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Jüdische Zeitung · 1911-05-12 · 19 (12.5.1911) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
19 (12.5.1911)
Date
1911-05-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 19 Diese offene Annagelung war wieder den Ofnerianern nicht recht und sie erhoben ein viertelstündiges Ge„heil“ zu Ehren ihres Obergermanen Ofner . * Mahren. Der Kampf gegen den Renegaten Doktor Josef Redlich. Die Kandidatur Lucian Brunners wird von den Juden des Wahlkreises Nikolsburg und Göding mit Begeisterung aufgenommen. Ueberall eine entschiedene Abkehr - der jüdisdien Wähler von Redlich, und die Hoffnung, daß es gelingen wird, bei den nächsten Wahlen diesen christlichsozialen Täufling zur Strecke zu bringen, wird immer größer. Eine Cxlraaosgabc dar indischen Zeitung. Diese Woche gelangte im ganzen Wahlkreis eine Extraausgabe unseres Blattes unentgeltlich zur Verteilung .Sie enthielt unter anderem einen Aufruf an die jüdischen Wähler, den Aufsatz „Dr. Josef Redlich im Urteil seiner eigenen Parteigenossen“, in welchem die freisinnigen Blätterstimmen über die berüchtigte Gessmannrede Redlichs wiedergegeben wird und das köstliche Gedicht Bedas „Der Stolz von Göding.“ Den Schluß bildete ein Auszug aus dem jüdischnationalen Programm. Die Zeitung erregte im Bezirk großes Aufsehen und hat unserer Sache sehr genützt. Weitere Flugschriften sollen bald folgen. Die Versammlung in Ung. Brod. Donnerstag, den 4. d. A4, fand im Hote Smetana eine vom Jüdischen Nationalverein und einem lokalen Wahlkomitee einberufeen Wählerversammlung statt, in welcher sich der Kandidat Lucian Brunner den Wählern vorstellte und seine Programrarede hielt Der Saal erwies sich aiß viel zu klein, um alle Erschienenen zu fassen. Den Vorsitz führte Gg. Dr. H. Spiegler, Arzt in Ung.-Brod, der mit einer zündenden An Sprache die Versammlung eröffnete; er müsse für Ludan Brunner sein Votum abgeben, noch bevor dieser gesprochen habe; denn er sei überall bekannt als aufrechter Jude, unbeugsamer Demokrat und als warmer Freund der Jugend, für die er in Wien ein Studentenheim zu schaffen im Begriffe sei. Hierauf entwickelte Herr Ludan Brunner, von stürmischem Beifall begrüßt, sein Programm. Er wies anf die Notwendigkeit dner jüdisdien Politik hin und erklärte die Grundsätee der jüdisdien Nationalpartd. Eine Besserung der läge der Jaden könne nur dann erhofft werden, wenn sich die ganze österr. Judenschaft auf nationaler Basis organisiert und gestützt auf die Kraft der Organisation für ihre bedrängten Rechte eintrete. Seine Ausführungen wurden mit enthusiastischem Beifal aufgenommen. Nachdem noch die Herren M. Fuchs, Doktor Winterstein, Prof. Lieben und Ing. Groag gesprochen und die Notwendigkeit des Zusammenschlusses aller Wähler des V. mähr. Wahlkreises zum Sturze des christlichsozialen Täuflings Redlich begründet hatten, brachte der Vorsitzende eine vom Herrn Assistenten Tauber eingebrachte Resolution zur Abstimmung, in welcher die Kandidatur des Herrn Ludan Brunner begrüßt und die Versammelten aufgefordert werden, für dieselbe aufs tatkräftigste einzutreten. Die Resolution wurde einhellig angenommen. Im Gegensatz zur 'benachbarten Kultus gemeinde Ung.-Hradisch blieben die offiziellen Vertreter der Ung.-Broder Gemeinde der Versammlung fern. Die Anwesenheit aller anderen jüdischen Wähler des Ortes hat aber deutlich bewiesen, daß die Kandidatur des Täuflings Redlich wohl von einzelnen Kultusvorstehem, keineswegs aber von der jüdischen Bevölkerung des Wahlkreises gebilligt wird. Wir hoffen, daß die sonderbaren Herren Kultusvorsteher ihre Stellung gründlich ändern werden, sonst würde ' sie ein Sturm der Entrüstung von ihren Stellen wegfegen. Zwei Versammlungen In Pohrlitz. Am 7. d. M. fanden in Pohrlitz zwei Versammlungen statt: Nachmittag eine allgemein zugängliche Wählerversammlung im städtischen Rathaus und abends eine jüdische Wählerversammlung im Restaurant