Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 18 (4.5.1911)
- Date
- 1911-05-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438327-2438345--2412-2442087- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Nr: 18 Um 7 iUhr aber, bei den Herren Lederhäpdlern, ist er wiederum ganz Lederhändler, um 8 Uhr, bei den Bankbeamten, ist er vom Scheitel bis . zur Sohle Bankbeamter. Im Parlamente selbst macht er sich die Sache natürlich etwas einfacher und übt von den 200 Berufen; in die er sich während der Kandidatur eingearbeitet hat, keinen einzigen aus, sondern widmet sein ganzes Können, seine Tage und seine Nächte einem einzigen, neuen Berufe, nämlich dem Bezüge der Diäten. Reife Wähler dürften diese Branchen- und Bezirkskomödie nicht fördern. Und insbesondere die Wähler dieses Bezirkes, die, wie vorerwähnt, ein Mandat zu vergeben haben, das in gewissem Sinne der ganzen Judenschaft gehört, dürfen nur einem Programme ihre Stimmen geben, das von Standesuna Bezirksmeierei frei ist und das Interesse aller Volksstände, d a s Interesse des gesamten jüdischen Volkes umfaßt! Die uns von der Regierung überlassenen Mandate sind unsere stärkste Waffe im politischen und wirtschaftlichen Kampfe, wir müssen sie. ängstlich bewachen und verhindern, daß sie ihrem Zwecke entfremdet werden. Wir dürfen sie nicht an fremde nationale oder wirtschaftliche Gruppen verschleudern. Wir österreichischen Juden sind in einer so traurigen Lage, daß wir nicht daran denken können, anderen politische und wirtschaftliche Geschenke zu machen. Vielfach, und nicht nur von antisemitischer Seite, wird zwar behauptet, daß es den Juden in Wirklichkeit gar nicht so schlecht geht, daß daher das Begehren nach Schutzmaßregein eine tendenziöse Uebertreibung sei. Aber solche Behauptungen zeigen nur von Gehässigkeit, wie das bei den Antisemiten der Fall ist, die im ausgehungertsten Hausierer einen fettgemästeten Schmarotzer erblicken oder aber von Gedankenlosigkeit. Den oberflächlichen Beobachter täuscht ja die Situation wirklich. Auf den einflußreichsten Stel- 1 en sieht man Juden. Das jüdische Kapital beherrscht teilweise den Markt, die gesamte öffentliche Meinung steht heute unter dem Kommando einer Presse, die fast ausschließlich von Juden geschrieben und von Juden gehalten wird. ,1m Wirtschaftsleben, in der Politik, ja, sogar in der Kunst und Literatur gibt sie den Ton an. Was will man noch mehr. Gewiß, es gibt eine ganz stattliche Anzahl von Juden, die es dank besonderer Fähigkeit, dank besonderen Glückes ■oder dank besonderer Charakterlosigkeit zu Macht und Ansehen gebracht haben. Aber was hat das Glück und die Macht dieser wenigen mit dem 'Elend der jüdischen Gesamtheit zu tun? Wir zählen in Oesterreich unter einundeinhalb Millionen Juden dreiviertel Millionen Luftmenschen und Bettler. Sie brauchen nicht etwa - nach Galizien zu gehen, suchen Sie nur hier im Bezirke und Sie-werden unter den Juden beispiellose Armut finden. Das Anwachsen der Millionen unserer Kapitalsmagnaten hat den Perzent dieser Bettler und Luftmenschen noch nicht um ein'Promille heruntergebracht! Der Umstand, daß die Frau des geadelten Juden Y. von der höchsten Aristokratie empfangen wird, hindert nicht, daß das Kontingent jüdischer Prostituierter aus Galizien und Ungarn stetig wächst. Der Umstand, daß un Hause Rothschild der Kurszettel gemacht wird, hindert | nicht, daß der kleine jüdische Kaufmann, insbesondere in der Provinz, vor jedem antisemitischen Schlagworte zittern muß. Von dem Reichtum und von der Machttülle der jüdischen Finanzbarone, der sogenannten jüdischen Pressse und politischen Gesellschaft hat die Gesamtheit gar nichts. Diesen Faktoren fällt es nicht im Traume ein, ihre Macht zugunsten. des Judentumes geltend zu machen. Die Solidarität zwischen den obersten jüdischen Schichten und dem Volke existiert nur in der überhitzten Phantasie der Antisemiten, die da glauben, daß das jüdische Kapital Unsummen zur Bekämpfung des Antisemitismus mobil macht. Unsere reichen Stammesgenossen stehen dem Volke so fern als nur möglich, die meisten von ihnen sind Deserteure, die da trachten, so bald als möglich aus