Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1911-05-19 · 20 (19.5.1911) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
20 (19.5.1911)
Date
1911-05-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438327-2438347--2431-2442108
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 20 goldenen Lettern in den jüdischen Wohltätigkeitsannalen verzeichnet sind, des Verbrechens zu bezichtigen, daß sie auch einmal christlichen Kindern zu deren heiligem Fest etwas schenken? Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein: Der von der„Oesterr. Wochenschrift“ vertretene Standpunkt ist schwärzestes Mittelalter, er ist die bewußte Absperrung, das erzwungene Ghetto in seiner dunkelsten Finsternis, er führt zum Antiariertum und zur Barbarei. Er ist geeignet, die Flammen des Antisemitismus zu nähren und damit das Judentum aufs schwerste zu schädigen, dessen stolzester Ruhmestitel es war und ist, reinste Menschlichkeit, edelste Nächstenliebe und heißestes Ringen um die höchsten Kulturgüter zu bedeuten. Der Kampf gegen den Renegaten Dr. Josef Redlich. jDr. Josef Redlich versuchte zwar mit allen Parteien auf gutem Fuße zu leben, er ritt alle Sättel und war Schnittlauch auf allen Suppen, aber nichtsdestoweniger, oder vielleicht gerade deswegen will jetzt keine Partei von ihm etwas wissen. Die jüdischen Wähler, welche zur Ueberzeugung gekommen sind, daß die Wahl eines Renegaten mit der jüdischen Ehre nicht vereinbar sei, stellen unseren Gg. L u c i a n Brunner als Kandidaten auf, die Deutschen, welche Herrn Redlich auch nicht mehr trauen, kandidieren den Bezirksrichter Primavesi aus Nikolsburg, die Christlichsozialen, welche am meisten Ursache hätten, mit Redlich zufrieden zu sein, schicken einen Herrn Pegrisch in den Kampf, ferner kandidieren die Sozialisten den Advokaturskandidaten Dr. Heinrich Kohn, die "Agrarier den Grafen Deym, die Wirtschaftspartei den Fabriksdirektor Matzku aus Wien, außerdem tritt noch ein unabhängiger Fortschrittlicher und ein „wilder" Christlichsozialer auf den.Plan, Da im Wahlkreis nicht mehr als 6000 Stimmen abgegeben werden dürfen, wird die Stimmenzersplitterung eine sehr große sein, und da Dr. Josef Redlich die meisten jüdischen Stimmen an Brunner,-die meisten deutschen Stimmen an Prima vesi verlieren wird, kann man schon heute damit rechnen, daß Redlich nicht mehr in die Stichwahl kommt. Seine Gödinger Abhänger scheinen dies auch schon zu fühlen, denn sie sind besinnungslos vor Wut. Es zeigt sich eben, daß Redlich keinen festen Stock unabhängiger Wähler besitzt und daß ihm der Boden unter den Füßen schwindet. Hingegen besitzt Herr Lucian Brunner, da ihm der größte Teil der jüdischen Stimmen gesichert ist, sehr'gute Aussichten. Gelingt es, auch in Lvuw denburg und Göding wenigstens einen Teil der jüdischen Stimmen auf Brunner zu vereinen, ist es gewiß, daß er in die Stichwahl kommen muß,- Sollte dieser von der ganzen jüdischen Oeffentlichkeit heiß ersehnte Erfolg nicht herbeigeführt werden, wird die Verantwortung auf die Kultusvnrsteher von Lundenburg und Göding fallen, welche alle Mittel aufwenden, um die jüdische Wählerschaft dem Täufling Redlich zuzuführen. Ein Renegat und Liebling Geßmanns als Ideal jüdischer Kultusvorsteher! , Wir wollen hoffen, daß sich die genannten Kultusvorsteher nicht mit der ganzen jüdischen Oeffentlichkeit in Widerspruch setzen und sich noch im