Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Nr: 20 doch streben die^35.000 Juden in Elsaß, die noch im Lande verblieben sind, schon lange nicht mehr nach dem Seine-Ufer. Diese absterbende französische Judenschaft hat noch immer die Leitung dieser so bedeutenden jüdischen Organisation inne, der auch die Verwaltung des von Baron Hirsch hinterlassenen jüdischen Volksvermögens obliegt. Was Wunder, daß diese Pariser Herren, vor allem der noch zu den Gründern der Alliance gehörende achtzigjährige Präsident, Monsieur Leven, die allesamt Kinder ihrer, und wir können sagen, einer vergangenen Zeit sind, die sich regende jüdische Volksseele picht zu verstehen vermögen. ln Paris, fern vom jüdischen Volke, .inmitten des toten Konsistorialjudentums, abseits von der großen jüdischen Verkehrsstraße, betrachten sie das Erwachen unseres Volkes mit verständnislosen Blicken.*! Wie anders verhält es sich mit den deutschen Juden! Seitdem der Zionismus begonnen hat, die jüdische öffentliche Meinung umzuwandeln, hat das jüdische Leben im Deutschen Reiche einen ungeahnten Aufschwung genommen. Die Deutschtümmelei hat bedeutend nachgelassen, um dem erwachten Selbstbewußtsein freien Spielraum zu gewähren, die Kriecherei wich vor der freien und offenen Sprache. Der beste Beweis hierfür ist das immer reger werdende Palästinainteresse, der in wahrhaft jüdischer Weise geleitete Hiltsverein der deutschen Juden, das mannhafte Auftreten der bisher so zaghaften Israeliten, der letzthin gegründete Jüdische Jugendbund. Die Mehrheit der deutschen Juden ist noch nicht jüdischnational, sie ist aber auf dem “Wege, es zu werden. Sie kann den riesigen ■Schritten der zionistischen Meilenstiefeln noch nicht folgen, sie ist aber bestrebt, hinter ihnen nicht allzusehr zurückzubleiben. Die Pariser Herren hingegen halten noch ■immer bei Napoleons Zeiten. Sie sehen das ■allergrößte Lob ihrer Schulen im Orient in dem Ausspruche Leroy-Beaulieus: „Ich habe mich in den Schulen der Alliance _ wie nach Frankreich versetzt gefühlt.“ Sie verstehen nicht, daß dies jeden nichttranzösischen Juden, der sein Scherflein zur Erhaltung dieser Schulen beigetragen hat, aut das schmerzhafteste berühren muß. Sie leben noch immer in dem Wahne befangen, daß jeder Mensch zwei Heimaten habe: die eigene und Frankreich. In gewissen Abständen bewegen sich der Zionismus, die deutsche Judenschaft und die Pariser Alliance. Das heißt nur die beiden ersten, denn jdic letztere steht still. Der Zionismus^ durch die pulsierende Kraft des verjüngten jüdischen Volkes bewegt, braust wie ein Schnellzug mit einer Stundengeschwindigkeit von 80, ja an manchen Stellen von 100 Kilometer dahin, der Personenzug der deutschen Juden.rollt uns nach, indem er stündlich 30—40 Kilometer zurückfegt, -allein die. alte. Lokomotive der Alliance steht ■einsanf da auf einem Nebengeleise des Pariser Bahnhofes. Arme Lokomotive! Einst schnaubte, Zischte und pfiff sie so jauchzend und flog blitzschnell durdi die grünen Felder .... Wie lächerlich erscheinen uns nun die Ueberklugen, die da meinen: Ihr müßt nachgeben, nicht immer .Krieg führen; in Frieden könnt (Ihr mit der Pariser Alliance Hand in Hand gehen und Ersprießliches leisten. / Ob auch die Pariser Herren dem' Einzuge der deutschen Juden in die oberste Verwaltungder (Alliance werden standhalten können? Ich glaube» nicht. Man wird bald das Unsinnige ■des Verbleibens der Allianceaut dem Judenfriedhofe einsehen müssen. Die deutschen Juden, die ■heute in der Alliance die Mehrheit bilden, werden nicht säumen dürfen, den Sitz dieser altehrwürdigen Institution nach Deutschland zu verlegen. Die Pariser Herren werden zwar aut das heftigste gegen ihre Entthronung protestieren, sich jedodh später in das Unvermeidliche fügen. Und damit wird Paris aus der jüdischen Geschichte für ewige Zeiten entschwinden. Die Uebertragung der Alliance nach Deutschland — und später einst, da sie ihre Hauptbetätigung ■ohnehin im Orient entwickelt, nach Palästina — wird aber ein zweites Aufblühen zur Folge haben.. .Das jüdjische Volkwird dafür Sorge tragen, daß aus der französischen Alliance eine jüdische werde, daß sich in ihren Schulen