Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438327-2438347--2433-2442110- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 20 daß man hier mit preußischer Scharfmacherei nichts ausrichtet. Hier lebt eine große Masse Beamter, Privatangestellter, kleinerer und mittlerer Kaufleute, die man mit einer Politik der Bank- und Fabriksmenschen nie eintangen wird, mit einer Wirtschaftspolitik, deren Grundprinzipen der Oekonomist der „Neuen Freien Presse“ diktiert, werden sie kein Glück haben. In dieser Beziehung sind wir jüdischnationale doch die besseren Menschen. Wir haben ein wirtschaftliches Programm, das nicht einer Standeskategorie aut den Leib geschrieben ist, sondern sich den Bedürfnissen aller kleinen und mittleren Stände anpaßt. Auf die wirtschaftliche Bundesgenossenschaft der Großbanken und Kartelle vergessen wir mit Vergnügen. Wir haben unser Wirtsdiaftsprogramm als gut erkannt und scheren uns den Teufel, obs den Deutsdiliberalen zu sozialistisch .oder den Sozialdemokraten zu bürgerlich ist. Wir brauchen uns bei niemandem zu entschuldigen. Qj nser wirtschaftliches Programm hält der Prüfung jedes modernen Menschen stand, nur das allein ist für uns maßgebend. Diesen Ausführungen folgte begeisterte Zustimmung. Ein Mitglied der jüdischen sozialdemokratischen galizischen Fraktion — eine Gruppe, die bekanntlich von der offiziösen sozialdemokratischen Parteileitung nicht anerkannt wird, weil sie sich zur jüdischen Nationalität bekennt — machte von der allzu freigebig gewährten Redefreiheit ausgibigen Gebrauch. Seine Agitationsrede für Austerlitz wird seiner Gruppe nichts nützen, diese unangenehmen bewußt jüdischen Sozialdemokraten werden von Adler, Aysterlitz und Daszinsky weiterhin die gewohnten Fußtritte bekommen. Der Poale-Zionist S chwanental trat mit Begeisterung für die Wahl des Gg. Stricker ein. Seine Kandi- _ datur wurde mit großem Beifall genehmigt. Sozialdemokratie und Judentum. Ein Gesinnungsgenosse schreibt-uns: Wählerversammlung in der Josefstadt, Lerchenfelderstraße 14. Habe mir das Vergnügen gemacht, die Sozialdemokraten an- und auszuhören. Referent V. Adler in einer nach populärer Darstellung ringenden Rede zieht gegen Rer gierung und Christlichsoziale los. Hierauf Vor- Vbrstellung des Kandidaten Dr. Ludwig Har t - mann, den er aufs Wärmste empfiehlt. Herr Hartmann, ein hübscher Assyrerkopf entspinnt das Lügengewebe des politischen Lebens in Oesterreich. Er sagt: Die Christlichsozialen scheren sich soviel um die Nation, wie ein Neger im Innersten Afrikas. Er wird von einem jungen Olmützer interpelliert: Wie stellt sich die Sozialdemokratie zur Nationalität? Hartmann antwortet: Ich bin ein guter Deutscher und verwahre mich dagegen, daß man meine Solidarität mit der deutschen Nation anzweifelt oder auch nur in Frage stellt. Ich fragte dann den Kandidaten: „Wie stellt pich die Sozialdemokratie zu anderen Nationen und insbesondere, wie stellt sie sich zur ältesten Nation, zuden Juden? Marmorblaß kommt er hervor aus dem dunklen Winkel und mit bebender Stimme erklärt er: Ich bin j üdischer Abstammung (alles verstummt) aber konfessionslos, den Antisemitismus ,betracht e ich als Nonsens, aber ich anerkenne jnicht die jüdische Nation und betrachte den Zionismus ebenso als Nonsens (sic!) Kommentare sind überflüssig, aber eine Stelle aus Artur Schnitzlers Roman „Der Weg ins Freie“ möchte ich mir nicht versagen, dem sozialdemokratischen Kandidaten, dem guten Deutschen jüdischer Abstammung ins Gedächtnis zu rufen: Wer hat die deutschliberale Partei geschaffen? Die Juden. Wen hat man zuerst hin- . ausgeschmissen? Den Juden. Wer hat die deutschnationale Partei geschaffen? Die Juden. Wen hat man zuerst aus der Partei herausgeschmissen? Den Juden. Wer hat die sozialdemokratische-- Partei geschaffen? Die Juden. Wen wird man als ersten hinausschmeißen? Den Juden. B. Dr. Arnold Ascher, der Vielseitige. Bekanntlich ist Dr. Arnold Ascher derzeit Einpeitscher der Kandidatur des rotverbrämten Obergermanen Dr. Ofner in der Leopoldstadt und Leugner spezialjüdischer Interessen, soweit sie über die Auszahlung des Gehaltes als Sekretär der Baron Hirsch-Stiftung hinausgehen. Dem war