Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG schlossen ,die Kandidatur des Herrn Brunner aufs kräftigste zu unterstützen. An der Versammlung hatten sich auch die beiden arischen Lehrer, der in Bisenz ausschließlich von den dortigen Judenn erhaltennen deutschen Schule beteiligt. Diese Herren glaubten ursprünglich, die jüdischen Wähler für die Wiederwahl des Täuflings gewinnen zu können. Die Versammlung wird sie wohl darüber belehrt haben, daß die Bisenzer sich nur einmal von dem Verräter der jüdischen und freiheitlichen Interessen haben irreführen lassen. Sie werden mit allen andern Juden am 13. Juni geschlossen für den nationalbewußten jüdischen Kandidaten eintreten. Wählerversammlung in Straßnitz. ■ Von Bisenz aus begab sich Herr Brunner und die Delegierten des „J. N. V.“ nach' Straßnitz, wo für Abend eine allgemeine zugängliche Wählerversammlung im Restaurationssaale „Weiner“ einberufen war. Bezeichnender Weise fehlte unter den Gästen der Versammlung nur ein jüdischer Wähler: Dr. Robitschek, der die Kühnheit besaß, im Namen der Juden aus Straßnitz in der berüchtigten Lundenburger Sitzung für die Wiederkandidatur Redlichs zu stimmen. Der Verlauf der Versammlung hat wohl diesem Herrn bewiesen, daß sich die Straßnitzer eine solche Bevormundung nicht bieten lassen. Den Vorsitz der Versammlung führte der Bürgermeister, Herr Reben- «’urzel. Die Kandidatenrede des Herrn Ludan Brunner fand allseitigen Beifall. Auch die Straßnitzer Wähler sind fest entschlossen, ihrem Mißtrauen für Prof. Redlich durch die Stimmenabgabe zu Gunsten des Kandidaten des Nationalvereins den eklatantesten Ausdruck zu geben. Deutschfreisinnige Börsejuden für das Luegerdenkmal. Am 19. d. M. fand unter Vorsitz des Vizepräsidenten Wollheim eine Sitzung der Börsekammer statt, in welcher beschlossen wurde, dem Luegerdenkmalfond einen Betrag von 1000 K zuzuwenden. Anwesend waren außer dem Vorsitzenden 11 Juden und zwei Christen. Da Lueger vor einigen Jahren die jüdischen Börsenbesucher als Gauner und Betrüger bezeichnet hatte — dies geschah in einer großen Versammlung im dritten Bezirk —, waren sich die jüdischen Börseräte -nicht einen Moment darüber im Unklaren, daß es ihre sittliche Pflicht sei, den „großen Volksbürgermeister“ zu ehren. Unser Gesinnungsgenosse Börserat Adolf Brecher hat sich zwar energisch gegen diese Selbsterniedrigung ausgesprochen, bei der Abstimmung folgten ihm jedoch bloß kais. Rat Samuel Steinhübel und Herr Leopold Stern. Alle anderen stimmten für die Bewilligung des Beitrages. Die Namen der Juden, welche zu dieser Schamlosigkeit herabgesunken sind, verdienen festgehalten zu werden. Es sind dies: Gustav Sobotka, ferner der Bankvereinsdirektor B. Popper, Bankier Jacques W e i s s, der Direktor der Anglobank Adolf Landes berger, der Direktor der Unionbank Wiedmann, Moritz Stern , Alf o ns F e 1 dmann und der Täufling M a x i m e vo n Kr a s n y. Einige dieser Herren muß man sich besonders gut merken. Gustav Sobotka ist eine Zierde der deutschliberalen Partei, Wahlmacher des Kultusvorsiandes — der letzte offizielle Wahlaufruf war von ihm gezeichnet — und ein eifriger Agitator des Dr. Alfred Mittler. Herr B. Popper ist natürlich auch radikal deutschfreisinnig und Wahlmacher des Herrn K a m i 11 o K u r a n d a. In den ausschließlich von Juden besuchten Versammlungen werden die Christlichsozialen zwar von Mittler und Kuranda allwöchentlich erschlagen, der Führer des jüdischliberalen Freisinns aber, Herr Bankdirektor Popper, verkündet in der Sitzung des Börserats, man müsse sich mit dem