nicht die Leroy-Beaulieus, sondern die Juden heimisch fühlen, daß die Gelder der ICA fhrer ursprünglichen Bestimmung: der Förderung *) Nur so lassen sich die vielen Fehlgrifte in den letzten Jahren, wie z. B. das Denunzieren der zionistischen Bewegung bei der türkischen Regierung erklären. der jüdischen Kononisätion zugeführt und daß die jüdischen Siedler nicht durch gewalttätige Beamten . ausgebeutet, sondern nach den Prinzipien der modernen jüdischen und demokratischen Kolonisation behandelt werden. Die letzten Jahre der Pariser Aera der Alliance mit ihren Levens und Reinachs werden uns aber wie ein böser Traum erscheinen. Pogromfurcht in Kiew. Die „Arbeiter-Zeitung“ schreibt: In der südrussischen Stadt Kiew herrscht bereits seit Wochen unter den Juden eine noch im Steigen begriffene schwere Panik. Wie schon so oft fürchten sie, daß sie plötzlich von autgehetzten raubsüchtigen und ’ mordgierigen Fforden überfallen werden und einen regelrechten Pogrom erleben könnten. Diesmal ist es die Ritualmordbeschuldigung, welche den ■ Pogromgeistern neues Leben einflößt und den zur Aufstachelung des Mobs erforderlichen Zündstoff schafft. Hört man allerdings, auf welchen Verdachtsmomenten das jüngste Schauermärchen beruht, dann staunt, man über die Leichtfertigkeit, mit der die judenfeindlichen Massen die unbegründetsten Gerüchte hinnehmen. Denn solche Fälle wie den Kiewer kennt die Kriminalgeschichte in Hülle und Fülle. Es handelt sich um einen so häufig vorkom'menden Mordfund, den nur eine lange Jahre in Judenhaß schwelgende Phantasie zu einer „nationalen“ Beschuldigung ausschlachten konnte. Am 25. März war in Kiew der zwölfjährige Schüler Justschinsky verschwunden. Erst eine Woche später fand man seinen Leichnam, der viele Verletzungen autwies, in einer Höhle auf dem Wege vom Stadtteil. Podol nach Lukjanowska, und es blieb ein Rätsel, wie der Ermordete in diesen Rayon gelangt war. Anfangs fiel ein Verdacht sogar aut die Mutter des Knaben, weswegen sie ins Gefängnis geworfen wurde, aber bald ließ sie die Untersucnungsbehörde frei. Kaum hatte sich die Nachricht von dem grausigen Fund in der Stadt verbreitet, als die Pogromstifter bereits, an ihr Handwerk herangingen und eine gefährliche Pogrompropaganda anhuben. Schon bei der Bestattung des unglücklichen Knaben, also zu einer Zeit, da noch die Mutter des Opfers im Gefängnis saß, verteilten sie aut dem Kirchhof eine Proklamation voll heftigster Rachebeschwörungen, die also lautete: Rechtgläubige Christen! Juden haben den Knaben Andrei Justschinsky hingemordet. Denn alljährlich pflegen sie vor ihrem Osterfest einige Dutzend christlicher Knaben in den Tod hineinzumartern, üm dann ihr Blut in die Mazzoth hineinzugießen. Das tun aber die Juden zum Andenken an die Leiden des Erlösers, den sie gekreuzigt und gemartert haben. Die Untersuchungsärzte haben festgestellt, daß man Justschinsky vor seinen Martern gefesselt, entkleidet und dann in entkleidetem Zustand gestochen hat, wobei man in seine Hauptadern hineinstach, um möglichst viel Blut abzuzapfen. So haben die Juden dem Justschinsky fünfzig Stiche versetzt. Russische Männer! Wenn euch eure Kinder teuer sind, haut die Juden! Haut sie so lange, bis es nicht einen einzigen Juden mehr in Rußland geben wird! Erbarmt euch eurer Kinder! Nehmt Rache für die unglücklichen Märtyrer. Es ist Zeit, es ist Zeit! Einen der Verbreiter der Pogromproklamation einen gewissen Pawlowitsch, nahm zwar die Polizei aut dem Kirchhof fest und übergab ihn der Gendarmerie; aber diese ließ ihn bald frei. Gehört doch dieser Pawlowitsch nicht nur zu den Hauptaktiven der lokalen (Purischkewitschschen) Abteilung des „echtrussischen“ Verbandes, sondern jer ist auch ein Sohn des Sekretärs des Boulevardpolizeireviers. Dieser ' Vorfall war aber nur das Präludium zu der Hetze, die nunmehr einsetzte. Zwar legte es der Kiewer Polizeimeister den lokalen Blättern nahe, bis zur Aufklärung aller Einzelheiten über den Fall Justgchiftsky völliges Schweigen zu wahren; aber diese eigenartige und unangebrachte Empfehlung bewirkte nur das Gegenteil, namentlich da die antisemitischen Residenzblätter Lärm schlugen und noch dazu