letzten Augenblick eines Besseren besinnen werden. Sie mögen für ihre Person.stimmen wie sie wollen! Aber die Autorität als jüdische Kultusvorsteher dürfen sie nicht in den Dienst einer antijüdischen Sache stellen! Das würde außerhalb Göding und Lundenburg kein Jude verstehen! — Die Versammlung in Göding, über die wir an anderer Stelle -berichten, gewann uns in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen viele Freunde. Die große Bedeutung dieser Versammlung liegt aber darin, daß die christlichen Kreise der Stadt das jüdischnationale Programm kennen gelernt und ihren Sympathien für Brunner unverhohlen Ausdruck gegeben haben. Man hörte von vielen angesehenen Bürgern die Worte: „Ich verstehe nicht, wie man als Jude nicht für Brunner stimmen kann.“ — Hingegen speit das Gödinger „deutschfortschrittliche“ Lokalblättchen Gift und Galle. Die Angst, Herr Redlich könnte diesem „unabhängigen“ Blatte die Jahressubvention entziehen, falls er nicht gewählt würde, bringt es ganz aus dem Häuschen. Aber auch der Brünner Tagesbote“ wird nervös. Auch er tischt das Märchen auf, daß die Jüdischnationalen das Gerücht verbreiten, Redlich hätte für die Resolution Schmidt gestimmt und winden ihm einen billigen Märtyrerkranz ums Haupt. Tatsächlich ist dies aber von jüdischnationaler Seite niemals behauptet worden. So dumm ist Herr Redlich nicht! Denn das wäre wahrscheinlich selbst den genügsamen Kultusvorstehern zuviel gewesen. Wählerversammlung in Göding. Die Nachricht, daß Herr Lucian Brunne r in Redlichs Hochburg eine Versammlung abhalten werde, erregte in der ganzen Stadt außerordentliches Interesse und rief insbesonders bei den Re dlich-Abhängern Anfälle von Raserei hervor. Am Tag vor der Versammlung waren die Spitzen der Redlichclique zusammengekommen, um zu beraten, ob man die . Bevölkerung nicht vor dem Besuch der Versammlung warnen solle. Da die Herren sich aber vollständig dessen bewußt sind, daß sie die Führung der Angelegenheit gänzlich verloren haben, machten sie gute Miene zum bösen Spiel und gaben ihren Parteiangehörigen (?) den Besuch der Versammlung frei. Die am Sonntag, den 14. d. M. vom Kreiswahlkomitee einberufene Versammlung war wohl die größte, die je in Göding stattgefunden hat. Sämtliche Bevölkerungskreise, ohne. Unterschied der Parteistellung, Juden und Christen waren erschienen, um den jüdischnationalen Kandidaten zu hören. Selbstverständlich kamen alle jüdischen Wähler, nur einer fehlte: nämlich der Herr Kultusvorsteher Dr. Ludwig .'Körner. Er zog es vor, am Cafehaustisch, große Reden zu halten, die günstige Gelegenheit aber, vor der großen Oeffentlichkeit für den chri s11ichsozi a 1 en Täufling einzutreten, ließ er. leider ungenützt vor- . übergehen. .Er hätte’ in der Versammlung auch manches hören köiüi'en, was . ihn zum Nachdenken ' angeregt Ti.ätte; unß'vyepn;er dort seine Bundes- ■ genossen gesehen; hatte,"'würde er sich' sicher ihtgr geschämt haben. ~ Die Versammlung eröffnete der Obmann des ■ „Jüdischen Natiönalvereines“ Gg.' Dr. Jakob Ehrlich aus Wien. Schon seine ersten Worte,' welche den lebhaften Beifall des größten Teiles der Versammlungsteilnehmer hefvörriefen, lösten bei den Re d 1 ich r K r e at u r e n wahre "Tobsuchtsanfälle aus. Kaum hatte er erklärt,- kein anständiger Jude könne einen Mann zu seinem Abgeordneten wählen, der die jüdische Volksgemeinschaft verlassen habe, brach der