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Jüdische Zeitung · 1911-05-26 · 21 (26.5.1911) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Herren Recjit, denn Unterschiede gibt es, gewaltige Unterschiede .sogar,' und wir möchten sie sogar ganz' gewaltig'^'betont Wissen, denn sie > bestehen nicht zu unserem ' Nachteile. Nehmen wir Herrn Dr. Mittler. Er ist Deutsch -j liberalst und-1 gehÖFtals,-solcher einer Par-1 fei an, die mit allin Kräf t e n g eg en .idle Wahlreför m- und d asL-a 1.1 ge meine Wahlrecht gekämptt hat, wir hingegen sind nicht nur für das allgemeine Wahlrecht eingetreten, sondern' wir verlangen in:unserem Programme das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht : ' für alle Beratungskörper. 'Wir unterscheiden uns also wesentlich von Herrn Dr. Mittler und seiner Partei, aber ich glaube, wir haben uns dieses Unterschiedes-nicht zü 'schämen. Allerdings Herr Dr. Mittler ist mutiger als z. B. ich. -Wenn ich gegen das allge- , meine .Wahlrecht gekämpft, hätte ich'nicht die' Stirn, vor dieselben Leute, denen ich das Wahlrecht habe rauben wollen, hinzutreten und ihre Stimmen zu verlangen, ln dieser Beziehung ist mir Herr Dr. Mittler gewaltig über; Auch von Herrn Dr.‘ Ofner trennt uns eine Kluft. Wir sind schwerfällige unbeholfene Leute, die jahraus jahrein'unter derselben Parole arbeiten und dieselbe Marke tragen. (Heiterkeit.) Herr Dr.-Ofner ist viel geschickter' und zeigt. eine für seine Jahre erstaunlich jugendliche' Wandlungsfähigkeit." Er: ist heute treiheitlichsozial, morgen deutschdemokratisch, übermorgen sozialfreiheitlich, momentan aber freiheitlich-bürgerlich, so steht es wenigstens auf seinen allerneuesten Plakaten. Wir kämpfen gegen den verknöcherten Ältjiberalismus ehrlich und pertnanent, Herr Dr. Ofner hingegen ist viel schlauer, l n de r T h e o r i e is t ie r w o h 1 -a u ch gegen d.e'n-A 111 i b e r ailism us, aber in der Praxis 1 ä ß t: e r sich vo m alt liberalen Z e n t r a 1 w a h lk o m i t e e als- Kandidat aufstellen. Wenn'Fortschritt identisch' ist mit 'politischem Kostümwechsel, dann allerdings ist uns Herr Dr. Ofner im Fortschritt weit über, im Vergleiche' zu ihm sind wir dann Wirklich Erzreaktionäre. (Lebhafter Beifall: 1 Am übelsten ergeht es uns aber im Urteil und im Munde des dritten Kandidaten des Herrn Redakteurs Austerlitz, welcher uns vor wenigen Tagen als die Erzklerikalen in der Leopöiastadt, als die Anhänger des Rabbi Bloch be- 1 zeichnet hat. Woher dieses Urteil geschöpft ist, ..ist uns nicht klar. Wir können Herrn Austerlitz nur die erfreuliche Mitteilung machen, daß sein innigster Kollege;im Kampfe gegen uns dieser selbe Rabbi Bloch ist, den er mit Gewalt aut " , unser Konto schreiben möchte. Und was unseren ' 1 Kleokalismus anlangt, so möge er . nur ein. . '"Qütaqpt&n.über.dnspeiih’WftfMef^ibbI~'tf6*l;|>ada- , ’gopa.oder beim Wiener Oberrabbiher eirihöfen. leb glaube nicht, daß uns diese fjl'erren das Zeugnis ausstellen werden, daß wir treu, fleißig Und ehr- , lieh im Dienste des jüdischen Klerus ■ arbeiten. Uebrigens hat die Aufregung'des Herrn-Austerlitz einen ganz besonderen eirund. Er ist auf. uns bö s, weit er konfessionslos ist und die Konfessionslosigkeit1 bei einem Kandidaten in der Leopoldstadt momentan nicht vorteilhaft ist. Üeber dieses 'Thema brauchen wir uns