Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 19 (12.5.1911)
- Date
- 1911-05-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr: 19 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Oeffentlichkeit bieten, ist derart beschaffen, daß wir uns nicht -wundern dürfen, daß man uns verachtet. Bei der Auswahl unserer politischen und gesellschaftlichen Wortführer haben wir bisher sträflichen Leichtsinn bewiesen, wir haben nicht die Besten und würdigsten Juden, sondern die vordringlichen Kriecher mit unserer Vertretung betraut. (Stürmischer Beifall.) Fortiahrend behandelt nun der Redner die einzelnen Parteien in den Vertretungkörpern, denen die Juden ihre Kraft und ihre Mittel zugewendet haben. Die deutschliberale Partei sei in Unehren grau geworden. Ihre letzte Heldentat war der Kampf gegen das allgemeine Wahlrecht — und knapp vor ihrem Hingang hat sie Judensperre eijjgefü hrt. Der korrupte Polenklub, diese unappetitlichste aller österreichischen Parteien, besitze nach den deutschliberalen den größten jüdischen Anhang. Wenn unsere Bewegung einen beträchtlichen Teil der Judenschaft aus diesen Lagern herausgeführt habe, so sei schon dies allein eine Tat, „denn wir haben dadurch die politische Schande vermindert, die heute noch schwer auf unserem Vo.ke in Oesterreich lastet. Og. Stricker wendet sich hierauf den einzelnen Personen zu, die als Juden oder verflossene Juden zum Schaden und zur Schande unseres Volkes im politischen Leben wirken, wie Rediich, Licht und Kur and a und kommt nun aut die Wahlbewegung im Bezirke selbst zu sprechen. Im Wahlkampfe, der jetzt in der Leopoldstadt tobt, bildet das Wort „Jud“den Hauptschlager. Weder Herr Dr. Mittler, der stolze Germane, noch Herr Df. Ofner, der Altruist mit dem unzerreißbaren deutschen Herzen, noch auch die Herren Sozialdemokraten verschmähen es, aut ihrer Kandidatenflöte! die ffüBeste n jüd tschen Liedlein zu blasen. Den jüngeren unter Ihnen wird das vielleicht schon selbstverständlich erscheinen, aber .die älteren, die schon früher Wahlkämpfe in der Leopoldstadt beobachtet haben, werden zugeben müssen, daß es in früheren Zeiten nicht Brauch war, vor Juden übers Judentum zu sprechen. Wenn die Liberalen heute belieben ihr germanisches Bärenfell kaftanartig zuzuschneiden, wenn die Sozialdemokraten ihre rote Fahne in hebräische Falten legen, so sind neben den schönen 70 Prozent jüdischer Stimmen wir häßlichen Jüdischnationalen dran schuld. Ob’s die Herren nun zugeben wollen oder nicht, wir, die Verschrienen und Geringgesdiätzten, haben sie gezwungen, den Juden jüdisch zu kommen. * Elegant sehen freilich die ' Herren Mittler, Ofner und Austerlitz in diesen neuen jüdischen Kleidern nicht aus. Diese neuen Kleider passen nicht recht und erinnern mehr an die Judengasse als an einen - Hofschneider. Jüdisches Gefühl .und jüdisches Empfinden, welches nur in Wahlzeiten blüht, ist es eben nicht. Redner schließt unter begeisternten Kundgebungen mit den Worten: Meine Herren! Sie können unserer Partei, der jüdischnationalen, gewiß nicht den Vorwurf machen, daß wir mit dem Judentume paradieren. Wenn Sie auch nicht mit allen unseren Bestrebungen einverstanden sind, so werden Sie doch zugeben müssen, daß wir immer redlich bemüht waren, für unser Volk zu arbeiten. Sie werden zugeben müssen, daß wir uns auch nicht ehfcr Handlung schuldig gemacht, welche Ihnen zur Unehre gereichen würde. Wir können daher beruhigt Ihrem Urteile entgegensehen, aber noch mehr, wir können ruhig das Urteil unserer Gegner herausfordern! Fragen Sie bei den Angehörigen aller Parteien, und seien sie politisch auch unsere ärgsten Gegner. Sie werden Leute, finden, die den jüdischnationalen nicht gut gesinnt sind, aber keinen, der uns die Achtung versagt! Sie werden keinen finden, der es ableugnen kann, daß wir daß Ansehen des jüdischen Volkes in Oesterreich gehoben haben. Wenn Sie sich zur Anschauung durchgerungen haben, daß dieser Wahlkreis den Juden gehört, daß der Träger dieses Mandats ein wirklicher Jude sein muß und kein Gelegenheitsjude, dann kann man dem Ausgange dieser Wahlen getrost entgegensehen. Die anwesenden Gegner, die diese Ausführungen wiederholt durch Zwischenrufe unterbrachen, wurden von Gg. Stricker so gründlich abgeführt, daß sie trotz dgr freundlichsten Aufforderungen nicht mehr zu bewegen waren, von