Spitz. Der Kandidat Lucian Brunner entwickelte in beiden Versammlungen unter großem Beifall sein Programm. Den Vorsitz führte Herr Kultusvorsteher Hermann Schnabel, -ein wackerer, gesinnungstüchtiger Nationaljude, der seine Gemeinde in wahrhaft nationaljüdischem Geiste zu leiten versteht. Besonders in der jüdischen Versammlung herrschte eine begeisterte Stimmung der Wählerschaft, die fest entschlossen ist, der guten Sache zum Siege zu verhelfen. In der Abendversammlung besprach auch Gg. Dr. Jakob Ehrlich die politischen Vorgänge im Parlament und das Programm der jüdischen Nationalpartei. Gg. Ing. Groag dankte'den Kültusvorstehern von Pohrlitz und Auspitz für ihr energisches Eintreten für die Kandidatur Brunners. * Galizien. Die erste zionistische Kandidatur. Aus Lemberg wird uns telegraphiert: In der gestrigen Sitzung des zionistischen’ Zentralkomitees wurde der einstimmige Beschluß gefaßt, Gg. Dr. Michael Ringel, Vizepräsidenten des zionistischen Zentralkomitees als Kandidaten für den 32. galizischen Städtewahlbezirk Buczacz- Sniatyn-Zaleszczyki-TIumacz-Borszczow aufzustellen . Im Jahre 1907 hatte dieser Wahlbezirk 6725 Wahlberechtigte . Hievon erhielt bei der Hauptwahl der polnisch-konservative Kandidat (Ritter v. Moysa) 3067, der jüdischnationale (Dr. Nathan Birnbaum) 2090 und der Ruthene rl 888 Stimmen . Zwischen Moysa und Birnbaum kam es zur Stichwahl, in welcher trotz des zwischen Zionisten und Ruthenen geschlossenen Kompromisses Moysa infolge einzig dastehenden Betruges gewählt wurde. Der Wahlbezirk hat zirka 65 Prozent jüdische Wähler. Bisher kandidieren ein Polnischkonservativer (nicht Moysa), ein Ruthene und der selbständige Kandidat Dr. Landau aus Wien, der gar keine Aussichten hat. Die Nominierung der Kandidaten für die anderen Städtebezirke wird im Laufe der Woche erfolgen. In allen Bezirken mit namhafter jüdischer Majorität werden zionistische Kandidaten aufgestell-t * Weitere zionistische Kandidaturen. (Telegramm der „Jüdischen Zeitung“.) - Lemberg, 11. Mai. Die beute stattgefuudene Sitzung des Zentralkomitees hat die Aufstellung folgender weiterer Kandidaturen beschlossen: Adolf Stand in Brody; Dr. Gereon Zipper in Drohobycz; Dr. Gerson Zipper in Kolomea; Dr. Leon Reich in Stryj; Dr. Abraham Salz in Zloczow. * Die bisherigen Abgeordneten waren: Brody: Adolf Stand; Drohobycz: Dr. Löwenstein; Kolomea: Dr. Kolischer; Stryj: Andreas Moraczewski (Sozialdemokrat); Zloczow: Dr. Josef Gold. * Die Zuhlenverhältnisse im Jahre 1907 stellten sich wie folgt: Brody: Wählerzahl 5867. Es erhielten der polnische Nationaldemokrat 1517, der Sozialdemokrat 1244, der Zionist (Stand) 1493; Stichwahl zwischen Zionisten und poln. Nationaldemokraten : Gewählt Stand mit 2585 Stimmen. Drohobycz: Wählerzahl 9449. Es erhielten der polnische Nationaldemokrat (Dr. Löwenstein) 3935, der Zionist 1231, der Ruthene 1518, der Sozialdemokrat 551 Stimmen. Kolomea: Wählerzahl 5574. Es erhielten der polnische Nationaldemokrat 1970, der Sozialdemokrat 1137, der Zionist 824 Stimmen. Stryj-KahiSZ: Wählerzahl 6749. Es erhielten der Sozialdemokrat 2015, der Zionist (Dr. Abr. Salz) 1722, der poln. Nationaldemokrat 1331, der Ruthene 482 Stimmen. In der Stichwahl zwischen dem Sozialdemokraten und dem Zionisten erhielt der Sozialdemokrat 3380, der Zionist 2485 Stimmen. Zloczow: Wählerzahl 6483. Es erhielten der polnische Nationaldemokrat (Dr. Gold) 3903, der Sozialdemokrat 1751 Stimmen. Ein Zionist kandidierte im Jahre 1907 in diesem Wahlkreise nicht. *- Eine Vertrauensmännerkonferenz, die in Buczacz unter Vorsitz des Gg. Dr. Zipper statt- .fand, hat beschlossen, auch in den Landgemeindebezirken Podhajce (bisheriger Minoritätskandidat Dr. Gabels. A.) und Trembowih (bisheriger Minoritätskandidat Dr. Mahler) zionistische Kandidaten aufzustellen. Die Nominierung wird durch das Lemberger Zentralkomitee erfolgen. Wählemrsammlung. Noch keine Aktion des jüdischen. Nationalvereines