Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 - :-l\ ■ \ ■■■■ . ■ JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 21 5. Wahlkreis eine Position geschaffen, und ein Erfolg seiner Bemühungen muß als-durchaus wahrscheinlich erachtet werden. - Audi im Gödinger Wahlkreis stehen die Chancen gut; es bedurfte nur des erlösenden Wortes, um den Bann zu brechen, der die Judenschaft Gödings fesselte, und den Täufling Redlich aus dem Sattel zu heben. Gesinnungsgenosse Brunner hat das {erlösende Wort gesprochen und die Agitation-mit dem ihm eigenen Elan aufgenommen. Die . Judenschaft dieses Wahlkreises empfindet die Kandidatur Brunners wie eine Befreiung von lästigem Alpdrudc. Der jüdische Nationalverein freut sich dieser Erfolge umsomehr, als er leider in manchen Teilen Mährens mit ansehen muß, wie primitive Grundsätze des Judentums arge Verletzungen erfahren. Für unsere Gesinnungsgenossen darf ein Zweifel darüber nicht bestehen, daß das Renegatentum rücksichtslos bis zur Vernichtungbekämpft werden muß. Der Nationalverein wird nicht müde werden, die Wahlarbeit intensiv fortzuführen, und so kann es gelingen, daß der Judenbezirk Wiens, die Leopoldstadt 1 und der Städtebezirk Göding bewußt jüdische Vertreter ins Reichshaus entsenden. }• Deutsche Treue. Die deutschliberale, in ihren altersschwachen Zeiten auch deutschtortsdirktliChe Partei genannt, ist tot. Ihr tragisches Ende dürfte den Zeitgenossen noch erinnerlich sein. Es war zu Beginn der verflossenen Reichsratssession. Nachdem die deutschtortschrittlichen Mandate mit Hilfe jüdischer Stimmen und jüdischen Geldes in Sicherheit waren, wurden die •Tore vor den Nasen der jüdischen Abgeordneten, welche aut deutschfortschrittliches - Programm kandidiert hatten, geschlossen und die wackeren Fortschrittler stürzten sich mit dem Schlachtrufe: „Jetzt trennt uns nichts mehr “ den deutschnationalen und radikalen Antisemiten in die Arme. Das ist deutsche Treue den Juden gegenüber. Das ist politische Moral, wenn es. sich um Juden handelt. Das ist der Dank 'des deutschen Volkes in Oesterreich an die jüdische Bevölkerung für vierzigjährige treue Dienste, aber auch der wohlverdiente Lohn für jüdische Würdelosigkeit und Aufdringlichkeit. Die deutschtortschrittiiche Assimilationsmöglichkeit ruht also seit 4 Jahren im Grabe, scheint aber ihre Rolle trotz dem in der österreichisch-israelitischen Geschichte nicht ausgespielt zu haben. Es gibt eine Auferstehung. Wir. lesen und hören jetzt vor den Wahlen plötzlich wieder von einer deutschtortschrittlichen Partei, von Kandidaten und Grundsätzen dieser Partei. Wurde dieselbe welleicht neu begründet? Durchaus nicht. Es ist reiner Schwindel, Bauernfängerei niedrigster Art. So gering ist die Meinung, welche man von der politischen Einsicht und Würde, der „geehrten Mitbürger mosaischer Konfession“ hegt, daß man es am hellen Tage wagt, die alten Requisiten, den deutschfortschrittlichen Köder und das liberale Narrenseil auszugraben, um damit die jüdischen Wähler einzufangen und es ist leider zweifellos, daß Hunderte dieser Wähler den halbverwesten Köder anbeißen werden. Man entschuldige den unappetitlichen Vergleich, denn es ist schwer, appetitlich zu bleiben, wenn man sich mit dieser Art deutschen Fortschritts befassen muß. Nicht in entlegenen Provinzstädten allein, sogar mitten in Wien, im Wahlkreise Leopoldstadt I. wirbt ein deutschliberaler Jude, also ein einer toten Partei angehöriger um die Stimmen seiner „Glaubensgenossen“. Er appelliert demnach an