der Rednertribüne ihren Standpunkt Zu vertreten. Schließlich hielt noch Gg. Dr. Löhner eine temperamentvolle Rede, in der er sich insbesondere gegen den sozialdemokratischen Kandidaten den jüdischen Renegaten Austerlitz wendete. Er schloß mit folgenden köstlichen Worten: Adler ist kein Nap oleo n, er wi rd nicht siegen — bei Austerlitz! piese Versammlung bedeutete einen neuen vollen Erfolg unserer Sache. Der Wiener Blumentag und die J gefoppten Juden. Wir sind unverbesserliche Schwärmer. Für den „Deutschen Schulverein“ und ähnliche nationale Zwecke sind wir allerdings, wie die Sammlung für die Rosegger-Stiftung lehrte, nicht mehr zj^haben, aber auf das Schlagwort „Wohltätigkeit“ fallen wir noch immer prompt herein. Wie beseligend ist es doch, bei einer Veranstaltung, wie dem jüngsten Wiener Blumentag, bei (welcher das „ohne Unterschied der Konfession“ ausdrücklich garantiert war, wenigstens passiv als Zahler, als Wohltäter mitzuwirken und in den Strudel der festfreudigen Weltstadt als Gleicher unter Gleichen unterzutauchen. Die Wiener Juden haben auch tüchtig mitgemacht, die jüdischen Jungfrauen schwärmten mit den Sammelbüchsen in der ganzen Stadt umher, und die „Glaubensbrüder“ griffen begeistert nach Börse und Portefeuille, um — von 100 K abwärts — nach bekannter „echtjüdischer Manier“ zu spenden . Was scherte es sie, daß im Festkomitee unter dem Vorsitze der Gräfin Stephanie Wenckheim eine überwiegende Mehrheit christlichsozialer und rein klerikaler Koryphäen, wie Exzellenz Weißkirchner, Bürgermeister Neumayer, gein Vize Dr. Porzer und sein Magistratsdirektor Dr .Appel, der Intimus Luegers Bezirksarzt Dr. Wielsch, Stadtrat Oppenberger, Direktor Bichler, Präsident des klerikalen Lehrervereines, Bezirksvorsteher Jägersberger, Schriftleiter Rigel vom Rathausblatt, und andere mehr vereinigt saßen, war doch dieses verdächtige Ensemble geziert durch die jüdischen Damen Riza Thalberg, Generalkonsulin der Vereinigten Staaten von Kolumbien, F rau Regine Landeis, Präsidentin der israelitischen Vereine im 12.—14 Bezirk, und Frau Sofie Guttmann. Das Vertrauen der Judenschaft in die ganze Aktion ließ sich auch nicht erschüttern, als schon am Morgen des Blumentages die christlichsoziale „Reichspost“ in ihrem Leitartikel „Die Blume der Nächstenliebe“ den „Erlös“ für die hunderttausende Symbole christliccher Charitas reklamierte. Nachdem nun das Festkomitee an 140.000 Kronen eingesackt hat, mögen immerhin die von den Preßjuden sorgsam vorgehaltenen Schleier fallen. Nun erst verrät das „Neue Wiener Tagblatt“, {welches mit dem Rathaus sehr intim ist, daß der Erlös in erster Linie dem katholischen Vereine Mater admirabilis, Erziehungsanstalt für verlassene Mädchen, welcher mit dem Festkomitee unter der gleichen Präsidentin in Personalunion lebt, zufällt. Der interkonfessionelle „Verein für Obdachlose“, welcher bisher als Aushängschild obenan gehängt war, ist in zweite Linie gerückt und für andere nicht beteiligte Vereine ist ein späterer Blumentag in Aussicht genommen. Jude, merkst du was? Parteinachrichten. Mitteilungen des i.-0. D.-K. Der dieswöchentliche Schekelausweis .kann infolge Abwesenheit des Uistriktskommissärs von Wien erst in der nächsten Nummer gebracht werden. * Die Sitzung des Aktionskomitees in Köln-, Ueber diese Sitzung des Aktionskomitees haben wir schon einen kurzen Bericht veröffentlicht. Es hat sich wieder gezeigt, daß die Einberufung der Tagung nach Köln einen überaus schwachen Besuch zur Folge hatte. Es waren nur 15 Mitglieder der AK. (von 60), also bloß ein Viertel erschienen. Die Durdipeitschüng einer Reihe wichtiger Punkte in zwei Tagen hatte zur Folge, daß nichts ordentlich erledigt werden konnte: Wiederum zeigte sich, daß die Reorganisation des AK. und seiner Tagungen, wie sie im neuen Organisationsstatut vorgesehen ist, dringend nötig erscheint, um es als Groß-Aktionskomitee aus einem Kleindasein zu erwecken und es in eine wirklich mitberatende und mitbeschließende Körperschaft umzugestalten. in der Sitzung, an welcher für Oesterreich Dr. E. Zweig teilnahm, wurde bezüglich der Finanzlage beschlossen, daß zur Deckung der Auflagen der Zentrale jeder Zionist außer dem Klekel einen jährlichen Beitrag an die Gesamtorganisation zu entrichten hat und daß es das AK. für eine Pflicht der Landesorganisationen erklärt, die Sammlungen sofort einzuleiten. Es ist sehr zweifelhaft, ob sich dieser Beschluß durchführen lassen wird. Bezüglich des Kongresses wurden der Anregung Goldberg-Dr. Zweig, ein Referat über „Fünfzehn Jahre politischer Zionismus“ und jene von Böhm, ein solches über die Emigrationsfrage halten zu lassen, dem Engeren AK. überwiesen und ihm die genaue Ausarbeitung der Tagesordnung überlassen. Das Organisationsstatut wurde angenommen und an die Kommission mit dem Ersuchen zurückgeleitet, weitere Anregungen, die von den AK.