Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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mmmi -jüdisches grean _I ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■■■■■■■■■■■■*■■! Erscheintwöchentlich.—Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraßeil, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4- -5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurfickgestellt — Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. RIO.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteljähr. Mk. 3.—. Für das übrige Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. Wien, Freitag den 19. Mai 1911. Nr. 20. V. Jahrgang. VWVWVWVVWVVVi Samstag, den 20. Mai 1911, 8 Uhr abends im Hotel Central, II. Tabarstrasse 8 in welcher Oberingenieur Emil Fried und der Kanditat des V. Wiener Wahlkreises (Leopoldstadt I.) Robert Stricker Ingenieur der k. k. Staatsbahnen referieren werden. Finsterlinge. Das. wirksamste Argument, das die Verfechter der Assimilation gegen den Zionismus gefunden zu haben glauben, ist die Behauptung, dieser führe die Juden in’s Ghetto zurück. »Wir wollen uns nicht absondern«,, so lautet die. Formel, mittels welcher selbst die ehrlichsten Anhänger des Assimilationsgedankens den Zionismus verdammen. Das grosse Missverständnis unserer Bewegung, das sich darin dokumentiert, liegt auf der Hand: Der Zionismus ist nicht eine auf Absonderung der Juden aus dem allgemeinen Kulturleben der Menschheit gerichtete Bewegung, sondern er will im Gegenteil die heute fehlende Voraussetzung schaffen, unter welcher der Jude an diesem Knlturleben teilnehmen kann, ohne jene Demütigung und Zurückweisung zu erfahren, die er heute bei seinen Versuchen, mitzuarbeiten, immer wieder und überall leiden muss. Diese Voraussetzung erblicken wir darin, dass der Jude sich durch Schaffung eigener kultureller Werte wieder national— als Angehöriger des jüdischen Volkes, nrcht individuell, denn das . ist er ja — gleichwertig mit den anderen Völkern macht, indes er diesen heute nur an fremdem Kulturgut zu zehren scheint. Das wollen die arischen Völker nun einmal nicht leiden, sie wehren die Juden abj weisen sie zurück und stossen sie ins Ghetto, in die Absonderung. Gerade die vergeblichen Assimilationsversuche führen deshalb unweigerlich ins Ghettozurück, währendder Zionismus der die nötige Voraussetzung für das ungehinderte Zusammenarbeiten der Juden mit den anderen Völkern schafft, uns aus dem Ghetto herausführt. Das sind Axiome für jeden klar denkenden Menschen, und das Exempel auf sie ist unter anderem schon im Parlamente gemacht worden. Während der?Assimilant KuränÖä von den Deutschen, denen er sich -anschliessen wollte, nicht aufgenommen und von ihnen in die „Isolierung» gewiesen wurde, haben die zionistischen Abgeordneten Bundesgenossen bei anderen Völkern, Ruthenen, Italienern etc. gefunden, haben also die Juden aus ihrer politischen Isolierung herausgeführt. Dieses Beispiel beweist auch,daß es garnichtbiszurErreichung unseres Endzieles währen muß, daß oft schon das Bekenntnis zur jüdischen Nation genügt um unser Verhältnis zu den anderen Völkern zu klären. Ein anderes Beispiel bietet die national-jüdisch organisierte Studentenschaft an den Hochschulen, die sich volle Gleichberechtigung erobert hat. Immerhin befinden wir uns bis zur Erreichung des Endziels in einem Zwischenzustand, der eine sehr heikle Stellung zu der Frage der Mitarbeit an allgemein-kulturellen Werken bedingt Soweit wir dieselbe als bewußte Juden leisten, ist . sie einwandfrei. Sofern aber Juden in dem alten assimilatorischen Wahn mitarbeiten wollen, man werde ihr Judentum nicht bemerken, da es bei allgemein-kulturellen Dingen keine konfessionellen Unterschiede gäbe, und mit der Hebung der Mensqiheitskultur, an der sie arbeiten, werde dsr Antisemitisraus überhaupt verschwinden, müßen wir Zionisten einen solchen Standpunkt und eine unter solchem Gesichtswinkel geleistete Tätigkeit bekämpfen. Ein Beispiel wird dies klar machen: Wir Zionisten sind gegen eine vordringliche Beteiligung der Juden bei der „Freien Schule“. Wir sind es nicht deshalb, weil wir etwa reaktionär denken und die Freie Schule nicht als eine wünschenswerte Kulturerrungenschaft ansehen. Wir