so taten, als ob die Kiewer Juden etwas vertuschen müßten, während niemand mehr als diese an der Aufhellung der Mordtat in aller Oeffejitlichkeit ein Interesse hatten. Es begann nun ein förmliches Wettrennen aller judenhetzerischen Blätter um die Schaffung einer Progromatmosphäre. Die „Rußkoje Snamja“, das Organ des ehemaligen Dubrowinschen Verbandes, wie das Leibblatt der Purischkewitsch- Sippe, „Semstschina Kolokol“, die Hauptnahrung der fanatischesten Popen, wie das wetterwendische Blatt der Bureaukratie „Nowoje Wremja“, alle genannten Zeitungen und ihre Ableger in der Provinz schäumten gleichfalls vor Wut gegen die jüdischen Trinker christlichen Blutes und begannen bald mit angeblich offiziellen Angaben aufzuwarten. So berief sich bereits der gewissenloseste aller Judenhetzer, der berüchtigte Menschikow, aut die Untersuchungsbehörden, die „zu der Ueberzeugung gelangt“ seien, daß hier ein Ritualmord vorläge. Bald sollte allerdings die ganze Verlogenheit dieser Sorte von _ Agitatoren zu Tage treten. Denn der Kiewer Professor Obolonski, der den Leichnam obduziert hatte, sah sich zu einem geharnischten Dementi aller ihm in den Mund gelegten Behauptungen von einem angeblichen Ritualmord veranlaßt. Dessenungeachtet fahren die „echtrussischen“ Blätter fort, von einem Ritualmord |zu sprechen und das Gesindel in einen Pogrom hineinzuhetzen. Nicht einmal die Tatsache beschämt sie, daß in einem anderen Orte des Gouvernements Kiew, in Korostyscha, soeben die Simulierung eines Ritualmordes'klipp und klar aufgedeckt worden ist. Auch dort war der Leichnam eines ermordeten zwölfjährigen Mädchens voller Wunden und Stiche, so daß auch diesmal der Verdacht eines Ritualmordes erweckt werden sollte, ln Korostyscha wurde nur dank der Energie der Polizei der wirkliche Mörder entdeckt, wie leicht jedoch hätte auch über diesen Ort eine Katastrophe heraufbeschworen werden können!' Der Bankerott der assimilatorischen Philantropie. ii. Der Zusammenbruch der ICA-Kolonisation. Bekanntlich hat die ICA zwei Haupttätigkeitsgebiete: Palästina und Argentinien. Die Fehler, die sie in Palästina begangen hat, sind bekannt genug. Der Kritik derselben war auf den ersten Zionistenkongressen ein breiter Raum gewidmet, und dank der Bewegung gegen das System der ICA, die in Palästina entstand, mußte sie die Kolonien freigeben und seither entwickeln sich diese aufs beste. Die Tätigkeit, welche die ICA von diesem Moment an in Palästina entfaltete, war gleich Niill. ln den letzten 3 Jahren ist kein Fußbreit nichtjüdischer Boden von ihr gekauft worden und sie läßt immer -bestimmter verlauten, daß sie sich aus Palästina ganz zurückziehen wird. Bleibt also Argentinien. Leider war dieses Land durch seine Ferne von Europa bisher dem jüdischen Interesse gänzlich entrückt. Nur hie und da drangen Klagen der ICA Kolonisten herüber, die aber weit weniger. Echo erweckten, als jene, die aus dem jeden Juden teuren Palästina Jkamen. Nun aber liegt in dem Buche von Chasanowitz: „Die Krise der jüdischen Kolonisation in Argentinien“ das Ergebnis einer genauen und gewissenhaften Untersuchung der Zustände in den argentinischen ICA-Kolonien vor und wahrlich, es ist ein entsetzliches! Das System der ICA erwürgt die jüdischen Kolonisten, treibt sie zur Verzweiflung und erzeugt aus ihnen Parias der Gesellschaft. Chasanowitz untersucht das Land nach seinen Bedingungen für die Kolonisation und die Juden als Kolonistenmaterial. Er kommt zum Ergebnis, daß Land und Volk vorzüglich geeignet sind. Wenn trotzdem die Kolonisation zugrunde geht, so ist der „philamropische Feudalismus“ der ICA schuld. Er sagt: „Etwas Unsinnigeres, (Traurig-lächerliches, wie die Kolonisationsweise der ICA kann nicht ersonnen werden. „Das System der ICA charakterisiert sich durch eine Reihe von Maßnahmen, die alle ein und denselben Zweck verfolgen: Die Kolonisten in die absoluteste Abhängikeit von der ICA zu in üen, II, WippIiiigerstV. 2 TelephonnnimerB 23067, $068,23069» 18347,21&ia — besorgt sämtliche Bank- und Wechselstubengeschäfte und verzinst die Einlagen auf Einlagsbücher mit Die Rentensteuer trägt die Bank aufs Eigene Afcüeiifapital K 30,Q0ft0Q(k