Portier der Redliehschen Zuckerfabrik, namens Albert Körner, in ein sinnloses Gebrüll aus und auch der Redlichsche Wagmeister Eppstein schrie aus vollem Halse. Neben ihnen standen die Redliehschen Prokuristen Niessner, Münster und Grünwald und sekundierten nach Leibeskräften. Jedermann hatte in der Versammlung den Eindruck, daß der offenbar betrunkene Körner, der sich höchst gewaltätig benahm, unterstützt von den Herren Prokuristen die Versammlung sprengen wollte und so wendete sich der Unwille der ganzen Versammlung gegen die Schreier. Nachdem Dr. Ehrlich jedoch dreimal unter immer stärkerem Beifall der Versammlung wiederholt hatte, daß ein Jude einen Renegaten nicht wählen könne, schienen selbst die Realichschen Kreaturen die Wahrheit dieses Satzes einzusehen und Verstummten endlich. Ein neues Gebrüll erhoben sie erst wieder als der Redner erklärte, daß man dafür Sorge tragen werde, daß heuer in Göding keine galizischen Wahlen gemacht werden, denn reine Wahlen sind offenbar nicht nach ihrem Geschmack und man unternimmt gern in Göding im Trüben politische Fischzüge. Nach der Eröffnungsrede Dr. EhrUdis wurde Herr: Dr .Artur Brauner, Arzt aus Ung.-Hradisch, Mitglied, des Kreiswahlkomitees, zum Vorsitzenden, .Herr Adolf S teinitz, Kaufmann in Göding, zu seinem Stellvertreter und Herr Dr. B a d e r l e zum Schriftführer gewählt. :; , .• - jNun ergriff Herr Lucian Brunner, von lebhaftem Beifall begrüßt, das Wort,. um in einstündiger, großangelegter Rede sein Programm zu entwickeln. Er wies nach, ‘daß* das politische. Programm der jüdischen-Natjonalpartei sich mit; den. Forderungen aller wahrhaft demokratischen Parteien vollständig decke," behandelte ausführlich die nationale. Frage,, ferner das Verhältnis zwischeen Deutschen und Juden jund erkiärte, daß die nationale Frage nur im Wege der nationalen Autonomie gelöst werden könne. Seine Ausführungen wurden mit stürmischen Beifall aufgenommen. Nach ihm sprach Gg. Dr. Fritz Löhner (Wien). Er beschäftigte sich ausschließlich mit der Taufseuche und damit im Zusammenhänge mit der Person des Dr. Josef Redlich. Seine Worte sausten wie Peitschenhiebe auf die Red- -lichdique nieder, die zeitweise vor Wut die Besinnung (verlor. Er .wußte aber immer wieder durch seine leidenschaftliche Beredsamkeit die ganze Versammlung zu bannen und schließlich fanden seine Worte den begeisterten Beifäll der meisten Versammlungsteilnehmer. Obwohl die ganze Redlichpartei anwesend war, versuchte dennoch niemand, Herrn Redlich reinzuwaschen. Nur sein Wagmeister Epstein erzählte, daß Redlich ebenso freisinnig spreche wie Brunner und wegen seines wirklichen Verhaltens müsse man nicht allzu streng sein, im Uebrigen seien die Juden zweifellos germanischen Stammes, weshalb sie Herrn Redlich wählen müßten. Ein sozialistischer Redner aus Lundenburg wurde von d en Angestellten Redlichs niedergebrüllt, ein zweiter Sozialist, welcher erzählte, daß die Redlichpartei 300 .tschechische Arbeiter, und 75 Ungarn in den Gödinger deutschen Kataster hineinschmuggeln wollte, wäre von einigen Rohlingen fast geprügelt worden, obwohl, diese Tatsache notorisch ist. Schließlich besprach noch Gg. Dr. Ehrlich die antisemitische Tätigkeit des deutschnationalen Verbandes und betonte, daß die Juden diesem Verbände keine ~ politische Gefolgschaft leisten würden. ln vorgerückter Stunde schloß der Vorsitzende die imposante