hat derart reiche Früchte getragen, wie die Kandidatur des Gg,.Ing. Stricker.in in der Leopoldstadt. Der Widerhall, den die doch eben erst begönne Aktion in der Wählerschaft findet, überrascht die ärgsten Pessimisten in unseren Reihen. Die jüngste Versammlung im großen Saale des Hotel Guth war derart massenhaft besucht, daß lange vor Beginn der Versammlung der Saal über polizeiliche Anordnung geschlossen werden mußte . Gg. Hof- und Gerichtadvokat Dr. Lanzer führte den Vorsitz und Gg. Dr. Paul Weisengrün entwickelte kurz und kräftig die Grundzüge unseres Programms. Hierauf ergriff, stürmisch akklamiert, Kandidat, Gg. Ing. Stricker das Wort und führte folgendes aus: ' Ein wahrheitsliebender Gegner hat den Satz geprägt: „der jüdische Nationalismus hat bewirkt, daß es heute keine Schände mehr t;ist, Jude zu sein.“ Wenn man nach dem Ziele unserer Arbeit frägt, könnte man nicht erschöpfender antworten als mit tien Worten :Wir arbeiten, damit es keine Schande mehr sei, Jude zu sein. Ueber die moralische Judennot sagt Redner folgendes: Warum war es denn bis nun eine Schande, Jude zu sein? Welches waren die Gründe, welche uns bewogen unser Volkstum, unsere Abstammung zu verbergen und ängstlich zu verschweigen oder gar abzuleugnen? Warum wurden unsere Kinder in der Schule blaß und rot, tief verlegen, wenn der Lehrer sie fragt, ob sie Juden sind? Warum verschlägt es dem jüdischen Familienvater die Rede, wenn mitten im Gespräche über irgend ein jüdisches Thema die christliche Dienstmagd das Zimmer betritt? Ist das Judentum etwas so Schmutziges und Gemeines, daß es vor dem Gelächter einiger Vorstadtbuben oder dem stupiden Grinsen einer slovakischen Küchendirne nicht bestehen kann? Im Judentume liegt die Ursache ganz gewiß nicht. Auch nicht in der Persönlichkeit seiner Träger, auch nicht in den persönlichen Eigenschaften der Juden. Wir sind strebsam, nüchtern und fleißig, weder der Trunkenheit, noch irgend ein anderes Laster grassiert bei uns. Wir besitzen persönliches Ehrgefühl und Sinn für reine Häuslichkeit und haben wir Fehler und Schwächen, so hat unsere Umgebung sie doppelt und dreifach. Trotzalledem umflutet uns beständig eine Welle von Feindseligkeit und Abneigung und was uns .vielleicht noch empfindlicher trifft, unsägliche Verachtung. Die Schuld daran trifft wohl den Antisemitismus. Zwischen uns und unserer nichtjüdischen Umgebung türmt sich ein Berg ererbter Vorteile, boshafter Lügen und falscher Meinungen über Juden und Judentum aut, (über (welchen die Wahrheit nur schwer hinwegkommen kann. Der Antisemitismus trägt rastlos neues Material herbei, um diese Trennungsmauer zu erhöhen und zu verstärken .Aber einen guten Teil der Schuld daran, daß die Dinge heute noch so liegen, trifft .die Juden selbst .Wir tun gar nichts dazu, um der Welt eine bessere Meinung über das Judentum lind die Juden beizubringen, ln das Leben des jüdischen Volkes hat die Oeffenlichkeit keinen Einblick. Die großen Maßen der Juden kommen mit der nichtjüdischen Umgebung vielleicht geschäftlich; aber menschlich last nie in Berührung. Auch unser Mittelstand lebt ja ein Leben für sich. Im Großen und Ganzen verkehrt der Jude fast ausschließlich’ mit dem Juden. Der Arier hat einfach' keine Gelegenheit den Menschen in uns zu taxieren, unsere Vorzüge und Fehler richtig einzuschätzen. Die Oeffentlichkeit kennt uns nur vom Hörensagen und kann uns nur nach denjenigen Personen und Organem beurteilen, welche uns nach außen hin vertreten und repräsentieren, nach den Juden, welche öffentliche Aemter 'und Würden bekleiden und nach den Organen, welche in der .Oeffentlichkeit gehört werden .Nach der Haltung, dieser Faktoren werden wir also beurteilt, unser Ruf und unser Ansehen ruhen in diesen Händen. Hier liegt die Wurzel des Uebels, denn unsere Ehre ist schlechten, oft unsauberen Händen anvertraut, wir werden unwürdig vertreten. Was wir der

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