aber weiter nicht auszulassen. Paul Singer, der große preußische1 Sozialistenführer, hat sich darüber ausgesprochen und wir verweisen Herrn Austerlitz auf diesen, von ihm gewiß hochgeschätzten Mann. PauP'Singer war konfessionslos.. Ueber die Gründe^seines Austrittes befragt, sagte er: Ich bin zu einer Zeit, ausgetreten, als es den Juden verhältnismäßig gut ging und der Antisemitismus-noch-'nicht in Blüte stand. Heute würde ich das nicht' mehr tun, denn zu Zeiten der Not eine Genreinschaft verlassen, ist nicht ehrenhaft. Als Beweis, daß es Paul Singer mit diesen Worten ernst meinte, dient der Umstand, daß er einige Jahre vor seinem Tode wieder zum jüdischen -Glauben übergetreten ist. Die Rede -löste stürmischen Beifall aus. Die vom Vorsitzenden Dr. Jakob Ehrlich zur Abstimmung gebrachte Resolution, in welcher die Kandidatur Strickers empfohlen wird, wurde einstimmig angenommen. Die Wahlbewegung. Wahlfonds (V. Ausweis). Mittelschüler dch. Dr. J. H. K 15.—, Z. Z.-V. dch. DK. J. H. K 100.—, Sammelbogen 18 dch1. M. F. P. W. 1.—, J. F. 30.—, phil. J. B. 1.—, A.'Sch. 1.—, Ch. F. 1.—, LöewlO.—.Palästinenser dch. Dr. P. W. 5.—, D. B. T. dch,’. Dr. P. W. 5.-, Dr. X. dch. D. P. W. 50-, Büchserislg. Central 21.—, M. M. (V. Rate) 10.—, Dr. H-j'dch. Dr. P. W. 20.—, Anonym dch. Drc P. W. 20.—, H. dch, Dr. P. W. 1.—, L. B. 250.—, Sammlg. Frl. Malwine Steiner K 13.70. * ,Der österrreich. Ingenieur- und Architektenverein veröffentlicht in seiner Z e i t s c h r i ft v o m 19. M ai 1911 ei ree Aufforderung an alle Angeh ö.'r igen des Ingenieur- und Architektenstandes, die Kandidatur des Ingenieurs Robert Stricker fü r die Leopoldstadt I mit at-len.Krätten zu fördern. . , .... Kuranda und der deutschnationale Verband. Bekanntlich hat Ministerialrat Camil Kuranda das von ihm heißersehnte Ziel, Mitglied des deutschnationalen Verbandes und Klubgenosse des K. H. Wolf zu''werden, 'im aufgelösten Parlament nicht erreicht. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, ^scheint jedoch ihn und seine Wähler nicht'^verlassen zu haben, ln der Wahferyersammlung,!<welche kürzlich im Hotel Post stattfand und fit welcher Kuranda zusammen mit dem Täufling Dr. Neumann in das deutschnationale Hornbließ, richtete ein jüdischer Wähler an den^Kandidaten Klaudy die Anfrage, ob er sich' für die Aufnahme Kurandas in den deutschnattynalen Verband einstezen werde. Herr Klaudy gab eine ausweichende Antwort, denn hätte' er die Wahrheit gesprochen, hätte er erwidern müssen, daß es von einem erschreckenden ..Tiefstand an Charakter und Intellekt zeugen wenn man einem Juden oder überhaupt einem freisinnigen Menschen zumute, in denselben deutschnationalen Verband einzutreten, der. ,;tür die Resolution Schmidt und das Hausiergesetz gestimmt hat. Herr Kuranda hat natürlich männlich und tapfer geschwiegen, was uns bei diesem Volksvertreter, der den christlichsozialen jderrn Wittek nicht bekämpfen darf, weil er von ihm einen Orden bekommen hat, durchaus nicht wundert. Gegenüber dieser Knechtseligkeit Jund Kriecherei vor den deutschnationalen-Antisemiten wirkt die Erklärung, die Baron Hock in einer Wählerversammlung des neunten Bezirkes abgegeben hat, geradezu erfrischend. Ei; erklärte rund heraus, d a ß~ e r "a'ls'.f r'e'i s i n n ige r Politiker in dem de.utschnationalen Verband, der mit