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Jüdische Zeitung · 1911-05-26 · 21 (26.5.1911) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr: 21 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 heißt Niederlassung); nichts zu schenken, um nicht zu demütigen, sondern mit denen, auf die sich der Wohlfahrtszweck richtet, freundschaftlich zu verkehren und ihnen durch von ihnen erhobene Beiträge das Gefühl zu geben, auf die Gegenleistung ein Recht zu haben; nicht bloß auf die zur blanken Notdurft nötigen Dinge bedacht zu sein,..sondern in das_Leben des Armen Lichtblicke, Freude durch jenen freundschaftlichen' Verkehr, durch Musik, Vorträge, Kunstdärbietungen etc. zu bringen. Heute arbeiten in London allein nach, diesen idealen Prinzipien -10 Settlements. Das erste war Toynbee-Hall, welche begründet vornehmlich von Christen, und von Anbeginn bis heute von solchen geleitet, gerade in einem jüdischen Elendsviertel, Whitechapel, ihre Tätigkeit ausübt. | In Wien haben vor 10 Jahren die Vorkämpfei innen der Frauenbewegung das erste Settlement des Kon.inents begründet. Es hatte . ursprünglich seinen Sitz in der Brigittenau und dort natürlich einen großen Perzentsatz jüdischer Teilnehmer. Auf der Suche nach einem größeren Lokal wurde ihm ein solches von cir.em bekannt ■ wohltä“ igen Kultusvorstand und Fabrikanten in ■Ottakring zur Verfügung gestellt. Der junge Verein nahm das Anerbieten dankbar an und hat sich seither nach allen Richtungen erweitert. All die oben genannten Prinzipien wurden befolgt und selbstverständ'ich die strengste Neutralität bezüglich aller Rassen und Klassen beobachtet. - Ein Beweis dafür ist, daß von den 6 durch die Arbeiterschaft selbst gewählten Ausschußmitgliedern 3 Christen und 3 Juden sind, neben diesen Vertretern der Arbeiterschaft sitzen Fabrikanten und Baroninnen, Bank- .präsidenten neben Sozia'islenführern, Universitätsprofessoren neben Volksschullehrern usw. Von den drei Ehrenmitgliedern sind zwei Kultusvorstände, das dritte eine arische Frauenrechtlerin. Wie alle Wohlfahrtsfälle werden auch •die jüdischen in einer so modern-sozialen Art -behandelt, wie — das kann ich auf Grund meiner -Erfahrungen ruhig behaupten — in keinem der rein jüdischen Wohltätigkeitsyereine, in welchen sich bisher der Gedanken der sozialen Hilfe : nichtdurchsetzen konnte. Mit dem Wohlfahrts- -amt der israeli ischen Kultusgemcinde steht das Settlement in fast ständiger Fühlung; jüdischen ' -Kindern, wird, wenn notwendig sogar hebräischer Nachhilfsunterricht erteilt usw. •. Prinzipielle Bedenken dagegen, daß ein Zionist diesem Institut angehört, sind daher gewjß nicht vorhanden. Es sprechen vielmehr sehr gewichtigte praktische Gründe dafür, daß die Arbeit. des Settlement seitens der zionistischen Kreise mehr beachtet werde, als bisher. Und •diese sind die folgenden: Wie in der großen -allgemeinen Judenfrage die Idee der sozialen .Hilfe für das jüdische Volk, der Zionismus, sich nur langsam gegen den veralteten, ban- -krotten Gedanken: der Not eines ganzen Volkes . durch Philantropie abhelfen zu wollen, (ICA.- Alliance) Boden erwerben kann, so ist es auch im -kleinen bei der jüdischen Wohlfahrtspflege. Ueberall in der Welt haben sich die schon 40 bis 50 Jahre alten modernen Hilfsprinzipien durchgesetzt, nur in der Jüdenheit, — wenn •ich Amerika und England ausnehme — nicht. Hier herrscht noch die veraltetste Philantropie, -die nichts kann, als Wohltaten, Gnaden, austeLen, was Geber und Nehmer sittlich herunterbringt, und natürlich in Summa nur schadet. „Wohltätigkeit erzeugt Schnorrer“ hat schon HerzI gesagt. Auch hierin ist es eigentümlich, daß gerade die Zionisten, welche die Juden angeblich ins •Ghetto führen wollen, die modernen Prinzipien vertreten hingegen die Assimilanten, welche