Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 18 (4.5.1911)
- Date
- 1911-05-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 18 tions-Komitees der zionistischen Organisationen statt, ferner eine Direktoriums-Sitzung und Generalversammlung des jüdischen Nationalfonds, eine Aufsichtsratssitzung der Jüdischen Kolonialbank und Generalversammlungen der Anglo- Palestine Company und der Anglo-Levantine Banking-Company. Zirka 25 Herren aus Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Holland, Belgien, Frankreich, England und Rußland hatten sich zu den Beratungen eingefunden. Es wurde eine Reihe wichtiger Beschlüsse gefaßt, namentlich ' betreffs verschiedener Unternehmungen in Palästina. Einen Hauptteil der Beratungen des Aktions-Komitees bildete-die Besprechung der Lage des Zionismus in der Türkei im Anschluß an die jüngsten zionistischen Debatten in der türkischen Kammer. Mit Bezug hierauf gelangte folgende Resolution zur Annahme: „Das Aktions-Komitee hat sich eingehend mit der L,age des Zionismus in der Türkei und mit den Berichten, die es von' dort erhalten hat, beschäftigt. & ist dabei zur Ueberzeugung gelangt, daß die in der letzten Zeit gegen den Zionismus erhobenen Anklagen nur auf einer mangelhaften Kenntnis des wahren Charakters des Zionismus und auf einer unrichtigen Auffassung seiner Bestrebungen und seiner Ziele beruhen. Das Aktions-Komitee ist fest überzeugt, daß die zionistischen Bestrebungen in vollem Einklang mit den Interessen des ottomanischen Reiches stehen, und betrachtet es als seine Aufgabe, seine Bemühungen in der Türkei dahin zu richten, daß der wahre Inhalt und die Ziele der zionistischen Bewegung richtig erfaßt werden.“ In der Direktoriumssitzung des Jüdischen Nationalfonds wurden einige Beschlüsse betreffend einer Häuserbaugesellschaft in Jaffa, Neubauten an den Bezalelgebäuden in Jerusalem und in d er Filigranarbeiterkolonie Ben-Schamen, die Einrichtung einer landwirtschaftlichen Schule bei Lydda, Verträge mit der Siedlungsgesellschaft „Erez Israel“ (Opennheimersdie Siedlungsgenossenschaft) usw. gefaßt. # In der Generalversammlung des JNF. erstattete Herr Dr. Bodenheimer das Referat, dem wir vorläufig folgendes entnehmen: Das abgelautene Jahr 1910 hat einen Aufschwung der NF Sammlungen gezeigt, der umso erfreulicher ist, als nebstbei für die Siedlungsgenossenschaft statt der in Aussicht genommenen 100.000 Fr. bisher schon 120.00U M. aufgebracht wurden. Allerdings hat sich seither ergeben, daß mit jenen 100.000 Fr. das Auslangen nicht wäre gefunden worden. Während die meisten Land es sammelstellen, darunter jene von Oesterreich, deren Leiter wärmstens begrüßt wurde, ihre Pflicht erfüllten, versagte Frankreich so sehr, daß es nicht einmal die Verbindung zwischen dem NF-Hauptbüro und den französisch sprechenden Juden Nordafrikas herzustellen imstande war. Das Hauptbüro verspreche sich von dem neuen Flugblatt Nr. 10 und den Lichtbildern, welche die NF-Ländereien In Palästina darstellen, samt begleitendem Vortrag eine kräftige Belebung der Propaganda. Wenngleich der Versuch, andere jüdische Institutionen zum Bau von Arbeiterhäusern in den Kolonien mit heranzuziehen, bis nun mißglückte, sei das Hauptbüro entschlossen, diese Bautätigkeit fortzusetzen. Die Absicht, den Jerusalemer Chalukahjuden mit Hilfe des Misrachi, die Gründung einer landwirtschaftlichen Kolonie zu ermöglichen, führte noch nicht zur Verwirklichung, da die von jenen Kolonisten beizustellende Minimalsumme noch ausstehe. Das Landstück H a 11 i n, dessen Bebauung durch die