nicht immer so. Bevor jener Gehalt ausgezahlt wurde, war er tätiges Mitglied der „Wiener jüdischen Volkspartei“ und nachher langjähriger Tischgenosse des Donauklubs-Külör Dr. Mittler. Ja, es wandeln sich die Zeiten und wir in ihnen! Die Reichsratswahlen in der Bukowina. In mehreren Tagbiättern wurde die Nachricht gebracht, daß die J üd is ch e N at i o n alpart e i in der Bukowina auf Grund von Kompromißverhandlungen mit den Deutschen, den gewesenen Abgeordneten von Trembowla Dr. A. Mahler in den Städten Sereth, Radautz, Suczawa als Kandidaten aufgestellt habe. Diese Nachricht entspricht nicht den Tatsachen, da die Jüdische Nationalpartei bezüglich der aufzustellenden Kandidaten noch keinen Beschluß gefaßt hat. Auch die anderen in der Presse gebrachten Mitteilungen über diverse Kandidaturen erweisen sich als unrichtig. Die „Volkswehr“, das Organ der Bukowinaerjüd. Nationalpartei schreibt: Dr. Menczel bringt in der letzten Nummer seines Blattes, in der „Allg. Ztg.“ die „Information“, wonach die jüdische Nationalpartei dem Landtagsabgeordneten ' Janku Fischer das zweite jüdische Reichsratsmandat in den drei Städten angeboten hätte. Wie alle sogenannten Informationen dieses Blattes, so ist auch diese Mitteilung tendenziös entstellt und unwahr. D ie jüdische Nationalpartei hat niemandem ein Mandat angeboten, sie ist vielmehr der Ansicht, daß hierüber die Wähler zu entscheiden haben. In diesem Falle werden also zunächst die Wähler der drei Städte das erste Wort sprechen. Die jüdische Nationalpartei wird sich daher auch angelegen sein lassen, durch Einberufung von Delegierten aus den drei Städten die Stimmung der Wähler k ennen zu lernen und danach ihre Beschlüsse fassen. Die jüdische Nationalpartei hat nicht die Absicht, den Wählern Kandidaten aufzuoktroyieren, wie dies gerade seitens dieser Partei geschieht, deren offizielles Organ die „Cz. Allg. Ztg.“ geworden ist. Nackklänge zum Wiener Blnmentag. [Unser Allarmruf in der vorigen Nummer hat sogar das Gewissen der deutschliberalen Judenblätter aufgerührt und sie haben — voran die „Mittagszeitung“ — ihrem peinlichen Befremden darüber Ausdruck gegeben, daß der den Wienern „ohne Unterschied der Konfession“ abgenommene Ertrag des Blumentages an sieben ausgesprochen katholisch-klerikale und an nur drei neutrale Vereine yerteilt werden solle. i Schon diese bescheidenen Wehmutsseufzer der liberalen Presse haben genügt wie stark wären wir erst, wenn Wir mit geschlossener Energie aufträten! — das Festkomitee des Blumentages zu einer öffentlichen „Erklärung“ zu bestimmen, daß über die Verteilung des Erlöses noch nicht endgültig beschlossen worden sei —■ — : ' „Noch nicht“ — eine Woche nach dem Blumentag ist ausgezeichnet! Das Festkomitee hat eben — zur Rettung künf.iger Blumentage — im letzten Moment revoziert. Die antisemitischen Blätter aber wüten, daß die freche „Jüdische Zeitung“ den Klerikalen einen Teil des Raubes abgejag( hat. Das. „Deutsche Volksblatt“, Organ des Deutschen Nationalverbandes von K. H. Wolf bis Redlich, bringt ein anonymes. „Eingesendet“, daß die jüdischen Blumenverkäuferinnen beim Nachfest auf der Hohen Warte nicht nur das Publikum durch ihre Zudringlichkeit belästigt haben, sondern auch das gespendete Geld, statt es in die Sammelbüchsen zu tun, in ihre Ridikules — verschwinden ließen. Geehrte Frau Riza Thälberg,; Generalkonsulin von Mascho-Kolumbien, wollen Sie sich über diesen schnöden Vorwurf damit . trösten, daß der Schmock desselben „Volksjblatts“ sie einen Absatz höher als „entzückende Dame“ angepriesen hat?! Die „Reichspost“ wiederum, sonst Verganis erbitterter Widerpart stößt diesmal mit ihm ins gleiche Horn. ln einem ausgedehnten Artikel' fällt sie über die „jüdische“ Muskete her, die es gewagt, habe, die Blumenverkäuferinnen durch ein frivoles Gedicht zu beleidigen. Dieses Gedicht ist zwar wirklich infam,' die „Muskete“ aber ist unseres Wissens kein jüdisches, sondern ein radikal-antisemitisches Witzblatt, das sich nie daran genug tun kann, die angebliche Waffenunfähigkeit jüdischer Soldaten zu verhöhnen und zu verspotten. i Den antisemitischen „Schriftleitern“ ist eben jedes Mittel gut genug, den Alob gegen uns Juden zu hetzen. „Doch auch das ist zum Guten!