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Jüdische Zeitung · 1911-05-12 · 19 (12.5.1911) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
19 (12.5.1911)
Date
1911-05-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Nr. 19 schalten* wie die Sozialdemokratie immer juderifeindlicher wurde und wie verfehlt Vonr-i .zionistischen Standpunkte die bisherige assimilatorische Politik war. Das ß’ffnzfßieil falsche war daran, daß die A'ssTmilänten gegen das erste Axiom jeder guten.Politik: „Nur die eigenen Interessen und diese hur selbst zu v e;V trete n“, gesündigt haben. Gg. Böhm deduziert nun aus den Postuiaten, die sich aus. dem „r einen“ Zionismus ergeben, daß die Juden der Sudetenländer sich; zusammenschließen lind als s e I b s t s t a n d i g e p o 1 i tische. I’n t e r:e s s e n g ru p p e ' handeln müßeri. •Wo es angängig erscheint, müssen Zählkähdidateri aufgestellt werden. Nichts anderes verlange der jüdische; National-; verein von den Juden dieser Länder,- womit klärgestellt ist,' daß seine'Forderungen' auch aus dem »reinen« Zionismus abgeleitet werden können. ' In Nr. „ 17“ desselben Blattes knüpft Gg. Ernst' F l e i s c h er, Gablonz, an diesen Artikel an' und fordert, daß. die Präger Leitung eine Vertrauensmännersitzung einberufe,' welche die jüdische Interessenpolitik in die Tat umzusetzen habe. •' '; Der Bankerott der assimilatorischen Philantropie, '■ ” i. ,v Das Fiasko der „Alliance israelite universelle“ Die assimilatorische Weltanschauung wäre weit weniger gefährlich für - die' Situation der Juden, wenn ihre Träger konse'quenterweise sich '^völlig von der Befassung mit" jüdischen Interessen, deren Bestehen sie ja leugnen, freihielten. Leider aber hat die Erfahrung gelehrt, daß die Völker, welchen sich die Führer der Assimilänten aufdrängen, deren Dienste zurückweisen, diese dazu geführt, jhren Betätigungseifer, der nichts anderes' ist, als eitle Sucht nach Titeln und Ehrenstellen,' innerhalb des Judentums ausziileben. So entstand die Anomalie, daß wir 'an der. Spitze der großen jüdischen Gemeinden und Wohltätigkeitsanstalten Leute sehen, welche die Flucht aus dem Judentum predigen, daß also unsere Kriegsräte aus!'Deserteuren bestehen. Von diesen einflußreichen Stellen ’aus.nehmen sie einen zersetzenden Einfluß auf das Judentum, vertiefen den Antisemitismus der Nichtjuden und sind dadurch,' trotz persönlicher Wohlanständigkeit, die ärgsten Schädlinge des jüdischen Volkes geworden. Ihre Bekämpfung ist daher die oberste Aufgabe aller ehrlich nationalgesinnten Stammesgenossen. Eines hilft uns in diesem Kampfe: Wie eingesunder Körper nach und nach von selbst giftige 'Stoffe ausscheidet, so sehen wir, daß innerhalb des Judentums jene assimilatorischen Größen eine immer geringere Rolle spielen. Dazu kommt, daß die Leere ihrer Systeme und die Gefährlichkeit ihrer Politik mit der Zeit auch dem blödesten Auge klar werden muß. Aut dem Gebiete der assimilatorischen Philantropie, von dem hier die Rede sein soll, geht dieser Prozeß' in letzter Zeit rapid vor sich. Hier sind die vorherrschenden Mächte, die durch Personalunion verbundenen Alliance und ICA. (mit ihren Annexen), die übrigens von ihren Gründern beide durchaus in unserem nationalen und demokratischen Geist angelegt waren und die nur von (d en späteren Machthabern iri assimilatorische und reaktionäre Institute umgewandelt wurden, ln den letzten Jahren haben beide von ihrem Prestige erheblich eingebüßt. Es geht damit rapid abwärts. Beschäftigen wir uns zunächst mit der Alliance. Wir wollen hier nicht wieder aufrollen, was wir in diesem Blatte schon des öfteren angenagelt haben: Die vernichtende Kritik an ihrem Werke seitens des nichtzionistischen, objektiven Historikers, Prof. Philippson,'der klägliche Ausgang der Attake des früheren deutschen Älliancechefs Goldberger gegen die Zionisten, das eigene Eingeständnis der Mangelhaftigkeit der orientalischen Schulen in bezug aut hebräischen Unterricht, die Ueberflügelung in rein praktischen Leistungen durdi den Hilfsverein etc. -Wir wollen hier nur das allerjüngste und entscheidende Fiasko der Alliancepolitik in ihrem wichtigsten-Tätigkeitsgebiet, der Türkei, vor aller'Augen klar legen. : Bekanntlich führt die Alliance mit ihren Schulen' auch überall den . Geist der Assimilation ein. 