Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Se. Ehrwürden Herr Dr. Hoff mann, der in warmen Worten für Herrn Brunner eintrat. Und als er mit dem Rufe schloß: „Lieber einem offenen Gegner die Stimme geben, als dem Renegaten Redlich, dem Verräter an der jüdischen und freiheitlichen Sache!“ wollte die begeisterte Zustimmung der Versammlungsteilnehmer kein Ende nehmen. Dieser Ort ist für Redlich gänzlich verloren: Er weiß dies und wird sich wohl hüte dort zu erscheinen. ' n Die Wahlbewegung. Wahlfonds (IV. Ausweis!. M. G. K 2.—, J. B. (1. R.) K 5.—, Anonym durch Dr. P. W. K 100.—, L. St. K 2.50, Dr. M. durch Dr. P. W. K 56.50, J. G. K 37.—, Brth. R. Cz. K 20.—, Ing. W. Cz. K 10.—, Ing. F. Cz. K 10.—, Ing. H. Cz. K 10.-, Dr. K. K 2.40, Dr. B. durch Dr. E. Zw. K 1.—, Theodor Herzl, Trautenau K 10.—, Slg. „Widder“ K 10.—, Fbkt. P. d. Dr. P. W. K 10.—, Anon. durch Dr. P. W. K 10.—, M. durch Dr. P. W. K 10.—, Frl. M. J. durch Dr. P. W, K 4,.—, Alter Zionist durch Dr .P. W. K 10.—, Dr. M. Sch. K 2.—, Sammlung Brünn K 10.—. Wählerversammlung in der Leopoldstadt. Die liberale Presse schweigt die Wahlakten der bewußten Juden tot, die diversen Bezirksmacher verbreiten die lächerlichsten Lügengerüchte — und während die gegnerischen Kandidaten. ihr Programm vor leeren Bänken entwickeln sind die Versammlungen des „J ü d iv sehen Na t ionalvereines“ zum Erdrücken voll. Die jüngste Versammlung; die im Saale des „Goldenen Widder“ stattfand, wurde mit einer längeren Ansprache des Obmannes des „Jüdischen Nationalvereines“ Dr. Jakob Ehrlich eröffnet. Kandidat Ing. Robert Stricker entwickelte hierauf in einer glänzenden Rede das Programm der jüdischen Nationalpartei, dessen witschaftliche Postülate er eingehend darlegte.- Wir müssen es uns versagen, die ungemein interessanten Ausführungen wiederzugeben und reproduzieren lediglich den Teil der Rede, der sich mit den, gegnerischen Kandidaten. und Parteien beschäftigt: Es gab eine Zeit, da man in Wien, um zu politischer Ehre und Würde zu'gelangen, blos zu erklären brauchte: Ich bin für. das christliche, Volk und gegen die judenHberalen Ausbeuter! Dieses Schlagwort wirkte mit zauberischer Gewalt und hat förmlich über Nacht aus Schankburschen Gemeinderäte, aus Vorstadtgreislern Landesausschüsse u. Ministerkandidaten gemacht. Inzwischen haben sich die Verhältnisse konsolidiert, die großen und kleinen Stellen sind christlichsozial saturiert und heute genügt es auch1 im {christlidisozialen Lager nicht mehr, den Mund recht weit autzutun, mit dem bloßen Geschrei: „Ich bin für den christlichen Sozialismus“ fetzt man sich nicht einmal mehr einen Amtsdienerposten heraus. Wenn man zu etwas kommen will, muß man schon eine ansehnliche Klique und ein paar tüchtige und gutgezählte Zeitungsburschen hinter sich haben, genau so wie in den gottseligen liberalen Zeiten. Die Rasse derjenigen Politiker aber, die vorderhand über keine Klique verfügen und ernste programmatische Arbeit zu beschwerlich finden und sich lieber von einem Schlagworte in die Höhe tragen lassen, stirbt nicht aus und das jSchlägwort selbst ist auch nicht tot. .Es hat sich nur aus dem christlichsozialen Lager ins sogenannte' freiheitliche verzogen und die Variation heißt jetzt: „Gegen die Christlidisozialen, für Freiheit und Fortschritt.“ Da man beobachtet hat, daß ein tüchtiges Maul voll Christentum den Besitzer rasch vorwärts gebracht hat, „so gilt jetzt ein Manl voll Freiheit und Fort* schritt als tüchtigster Behelf für einen strebsamen Kandidaten.