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Jüdische Zeitung · 1911-05-12 · 19 (12.5.1911) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
19 (12.5.1911)
Date
1911-05-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. i9 Bündnis zwischen Polenklub und Sozialdemokratie vollzogen. Die Wahlkreise wurden zwischen beiden Gruppen einträchtig aufgeteilt und das Zentralorgan der freiheitlichen, verfassungshiütenden, regierungsfeindlichen Sozialdemokratie^ unterschlägt die ganze Affäre Glombinski-Bobrzinski! Wir Jüdischnationalen sind neben den Ruthenen die einzigen, welche dem Polenklub die Stirne bieten. Auch uns iwollte er ködern — aber vergebens! Ihn ihm sehen wir als Juden den ärgsten Bedrücker unseres Volkes, als Oesterreicher das größte Hindernis einer Modernisierung des Reiches sowie des Fortschritts Galiziens. Als wahrhaft freie Politiker empfinden wir ihn als Stütze der Völkerbedrückung, des Klerikalismus, der Reaktion, als Verächter der Verfassungsgesetze und Feind der sozialen Evolution: Gegen den Polenklub und seine Moschkos! Mit diesem Feldruf ziehen wir deshalb in den galizischen Wahlkampf. Zur ReichsratswaM in Mäiir.- Ostrau. Vor wenigen Tagen hat L)r. Stefan Licht als Reichratskandidat in Mähr .-Ostrau eine jüdische Wählerversammlung abgehalten. Da es, abgesehen von Galizien und der Bukowina, wenige Wahlbezirke gibt, in welchen die jüdische Wählerschaft einen so starken Machtfaktor bildet wie in Ostrau, ist die Einberufung und der Verlauf der Versammlung für die ganze jüdische Oeffentlichkeit von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Und es niuß leider gesagt werden: Ver- 1 aü t und Ergehn is di eser Versammlung sind wieder ein beschämendes Dokument für die Würdelosigkeit und Schwäche der jüdischen Assimilationspolitik. Der Vorsitzende der Versammlung hat in seiner Eröffnungsansprache zwar hervorgehoben, daß „während der politischen Kämpfe der letzten Jahrzehnte das jüdische Volk sein Selbstbewußtsein wiedergefunden hat“, in der Versammlung selbst war aber von diesem Selbstbewußtsein verteufelt wenig zu spüren. Die Versammlung war zur Erörterung jüdischer Fragen einberufen worden . Gewiß ein sehr löbliches Beginnen. Aber die dringendste jüdische Frage gelangte nicht zuir Diskussion: die Frage nämlich, ob es mit der jüdischen Ehre vereinbar ist, einen Täufling, einen Verbandsgenossen des K. H. Wo ft, des Weidenhofer und des edlen Herrn Stranskv abermals durch jüdische Stimmen zum Abgeordneten zu machen; die Frage weiters, wieso es komme, daß der vom Judentum abgefallene Herr Licht gerade in einem Wahlkreis kandidiert, in welchem jüdische Stimmen den Ausschlag geben, und ob es nicht etwa konsequenter wäre, wenn er in einfem anderen j udenreineren, beispielsweise nordböhmischen Bezirke kandidieren würde. Der Vorsitzende der Versammlung tvar kein bösartiger Prüfer und seine Fragen an den Kandidaten waren nicht allzu schwierig. Die erste Frage lautete, wie er sich zur Resolution Schmidt stelle. Und als er aut Grund des amtlichen Sitzungsprotokolles nachwies, daß er gegen die Resolution gestimmt habe — für einen deutschfreiheitlichen Abgeordneten offenbar eine bewunderungswürdige Leistung — brach die Versammlung in stürmischen Beifall aus. Ein neugieriger Zwischenrufer fragte aber, .was die anderen „freiheitlichen“ Abgeordneten gemacht hätten? Bei Beantwortung dieser Frage jedoch hat sich Dr . L i c h t, der entrüstet von den Lügen, Verläumdungen und der Frivolität seiner Gegner sprach, einer groben Unters c h l a g u n g schuldig gemacht. Er wußte merkwürdigerweise nur von deutschen Abgeordneten zu erzählen; die sich bei der Abstimmung absentiert haben, daß aber die führenden Persönlichkeiten der deutsch freisinnigen Parteien tür diese infame Resolution gestimmt haben, das hat Herr Licht mit Vorbedacht verschwiegen. Und wie unerhört 1 ä p p i s c h war seine sonstige Verantwortung! Naiv und unschuldsvoll fragte er, wie er dies Verhalten seiner politischen Freunde hätte verhindern können, ohne sich darüber auch nur zu äußern, ob er wenigstens einen Versuch gemacht habe, dies zu tun und die Krone setzt er seiner Unverfrorenheit mit der Behauptung aiit, daß die „fortschrittlichen Abgeordneten nicht einmal das Recht hatten, die anderen Abgeordneten zu kritisieren.“ Herr Licht hat in seiner Rede wohl recht viel von seiner „freiheitlichen Weltanschauung“ geschwefelt; er hat nur vergessen, zu. erklären, wie es sich mit der „freiheitlichen Weltanschauung“ seiner verschiedenen politischen Freundeverträgt, für die Vertreibung der Judenkinder aus den Schu'en zu stimmen und wie es mit seiner eigenen „freiheitlichen Weltanschauung“ vereinbart isf, zu sclnveigen, wenn in seiner nächsten po’i.ijenen Umgebung sich derartige Ungeheuerlichkeiten err eignen. Und unschuldsvoll meinte’er schließlich, die deutsche Fortschrittspartei habe damals dem deutschen Nationalverband noch nicht angehört. Der Nationalverband mußte aber offenbar erst den Beweis seiner stramm antisemitischen Gesinnung erbringen, bevor Herr Licht ihm beitrat. Auch seine Aenßerung über den Fall Kuranda war eine so plumpe Verdrehung der Tatsachen, daß man über die Genügsamkeit der Ostrauer „deutschfortschrittlidien Israeliten“ nicht genug verwundert sein kann. Kuranda hat nämlich — doziert Licht — um seine Aufnahme in den deutschnationalen Verband nicht angesucht, also konnte er auch nicht aufgenommen werden. Ja, hat aber nicht der engere Gesinnungsgenosse Dr. Li cht s, Dr. Gross, noch vor der Gründung des .deutschnationalen Verbands mit zartem Wink Herrn Kuranda zu verstehen gegeben, er möge in eigener Regie das Deutschtum retten? Besonders überzeugend war der Beweis für die Notwendigkeit der deutschnationalen Politik der Juden. Licht sagte nach dem Bericht der „Ostrauer Zeitung“ würtlich: „Wir sehen es ja am Antisemitismus, der dazu beigetragen hat, daß soviele deutsche Kulturstätten in Mähren und Böhmen verloren gegangen sind. Daher haben Sie auch allen Grund, im Sinne einer idealen Weltanschauung (?) sich als Deutsche zu fühlen und zu bekennen. Ich sage, daß“ Sie als Juden Deutsche sind, ist gut getan für Mähren“. Also, weil die deutschen Antisemiten sind und weil durch den Antisemitismus der deutsche Besitzstand geschmälert wurde, verlangt die ideale Weltanschauung Lichts von Juden, daß sie iauch [weiter idem deutschnationalen Verband Lakaiendienste leisten. Der Versammlungsbericht verzeichnet nach der zitierten Stelle „stürmischen, langanhaltenden Beifall“, und wie zum Hohn sagte der Vorsitzende in den einleitenden Worten „daß; wir den seinerzeit verspotteten und verschmähten Namen Jude heute mit gerechtem Stolze nennen können.