-MitgKedern einlaufen, zu berücksichtigen. In der Generalversammlung des Nationalfonds, erstatte der Vorsitzende Dr. Bodenheimer den Bericht. Von heuen Arbeiten seien erwähnt: Der Plan einer Ausbildungsschule für jüdische landwirtschaftliche Volontäre in Ben Schämen und eine Erweiterung des neuen Viertels von Jaffa, Tel Awiw. In der Debatte wendete sich Dr. Alexander Marino rek (Paris) gegen die steigende Festlegung der Mittel des Nationalfonds m Palästina! Die russischen Delegierten und Dr. E. Zweig traten diesem Wunsche energisch entgegen. Dr. Zweig sagte, daß die Palästinaarbeit die beste Propaganda für den NF. sei. Dr. Bodenheimer erklärt, daß er kein Hindernis sähe, notwendigenfalls mit der Investition von Mitteln in Palästina bis zur statutenmäßigen Grenze von drei Vierteilen der Gejder zu gehen. Der Antrag Goldberg, dem Direktorium für seine Tätigkeit den Dank auszusprechen und die intensive Arbeit des NF. in Palästina mit Freuden zu begrüßen, wird einstimmig angenommen. Zur Bilanz bemerkt der Vorsitzende, daß die Mittel des Nationalfonds heute schon drei Mfifionen Francs betragen. 61 Prozent des Vermögens seien in Palästina angelegt. Aus dem Rechnungsabschlüsse geht hervor, daß 1910 eingingen: Brutto Mark 664.208.27, Netto, abzüglich der Kosten der Sammelstellen per 50.708.81, blieben Mk. 613.499.46. Dazu kamen noch die Zinsen und Erträgnisse im Betrage von Mk. 51.551.45, so daß der Ges am tnettoeingang in Köln 665.050.91 betrug. Dem gegenüber stehen Kosten der Propaganda in der Zentrale Mk. 33.824.68, der Verwaltung in der Zentrale von Mk. 39.827.75, zusammen Mk. 73.652.43, ferner Kosten des Palästinaamtes, diverse Subventionen, Abschreibungen, so daß das Netto-Reinerträgnis. für den Nationaltonds per 1..91 0 Mk. 543.543.95, oder rund 650.000 Francs betrug. Die gesamten Sammelspesen setzen sich zusammen aus solchen der Landesstellen: 50.708.81 und der Zentrale 73.652.43, das sind zusammen 124.361.24 (wovon die Kosten des Palästinaamtes, als solche der Verwaltung nicht inbegriffen sind). Diese Spesen machen 20 Prozent der Eingänge aus, sind also noch ziemlich hoch, aber doch gegen früher wesentlich gesunken. Angesichts der Kleinheit der Spenden des großen Propagandaapparates und der Zerstreutheit der Sammler über die ganze Welt wird sich kaum eine wesentliche Verminderung der absoluten Höhe der Kosten erzielen lassen. Wohl aber werden diese relativ sinken, da bei intensiver Agitation doch mit der Zeit mit demselben Aufwand mehr Eingänge erzielt werden dürften. Krise in der Alliance. Zwischen der deutschen Konferenzgemeinschaft der „Alliance israelite“ und der Pariser Zentraldiktatur ist wieder ein Streit ausgebrochen. Es handelt sich um einen neuen Schlag, der von Herrn Salomon Reinach gegen die deutsche Autonomie geführt werden soll. Die von der deutschen Gruppe vorgeschlagene Ausschuß* liste, ist den Herren in Paris nicht genehm und! Reinach, der sattsam bekannte Zionistenfeind und Oberassimilant will mit List und Gewalt den Träger der Autonomiepolitik des deutschen Komitees — den Präsidenten derselben, Timmendorfer — stürzen. Natürlich wird in diesem Streit, ebenso wie im vorherigen, die Pariser Diktatur zu Kreuze kriechen müssen, denn Deutschland zählt 13.000, Frankreich) nur 2000 Mitglieder der Alliance. Herr Reinach wird sich wohl nach seiner Unausbleiblichen Niederlage zurückziehen müssen und damit würde ein weiterer Schritt zur Besserung der unleidlichen Verhältnisse in der Alliance getan sein. Von der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations- Organisation (AJKO). Vor kurzem haben wir die AJKO. heftig angegriffen, weil sie durch ihr taktloses Vorgehen in Konstantinopel nichts anderes erreicht hat, als dem Zionismus zu schaden. In ganz ähnlicher scharfer Weise urteilt Achad-Haam