Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 18 (4.5.1911)
- Date
- 1911-05-04
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 18 für -.alle Oesterreicher brennend• sind, die Nationalitätenfrage und die Wirtschat tsfr ag-e. Das Bedürfnis nach einem endgiitigen Abschlüsse des Völkerfriedens hat sich in allen Kreisen der Bevölkerung Bahn gebrochen. Nur eine Schichte der Bevölkerung macht eine Ausnahme, die der Berufspolitiker, der Abgeordneten und der Zeitungsschreiber. Der nationale Streit bietet ihnen ein so bequemes und ergiebiges Arbeitsfeld. Es ist so angenehm und leicht, wenn man drei bis vier m-al des Tages mit dem Schnabel sein Volk retten kann, und es ist schwer, aut diese liebgewordene Gewohnheit, zu verzichten. Freilich, in Wahlzeiten .müssen die Herren aut die Stimmung der Wählerschaft Rücksicht nehmen, und weil die Wählerschaft Ruhe will, so b-asen auch die Herren Kandidaten die nationale Friedensschalniei. Die deutschbürgeriichen Kandidaten versichern immer wieder, daß sie die Aussöhnung der Deutschen und Tschechen wollen. Aber auch hier muß man fragen: „Was tun die versichernden Herren, die Herren Kuranda, Mittler und .Ofner, dazu, um den nationalen Frieden herbeizuführen, was tun die Parteien, denen sie' angehören oder nahe stehen, welches Besänftigungsmittei für wildgewordene Völker ist denn in ihren diversen Programmen enthalten?“ Wenn der Herr Dr. Mittler in einer Versammlung in einem koscheren Gasthause vor Wählern der Leopoldstadt versichert, daß er den Frieden zwischen Deutschen und Tschechen will, so ändert das am Freundschaftsverhältnisse zwischen Wolf und Klofatsch nicht das geringste, die Worte des Herrn Dr. Mittler mögen noch so sanft und ölig sein, so glätten sie doch nicht die nationale Sturmflut, welche Oesterreich durchbraust. Auch hier gilt das Wort: Die Phrase gilt nichts, das Programm, die Tat gilt allein. ' Alles Tun und Lassen der, deutschbürgerlichen Parteien, der deutschnationalen und deutschtreiheitlidien ist aber nur darnach angetan, die Hetze zu verschärfen. Von den aller-, wildesten Parteiführern und Organen will ich' gar nicht sprechen, den Stransky und den Irö* und den Kroy, die „Ostdeutsche Rundschau“, die laß ich aus dem Spiele. Die uns allernächsten, Kuranda und die liberale Presse, treffen das Kunststück auch. Der Deutschliberale Kuranda hält Reden-gegen die „slawische-Hochflut“ und protestiert dagegen, daß soviele Tschechen -im Eisenbahnministerium sitzen. - Daß. die Juden nicht' herein können, ist ihm - gleichgültig, nur die vielen Tschechen ärgern ihn. Ist das Versöhnlichkeit, ist das Friedensliebe, wenn* man in 'Wien Mordio gegen die Tschechen schreit und ihnen jeden Amtsdiener nachzähUj? Oder ist es geeignet, das überspannte Naiionalbewußtsein einzudämmen, wenn1 Herr Dr. Mittler, der Kandidat der Leopoldstadt, die Christlichsozialen aut ihre deutschen Nieren prüft, wenn .er .pathetisch ausrnft: „Die. Christlich-, sozialen packeln mit Rom und Rom kann nicht deutsch, sein!“ — Na, der „deutsche“ Herr Dr. Mittler geht in die Schiffgasse und Malzgässe, er geht zu uns Juden und sucht dort, „teutsche“ Stimmen. Wenn ihm Rom nicht, genug deutsch ist, wie kann ihm dann Rzeszow, Kplomea und Budapest genug deutsch sein? AU diese liberalen Redereien von Friedensliebe und nationaler Verständigung sind leere Worte, hinter denen nicht die blasse Idee eines guten Willens, geschweige denn einer guten Tat steht. Aber auch die Sozialdemokraten haben Ihre Ohnmacht der nationalen Streitfrage gegenüber bewiesen. Das sozialdemokratische Programm bat alle nationalen Regungen einfach mit Gewalt unterdrücken wollen, es hat die nationale Frage totgeschwiegen. Nun aber ist der nationale Zwist im eigenen Lager losgebrochen, ebenso heftig, vielleicht noch heftiger, als er draußen tobt. Von einer Partei, die nicht ein-' mal im eigenen Hause den Frieden halten kann, ist nicht zu erwarten, daß sie in ganz Oesterreich Frieden stiften wird. Wir Jüdischnationale sind heute noch die kleinste 'von den' Parteien,' die sich um - Ihre Stimmen bewerben, kleiner.', "als . die’ deutschbürgerliche,' kleiner als die gewaltige ' Sozialdemokratie, aber wir bieten den "Wählern . .' ein Programm, welches den nationalen - Frieden in- Oesterreich garantiert.