dem Judentume zu flüchten. Wenn nicht in der 1. Generation, so in der 2. oder dritten. Und diejenigen unter ihnen, die aus gewissen traditionellen oder sonstigen Gründen dem Religionsbekenntnisse treu bleiben und ihre Kultussteuer weiterzahlen, stehen uns ebenso trem gegenüber, Wie die Getauften. Angeblich soll es uns zur größten Ehre und zum größten Nutzen .gereichen, daß sich die Herren Taussig, Rothschild und einige Gut tmanns nicht haben taufen lassen. Ich für mein Teil kann darin absolut keine Ehrung erblicken. Ja, wenn ein armer Teufel von Tür zu Tür gejagt wird, weil er Jude ist, wenn er kein Amt, kein Brot findet und trotzig dep Riemen fester um den hungrigen Magen schnürt und sagt: „Lieber krepieren, als ^um Kreuze zu kriechen, als vom Judentume abfallen!“ So ein Mann gereicht uns zur Ehre! Nicht aber die Millionäre, die sich den Luxus gestatten, Israeliten zu bleiben! So etwas Niedriges, so etwas Obskures ist das Judentum -denn doch nicht, daß wir Uns einen gewaltigen Braten draus machen sollten, wenn irgend ein reicher Herr so gnädig ist, sich nicht taufen zu lassen. Die Ehre seh ich nicht, aber auch nicht den Nutzen. Was hats, uns genützt, daß der Taussig Jude geblieben? Für einen Subskriptionsgewinn von paarmal hunderttausend Kronen hat dieser treue Jude dem Pogromzaren Geld geliehen für seine Huligans, Geld zum Niedermetzeln unserer russischen Brüder! Und die Herren Rothschilds und Gutimanns, was tun denn die, um unser Ansehen zu stärken und unsere Lage zu bessern? Vor wenigen Wochen haben sie ein paar tausend Kronen für das Denkmal unseres Freundes Lueger gespendet, das geschah wohl zur Stärkung unseres Ansehens? Und um unsere wirtschaftliche Lage zu bessern, haben sie in ihren Industriewerken die Judensperre eingeführt. Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als daß ein jüdischer Techniker in Witkowitz, dem großen Eisenwerke der Rothschilds und Guttmanns, angestellt wird. Wo ist also der Nutzen, den uns diese Herrschaften bieten? Ihre Millionen lasten schwer aut (Unserem Rücken, der Reichtum und die Macht unserer Finanzbarone wird den ärmsten Juden zum Vorwurfe gemacht, sie haben uns in den Ruf der Blutsauger und Profitjäger gebracht. Aber Schutz vor Verfolgung und Schutz. unserer Interessen haben sie uns nie geboten. Dafür müssen wir schon selber sorgen, wir müssen trachten die mitleren und arbeitenden Stände wehrhaft zu machen, ihnen gesellschaftlichen und politischen Einfluß zu verschaffen. Das geeignetste Mittel hiezu bilden die uns verliehenen jüdischen Reichsratsmandate. Wir können sie daher nicht entbehren, wir können sie nicht verschenken, weder an die Deutschen, noch an die Soizaldemokratie, sie müssen jüdisch bleiben! Meine Herren! Als Juden und als Oesterreicher haben Sie bei der Abgabe Ihrer Stimmen drei Probleme im Auge zu behalten. Die Judenfrage, resp. die Frage des Antisemitismus, die Nationalitätenfrage und die Wirtschaftsfrage. Wenn Ihnen die Sanierung der tristen jüdischen und österreichischen Verhältnisse wirklich am Herzen liegt, so dürfen Sie sich nur zu jenem Programme bekennen, daß aut jede dieser drei Fragen eine ausreichende Antwort gibt. Bleiben wir bei der Judenfrage. Um Ihre Stimmen bewerben sich die Vertreter der deutschliberalen und sogenannten deutschdemokratischen Gruppe und die Sozialdemokraten. Im Judenpunkte sind diese Herren, so grundverschieden sie auch sonst sein mögen, einander völlig gleich. In normalen Zeiten weicht diese Sorte von Politikern der Judenfrage im weitesten Bogen aus, nur im Kandidatenstadium sehen sie sich zur Stellungnahme genötigt und tun die Geschichte mit zwei Erklärungen ab. Sie erklären einerseits, sie für ihre Personen seien keine Antisemiten und bezeichnen anderseits den Antisemitismus als verdammenswert, als etwas Schlechtes und Reaktionäres. Nun, wir Juden sind ja den Herren Mittler, Ofner und Austerlitz sehr dankbar dafür, daß sie keine Antisemiten sind!. Als boshafte Leute könnten wir zwar dieses Verdienst als etwas unfreiwillig ansehen, da ja den Geschätzten die Möglichkeit, Antisemiten zu sein, bei der Geburt vorweggenommen wurde, aber wir fragen bloß, ob denn dieser Umstand genügt, dem Antisemitismus der andern auch nur ein Jota an Stärke zu benehmen? Werden die Wolfs, Geßmanna und Stransky’s sofort zu ihren Gesinnungsgenossen laufen und sagen: „Mittler und Austerlitz haben gesagt, daß der Antisemitismus eine Gemeinheit sei, also streichen wir rasch den Judenparagraphen aus unserem Programme!