uns jenen Vorwurf entgegenschleudern, cie Erbschaft des Ghetto nicht überwinden können. Es gibt, f z. B. unter der Judenschaft Wiens mit wenigen Ausnahmen (z. B. den Arbeitsnachweis) nur WohL tätigkeitsinstitute im ältesten Stil, cie für den ■ Geber ein Sport des guten Herzens,, für die Beschenkten eine Quelle der Demütigung und Korrumpierung ind. Da über können Chauvinis i sehe Phrasen nicht hinwegtäuschen. Es ist deshalb auch gar kein Wunder* wenn gut jüdisch gesinnte Damen, selbst aus Bnei-Brith- und Kultusvorstandskreisen, die ernster veranlagt sind, sich in den jüdischen Wohltätigkeitsanstalten nicht wohl fühlen und lieber an paritätischen Wohlfahrtsinstitutionen mitwirken — wie ich das in häufigen Fällen beobachtet habe — nicht, weil sie etwa nicht jüdisch genug fühlen, sondern weil sie von der modernen Art sozialer Hilfe leistung angezogen werden, welche in jenen Instituten geübt wird. Würden die Herren, die heute die Gebieter der Kultusgemeinde sind, den Willen und die Fähigkeit haben, die jüdische Wohlfahrtspflege zu reformieren und zu modernisieren, dann könnten sie auch die Freude erleben, daß sich ihre Frauen und Töchter wieder mehr den rein jüdischen Vereinen zuwenden würden. Der heu.ige Kultusvorstand wird und kann aber — trotz aller Schlagworte von der „Zentra'i-ierung der Wohltä igkatsinstiiute“ — dieses schwierige Reformwerk nicht durchführen. Schon desha’b nicht, weil er zumeist aus Mitgliedern besteht,' welche auch bezüglich der Wohltä igkeitsübung in den alten Vorstellungen befangen sind. Diese Aufgabe bleibt den Zionisten Vorbehalten. Wir können sie aber heute, wo unsere Kräfte noch von den Kämpfen um die Durchsetzung unserer Ideen zu sehr in Anspruch genommen sind, unmöglich auch nur in Angriff nehmen. Erst bis wir die Kultusstube reformiert haben werden, wird es uns möglich sein, jene Aufgabe autoritativ, mit dem geringstmöglichen Aufwand von Kraft und der höchsterreichbaren Aussicht auf Erfolg durchzuführen. Dazu muß man aber v orbereitet sein! Wer sich nur irgenwie ernster mit der modernen Wohltä igkeitspflege beschäftigt hat, wird wissen, daß diese nicht nur von neuen Grundanschauungen ausgeht, in dem sie diese Betätigung als soziale Pflicht, nicht aber als einen Akt freiwilliger Güte ansieht, daß sie ferner nicht nur neue Methoden verfolgt, indem sie nur die Selbsthilfe fördert und nicht blind schenkt, sondern daß sie auch in ihrer Technik eine Wissenschaft geworden ist, die erlernt sein will. Und dies sowohl theoretisch, aus der enorm angewachsenen Literatur über dieses Thema, als auch praktisch durch persönliche Betä igung. In Wien kann man das nur sehr schwer, ln rein jüdischen Instituten überhaupt nicht, und selbst die paritätischen sind auf die einzelnen speziellen- Hilfszwecke zersplittert. Nur das „Settlement“, welches eine Art Bezirkszentrale für alle Zweige moderner Hilfs- und Fürsorgetä igkeit darstellt, kann für die praktische Ausbildung die im Ausland bestehenden sozialen Schulen ersetzen. Und da es bezüglich der Reform der jüdischen Wohlfahrtspflege genau so wie auf anderen Gebieten für uns Zionisten heißt: Nicht nur kritisieren, sondern auch lernen es besser zu machen, kann ich nur wünschen, daß recht viele Zionisten und Zionistinnen die modernen Formen sozialer Hilfstätigkeit im Settlement ernst und gründlich studieren mögen, so daß wir für jene Reform mit der Zeit eine genügende Zahl von Mithelfern gewinnen würden. Von diesem Gesichtspunkte aus habe ich seit jeher getrachtet, jeden Zionisten, der dafür Interesse hatte, mit dem Settlement bekannt zu machen, und werde dies natürlich trotz aller reaktionärer und bornierter Angriffe auch weiter tun. Die politische Situation der Juden in Prag. i. Von un:erem Korresponden.en. Prag, 24. Mai Das politische