“ Alles andere ist Nebensache, Programme und volkstümliche Ideen, gründliche Behandlung der (brennendsten österreichischen Fragen, des Nationalitäten- und Wirtschaftsproblems, gilt als wertloser Mumbitz. Der heutige liberaltreiheitliche Durchs'chnittskandidat erklärt Ihnen zehnmal, daß er gegen Geßmann und Bielohlaweck ist, zwanzigmal versichert er, daß Freiheit und Fortschritt schöne Dinge: sind, wenn er der österreichischen Bevölkerung großmütig noch ein' paar Kilo argentinisches Fleisch und zur Hebung unseres Exportes ein Konsulat auf den Fidschiinseln verspricht, dann müssen Sie gottfroh sein! Wehe Ihnen, Wenn Sie nicht Schleunigst dem Manne Ihre Stimmzetteln zu Füßen legen. Wehe Ihnen, wenn Sie erklären, daß Ihnen der liberale Frasjendrusch. beim Halse herauswächst und daß Sie Ideen und Taten wollen! Sofort wird man Sie als Erzreaktionären, * als Söldling der Christlichsozialen .verschreien! Die gesamte freiheitliche Presse,' welche für den ermäßigten Tarif von 20 Heller pro Zeile die Sache aller liberalen Kandidaten vertritt, wird Sie in Grund und Boden donnern! Naturgemäß blüht die bezeichnete Art von freisinniger Politik in jenem Wahlkreise, wo jüdische Stimmen den Ausschlag geben. Die Spekulation , daß gerade die vom Antisemitismus mürbe gemachten Juden am leichtesten auf liberalisierende Schlager hereinlallen, ist auch gar keine schlechte Spekulation! Erfahrungsgemäß wählt der gescheideste Jude den dümmsten Kandidaten, wenn er versichert, daß er kein Antisemit und für. Freiheit und Fortschritt ist. Wir Jüdischnationale haben es unternommen gegen dieses System Front zu machen. Die abgeschmackte Augenauswischererei soll endlich authören. Wir brauchen uns nicht dem ersten Besten an den Hals zu werfen, weil er „Nieder mit Geßmann“ schreit, wir brauchen uns nicht mit dem Rufe „Hoch der Fortschritt“ den Stimmzettel aus der Tasche herausschwindeln. (Wir brauchen uns nicht jeden Sudelbrei Vorsetzen zu lassen und ihn unbesehen und ungeprüft herunterzuschlucken, weil er antichristlichsozial garniert ist. Wir haben das Recht und die Pflicht, die Parteien und Personen zu prüfen und sie abzulehnen, wenn sie uns nicht passen, auch wenn sie von der liberalen Presse geaicht und punziert sind. Was hat Herr Dr. Ofner bisher getan, um den Christlichsozialen beim Volke den Boden abzugraben, wie hat -Herr Dr. Mittler, resp. seine Partei, dieses Geschäft besorgt? Sie und ihre Parteigenossen sitzen im Landtage, im Parlamente, im Gemeinderate, die ganze Presse steht ihnen zur Verfügung. Wo sind die donnernden Flüche, die sie von der politischen Tribüne dem antisemitischen Feinde entgegengeschleudert haben, wann sind die geharnischten Artikel und Broschüren gegen die Redaktion in die Massen geworfen worden, wo sind die liberalen Und deutschdemokratischen Apostel, die in Ottakring, Hernals und aut der Landstraße von Versammlung zu Versammlung eilen? Herr Dr. Ofner, schreibt und arbeitet fiir das Strat- und Theatergesetz und das ist schön von ihm, inwieweit aber diese Tätigkeit geeignet ist, Uiq Macht der Antisemiten zu brechen oder die Widerstandsfähigkeit der Juden zu erhöhen, ist nicht ersichtlich. Und wem seine Getreuen, Herr Gemeinderat Neustadtl an . ejer Spitze, betrübt im Leichenzuge Dr. ' Luegers einher wandeln, so konnte diese Aktion den Christlichsozialen doch auch nicht sehr gefährlich werden. Herr Dr. Mittler