- Wir; sind. Anhänger des Gedankens der nationalen Autonomie,, der. Gleichberechtigung aller Völker Öesierreidis. .. Unsere österreichische Verfassung kennt keine bevorzugten, Burger, sie räumt keiner Kategorie die Vormundschaft über die andere ein. In nationalen Angelegenheiten hat der gleiche Grundsatz zu gelten, es' soll keine besseren und keine schlechten,; keine bevorzugten und keine minderen Nationen geben. Allen Völkern gebührt in nationalen und kulturellen Fragen das gleiche Recht! Unsere Verfassung erfüllt diese Bedingung nicht! Dadurch, daß sie die Entscheidung nationaler Fragen dem Reichsrate überläßt, stellt siedie -kleineren Nationen unter die Vormundschaft der größeren. Weil die Deutschen eine größere Anzahl von Mandaten besitzen gibt ihnen die Verfassung das Recht, z. B. über die slowenische Schülfrage zu entscheiden, die Ruthenen z. B. liefert unsere Verfassung ihren Erzfeinden, den Polen, aus und gibt diesen das Recht, über ruthenische Kulturfragen wie über die. Universitätsfrage zu entscheiden. Das ist widersinnig und ungerecht. Solange - dieses widernatürliche Verhältnis anhält, wird nie Rühe und Frieden 'einkehren. Wir" fordern die nationale Autonomie für alle Völker. Alle nationalen, und nätionalkulturellen Fragen' sind aus den Beratungen des Parlamentes auszuscheiden und reinnationalen Beratungskörpern zur'.Entscheidung zu überlassen. Weder die nationalen Bürgerlichen, noch auch die Sozialdemokraten haben den Mut besessen, diese Forderung .zu erheben. Feige Furcht vor den nationalen Raufbolden im eigenen Lager hindert sie daran. So sind wir Jüdischnationale heute 1 die einzige Partei welche sich zur nationalen Autonomie bekennt. Die einzige Partei, welche durch Propagierung dieser Idee ehrlich und vernünftig an der Beseitigung des; nationalen Haders arbeitet. Die Bevölkerung Oesterreichs lechzt förmlich' darnach, daß der Reichsrat, von nationalen Zänkereien befreit, sich endlich mit der Lösung wirtschaftlicher Fragen befasse. Wenn Sie den gleichen Wunsch, teilen, so werden Sie sich für unser Programm.^.entscheiden müssen! Das wirtschaftliche Programm der jüdischen Nationalpartei ist ein streng. demokratisches und modernes. Es ist nicht. nach dem Bedürfnisse .einzelner Klassen, und Berüfsgriippen zugeschnitten. Ich kann nicht aut alle Einzelheiten eingehen und kann Ihnen hier nur die Hauptpunkte aufzähleri. Wir verlangen: i ' -t , V o 1.1 e . G ey e,r,Jj.e fr ei h ei t, insbesondere Aufhebung des Befähigungsnachweises; Be-' seitigung der zünftlerischen Beschränkungen des Handels.- -»' Förderung yon. 1 n4ustrie und E.xp_o r t, namentlich Industrialisierung Galiziens und der Bukowina' mit Reichshilfe. . Gesunde komunale Boden- und-Wofinungspolitik, Vermehrung des Gemeindegrundbesitzes, Wertzuwachssteuer. Weitgehenden . .4 r h e»t e r s c h u t, z, nucli hei Heimarbeit, insbesondere durch Verkürzung der Maximalarbeitszeit, grundsätzliches Verbot der Nachtarbeit^ Ausbau des Gewerbeinspektorats und Schaffung einer staatlichen Sozialversicherung für alle Berufsklassen. Gerechte Verteilung der Steuerlasten mit möglichster Verminderung! der indirekten Abgaben. Hebung der, Volkshygiene. Meine Herren! Die deutschbürgerlichen Kandidaten bedienen sich in diesem Wahlkampfe der Parole: Gegenflden Sozialismus! Wir Jüdischnationale stehen allerdings auf dem Standpunkte, daß in den sozialdemokratischen Reihen für die mittleren'Stände, für den Beamtenstand und die Angehörigen' freier Berufe kein Platz ist, daß die Sozialdemokratie in erster Linie für das Lohnproletariat kämpft und den anderen Berufskategorien nicht den nötigen Schutz bieten kann. Aber wir möchten es uns ganz energisch verbeten haben, in wirtschaftlicher Hinsicht mit den Deutschbürgeriichen a la Mittler in einen Topf geworfen