“ Einen zweiten Blumentag unter Leitung der Gräfin Wenckheim und des getauften Prokuristen Spitzer v on der Länderbank werden die Wiener Juden nicht mehr mitmachen. Die Alliance am Scheidewege. ■ Von Ludwig Batö* Die vor einigen Tagen stattgefundene Tagung der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance hat der Pariser Leitung .allzu bittere Enttäuschung beschert. Als sich vor fünf .Jahren die durch den Zionismus aufgerüttelte jüdische öffentliche Meinung in Deutschland zu regen begann und die deutschen Juden es satt hattejn, ihr für jüdische Zwecke gespendetes Geld, durch die Alliance im Dienste französischer Kultur und Interessen verwendetzu sehen, sah sich das Pariser Zentralkomitee zu seinem größten Leidwesen gezwungen, den dringenden Wünschen d er deutschen Alliancemitglieder friachzugeben und in Berlin eine Art Filiale zu errichten; zu seinem größten Leich wesen, denn die Pariser Herren ahnten, daß es mit ihrer Alleinherrschaft zu Ende sei. Sie fühlten nur zu gut, daß über sie böse Zeiten hereinbrechen werden und ihre Ahnungen haben sich bestätigt. Im Jahre 1890 begann der Kampt aut Leben und Tod.mit der aufstrebenden ^zionistischen Bewegung und nun gesellte sich hierzu der Krieg im inneren Lager. Denn - die Pariser Herren konnten sich mit der Gründung der deutschen Filiale und den hierdurch den deutschen Juden eingeräumten Rechten nicht zutriedengeben und waren stets bestrebt — oft in . heimtückischer Weise — diese Stelle aufzuheben. Man möchte schier aut den Gedanken verfallen, daß die im Galliertum ganz aufgehenden französischen Juden in ihren deutschen Stammesgenossen nur den verhaßten „prussien“ bähen. Die deutschen Juden hielten jedoch fest und gaben .nicht nach. Da griffen, die Pariser _Herren zu anderen Waffen. Sie schrieben für das Zentralkomitee jahrelang keine Wahlen aus, um die alctive Teilnahme der [d eutscheÜ Alliancemitglieder,' deren Zahl mittlerweile auf 13.000 gestiegen war, zu vermeiden. Ais sie jedoch sahen, daß die deutsche Konferenz-Gemeinschaft die Vornahme der Neuwahlen in das Zentralkomitee mit allem Nachdruck fordert, nahmen sie zu einem Mittel Zuflucht, das man im 20. Jahrhundert bei einer jüdischen Weltorganisation nicht für möglich halten Kvürde. Sie setzten sich unmittelbar mit einigen hervorragenden Mitgliedern der deutschen Konferenz-Gemeinschaft ins Einvernehmen, um sie zur Stellungnahme gegen das Berliner Präsidium zu bewegen! Ist es zu verwundern, wenn der Vorsitzende der erwähnten Tagung der deutschen Alliancemitglieder die bitteren Worte hervorstieß: „In autokratischer Weise wird gerade wie unter'dem Regime absoluter Herrscher gegen den Wunsdi einer großen Anzahl von Mitgliedern einfach .eine Kandidatenliste autgestellt und bloß um der Form zu genügen, den Wählern zugestellt. Paris darf diktieren, die anderen sollen gehorchen?“ Ist es nicht die höchste Ironie, daß dies die Juden des deutschen Polizeistaates den Juden der Hochburg des demokratischen Gedankens zurufen jmüssen? Es liegt auch nicht der geringste Zweifel vor, daß die deutschen Juden, die statt einer französischen eine jüdische Alliance anstreben, mit ihren gerechten Forderungen durchdringen, werden. Oder ist es nicht gerecht, wenn sie das; Recht aut Mitarbeit verlangen und einen. Mann, wie den Vize-; Präsidenten Sälomon; Reinach,. der das jüdische . Volk, seine Ueberlieferung, Religion und Sitten i aut das unflätigste beschimpft hat, aus der Kan-; didatenliste gestrichen, sehen wollen? AJnd somit beginnt eine neue Aera der.; Ailiapce, deren schwere Krise mit dem Lose der französischen Juden aufs innigste verknüpft ist.. Denn iwir dürfen uns darüber nicht hinwegtähSchen: ,Das französische Judentum ist tot. In dem Augenblicke, wodas durch Napoleon einberufene jüdische Synhedrion das Vorhandensein des j ü d i sc he n Volkes in Abrede stellte, war es um die französischen Juden geschehen. Und die in diesem Sinne erfolgte assimilatorische Erziehung der französischen Juden hat an ihrem Lebensmark so lange genagt, bis es mit ihm -zu Ende- War. Eine Zeit lang haben die elsässi-' sehen: Juden als eine Art Reservoir gedient,