sitzt nunmehr 15 Jahre im Gemeinderate, ohne daß es ihm gelungen wäre, den Christlidisozialen auch mir den geringsten Schaden zuzufügen. Die Presse, welche den beiden Parteiep zur Seite steht, hütet sich den Antisemiten weh zu tun. Den christlichsozialen Weißkirchner be- - handelt die gesamte liberale Presse behutsam wie e in rohes Ei. Ich erinnere nur daran, wie sie (sich nach dem Tode Luegers bemüht hat, diesen Mann zum Bürgermeister Wiens zu machen, welch begeisterte Worte sie für ihm gefunden hat, ich erinnere daran, mit welch liebender Sorgtalt alle Vorgänge im christlichsozialen Parteilager und die Reden der Rathaushelden reproduziert worden, an die begeisterten Schilderungen, wenn die Herren Bürgermeister und Gemeinderäte aut Kommunalkosten Schmausereien -veranstalteten oder- Spritztahrten nach Paris und Budapest unternahmen. Ist das der versprochene Vernichtungskrieg gegen die Re-, akticm! Was nützt der schönste Freisinn, wenn er vor den Rathauschristen auf -dem Bauche liegt? ,Es ist sehr zweifelhaft, ob die lreisin-> nigen Herrschaften auch nur ehrlich gewillt sind, einen Kampt zu führen, aber wenn wir ihnen schon den ehrlichen Willen konzedieren, so fehlt ihnen doch ganz gewiß die Kraft zur Führung dieses Kampfes. Freiheitliches Gefasel in Wahl- ' Zeiten unter Ausschluß der nichtjüdischen Oetfentlichkeit ist alles was sie aufbringen. Höher; versteigen sie sich nie. Das Rezept kann uns; Jüdischnationalen aber absolut nicht passen. Wir wissen ein besseres, ' wir wollen der organisierten antisemitischen Reaktion eine organisierte Judenschaft entgegenstellen. Den schleimigen liberalen Brei schluckt der Antisemit ruhig herunter, eine teste Judenorganisation (wird, ihn manchen Zahn kosten! Bei unseren Jungen und in Galizien ist es uns bereits gelungen. Auch einen großen Teil der westlichen 'Judenschaft haben wir an uns gebracht; ich verweise nmr aut die mährischen Wahlkämpfe, Wo ein Schauspiel vor sich geht, das man noch vor Jahresfrist für unmöglich gehalten hätte, wo die Juden daran sind das Joch des antisemitischen Nationalverbandes abzuschütteln und statt des getauften Hausjuden Redlich einen ehrlichen Nationaljuden aut den Schild zu heben, ln Galizien ist es uns gelungen, den polnischen Machthabern manches Mandat zu entreißen und den Uebermut der antisemitischen SchlachZizen gewaltig zu dämpfen. Was den wirtschaftlich so elenden und kulturell schwächeren Juden gelungen ist, muß auch den Wiener Juden möglich sein. 180.000 willenseinige Juden sind ein Faktor, den auch die frechsten Christlichsozialen und Wolfianer werden beachten müssen. 180.000 national und demokratisch organisierte Juden werden aber auch der nichtjüdischen freiheitlich gesinnten Wiener Bevölkerung eine Stütze bieten, die kräftiger ist, als alle Freiheits- und Deutschheitsphantasien des Herrn Dr. Mittler und alle Straf- und Theatergesetze des Herrn-Dr. Ofner. Meine Herren! Man kann nicht leugnen, dab die Demokratisierung des öffentlichen Lebens in Oesterreich, wenn sie auch noch lange nicht das ‘wünschenswerte Mab erreicht hat, doch weit fortgeschritten ist. Die Politik der Kliquen, i die Dirigierung der Massen und der Stimmen, fang vom grünen Tische aus sind unbrauchbare Systeme geworden. Selbst die konservativsten Politiker müssen sich heute bequemen unters Volk zu gehen und Parteien müssen in steter Fühlungsnahme mit den Massen bleiben, wenn sie ihren Besitzstand wahren wollen. Die größten