Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 20 gefühl (zu vernichten“. Und nun gibt er eine eingehende Schilderung des Systems. Im Vertrag mit der ICA gibt es nur Pflichten, keine Rechte der Kolonisten. „Der Kolonist ist nicht berechtigt, vor Ablauf der im Vertrag festgesetzten Frist seine Schuld an die ICA abzutragen. Der Kolonist verpfändet seine Ernte der ICA für die Schuldraten und so geht das weiter. Was folgt daraus? Dem Kolonisten, der erst nach völliger Abzahlung der Sdiuld Eigentümer wird, fehlt jede Kreditbasis. Eine schlechte Ernte bringt ihn in die Hände von Wucherern, die ICA aber, die das Getreide gepfändet hat, kann in ihrem Bericht stolz verkünden, daß die Jahresabzahlung eingegangen jst. Die ICA zwingt den Kolonisten zu einem isolierten Höfsystem, was nicht nur ßvirtschaftlidie Nachteile hat, sondern ihm auf seiner einsamen Farm den Ueberfällen roher Gauchos aussetzt. Bei dem letzten derselben wurden nicht weniger als 13 Juden erschlagen. Die Kolonisten sind natürlich gänzlich den Beamten der ICA ausgeliefert, die wie Paschas wirtschaften. Das Verlangen der Kolonisten nach einer Vertretung in der Administration wurde von der ICA abgelehnt. Beschwerden gegen die Beamten werden von der Zentrale den Angeschuldigten selbst zur Untersuchung geschickt! Es fehlt uns der Raum dafür, die Uebeltaten der lCA-Administration nach dem Bericht Chasanowitz «aufzuzählen. Das Resultat ihrer Tätigkeit ist eine schwere Krise der Kolonisation und und eine furchtbare Steigerung ■ des Antisemitismus in Argentinien, da sich zahlose jüdische Elemente, die Jd urch das ICA-System ruiniert wurden, dchändlrdien' Berufen zuwendeten und die Städte überfluten. Chasanowitz gibt auch ein Reformprogramm und verlangt eine Untersuchung der Zustände durch unparteiische jüdische Männer. Man muß ihm Dank wissen, daß er — den übrigens die ICA bei der argentinischen Polizei denunzierte» (die! jhn auswies i— rücksichtslos die Wahrheit über die argentinische ICA-Kolonisation sagte. Die jüdische öffentliche Meinung ist dadurch aufgeklärt worden und sie wird eine Aenderung des Systems für Argentinien ebenso erzwingen, wie es für Palästina gelang. Es ist vor allem Aufgabe des Zionistenkongresses, der einzigen jüdischen Volkstribüne, das Verlangen nach einer Untersuchung, der Zustände in Argentinien zu stellen. Neben der Alliance, die durch Personalunion mit ihr. verbunden ist, sehen wir immer mehr auch die ICA in ihrem Werke dem Judentum mehr schaden als nützen. Nehmen wir noch die von uns sattsam beleuchtete Tätigkeit kleinerer Assimilanteninstitutionen, der 1TO und der A1KO hinzu, dann ist es klar, daß die assimilatorische Philantropie vollkommen ausgespielt und ihre Unfähigkeit für das Judentum etwas zu leisten, dargetan hat. Kein Wunder! Wo in der Vfelt sucht man dem sozialen Elend eines ganzen Volkes mit Philantropie beizukommen? Wo in der Welt ist nicht organisierte Selbsthilfe die Panadoe für soziale Hilfe? Auf das Judentum angewendet heißt aber organisierte Selbsthilfe: Z i o n i s m u s, und diese - Volksbewegung, hat in kurzer Zeit für die Hebung der sozialen und' moralischen Lage des Judentumes mehr-getan, als die Jahrzehnte alten, millionenreichen Institutionen der assimilatorischen Phiianiropie. Parteinachrichten. Mitteilungen des i. ö. D.-K. Schekelabrethnung. Die Schekelkommissäre und jene Gg., die Schekelblocks übernommen haben, werden darauf aufmerksam gemacht, daß die Abrechnung bis spätestens 15. Juni erfolgen muß. Ferner werden die Schekelkommissäre ersucht, bis längstens Dienstag d. 23. d. M. einen kurzen schriftlichen Bericht über den Erfolg der bisherigen Agitation dem Distriktskommissär, Herrn Ing. Groag, IX., Türkenstraße..9 einzusenden. Eventuell notwendige Versammlungen mögen unverzüglich einberufen werden." Referenten stellt über Wunsch das D.-K. zur Verfügung. Kongreßwahlen. Dieselben finden in der ersten Juüwoche im Sitzungssaale IX., Türkenstraße 9 statt. Die Herren Kandidaten für die Kongreßmandate des i.-ö. Distrikts werden ersucht, dem D.-K. mitzuteilen, Wann sie ihre Referate zu erstatten wünschen. Schekelwochenausweis. „Ivria“ (Sch.-K. Brand) (-f- K 36.—) K 36.-; „Lesehalle“ (Sch.-K. Sacher) (+ K 12.—) K 12.-; „Bar-Giora“ (Sch.-K. Altmann) (-f- K 12.—) K 12.—; Jugendorganisationen Wiens per Ing. Groag: „Chewra“ (-j- K 12.—) K 12.—; „Gis^ kalah“. (+ K 8.40) K 6.—; Dr. Zweig (+K 32.40) K 7.80; Rudnik (Meran) K. 8.40; Teitelbaum (-j- K 110.20) K 7.20. Summe K 113.40; bereits ausgewiesen K 1629.60; zusammen K 1743.