Versammlung, welche eine schmähliche Niederlage der Redlichcliqiie bedeutet. Die Tatsache trat vollständig zutage, daß Redlich in Göding überhaupt keine Anhänger besitzt, sondern daß lediglich seine Beamten und andere von ihm' abhängige Personen seine Wahl durchsetzen wollen, ohne mit ihren Mitteln besonders wählerisch zu sein. Allgemein wurde das geradezu skandalöse Benehmen einiger Redlichscher Fabrikshöriger aufs Schärfste verurteilt und alle standen unter dem Eindruck, daß es mit der Sache vRedlichs sehr .schlecht bestellt sein müsse, wenn kein anständiger, unabhängiger Mensch es wagt, für ihn öffentlich einzutreten . und das Hauptargument seiner Partei darin besteht, daß der Türhüter Redlichs wie ein Wahnsinniger mit einem Stecken auf einen Tisch iQsdrischt und' die Versammlung zu sprengen droht. Wählerversamtnlung in Nikolsburg. Donnerstag, den 11. Mai fand im Saale des Restaurant „Schaff a“ eine vom Jüd. Nationalverein einberufenen Wählerversammlung statt, an der sämtliche jüdischen Wähler des Ortes sich beteiligten. Auch der Bürgermeister der Judengemeinde, H. Moritz Abe 1 es, sowie der Rabbiner Dr. L e v i n waren zu der Versammlung erschienen. Der Kultusvorsteher, H. Ph. Koh n, hatte sein Fernbleiben infolge Krankheit schriftlich' entschuldigt. Herr Dr. D. Feuchtwang, der frühere langjährige Rabbiner in Nikolsburg, der als Referent der Versammlung, beizuwohnen versprochen hatte, war durch eine unaufschiebbare Sitzung der Wiener Kultusgemeiride am Besuche verhindert. Er telegraphierte: „Wünsche der Kandidatur des Herrn Luzia n-Brunner durchschlagenden Erfolg und erwarte, daß sich Nikolsburg für dieselbe aufs kräftigste einsetzen wird.“ Das Verlesen der ‘ Depesche erweckte den lebhaftesten Beifall der Versammlungsteilnehmer, die ihrem einstmaligen Rabbiner die größte Verehrung zollen. Nach der Begrüßung durch Gg. Herrn Ingenieur G r o a g übernahm Herr Krakauer den Vorsitz, ein national gesinnter Jude, der in der Stadtgemeinde Nikolsburg sich sehr großen Ansehens erfreut. Der Kandidat Herr Lucian Brunner, entwickelte hierauf, lebhaft begrüßt, sein Programm; das einstimmigen Beifall fand. Nachdem noch die Gg. Prof. Lieben und 'Ing. Groag gesprochen hatten, wurde über Antrag des Herrn Hirsch folgende Resolution einhellig angenommen: „Die Versammlungsteilnehmer mißbilligen das politische Verhalten des Prof. Redlich. Sie akzeptieren die Kandidatur des Herrn Lucian Brünner und versprechen dieselbe nach besten Kräften zu unterstützen.“ ' In nächster Zeit findet eine zweite Versammlung in der Stadtgemeinde Nikolsbürg statt. Versjammlung in Kostei. " ” Am Sonntag,-.den 14. Mai, 3 Uhr nachmittags, hatten sich sämtliche'jüdische Wähler von Kostei im Resaurant Weigel eingefünden, um den Kandidaten; Lucian Brunner zu begrüßen und -seine;,Programmrede; anzuhören. Nach Eröffnung der Versammhing dürfch-den Obmann des „Jüdischen Nationalvereines“.Gg. Dr. J. Ehrlich,, wurden-Herr Isidor Rose-nzweig zum Vorsitzenden; Herr Hermann Gla.sspiegel zu dessen Stellvertreter, und., Herr Arnold Böhmer zum Schriftführer.;gewählt..Lebhaft begrüßt erf griff* Herr Lucian tFr-ü n n e r das Wort; -uni in einer:, ausgezeichneten Rede; sein -Programm;zu entwickeln.; Die'gediegenen- Ausführungen-fanden den stürmischen Beifall der Versammlung. Hierauf sprach der Rabbiner der Kosteier Gemeinde,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.