“ Recht bescheiden war auch' die angeblich so selbstbewußte jüdische Bürgerschaft' bei Besprechung der Frage, ob Herr Licht .dem deutschem Nationalverband beitreten werde .Das Mindestmaß von Würde hätte es verlangt, von dem Kandidaten zu fördern, daß er diesem Verbände ternbleibe. Doch nachdem er erklärt hatte, „er wünsche nichts aufrichtiger, als diesem Verbände anzügehören, weil das Verweilen des einzelnen deutschen Abgeordneten in einem großen taktischen Verband von größtem Vorteil sei“, War* die jüdische Versammlung, offenbar von der festen Ueberzeugung durchdrungen; es sei für dfe Juden ein na t io nales Unglück, wenn ihr Abgeordneter nicht mit den antisemitischen Agrariern undd en verschiedenen Zuhältern der Christlichsozialen aufs Engste liiert wäre und klatschte begeistert Beifall. Die Versammlung beschloß schließlich, für die Kandidatur des Dr. Licht einzutreten, weil sie in ihm das Vertrauen setze, daß er allen Bestrebungendie der Ehre des jüdischen Volkes nahe treten, aut das; Entschiedenste entgegentreten wird. Ein Täufling und Mitglied des deutschnationalen Verbandes für die Ehre des jüdischen Volks! Wahrhaftig, eine widerliche Komödie! Selbstverständlich wurde Herrn Licht auch Gelegenheit gegeben, in scharfmacherischer Weise gegen die Sozialdemokraten loszuziehen und charakteristisch ist, daß die „Ostrauer Zeitung“ den Versammlungsbericht unter der Ueberschrift „Gegen die'Sozial demokratie!“ bringt. Wir haben stets den Standpunkt vertreten, daß die Sozialdemokratie nicht berufen sei, die Judenfrage zu lösen und sind an vielen Orten im e rbitterten Kampfe gegen die Sozialdemokraten. Mit Entschiedenheit aber müssen wir uns dagegen verwahren, daß in jüdischen. Versammlungen gegen Arbeiterorganisationen gehetzt, von sozialistischen „Staatssklaven“ herum-: geredet und gegen die wirtschaftlichen „Nivellierungsversuche“ Front gemacht wird. Das würde uns noch fehlen, daß einigen j ü d i s cJie n Gew erken zuüebe der jüdische Mittelstand, der gerade in Ostrau von den Arbeitern lebt, zum Kampfe gegen die Arbeiterschaft aufgerufen wird. Das Verhalten der deutschtreiheitüchen Juden in - der Ostrauer Versammlung und die Rede ihres Kandidaten Licht hat abermals die Notwendigkeit der vom Jüdischen Nationalverein ausgegebenen Parole erwiesen: Kampf gegen die Kandidaten des„Deutschen National verband es“ msbesonders aber: Weg mit den Renegaten Licht und Rediicti. Zionismus und Nktionälpolitik in Oesterreich. ■;. Da inden Sudeteniändern rioch eine Reihe von Gesinnungsgenossen; plie Führung einer inneren Politik seitens der Zionisten perhorreszieren, bemüht sich. die Pjpg'er »Selbstwehr« diesbezüglich, auf klärend zu wirken. In ihrer Nr. 16 vom 2L, April finden wir einen Artikel vom Präsidenten des zionistischen Zentralkomitees Gg. Adolf Böhm über »Zionismus und Nationalpolitik in Oesterreich«, in welchem Gg. Böhm , die, Frage stellt; wie sich ein Zionist lediglich auf Grund seinerWeltanschauung, also des sogenannten »reinen« Zionismus zur Nationalpolitik ver halten muß. Hierüber sagt er folgendes: „Welches ist die zionistische Weltanschauung? Sie setzt sich aus folgenden Gedanken zusammen: 1. Die Juden sind ein Volk (Volksgedanke); 2. als solches haben sie in der Diaspora weder eine erträgliche Gegenwart noch eine Zukunft (Negation des