—. Kandidatenspiegel. II, Dr. Stephan Licht. Seine Mutter, eine wackere Boskowitzer jüdische Ganslerin, hat ihm einen tüchtigen Kopf vererbt. „In der Latein“, wie sie sich ausgedrückt haben mag, lernte er so brav, daß der Brünner isr aeIitisChe Frauen verein den hoffnungsvollen Jüngling auf seine Kosten studieren ließ. Er hat sich glänzend bewährt. Er nahm die Taufe, machte den Doktor und begann sich mit bewundernswerter Ellenbogenkraft hinaufzuarbeiten. Jäpdämals konnte es ein jüdischer Renegat noch zu.-,etwa$ bringen,.wenn,er;ebenso begabt, wie skrupellos war. Heute ist Doktor1 Licht ganz, ganz oben : . Er ist Sekretär des Großindustriellen-Verbandes. Er, der sich so intensiv mit dem bäuerlichen-Kreditwesen befaßt und sich um die Einführung der Raiffeisenkassen in Oesterreich bemüht hatte, kümmerte sich weiterhin einen Teufel um den „kleinen Mann“ und ließ sich auf dem Programm der reaktionären Plutokratie in den Reichsrat wählen. Und der am Busen des Brünner israelitischen Frauenvereines großgezogene Boskowitzer Judenjunge zögerte keinen Augenblick, im „deutschen Nationalverband“ neben den Antisemiten Wolf, eWidenhoffer und Stränsky Platz zu nehmen. Was ein rechter deutschjüdischer Politiker ist, muß jüdische Existenzen ruinieren, Doktor Licht hat dieses Geschäft in einem Maße betrieben, welches zu seinen hervorragenden Fähigkeiten im richtigen Verhältnisse steht. Es war im. Jahre 1906, anläßlich des berüchtigten Brünner „Deutschen Volkstages". Aus ganz Mähren waren die deutschen Mannen nach der Hauptstadt transportiert worden und es ging jene Massendemonstration vor sich, welche die nationale Leidenschaft aufs tiefste aufwühlte. Ein Toter, zahlreiche Verwundete blieben auf der Walstatt und bis heute wirken die Folgen dieses Trutzzuges nach. Braucht, man zu betonen, daß vor allem der jüdische Kleinhändler, der jüdische Oekonom, der jüdische Hausierer die Zeche zahlte?War es nicht vorauszusehen, daß die tschechische Bevölkerung ihre, von Agitatoren aufgestachelte, ohnmächtige Wut an den Dorfjuden auslassen werde, da sie doch den deutschen Volkstag mit dem Gelde der jüdischen Fabrikanten bezahlt sah? Dr. Licht, der den Jammer des antisemitischen Boykotts aus der eigenen Familie kennen mußte und der doch am eigenen Leibe, wie oben dargelegt, die materielle Judennot erfahren hatte, nahm an der besagten Demonstration in folgender Weise teil: Er fuhr eine -schwär z-rot-goldene Fahne schwingend und „H e i 1“ rufend durch die Straßen, in denen bereits das Blut floß! Er, der selbst einmal ein von jüdischen Gnadengeldern erhaltener Desperado war, gab mit frechem Hohn und kaltblütiger Herzlosigkeit jüdische, schwer arbeitende Familienväter dem Verderben preis und dieser deutschnational-jüdische Exaltado forderte direkt die Tschechen zur Vernichtung jüdischer Existenzen heraus. Und in Mähr .-Ostrau, der Stadt des schwer arbeitenden Proletariats, kandidiert! er irre Zeichea der Scharfmacherei gegen den Sozialismus . . . Sein Porträt ist noch nicht vollständig. Es ist noch der interessanteste Zug dieses Antlitzes zu zeichnen. Er macht sich mit bestem Erfolg über seine jüdischen Wähler lustig. Er versichert ihnen unter stürmischen - Beifallsrufen — daß er nicht für die Resolution Schmidt gestimmt habe, welche die Juden aus den Schulen jausschließen wollte. Die Ostrauer Juden finden das großartig und sind für diesen Mann begeistert. Und Dr. Licht, der von jüdischen Wohltätern erzogene Täufling, der Förderer de«, antisemitischen Boykotts, dürfte mit einer zynischen Ironie, die selbst in. der so' traurigen Geschichte des mährischen „Israelitentums“ der letzten Jahrzehnte einzig dasteht, den jüdischen Wählern zurufen, man solle ihn zur Verantwortung ziehen, wenn er jemals etwas tun werde, was dem Judentum zur Unehre gereiche. Deutsches Israel von Ostrau: Nimm ihn hin, er sei dein, unser Segen obendrein. Botel „IschlBF Hof“ in Bad IscM Kaffee und Restauration, Telephon Nr. 108. Telephon Nr. 108. Wird am 1. Juni eröffnet. Das Hotel hat 30 neu renovierte mit allem Komfort eingerichtete Zimmer, einen großen luftigen Speisesaal, einen schattigen Restaurationsgarten mit Terrasse. Alle Räume und'der Garten elektrisch beleuchtet. Der „Ischler Hof“ ist ein zentral gelegenes Hotel, einige Minuten vom Bahnhof und 1 Minute vom Kurpark entfernt Lohndiener und Wagen bei jedem Zuge. 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