denChristlichsozialen paktiere, nichts zu suchen habe. Wir sind , gewiß .nicht die politischen Freunde des Herrn Baron.Hock und werden ihn. solange bekämpfen, als .er.'; -seine Stellung zur Judenfrage nicht gründlich (ändern wird. Aber an der Kapazität der -Hecren X u-r.aa.da» M-itf-, I e r und der sonstigen die u ts chf r e i s innigen Schützf in gre - der - israelitischen Kultusgemeinde gemessen, wächst er um ein gewaltiges Stück. *’ Deutschtreisinnige Wahlblüten. Am 22. d. M. hielt Herr Kuranda im „Hotel de France“ eine Wählerversammlung ab. Es hatten sich ungefähr 70 Personen eingefunden, unter ihnen auch der neue freisinnige Kandidat Doktor Robert S'cheu. Er verlangte das Wort, der Vorsitzende aber wollte es ihm nicht erteilen und ließ die Versammlung abstimmen. 30 Personen verlangten, man solle ihn sprechen lassen, 33 waren .dagegen. Interessant war die Begründung: Dr." Robert Scheu habe zu den Kosten der Versammlung nichts beigetragen, folglich müsse er den Mund halten. Armer Freisinn! * Dr. Josef Redlich für die Christlichsozialen. Der frühere Abgeordnete von Göding, der christlichsoziale Täufling Dr. Josef Redlich, hat bekanntlich im Parlament zu Ehren des Oberjesuiten Geßmann eine Rede gehalten, welche von allen deutschtreiheitlichen Blättern aufs Schärfste verurteilt wurde. Sein gegenwärtiger Wahlmacher, Dr. Ludwig Körner, Kultusvorsteher in- G.ö ding, hat. entschuldigend erklärt, diese. Rede sei eine Entgleisung gewesen, Redlich sei sonst entschieden freiheitlich und ein Gegner der Christlichsozialen. Herr Redlich hat aber seinen Kultusvorsteher-Protektor schon . in. zwei Versammlungen Lügen gestraft, ln seiner Lundenburger Wählerversammlung 'versuchte Redlich sein Nachlauten hinter den Christlichsozialen nicht nur zü rechtfertigen, sondern er' wart sich noch stolz in die Brust und erklärte, er würde, falls er abermals gewählt würde, den Christlichsozialen gegenüber dieselbe Stellung einnehmen wie bisher. Auch in der Pohrlitzer Wählerversammlung, welcher sämtliche Juden demonstrativ, ternblieben, gab Redlich die Erklärung ab, er werde für das Zusammengehen des Deutschnationalen Verbandes mit den Christlfchsozialen jederzeit eintreten. Nichtsdestoweniger wagt es der üödinger Kultusvorsteher, der in der Meinung der jüdischen Oeftentlichkeit schon gerichett ist, von den Juden des Wahlkreises zu verlangen, daß sie für j Redlich eintreten sollen. Ja, er ging in seiner Skrupellosigkeit so weit, daß er die Kultusvorsteher des Wahlkreises für den 25. d. M. zu einer Konferenz nach Göding einberiet, um die J uden der alten mährischen Gemeinden zum Stimmvieh des christlichsozialen Täuflings zu degradieren. Ueber dieses unerhörte Vorgehen führten einige Kultusvorsteher, welche über diese Zumutung empört, waren, beim Jüdischen Nationalverein Beschwerde, was den Obmann des Nationalvereines veranlaßte, folgendes Rundschreiben an die Kultusvörsteher und Bürgermeister der Judengemeinden zu richten: Rundschreiben an die Herren Kultusvorsteher und Bürgermeister der politischen Judengemeinden des Nikolsburger Wahlkreises! Euer Hochwohlgeboren! Der üödinger Kultusvorsteher, Herr Dr. Ludwig Körner, hat es für gut befunden, die Kultusvorsteher und Bürgermeister der Judengemeinden des Nikolsburger Wahlkreises zu einer Wahlbesprechung einzuladen, welche Donnerstag