Golus); 3. die Zukunft des Volkes liegt in einer Heimstätte in Palästina (Palästinagedanke); 4. diese kann nur durch eigene Kraft erarbeitet werden (Gedanke der Selbsthilfe). Alle Gegnerschaft gegen die zionistische Landespolitik stützt sich aut Satz 2 (Negation des Golus) und Satz 3 (Zukunft nur in- Palästina), alle: Verteidigung derselben auf Satz 1 (Volksgedanke) und-teilweise, aut Satz 4 (Gedanken der Selbsthilfe). Im Grunde ist demnach der ganze Streit ein solcher um die Frage, weichen Elementen der Weltanschauung die Priorität gebührt. Ob der Palästinazukunfts- oder der Volksgedanke das Primäre ist. Ich glaube — und mir liegt gewiß eine Minderwertung des Palästinagedankens ferne — daß die Priorität dem Vo lk sg e d ank e n gebührt. Denn ist er einmal statuiert, so ergeben sich die anderen Gedanken als reine Folgerungen. Der Zionismus ist nichts anderes, als das logische Züendedenken des Volksgedankens. Daß ein Volk in der Zerstreuung, ohne Zentrum, ohne Wurzeln im Boden usw. nicht gedeihen kann, noch eine Zukunft hat, daß diese nur durch ein wurzelfestes Gemeinwesen aut eigenem Boden verbürgt wird, daß ferner ein solches nur durch die geeinte Kraft des Volkes erarbeitet werden. kann, das sind für politisch-historisch Gebildete nur Selbstverständlichkeiten. Daß es- Palästina..sein muß, ist bloß die Anwendung dieser allgemein gültigen Axiome auf den Spezialfall der Juden. Daß dem so ist, daß der Voiksgedanke das Primäre und Entscheidende ist, geht aus der Stellung des Zionismus im Judentum klar hervor. Es gibt nur einen wirklichen Feind des Zionismus: den Gedanken der Assimilation.. Unsere Gegner bekämpfen nicht die Palästinaidee und nicht jene, der Selbsthilfe, sie sind in bezug auf den Pessimismus gegenüber dem. Golus nahezu einer Meinung mit uns — wenn sie auch andere Konsequenzen daraus ziehen — dagegen; bekämpfen sie den Volksgedanken mit der größten Vehemenz. Es kann daher gewiß nicht unrichtig sein, wenn ich sage: Zionistische Weltanschauung und jüdischer Volksgedanke sind identische Begriffe. Das vorherrschendste Interesse der Zionisten liegt daher in der Durchsetzung der Anerkennung des jüdischen Volksgedankens innerhalb und außerhalb der Judenheit.“ Gg. Böhm führt ferner aus, daß der Zionist auch eine andere politische Anschauung über den Kampf gegen den Antisemitismus hat, als der Nichtzionist, der diesen bloß als eine lose Anwandlung kulturrückständiger Menschen ansieht und daher nur Antisemiten oder Philosemiten sieht, nicht aber den Antisemitismus als soziale Erscheinung begreift. Bei Wahlen folgt er nur der Parole, den Antisemitismus, zu bekämpfen. Der Zionist weiß aber, daß es sich nicht um einen Kampf gegen Antisemiten, Einzelpersonen, sondern um einen solchen gegen den Antisemitismus als soziales, Phänomen handelt. Er weiß, daß dieser Kampf nicht dadurph erfolgreich geführt, werden kann, daß. man »Philosemiten« wählt, sondern, daß die Mj.nderwertung der Juden nur durch positive. Leistung e n un d e i n-e würdige Haltung der Jude n.h e.i t alsöesamth e i t b,e k am p f t W:e r d e n.kann“. .Diese -prinzipiellen Gesichtspunkte habe der gionist im Wahlkampf praktisch zu verwerten. Gg. B^juu zeigt uns, wie der nationale Zusammenschluß; ^Deutsche und Tschechen zwarig, den Juden auszu-

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