einen Grad von politischer Unzurechnungsfähigkeit, der von Rechtes wegen den Verlust des Wahlrechtes zur Folge haben sollte, da das Wahlgesetz Unmündige und Narren vom Wahlrecht ausschließt. Wo immer das Wort „deutschliberal oder deutschiortschrittlich ertönt, da weht uns Moderduft“ entgegen. Nur die ganz Albernen merken aus Gewohnheit die Verwesungserscheinungen nicht. Den Jüngern, mit etwas besseren Nasen muß die Sache ein wenig parfümiert werden. Liberal ist ein fauler Fisch. Wenn man das Aas parfümiert, wird es freiheitlich-sozial. Zum alten, liberalen Schwulst einige, modern klingende, der Sozialdemokratie entlehnte Phrasen. Also: zum Schaden noch den Spott oder aut gut Jüdisch übersetzt: Faule Fisch und Klepp’ dazu. Die liberale Politik hat vollständig abgewirtschaftet. Die freiheitliche soll uns retten. Wer’s g laubt, der geh’ hin und wähle ür. Otner, denn Ofner ist ein ehrenwerter Mann. Er ist kein Jude. Die jüdische Religion hat er überwunden, die jüdische^ Nation hat es trotz vieltausendjährigen Bestandes noch immer nicht bis zur Anerkennung durch Dr. Otner gebracht. Er, der große Ueberwinder, überwindet sich weiter und . wirb.tr. i um jüdische Stimmen. Zu welchem Zwecke? . Zum Heile der gesamten Menschheit mit besonderer Berücksichtigung desjenigen Teiles derselben, der in unlösbaren, katholischen Ehebanden: ^schmachtet.- Ofner ist der Erlöser und die Juden der Leopoldstadt haben die heilige Pflicht,; diesen Erlöser in’s Parlament zu schicken und sich'dabei des Rechtes aut einen Vertreter ihrer eigenen Interessen“ zu begeben. Julius Otner .» ist ein Deutscher. Er liebt sein deutsches Volk über alles, wenn er auch im Parlamente niir die Stiefelabsätze dieses Volkes zu Gesichte bekommt-. So edel, so übermenschlich selbstlos ist Dr. Ofner. Wer’s glaubt,, der gehe hin und wähle Dr. Ofner. Von den Ostgoten (den Stammesgenossen Mittler’s und Ofnep’s) erzählt die Sage, daß sie dereinst ihren toten König in vollem Feldherrrischmucke auf’s Sdilachtroß und in die Schlacht führten, um den Mut der Krieger nicht sinken zu lassen.; . Diese altgerinanische Sitte scheint aut Mittler und Otner tiefen Eindrude geübt zu haben. Auch diese beiden Helden schleppen den toten .Liberalismus in die Wahlschlacht. Mittler ist dabei soweit historisch ehrlich, daß er an der altehrwürdigen Erscheinung keine Aenderung zuläßt. Ofner dagegen möchte ein wenig- Rot aut die fahlen Wangen auftragen. Darob entbrennt ein grimmer Streit zwischen Donauklub und der Ofnergilde und die liberalen Blätter weinen bittere Tränen ob des Zwistes im Lager der Freiheitlichen. Wir aber sind der Meinung: tot ist tot. Wer einen Kadaver als lebend präsentiert, begeht einen groben Schwindel, ob er jetzt den Leichnam so oder anders ausstattet. Wählerversammlung in der Leopoldstadt. Der Zulauf rzu unseren Versammlungen in der Leopoldstadtr ist' ein so gewaltiger, daß die größten - Säle nicht imstande sind, die herbeiströmenden Wählerinassen zu fassen. So war es auch bei der am 20. d. im Saale des Hotels Central stattgefundenen Wählerversammlung. Mehr als ÖOÖ‘ Wähler lauschten gespannt den Ausführungen-1 deßPReferenten; r.