zu werden. Zur .Scharfmachern geben wir uns nicht her. Die Wirtschaftspolitik ■ der Deutschbürgerlichen ist von der deutschliberalen Presse diktiert, diese Presse vertritt aber nicht die- Interessen der mittleren .Stände, des kleinen Mannes, sie ist; von. der Gr o ßindustrie und den Großbanken.gekauft. Es fällt uns nicht ein, ins Horn der Bank- und Fabriksdirektoren zu stoßen. . Von diesen Leuten trennt uns eine unendliche Kluft. Es fällt uns nicht ein, eine Mauer zwischen uns und der organisierten Arbeiterschaft zu errichten. Es ist ein gutes Recht der Arbeiterschaft, sich zu organisieren und um bessere Existenzbegingungen energisch su streiten. Die Herren Kohlen- und Zuckerbarone sollen selber dazu schauen, wie sie tertig werden. An dem Feuer der Kaufmannschaft und der Beamtenschaft werden sie ihre trübe Suppe nichtko che n! Welche Bande verknüpfen uns denn mit diesen Leuten? Sie als Kaufleute werden es ja am besten wissen, wie die Großindustrien und Großbanken schnell dazu bereit sind, dem Zwischenhändler die Kehle zu schnüren, wenns die Konjunktur nur erlaubt. Wir Beamte wissen auch ein, Liedlein davon zu singen. Als Antreiber und Hetzer sind’wir den Herren willkommen, aber wehe uns,- wenn wir Ansprüche aut ein Existenzminimum erheben! Wenn es sich um paarmalhunderttausend Kronen handelt, die den Beamten als Aufbesserung zugeführt werden sollen, da winselt die liberale Presse von der .Finanznot des Staates und ereifert sich-über-die „Begehrlichkeit“ der- - Beamten. Aber wenn es sich darum handelt, um 1 Milliarde Kriegsschiffe zu bestellen. und diese Kriegsschiffe unseren Industriellen doppelt zu überzahlen, da jubelt die sogenannte bürgerliche Presse, spricht von dem Segen solcher Ausgaben, von dem vielen Gelde, das unter die Leute kommt. . Unter .welche Leute aber? Die Kauf-, mannschaft, die Beamten und Angestellten krie- ' gen keinen roten Heller. Die Skodaaktien steigen! Das ist der Humor davon. Die deutschliberale Presse und die Vertreter ihrer Richtung Kuranda und Mittler, Zeigen uns einen Weg, den wir nie-und nimmer betreten werden. Wir liefern uns nicht der Sozialdemokratie aus, aber noch weniger dem Geldsacke. _ Mit preußischer Scharfmacherei. kann man win der Leopoldstadt nicht arbeiten.- Die Leopold- . stadt ist ein J u d e n b e z i r k. Die jüdische Tradition aber ist freiheitlich und demokratisch'. . Sie stellt uns an die Seite der Unterdrückten und'keine Macht der Welt wird uns von diesem Standpunkt verd ränge n!; Die Landtagswahlen in der Bukowina.; Es ist noch in frischer' Erinnerung, wie die : Deutschen der Bukowina Arm in Arm mit den" Wiener Assimilanten die Bildung einer jüdischen. Wahlkurie in der Bukowina verhindert haben. : Die Motive dieser Verbündeten wider Willen ■ waren gänzlich verschiedene.. Die Wiener. Isi raeliten, geführt von Kuranda, und der „Oesterr. Isr. Union“ wollten um jeden Preis verhindern, ' daß die: jüdische Nationalität in einem öffentlich-rechtlichen Verband .von' staatswegen , anerkannt werde. Die Deutschen . der Bukowina hingegen--hofften, durch1 die Vereinigung von Deutschen und Juden 1 in einer Wahlkurie uiid ein raffiniert ausgeklügeltes Wahlsystem die Juden um einige Mandate bringen ' zu können, die ihnen nach ihrer Volkszahl gebührten . Tatsächlich befürchtete man auch in jüdischen Kreisen durch dieses Manöver der Deutschen um . zwei oder drei Mandate zu kommen. Es kam aber ganz anders. Auch das Wahlschlachtenglüdk ist unberechenbar und launenhaft. Durch die an.sich höchst beklagenswerte; politische Spaltung unter den Juden, der. Bukowina, wodurch statt eines, überall zwei jüdische Kandidaten aufgestellt waren, verloren dank des von ihnen erdächten Systems von Minoritäts¬ und M.ajoritätsabgeordneten die Deutschen bereits - ein wichtiges Mandat. an die Judenim. Städtebezirk. Diese -Lehre hat die Deutschen schnell.-.bekehrt- und die -Trennung .der gemischten Kurie in eine; deutsche und jüdische j ist bereits beschlossene Sache. 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