christlichsozialen Rathaus vertragen. Und diese würdelose Gesellschaft, der jeder Funke von Ehrgefühl abgeht, will die christlichsoziale Korruption bekämpfea.und Wien „wiedererobern“. Allgemein aufgefalien ist es, daß bei der Sitzung die Kultusvorst e.h e r L e opoid Langer und Bankdirektor AI o is We i s h u t gefehlt haben. Auch Börseräte aus der Umgebung Dr. Ofners wurden vermißt Unsere Kultusvorsteher überhäufen überhaupt den toten Lueger mit Beweisen pietätvollen Gedenkens. Herrn K u 11 u svorstehers David R. von Gutmanns Witkowitzer Gewerkschaft hat bekanntlich erst vor kurzer Zeit dem Luegerdenkmalfonds einen namhaften Beitrag gespendet, was die jüdische Oeffentlichkeit — mit Ausnahme unseres Blattes — genehmigend zur Kenntnis genommen hat. Und so nimmt diese abscheuliche Kriecherei vor den Christlichsozialen kein Ende. Unser Kultusvorstand steht „tiefbetrübt an der Bahre des großen Mannes“ (siehe das berüchtigte Kondolenzschreiben), der „freiheitlichsoziaie“ Neustad e 1 beklagt sich im Gemeinderat darüber, daß er beim Begräbnis Luegers nicht knapp hinter dem Sarg herlaufen darf, Kultusvorsteher, jüdische Börsenräte und Parteigänger Mittlers und Kurandas sorgen für das Luegerdenkmal: und das alles gibt zusammen die Repräsentanz des Wiener deutschen Freisinns, die mit dem Luegerdenkmal nicht nur eine jüdische Schandsäule errichtet haben, sondern, auch ein bleibendes Wahrzeichen der Verkommenheit des bürgerlichen Freisinns. Äuswucherung der Wiener Juden durch die Klerikalen. Nun endlich hat das Festkomitee des Blumentages die Schleier fallen lassen, mit denen das Geheimnis, wie' wohl der Ertrag verteilt werde, seit Wochen ängstlich verhüllt war. Was wir voraussagten, ist pünktlich eingetroffen. Das Komitee, seiner überwiegenden .Mehrheit nach aus christlichsozialen Größen bestehend, hat die von der Ge samtbevölkerung Wiens aufge-, brachte Summe so aufgeteilt, daß 90.000 Kronen an katholisch-klerikale, 1000 an evangelische, 1000 an israelitische und die restlichen 28.000 Kronen an interkonfessionelle Wohltätigkeitsvereine fielen, darunter mit 10.000 Kronen den als Köder aufgestellten „Asylverein für Obdachlose“. Es ist klar, daß durch die Beteilung zweier jüdischer Vereine mit einer Quote, die weder dem jüdischen Perzentsatz, der Wiener Bevölk\ rung, geschweige denn der Beteiligung der Juden am Ertrag des Blumentages entspricht, uns Sand in die Augen gestreut und der Mund gestopft werden soll. Der „Verein zur Ausspeisung israelitischer Schulkinder für den 12.—15. Bezirk“ und der „Verein Ferienheim für israelitische Ferienkolonien“ hätten besser getan, den Bettel von je 500 Kronen zurückzuweisen, um sich nicht an der Düpierung der Juden mitschuldig zu machen. Erfreulich ist nur, daß über diesem zynischen Treiben des Festkomitees sogar den liberalsten Juden die Geduld reißt. Die „Wiener Mittagszeitung" schließt ihren Artikel „Der Blumentag-Skandal“ mit den treffenden Worten: „Die Wiener Straßen konnten mit Unaufrichtigkeit nur einmal für diese Wohltätigkeit okkupiert werden.“ ' In diesem Zusammenhang ist es angezeigt zu betonen, daß die vom Festkomitee praktizierte Bewucherung der Juden durch die christlichsozialen Machthaber seit Jahren ungeniert betrieben wird. Nicht genug daran, idaß die Steuerleistung der — sonst-so mißachteten — Juden zur Motivierung der deutschen Hegemonieansprüche mißbraudit wird, nicht genug daran, daß aus eben diesen Steuern die Kosten des arisch-christlichen Beamtenmonopols bestritten Nr. 21 werden, muß der Rest des jüdischen Steüergeldks noch für ausgesprochen katholisch - kirchliche Zwecke herhalten. Für solche Zwecke, wurdeh z. B. laut Hauptvoranschläg der Stadt'Wien pro .1911 nicht weniger als 359.895 Kronen atifjjewendet.' Sache der löblichen Israelitischen Ku)- tusgemeinde wäre es, diese planmäßige .Bewucherung, wenn sie schon nicht direkt abgewehrt werden kann,. wenigstens ebenso planmäßig zu konstatieren und zu brandmarke.