“ Bei allem Respekt vor den genannten Herren, sind wir nicht so optimistisch, das zu glauben. Nicht mit Phrasen, mit Taten muß man aut Aeußerungen des Judenhasses reagieren. Lust zu solchen Taten werden Sie aber weder im Lager der Herren Dr. Mittler und Otner, noch im Lager des Herrn Austerlitz finden. Der deutschtreiheitliche Verband — die Freiheit verzeihe mir, daß ich sie in einem Atem mit dieser Gesellschaft zu nennen gezwungen bin — der deutschfreiheitliche Verband steht unter dem absoluten Kommando rüder Antisemiten, das Hausiergesetz, der Schmidsche Schuläntrag ist das Werk dieser Partei. Juden ä la Hock, Kuranda und Mittler werden nur als Lakaien betrachtet, in die gute Stube dürfen sie nicht herein und müssen froh sein, wenn sie draußen im Vorzimmer den deutschnationalen Stiefel putzen dürfen. Glauben Sie, daß unter solchen Umständen dem Judentume damit gedient ist, wenn Sie, die Juden der Leopoldstadt, deutschfreiheitlich wählen, glauben Sie, daß Sie damit den Antisemitismus auch nur im geringsten schwächen? Im sozialdemokratischen Lager liegen die Dinge wohl wesentlich anders, aber, auch dort werden Sie vergeblich nach Sdiutz jüdischer Interessen heischen. Keine der großen jüdischen Elends fragen hat dort ein Echo gefunden. Die Schänkertrage hat dort alles kalt gelassen, 50.000 Juden wurden ins Elend gejagt, die große sozialdemokratische Partei hat kein Wort des Mitleids, geschweige denn der Abwehr gefunden, aus prinzipiellen Gründen müssen es die Sozialdemokraten ablehnen, den Sorgen und Bitternissen des kleinen jüdischen Mittelstandes Teilnahme zu beweisen, sie wollen keine Judenschutztruppe sein. Wir Juden aber sind verfolgt und bedroht, wir brauchen eine Judenschutztruppe. Allerdings keine, die aus fremden Söldnern besteht, aus gnädigen Herren, die etwas weniger antisemitisch sind, als die anderen und jüdische Stimmen und jüdisches Geld huldvollst in Empfang nehmen. Nein, wir brauchen eine Schutztruppe, die aus entschlossenen Volksgenossen, aus kampfbereiten Juden besteht. Wir Jüdischnationalen haben uns als Schutztruppe formiert. Wir wollen alles, was jüdisch ist, organisieren. So jung wir als Partei sind, so ist es uns doch gelungen, vieles zu schaffen. Wir haben unseren grimmigsten Verächtern Respekt vor dem jüdischen Namen beigebracht, wenn irgendwo im weiten Oesterreich ein Jude als Jude geschädigt wird, so kann er unserer Hilfe gewiß sein. Wir haben keine deutsche oder sozialdemokratische Parteileitun g um Erlaubnis zu bitten, ob wir dem Bruder in Galizien oder in Mähren helfen dürfen. „Der Jude gehört zum Juden,“ das ist unsere Parole. Wenn Sie aber glauben, die bessere Parole heißt: „Der Jude gehört zum deutschen Schulverein, zum Antisemiten, zum Wolf und Vergani,“ dann, bitte, wählen Sie die Deutschfreiheitlichen oder den deutschen Sozialdemokraten, den „deutschen“ Mittler, Ofner oder Austerlitz! Auf die Judenfrage gibt weder das deutschfreiheitliche, noch auch das sozialdemokratische Programm eine ausreichende Antwort! Es kommen nunmehr jene Fragen in Betracht, die nicht nur für uns Juden, sondern Zivnostenskä banka Filiale Wien i. Herrengasse 12. EINLAGEN [auf Büchel: EINLAGEN im Konto nach Vereinbarung. 4 01 [ Aktienkapital und Reserven: K 75 Millionen. Wechselstuben . In Wien: 1. Herreng. 12, 11. Praterstr. 24, VH. Mariahilferstr. 84, X. Favoritenstrasse 95, XVI. Nenlerchenfelderstrasse 41. 'Stahlkammer mit vermietbaren SAFES. Abonnement von K an. Abonnements für die Reisesaison K 10. ronK 12.— I ]Verzinsung lg Q f| Kulante Besorgung aller Bank- und Börsentransaktionen, gegen Bank8Ctllll(iv er schreib ungen: I2 Io Zentrale in Prag, gegn 1868 — Filialen t Brünn, Budweis, Iglau, Klattau, Krakau, Lemberg, Olmfltz, Mährisch-Ostrau, Pardubic. Pilsen, Piaek, ProBnitz, Tabor, Triest.