'So auch in der Türkei. Als die Revolution die politischen Verhältnisse umwälzte, da waren die „israelitischen Ottomanen“, welche die Allianoesdiulen -absolviert ■ hatten, ein treibendes Element. Der Hauptsitz des Komitees war und ist die jüdische Stadt Saloniki. Natürlich machten die assimilatorischen Juden in der Türkei genau dieselbe verfehlte Politik, wie ihre Geistesverwandten hierzulande. Sie waren die ultranationalen und ultratreiheitlicben. Sie wollten alles nur nicht Juden sein und nicht mltThrem Volke eine dessen Zahl entsprechende bescheidene, aber tatkräftige nationale Politik machen, sondern sie waren die Oberottomanen. Als wir Zionisten auftraten und jene einzig richtige jüdische Politik predigten, da warfen sich die Alliancejuden mit Vehemenz auf uns, sie arbeiteten mit der Lüge, die türkischen Zionisten seien Antipatrioten u. dgl. m. Und siehe: Es sind noch nicht 3 Jahre vergangen und die Türken weisen den assimilatorischen Juden die Tür. Das läßt sich nicht vertuschen. Selbst die „Neue Freie Presse“ muß zugeben, daß die Dissidenten der jungtürkischen ■ Partei eine Befreiung von dem vorherrschenden jüdischen 5 Einfluß verlangen. Der jüdische Deputierte Carasso, ein Allianceschüler, wird aus der Partei gewiesen, der Finanzminister, Djavid Bey, obzwar kein Jude der Kontession, sondern Abstammung nach, ist das Hauptziel der; Ahgriffe muß trotz seiner hervorragenden fach-; liehen . Tüchtigkeit gehen und die Partei in Konstantinopel befreit sich von der Macht des Sa-. iQniker Komitees.. Tune so rasche Entwicklung hätten selbst wir, die wir vorausgesagt haben, daß dies so kommen .müsse, nicht erwartet. Sie zeugt jedenfalls von dem gesunden Sinn der türkischen. Politiker, Für die Juden der Türkei ist der Umschwung geradezu ein Glück zu nennen. Denn zweifellos hätte eine längere Zeit währendee extrem-ottomanische Politik der. Juden in der Türkei genau dasselbe Resultat gezeitigt, wie in Oesterreich. Einen wachsenden politischen Antisemitismus bei allen Völkerschaften, der sich aber dort in noch viel gewalttätigeren Formen entladen hätte, als es hierzulande üblich ist. Für den. Zionismus konnte die politische Entwicklung in der Türkei keine bessere Wendung nehmen. Sie bedeutet das Ende der Assimilatibnsperiode ' der türkischen Juden und sie läßt die Gefährlichkeit der assimilatorischen Allianceschulen und des von diesen erzeugten Geistes klar erkennen.. Das System der Alliance ist in ihrem wichtigsten Tätigkeitsgebiet endgültig gescheitert. Die Maschinerie wird zwar noch einige Zeit hindurch weiter klappern, und es wird noch eine geraume Frist verstreichen, bis die türkische Judenheit klar erkennen wird, was eigentlich der tiefere Sinn der jetzigen politischen Umwälzungen ist, aber dann wird sich die Wut des Volkes gegen die falsche Prophetin kehren und die Alliance endgültig ausgespielt haben. Juden Wiens, reklamieret Euer Wahlrecht \ Eine flüchtige Durchsicht der Wählerlisten ergibt, daß hunderte jüdischer Wähler nicht enthalten sind. Es ist die Pflicht eines jeden Juden sein Wahlrecht zu reklamieren. Für den Wahlkreis V (Leopoldstadt I), wo vom Jüdischen Nationalverein Gg. Robert Stricker, Ingenieur der k. k. Staatsbahnen, III., Bechardgasse 24 als Kandidat aufgestellt wurde, besteht ein eigenes Reklamationsbüro im Kaffee „Goldener Brunnen“ II., Schmelzgasse 1, Telephon Nr. 15117. Daselbst liegt die Wählerliste zur Einsicht auf. Reklamationen werden unentgeltlich besorgt. Auch an die Parteigenossen der anderen Bezirke ergeht die dringende Aufforderung, sofort in den Wählerlisten Nachschau zu halten und das Wahlrecht sofort zu reklamieren. Insbesondere werden dieGesinnungsgenossen im 9. Bezirke aufmerksam gemacht, daß ein großer Teil in die Wählerliste nicht aufgenommen wurde. Auch diese mögen ihr Wahlrecht sofort reklamieren. Die Wahlbewegung. An unsere Vertrauensmänner in der Provinz! Die meisten Fragebogen sind ordnungsmäßig ausgefüllt in unsere Hände gelangt. Nur wenige Fragebogen sind noch unbeantwortet. Wir ermahnen hiemit die Säumigen zur Erfüllung ihrer' Pflicht. Unseren Gesinnungsgenossen in Mähren diene zur Kenntnis, daß ein Flugblatt vorbereitet wird, welches die mährischen' Verhältnisse behandelt und genaue Direktiven für die jüdische Wählerschaft enthalten wird. Dieses Flugblatt wird unentgeltlich zur Verteilung gelangen. Anfragen und Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern ausschließlich an unser Sekretariat, IX.’ Liechtensteinstraße 11, zu richten. Der Vorstand des Jüdischen Nationalvereines: * Wien. Eine freche Verleumdung. Am 21. April 1911 schrieben wir: „Bei der letzten Sitzung des „Vereines der Fortschrittsfreunde“ wurde angeregt, im Rathausviertel, dem christlichsozialen Kandidaten Wittek einen freisinnigen Kandidaten entgegenzustellen. Kurand a sprach sich mit Entschiedenheit dagegen aus, weil ihm Wittek — den Leopoldsorden verschafft habe.“ Am 2S. April schrieben wir: Kurandas Dank für den Orden. Unter dem Ministerium Wittek hat Ministerialrat Camilo Kuranda einen Orden bekommen. Der frühere Minister von Wittek kandidiert nun abermals im Rathhausviertel, in welchem er im Jahre 1907 mit einer geringen Majorität als Christlichsozialer gewählt wurdet Es ist daher eine Pflicht der Dankbarkeit, wenn Kuranda nunmehr dafür Sorge trägt, daß Herrn von Wittek — der selbstverständlich für die berüchtigte Resolution Schmiedt gestimmt , hat — bei Wiedererlangung des Mandats keine Schwierigkeiten gemacht werden. Ursprünglich wollte er von einem Kampf gegen Wittek überhaupt nichts wissen. Da aber schließlich bei der diesmaligen Wiedereroberung Wiens dieser Bezirk nicht ausgenommen werden konnte, befürwortete Kuranda den allerschwächsten Gegenkandidaten, nämlich den Abfalljuden Dr. Wilhelm Neumann, der bei den letzten Gemeinderatswahlen schmählich durchgefallen ist. Ueberall also dasselbe Bild! Der Polenklub wirft 10.000 jüdische Schänkerfamilien ins größte Elend, sein Hausjude Löwenstein bekommt Adel und Orden und in Wien mag weiter der christlichsoziale Klerikalismus herrschen, wenn nur Herr Kuranda auf dem Ball der Stadt Wien seinen Frack mit einem Ordensband schmücken darf. Wir haben also Herrn Hofrat Kuranda ausdrücklich einen Vorwurf daraus gemacht, daß er Herrn Dr. Neumann als freisinnigen Kandidaten aufstellt. Was schreibt aber die ehrenwerte Blochs „Wochenschrift“? Folgendes: „Daß gerade zionistische Wortführer Hofrat Kuranda es übel vermerken und als eine politische Sünde ankreiden, daß er nicht als Kämpfer gegen Wittek für Neumann auftritt, verdient jedenfalls auch für die Zukunft notiert zu werden.“ — Diese alte Sünderin wird sich das Lügen und Verleumden wohl nicht mehr abgewöhnen. * Die Ofnermannen kennen keine spezifisch jüdischen Interessen. Nach dem Bericht der Tagesblätter hielt Dr. Arnold Ascher am 9 .Mai als Vorsitzender der ersten Wäh'.erversammiung desi Dr^ Ofner in der Leopoldstadt eine Eröffnungsrede, die in folgendem denkwürdigen Schlager ausklang: „Alan mache dem Dr. Ofner zum Vorwurf, er sei nicht energisch genug für die Interessen der Juden eingetreten. Dieser Vorwurf sei ungerecht, denn die Juden bedürfen — keiner Reservatgesetze . . .“ Obgleich die zionistische Partei die Parole ausgegeben hatte, die gegnerischen Versammlungen zu meiden, um jedem Zusammenstoß auszuweichen, erhob sich spontan aus der Alitte der Versammlung so heftiger Widerspruch, daß Dr. Ofner selbst erst nach zehn Minuten Pause zu Wort kam. Die Erregung der Versammlung gegen Dr. Ascher war nur zu gerechtfertigt. Denn auch die radikalsten Zionisten haben niemals Reservatgesetze für die Juden verlangt, sondern vielmehr die Beobachtung der Staatsgrundgesetze auch für uns Juden ebenso wie für die anderen Staatsbürger .Doch auch für dieses Verlangen hat Dr. Ofner mit dem deutschen Herzen nie Verständnis gezeigt. Dr. Plaschkes gab seinem Erstaunen Ausdruck, daß gerade Doktor Ascher als Generalsekretär der Baron Hirschstiftung, der aus der Vertretung spezifisch jüdischer Interessen sein täglich Brot gewinnt, sieh berufen fühlte, diese jüdischen Interessen in Abrede zu stellen.

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