kämpfen vielmehr dagegen, weil die Juden durch ihre allzu hervortretende Mitwirkung an dieser guten Sache erstens derselben schaden, weil selbst die liberalen Arier von einer jüdischen Führerschaft im antiklerikalen Feldzug nichts wissen wollen und zweitens die beteiligten Juden in der oben gekenntzeichnetenSelbstäuschung befangen sind. Daß wir nicht gegen die Sache, sondern nur gegen die Art sind, in welcher diejudeniür sie arbeiten, beweist die Haltung der zionistischen Abgeordneten in der Universitätsdebatte, in welcher sie mit großer Verve die Freiheit der Schule gegenüber den klerikalen Vorstößen verteidigten. Weil sie dies aber im Namen des Judentums getan haben, hat ihre Haltung diesen nur Achtung errungen, indes die Vogelstraußpolitik der „Israeliten“, den Antisemitismus nur gesteigert hat. Diesem Sachverhalt gegenüber genügte das Argument, daß wir die Juden ins Ghetto führen, nicht mehr allein, um uns damit zu vernichten. Die „Oesterreichische Wochenschrift“, das Organ der Assimilation, erfand 'daher eine neue Methode der Zionistenhetze. Sie deutet daher unsere Bekämpfung der Art, in der die Juden heute für allgemeinkulturelle Ziele eintreten,in eine Bekämpfung dieser selbst um d. h. in eine solche aller rein menschlichen, sich nicht boß auf die jüdische Gemeinschaft richtenden Kulturzwecke. Auf Grund dieser Verdrehung stellt er dann triumphierend einen Zionisten deshalb an den Pranger, weil er bei einem paritätischen Wohlfahrtsinstitut mitwirkt, in welchen Christen und Juden, Kultusvorstände . und Zionisten, Sozialisten und Liberale, Adelige, Bürgerliche und Arbeiter also Vertreter aller Bevölkerungsgruppen sich vereinigt haben, um streng nach englischem Muster zu versuchen, ob hier in Wien nicht auf einem sozial kulturellen Arbeitsgebiet eine Ausschaltung aller Klassen-, Rassen- und Nationsvorurteile möglich ist. Das ist ja gerade, was den Zionisten als Ideal vorschwebt: Daß ein Zusammenarbeiten mit Nichtjuden für Kulturzwecke auf rein menschlicher Basis erzielt werde. Und tatsächlich ist in diesem Institut jener Zustand, erreicht worden, Beweis dessen ist, daß dort gelang, was es sonst in Wien nicht gibt: nämlich sowohl den Magistrat, als die israelitische Kultusgemeinde zufrieden zu stellen, was natürlich nur erreicht werden kann, weil jenes Institut auf seinem Boden tatsächlich kein anderes Prinzip duldet, als das der reinen Humanität und sozialen Fürsorge ohne Ansehen der Perspn. Der Horizont der „Oesterr.Wochenschr.“ ist offenbar zu eng, um zu begreifen, daß gerade dieser Zustand, der hier in einem einzelnen Fall durch die besondere Kulturhöhe der mitwirkenden Personen einwandfrei gestaltet wurde, eben jener ist, welcher von den Zionisten aufs heißeste angestrebt wird, von dem sie aber wissen, daß er in der großen Allgemeinheit erst nach völligem Durchsetzen des zionistischen Programms erreicht werden kann. Sie verdächtigt daher den betreffenden Zionisten, daß er gegen seine eigene Parteianschauung sündigt ja, sie wendet sich mit widerwärtiger Demagogie dagegen, daß ein jüdischer Fabrikant einem paritätischen Arbeiterwohlfahrtsverein seines Bezirkes angehört, weil dieser seine Tätigkeit nicht nur auf jüdische, sondern auch auf christliche Arbeiter erstreckt! Und nun fragen wir: Wo ist das Ghetto? Ist es bei uns Zionisten, die wir den Juden ein reibungsloses Mitarbeiten an allen kulturellen und sozialen. Fortschritten erringen wollen, oder ist es bei denen, die uns vorwerfen, daß wir die Juden ins Ghetto führten, die aber den fanatischen Standpunkt vertreten, die Juden dürften für Nichtjuden überhaupt nichts tun, sie dürften sich nur für rein jüdische Dinge begeistern? Wer macht Antisemitismus? Wir, die wir die Gleichwertung der Juden seitens der anderen Völker erringen wollen, aber unsere christlichen Mitbürger als gleichberechtigte Mitmenschen ansehen, oder Jene, die auf der einen Seite gegenüber dem Zionismus die Assimilation, das Anbiedem an die christlichen Völker, das.. Verschmelzen mit ihnen predigen» auf der anderen aber die unsägliche Gefühlsroheit besitzen, jüdischen Advokaten, zum Vorwurf zu machen, daß sie auch einzelnen armen Christen unentgeltliche; Rechtshilfe . leihen, oder Damen aus Familien, die mit