-fast-, ebensoyiele , mußten abziehen, :dä sie. im Saale keinen Platz ‘ fanden. Der erste Referent, Herr Oberkommissär Ingenieur- Emil Fried, beschäftigte sich -in einer ausgezeichneten Rede mit den „freiheitlichen“ Parteien, deren Argumente er in glänzender Weise Zerpflückte. Die Rede wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen. Hierauf ergriff, stürmisch bejubelt, der Kandidat Ingenieur Robert Stricker das Wort zu seiner Rede, der wir folgendes entnehmen: Die bösartigste und plumpste Lüge, die gegen unsere Partei ausgespielt wird, ist die Behauptung, :• daß die Jüdischnätionalen Ausnahmsgesetze, Separatgesetze für die österreichischen Juden verlangen, daß wir (die unsinnige Forderung nach eigenen Judengesetzen erheben. Protestrabbinner haben diese Verleumdung von der .Kanzel herab gegen uns ausgestreut und an Wahltagen gehen die Agitatoren des offiziellen Judentumes vor den Wahllokalen mit'diesem perfiden Märchen hausieren. Nun hatsich vor wenigen Tagen in diesem Saale der bisherige Abgeordnete dieses Bezirkes, Herr Dr. Julius Ofner das gleiche Manöver geleistet. Er sagte, er könne nicht Nationaljude, sein, weil er für die Juden keine Separatgesetze haben wolle. - Vom Praterstern bis zur Marienbrücke und darüber hinaus gilt Dr. Ofners Ehrenhaftigkeit und Wahrheitsliebe als Axiom, sie ersetzt seinen Anhängern jedes Programm,^ nicht mit Ideen und Programmen, mit seiner Anständigkeit wird agitiert. Wie kommt dieser Anständigste aller Annständigen dazu, unsere politische Ehre zu besudeln, u^ als 1 Fanatiker hinzustellen, als . Narren, die jüdische Sondergesetze wollen. Wir müssen konstatieren, daß die monumentale politische Anständigkeit dieses Mannes im Kampfe mit uns einen Riß bekommen hat, wir müssen Herrn Dr. Ofner der Verbreitung tückischer Unwahrheit beschuldigen; denn v'eder in unserem Programme noch auch in unseren Reden wurde jemals die Forderung nach Judengesetzen erhoben. Wir verlangen keine neuen iGesetze für klie juden, wir verlangen nur, daß die bestehenden Gesetze auch angewendet werden sollen, we'nn es sich um uns Juden handelt. Und wo wir in unserem Programme neue Gesetze oder Verfassungsänderungen verlangen, handelt es sich durchaus um solche, die alle österreichischen Staatsbürger betreffen, nicht aber nur spezifisch jüdische. Wer das Gegenteil behauptet, lügt, wenn er auch ipi Gerüche fRr .politischen Heiligkeit stünde, ■ w.ie Herr Dfc,!.Ofner. Möge'sich Herr Dr. Ofner dies gesagt, ,$ßin,. lassen.,; Wenn wir ’ - iss die Rechtsgleichheit! der Juden ürfd die unparteiische Anwendung der bestehenden Gesetze verlangen, so könnte man uns, den -Einwand machen,! daß diese unsere Programm- forderung keine originelle ist. Forder.uhg nach Gleichberechtigung aller Staatsbürger vor dem Gesetze, ist ja das Prunk- und Paradestück aller; freiheitlichen und gleichheit’.ichen Parteien und wenn es die- Situation unbedingt erfordert, -wie z. B: in Wahlzeiten, schwingen sich die Vertreter dieser bestehenden Parteien sogar .zur Spezialisierung aut und erklären aut Wunsch, daß sie auch gegen gesetzwidrige Behandlung der „israelitischen Mitbürger“ . sind. Bis zum Wahltage sind diese- Erklärungen von jedermann und sehr billig zu haben. Nach dem Wahltage stellen s ich die Dirige anders dar. Wenn Sie vom gewählten Deutschliberalen eine Interventen für irgend ein Opfer des Antisemitismus verlangen, so werden Sie-zur Antwort bekommen, daß eine solche Aktion mit Rücksicht aut die Gemeinbürgschaft mit den Deutschradikalen vorderhand nicht tunlich sei, das deutsche Volk sei bedroht und man dürfe vorderhand nichts tun, was im deutschen Lager Differenzen her,vorrufen könnte. Dieses liebe „vorderhand“ ist nunmehr zirka 50 Jahre alt und verspricht noch einmal so alt zu werden. Wenn wir Juden solange Warten sollen, bis dieses vorderhand nicht mehr ist, so ist das eine traurige Tatsache, daß sich die liberalen Vertreter von allen Interventionen zugunsten jüdischer Interessen terne gehalten haben, obzwar sie in erster Linie jüdischen Stimmen ihre Wahl verdanken. Wenn sich der jüdische Klub im Parlamente bei Einbringung einer Interpellation oder eines Dringlichkeitsantrages um Unterstützung, an Deutschliberale gewendet hat, hat er regelmäßig eine Absage.erhalten. Ruthenen und freisinnige Tschechen waren dafür zu haben, DeutJiChliberale nie. (Hört! Hört!)