den 25. d. M. in Göding stattfinden soll. Es handelt sich ihm hiebei zweifellos um eine Aktion, zu Gunsten des früheren Abgeordneten Dr. Josef Redlich. Ich kann ohne Ueberhebung sagen, daß ich mich im vollen Einverständnis mit der ganzen jüdischen Oeftentlichkeit Oesterreichs befinde, wenn ich an Sie das Ersuchen stelle, dieser Beratung nicht nur fern zu bleiben, sondern gegen die Einberufung dieser Konferenz auch Ihren Protest einzulegen. Es ist vor allem unrichtig, wenn Herr Dr Körner in seiner Einladung behauptet, daß die Kultusvorsteher und Bürgermeister in dieser Angelegenheit die gesetzlichen Vertreter ihrer Gemeinden sind. Die Kultusvorsteher haben nach ihren . Statuten für die religiösen Bedürfnisse der Glaubensgenossen Sorge zu tragen. Die Wahl eines Abtalljuden ist aber, wie ich sagen zu können glaube, kein religiöses Bedürfnis der jüdischen Glaubensgenossen. Aber auch die Bürgermeister der politischen Judengemeinden sind keineswegs berufen, ihre Gemeindeangehörigen einer bestimmten politischen Richtung zuzuführen; ihre Stellung als Vertrauensmänner der ganten Gemeinde scheint mir eher das Gegenteil zu fordern. Ich glaube mich aber auf die formale Seite der Frage nicht berufen zu müssen. Denn es ist einen unbestreitbare Tatsache, daß die ganze jüdische Oettentlichk e i t — ohne Rücksicht | auf ihre sonstige Parteistellung,, — es als die Ehrenpflicht der Jude ns chatt des Wahlkreises ansieht, nach Kräften dahin zu arbeiten, daß die Wiederwahl Redlichs verhindert werde und nach den von mir im Wahlkreis gemachten Erfahrungen hoffe ich mit Bestimmtheit, daßl das ‘rühmlichst bekannte Selbstbewußtsein unserer altehrwürdigen Gemeinden, auf deren Vergangenheit wir alle stolz sind , es 'z u verhüten wissen wird, daß ein Mann zum Abgeordneten gewählt wird, der nicht nur unsere Gemeinschaft verlassen, sondern auch das Vertrauen aller freiheitlichen Männer Oesterreichs verloren hat. Mit dem Ausdruck besonderer Wertschätzung Dr. Ehrlich m. p. Es wäre höchste Zeit, wenn Herr Dr. Körner endlich authören wollte, den Führer der Gemeinde gpielen zu wollen. Bei den letzten Gödinger Kultusgemeindewahlen, die vor wenigen Wochen statttanden, haben im 3. Wahlkörper von 140 wahlberechtigten Personen im Ganzen neun (!) W ä h I e r für ihn gestimmt. Es wäre ihm also dringend zu empfehlen, daß er in seiner Gemeinde ein wenig das Interesse für jüdische Angelegenheiten hebt; dafür hat er allerdings, insbesondere seit sein Schützling Redlich in Wahlnöten ist, keine Zeit. * Versammlung in Bisenz. Sonntag, den 21. d. nachm., fand im Bräuhause der Stadt Bisenz die vom „Jüd. Nationalerem“ einberufene Wählerversammlung unter vollzähliger Beteiligung der dortigen Reichsratswähler statt. Nach Begrüßung namens der „J. N. V.“ durch Herrn Ingenieur Groag, übernahm Herr Kultusrat Simon Fürst den Vorsitz. Referent Dr. Fritz Löhner besprach eingehend die Gründe, die zur Kandidatur des Herrn Lucian Brunner geführt haben. Seine Ausführungen fanden lebhaftesten Beifall. Hierauf entwickelte, sympathisch begrüßt, deF Kandidat, Herr Lucian Brunner, sein Programm. Nachdem hoch Herr Prof. Lieben gesprochen, wurde über Antrag des Herrn G I aser einstimmig dem früheren Abgeordneten des Wahlkreises das Mißtrauen ausgedrückt und be-

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