^ damit den Rothschilds . und anderen reichen Israeliten der Appetit benommen werden mit den obligaten Stiftungen „ohne Unterschied der Köiffession.“ - fortzufahren. ' . 'Auch die sentimentalen israelitischen Spender für die Klostersuppe der Barmherzigen Brüder werden dann in Hinkunft die Konkurrenz , mit Herrn Silberer aufgeben. Zum Wahlkampf in der Alliance Israelite Universelle. ln verschiedenen jüdischen Zeitungen gelangte eine von Anhängern der Parier Ällianceleitung inspirierte Berliner Korrespondenz zum Abdruck, in der über den Wahlkampf zwischen dem Comite Central der Alliance in Paris und der Deutschen Konferenzgemeinschaft irreführendee Mitteilungen gemacht werden. Die Leitung der Deutschen KonferenzgemeinsChaft versendet nun eine Erklärung, in der festgestellt wird, daß die Aktion gegen Paris-nicht Von einzelnen Mitgliedern der KonferenzgemeinsChaft geführt wird, sondern daß die überwiegende Mehrheit der deutschen Alliancemitglieder hinter dieser Aktion steht. In der betreffenden Korrespondenz aus Berlin war ferner behauptet worden, daß die Deutsche Konferenzgemeinschaft den „schweren Fehler“ begangen habe, in Paris Zionisten als ihre Kandidaten aufzustellen. (Als ob die verdienten zionistischen Mitglieder der Alliance nicht mehr Anspruch auf einen Sitz im Zentralkomitee hätten' als ein Mannwie Reinach!) Der Wahrheit gemäß konstatiert demgegenüber die Leitung der D. K. G., daß kein einziger ihrer Kandidaten der zionistischen Organisation angehört. Zur Kennzeichnung der von Pai is aus gegen die D. K. G. betriebenen Agitation wird in der Erklärung hervorgehöben, daß die Aktion der D. K. G. bald als deutsch-nationa’istische, bald als zionistische, und wenn es paßt, als orthodoxe verschrieen wird,'— alles lediglich zu dem Zweck, um das wahre Wesen dieser Bewegung zu verschleiern, die keine Parteisache ist, sondern bei der es sich um ein Prinzip, um die Frage des jüdischen Charakters der Alliance handelt. Endlich erklärt die Leitung der D. K. G. es als unwahr, daß sie die Vertreter der ottomanischen Judenheit in ihrer Kandidaten iste ausgeschaltet habe. Wahr sei vielmehr, daß sie an Stelle des von Paris aufgestellten Herrn Isaac Fernandez das Mitglied des Kaiserlich Ottomanischen Senats Behor Effendi Asehkenazi in die Liste der Kandidaten aufgenommen hat. Zur-Reform derjüdischen Wohlfahrtspflege. Von Adolf Böhm, Wien. Jeder kennt heute den Ausdruck „Toynbeel Hall“. Und doch ist die Vorstellung, die man in jüdischen Kreisen mit diesem Wort verbindet, eine das ursprüngliche Wesen der Sache völlig, verkennende. Man denkt dabei an einen Ort, an dem armen Leuten populäre Vorträge gehalten •und gratis ein Nachtmahl geboten wird. So geschieht es ja in der Wiener „Toynbee-Hall“. Diese hat aber im Grunde nur mehr eine entfernte Aehnlichkeit mit dem englischen Original. Die Grundgedanken, die dem frühverstorbenen Arnold Toynbee (1875) für eine gänzlich neue Art der Wohlfahrtspflege vorschwebten, waren ungefähr diese: Nidht Geld zu schenken, sondern die eigene Persönlichkeit („not money, but ourselves“); nicht die Bedürftigen zu sich kommen^?^u. lassen, sondern sich selbst in den Vierteln des Elends niederzulassen (settlement