- Nie hat’ die Unterschrift des Herrn Hotrates Kuranda aut einem solchen Schriftstücke geprangt, aber auch die Unterschriften der Deutschdemokraten, der Freiheitlichsozialen des Baron Hock und des Herrn ür. Ofner waren unmöglich zu erlangen. Wenn Herr.ür. Otner,um Unterstützung in einer jüdischen Angelegenheit angegangc« wurde, war er immer momentan mit einer „rein menschlichen“ Angelegenheit beschäftigt,' mit der freien Schule, mit der Frauenemanzipation oder mit den teuren Toilletten de;r Schauspielerinnen. Die Aussperrung von 10000 jüdischen Schänkern war ein ungeheuerlicher Rechtsbruch. Als dies? Unglücklichen - hier/! in VKieji Hilfe suchten!, .war Herr Dr. Ofnernichl zu sehen. in'einfer’ seiner letzten Versammlungen hat er seine damalige Abwesenheit folgendermaßen entschuldigt: Er.sei gegen den Alkoholgenuß, habe daher für 'diese Leute nichts tun können! Ja haben den« diese 50000 ,ü be r N a ch t b r o 11 os gewordenen Jvden von Herrn Dr. Ofner Schnaps verlangt? Sie haben Brot ver Langt unfi. gegen den Brot gen u ß kann doch der w iss.e ri s c'h 111 i ch s t e S o'z i al p o 1 i t i'k.e r nichts ein wenden. (Stürmischer Beifall.) Mit dem Trinklaster hat die Schenkertrage absolut nichts zu tun gehabt. Seit der Sperrung der jüdischen Schenken wird in Galizien noch mehr gesoffen als früher. Herr Dr. Ofner weiß das so gut wie wir.-Trotzdem entschuldigt er seine Teilnahmslosigkeit gegenüber der realen Judennot mit seiner theoretischen Abneigung gegen den Alkohol. Allerdings hat er gnädig hinzugefügt, man soll diesen Leuten helfen, man soll sich für diese Leute/,einsetzen. Ja, wer soll denn, wenns nicht die von, Juden gewählte« Vertreter -tun? Wenn der Ofner aus der Leopoldstadt für die Juden nichts Tun will, soll vielleicht der Schneider aus Fünfhaus oaer der Prinz Lichte nstein das Geschäft tür ihn besorgen? (Lebhafter Beifall. i: Daß die sozialdemokratische Parte i in jüdischen Angelegenheiten prinzipiell nicht interveniert, ist zu bekannt, als daß ich viel Worte darüber verlieren brauchte. Für diese Partei sind boykottierte jüdische Kleinhändler, nicht angestellte jüdische Bewerber um Staatsstellen und graduierte jüdische Beamten einfach bourgeoise Elemente, um "welche sich die große Arbeiterpartei nicht kümmern kann. Und wenn es sich um Fälle handelt, wo die sozialistische Ausrede nicht angebracht werden kann, erklären die Sozialdemokraten kurzerhand, sie seien keine Judenschutztruppe. ln den Augen unserer Gegner gelten wir nicht nur als Ghettomenschen, sondern auch als politische Reaktionäre. Es gibt zwar kein modernes Postulat politischer oder wirtschaftlicher Natur, daß wir nicht unserem. Programme einverleibt hätten, aber Herr Dr. Mittler, Dr. Otner und Herr Austerlitz, die ausschließlichen Pächter des gesamten österreichischen Freisinns belieben uns doch als Reaktionäre, als Rückschrittler, zu betrachten. Wenn mänJ von der Voraussetzung ausgeht, daß jedermann,- der den Genannten nicht bis aufs I-Tüpfelchen gleicht, ein Reaktionär ist, dann allerdings hätten die /