräht kein Hahn nach ihnen, so lange sie leben erfreuen sie sich der größten Gleichgültigkeit und der größten Mißachtung, die ihnen seitens der Mitwelt in allerreichsten: Maße entgegengebracht wird, aber wenn sie nicht mehr da oder tot sind, erinnert man sich ihrer hohen Wichtigkeit und ihrer Unentbehrlichkeit. Solange die Abgeordneten zusanimensitzen und beraten: solange das Parlament tagt, schert sich kein Teufel um die Gesellschaft am Franzensring. Was dort beraten und worüber dort gestritten wird, ist den Staatsbürgern riesig schnuppe, denn die Erkenntnis, daß bei dieser. Beratungen und bei diesen Streitereien absolut nichts Gescheites herauskommen kann, ist den meisten Oesterreichern ohne Unterschied der Konfession, Nation und Parteistellung schon längst in Fleisch und Blut übergegangen. Nur eine besonders krasse Schimpf- und Skandalszene vermag den Zeitungsleser zur Lektüre eines parlamentarischen Sitzungsprotokoiles zu verleiten. Wer sich für den normalen Verlauf der pariamentarischen Arbeit interessiert, gerät in den Rut des Sonderlings oder des dummen Kerls. Stirbt aber das Parlament, wird es aufgelöst und werden Neuwahlen ausgeschrieben, dann ist die Situation wieausgewechselt. Da wird aus dem ruhigsten Kafteehauskibitz der leidenschaftlichste po.itische Wanderprediger, der seine junge staatsmänrische Weisheit von Tarocktisch zu Tarocktisch trägt, Leute, die prinzipiell nichts anderes lesen, als den Börsenkurszettel und Trabrennberichte, vertiefen sich in deutscht'ortschrittliche, freiheitiichsozia’istische, deutschdemokratisene und reichsparteiWirtschaft iche Aufrufe und Programme, und studieren so eitrig, daß die Glatzen dampfen. Was heute in den Straßen und Versammlungslokalen der Lenpoldstadt ertönt, ist nicht der Schrei der Velksieidenscnait. sondern lediglich das Geheul zankender Freunderikliquen, nicht Programme und Weltanschauungen kämpfen gegeneinander, Yercinsmeier und Stammtische liegen sich in den Haaren! Der eine Teil schreit: Mittler muß Abgeordneter werden, unser ganzes Heil liegt im Mitletr, die andere Hälfte: Ofner muß herein, ohne Ofner sind wir peischiert, ohne Ofner gibts kein Parlament!’ - Wenn Sie aber, meine geehrten Zuhörer, es sich einfallen lassen, zu fragen: „Ja. warum gerade der eine und nicht der andere?", dann stiert man sie verständnis- und hoffnungslos an, aut diese erzdummen Fragen können Ihnen diese urgescheiten Herren keine -Antwort geben. Man kann über uns Jüdischnationaie denken. wie man will, aber eines muß man anerkennen : Bei uns ist bestimmter und ehrlicher Willen, nicht persönliche Sympathien und Antipathien, sondern .ein Programm hat uns auf die politische Tribüne geführt, wir kämpfen nicht für einen Namen, sondern für Forderungen, wir kämpfen nicht als Angehörige einer Klique. sondern als Oesterreicher und ais Juden. .; Als Oesierreicher •.erlangen wir, daß im Parlamente Ruhe eintreten soll, damit statt der endlosen nationalen Zänkereien, die Behandlung und die Regelung der großen Wirt;- schaftsfragen endlich auf die Tagesofdmmg kommen. Allerdings, die Deutschfortschrittlichen. die Ofnerianer und die Sozialdemokraten wünschen das lauch, wenigstens beltaupten sie’s in allen ihren Reden. Wenn Herr Dr. Ofner vor seinen Wählern den Wehruf nach billigem Fleische anstimmt, so erinnert er. er verzeihe mir die Respektlosigkeit, an das lallende Kind. Weiß er, der alte Parlamentarier, denn nicht, daß er seine Forderung nach billigem Fleische zwanzigmal ins Haus rufen kann und zwanzigmal die Antwort „Nein“ erhalten wird? Warum enthüllt er ihnen denn nicht das Geheimnis, daß ii diesem Parlamente sachliche Rfcden einfach verpuffen, daß die schönsten theoretischen Auseinandersetzungen Vor dem Geschrei eines Wolf oder Stransky .verstummen müssen, daß 50. Ofners nicht helfen könnnen, wenn man zuvor nicht unter den Nationen Frieden stiftet! Aber der deutsche Herr Dr. Ofner will darüber nicht spre-