Leben in Böhmen, und besonders in Prag, steht unter dem Zeichen des Kampfes für und gegen das Komp romiß, das die j ungtschechen und die Nationalsozialisten, denen sich nachher noch die Alttschechen anschlossen, gegen die Sozialdemokraten geschlossen haben. Das Kompromiß wird von den nichtkoa.'ierten Parteien — den Sozialdemokraten und den Realisten — als urnnora isch angegriffen, Kramarz wieder betont, Po itik sei ein Hingen um „Macht“; die Tschechen müßten, um eine taktische Machteinheit in Wien zu sein, alles Trennende beiseite schieben und nur an das gemeinsame „Volk“ denken. Die Kompromißpolitik, die die antisemitischen Narionalsoziaisten (Klotac) und den Staatsrechtler Baxa gleichberechtigt gemacht hat, appelliert an die nationalen Instinkte; politische und moralische Bedenklichkeiten schlägt die Phrase tot. Es ist derselbe Prozeß, der im deutschen Volke die Liberalen und cie An iiemifen zusammengeführt hat. Gegen diese Po i:ik stehen die Sozialdemokraten und die Realisten. Wenn nur von dem Verhältnis im tschechischen Parteileben gesprochen wird, so muß man bedenken, daß es eine deutsche Politik in Prag zieht gibt. Es gibt nur eine Gruppe liberaler Vercinsgenerä.e, cie im deutschen Kasino deutsches Volk spielen und einen deutschen Zählkandidaten autstellen. Dieser, Alexander Richter, ist ein bei den Juden beliebter Mann, weil er als ehriieher Liberaler gilt. Seine Kandidatur kommt natürlich für die realen Fragen nur insoterne in Betracht, als sie zum Teile eine Stimmenzersplitterung herbeiführt, zum Teil der wirksamen Agitationsphrase neue Nahrung gibt: die Juden seien als solche der deutschen Politik verschrieben. Die Arbeit der jüdischnationalen wird allerdings die Zahl der Juden, die für das deutschfortschrittliche Programm durchs Feuer gehen, ganz erheblich gemindert haben. Die Juden sind von entscheidender Bedeutung in nen ersten zwei Prager Wahlbezirken, der Altstadt und der unteren Neustadt, ln der Altstadt ist in den letzten Wahlen der berüchtigte Baxa mit 3424 Stimmen gegen den Sozialdemokraten Dr. Houser (2507 Stimmen) gewählt worden. Heute steht es um B a x a schlechter, obwohl er diesmal mit den Jungtschechen zusammengeht, weil niemand mit ihm zufrieden ist und sogar die nationalsozialen Gewerbetreibenden von ihm abgefallen sind. Ausschlaggebend sind die Juden. Die tschechischjüdischen Assimilanten, die Jungtschechen sind, haben erklärt, aus Gründen der Parteidisziplin, t ü r Baxa zu stimmen. Diese von ihrem Führer Max Pleschner in öffentlicher Versammlung abgegebene Erklärung hat in der Judenschaft einen Sturm der Entrüstung gegen die tschechischen Juden entfesselt; die Jüdischnationalen treten mit aller Energie gegen Baxa und tür ür. H o u s e r ein und werden erstere wahrscheinlich Baxa zu Falle bringen. Verein zur Hebung der Gewerbe. Dieser rührige und die jüdischen Gewerbetreibenden zielbewußt fördernde Verein hielt am 17. d. M. in Kuhners Restaurant seine Generalversammlung ab. Obmann Herr S. B r o d erstattete einen ausführlichen Rechenschaftsbericht, in welchem er darauf hinwies, daß das Tätigkeitsfeld des Vereines in den letzten zwei Jahren ein engeres gewesen sei. Rechenschafts- und Kassabericht wurden einhellig genehmigt und die bisherigen Funktionäre wiedergewählt. Im Laufe der Debatte wurde von einigen Mitgliedern Klage darüber geführt, daß es bei Tempelbauten häufig vorkomme, daß jüdische Gewerbe- Die Böhmische Industrial-Bank-Filiale in Wien, I, Wipplingerstr. 2 Telephonmiminem 23067, 23Q68,230(i9,18347,21813 — Aktienkapital K 80,000 000. besorgt sämtliche Bank- und Wechselstubengeschäfte All 0 und verzinst die Einlagen auf Einlagsbücher mit "T 14 -. ■ ■■■■ ' Die Rentensteuer trägt die Bank aufs Eigene. 0

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