politischen Autokraten tragen diesem Zuge der Zeit Rechnung und die kulturell und wirtschaftlich rückständigsten Wählermassen beharren aut der Forderung, auch außerhalb der Wahlzeiten ihren politischen Führer zu sehen und zu hören und ihre Tätigkeit zu verspüren. Die liberalen Kandidaten dieses Bezirkes scheinen jedoch zu glauben, daß sie über den Gesetzen der Zeit stehen, und dab die Leopoldstadt kein Wahlbezirk in Oesterreich, sondern ein russisches Gouvernement ist. Sie beschränken sich darauf, zu Wahlzeiten ihre Visitkarte abzugeben und eine Kortesche von persönlichen Bekannten und Freunden autzubieten. Das soll genügen, um ihnen die Herzen, resp. die Stimmen der Wähler zu sichern. Sie erscheinen wie 'das Mädchen aus der Fremde und verlassen sich aut den Zauber ihrer diversen Persönlichkeiten. Ich will nicht das diesbezügliche Sündenregister der freisinnigen Wahiöewerber aufzuzählen und will nicht des langen und breiten beweisen, daß die Bevölkerung dieses Bezirkes während der langen Zeiten vor den Wahlen auch nicht den Hauch einer Wirksamkeit der politischen Tätigkeit des Dr. Otner und ür. Mittler am eigenen Leibe verspürt haben. _ Es ist das auch gar nichft notwendig. Das Programm, wenn man ein Gemisch eng be- > grenzter Spezialtorderungen und altväterlichen Freisinnes, der anno 48 modern war, überhaupt Programm nennen kann, das Programm, welches diese Herren Kandidaten entwickeln, beweist schon, wie fremd sie der Bevölkerung dieses Bezirkes gegenüberstehen, wie wenig sie von den Gefühlen, von den Sorgen und Leiden dieses IJezirkes kennen. Wenn Herr Dr. Mittler in seinem Kandidatenwerke! die deutsche Walze einlegt, wenn er am Karmeüerplatz Lanzen fürs Deutschtum bricht, so kann dieses Tun nur mit seiner gänzlichen Unkenntnis der Verhältnisse beurteilt werden. Eine andere Erklärung würde zu re- _ spektlos ausfallen. Wenn Herr Dr. Mittler nur die minimalste Kenntnis von dem Seelenleben der Leopoldstädter hätte, so müßte er doch wissen, daß sie für deutsche Ideale, für die Ideale der Wolt und Stransky aber gar nichts mehr übrig haben. Genau so liegen die Dinge bezüglich des Herrn Dr. Otner. Nach der ausschließlichere TätigKeit und dem Inhalte seiner Reden beurteilt, leben in der Leopoldstadt lediglich drei Kategorien von Menschen, und zwar katholisch Geschiedene, die wieder heiraten wollen, weiters Leute, die am Strafgesetz ein aktives Interesse haben, und schließlich! Operettenkomiker, die einen guten Kontrakt haben wollen. Andere ■ Lebewesen und andere Bedürfnisse kennt er nicht. So behauptet er, es gäbe keine Juden, sondern nur Menschen. Es gibt Leute, die farbenblind sind, Herr Dr. Ofner leidet an einer ganz neuen Abart dieser Krankheit, er ist judenblind. Gott sei dank aber ist dieses Augenleiden bei ihm nicht sehr alt. Heute sieht er in der Leopoldstadt keine Juden, vor vier Jahren aber, als er in den Bezirk kandidieren kam, da hat er ganz gut die 70 Prozent jüdischer Wähler gesehen. Wie wenig vertraut die Freisinnigen beider Schattierungen mit den Verhältnissen in diesem Bezirke sind, geht auch aus einer Parole hervor, die sie sich für diesen Bezirk zurechtgelegt haben. Herr Dr. Mittler stößt ins antisozialistische Horn und will das bedrohte Bürgertum retten und die Ofnerianer beeilen sich dieser Tendenz Rechnung zu tragen, indem sie den Vorwurf der Sozialistentreundlichkeit krampfhaft von sich abwehren. So weit sollten doch die Herren diesen Bezirk kennen,