Zersplitterung in viele Parzellen gehindert wurde, durfte von der Ica übernommen werden. Die mehrseitig laut gewordenen Befürchtungen, als würden 6 M .zur Pflanzung eines Oelbaumes nicht genügen, erscheinen laut Gutachtens des Palästinaamtes grundlos. Die Palästina - Liege.nschaftskarte des JNF ist die beste, welche es überhaupt gibt, und hat bereits in einem wichtigen Falle Klärung über die Lage und Zugehörigkeit einer Baulichkeit gebracht. Die Ueberleitung der NF-Buchführung von London nach Köln hat sich bestens bewährt, sowohl wegen der Kostenersparung als auch, weil jetzt kontinentale Währung und -Buchführungsmethoden eingeführt werden konnten. Die Investition der NF-Gelder in Palästina ist seit dem Vorjahre viel intensiver geworden. So waren 1909 dort 885.000 M. d. h. 48 Prozent des Gesamtkapitales investiert, 1910 aber schon 1,500.000 M. d. h. 61 o/o. Dr. Bodenheimer bemerkte auf eine Anfrage, Dris’ Marmorek-Paris, unter dem Beifall besonders der russischen und österreichischen Delegierten, das NF-Direktorium gedenke auf diesem Wege fortzufahren bis zu der durch tj 57 des NF- Statutes gebotenen Grenze, wonach ein viertel des NF-Vermögens liquid bleiben müsse. Die Arbeit aut dem Gute der Siedlungsgenosse n s c h att, vormals Schule, nunmehr hebräisch „Merchawiah“ (d. h. Erweiterung, Ausbreitung, Entwicklung) habe schon unter Leitung des Agronomen Dick bereits begonnen, während sich gleichzeitig Agronom Golde der Oelbaumpflanzung widme. Der Zuschuß des NF .für die Häuser der jemenitischen Bezalel-Arbeiter in Ben Schämen wurde von 20.000 Fr. zwecks Baues einer Mikwah und Wiederherstellung einer althebräischen Zisterne auf 26.600 Fr. erhöht. Ein drohender Strike in Kinereth wurde durch Intervention des Palästinaamtes beigelegt. Nach dem Muster der Achuzath Baith hat sich zwecks Ausbaus des Stadtviertels „Teil Awiw“ eine Häuserbaugenossenschaft N a c hlath B e n j a mi n gebildet, welcher der. NF durch geeignete Kreditführung beizuspringen entschlossen sei. Bezüglich des Verhältnisses tur PLDC betonte Dr. Bodenheimer das dem JNF vertraglich, zugesicherte Recht, .der Ausgabe neuer Gründershares jeweils zuzustimmen. Dieses Referat fand allseitigen Beifall und, nachdem einige Delegierte, darunter Dr. Zweig, ihre Anregungen vorgebracht hatten, schloß Dr. Bodenheimer mit dem Appell zu rastloser Arbeit, da diese allein die weitere Aufwärtsentwicklung des JNF verbürgen könne. Re de des Kandidaten für die Leopoldstadt I, Ingenieur Rpbert Stricker. (In der Wählerversammlung am' 27, ApriLl Als die österreichische Regierung während der Beratungen über die Wahlreform daran ging, die Wahlkreise an die verschiedenen Nationen auf z uteilen, lag die Gefahr nahe, daß diese Aufteilung über die Köpfe der Juden hinweg, d. h. ohne Berücksichtigung der Juden erfolgen würde. Es war dies umso wahrscheinlicher, als die offiziellen Repräsentanten der Judenschaft, weder die Kultusgemeinden, noch die jüdischen Politiker, Neigung zeigten, bei der Regierung zu intervenieren. Damals unternahm es der noch kleine Jüdische Nationalverein für Oesterreich die fast verlorene Sache zu retten. Durch Veranstaltung von Versammlungen im ganzen Reiche gelang es, die Aufmerksamkeit der jüdischen Bevölkerung aut diese so wichtige Angelegenheit zu lenken. Nach wenigen Wochen bereits war der Vorstand unseres Vereines in der Lage, dem Minister des Innern ein Memorandum zu überreichen, welches über 100.000 Unterschriften von Wählern trug und in welchem die Einräumung jüdischer -Mandate energisch gefordert wurde. Die Regierung erkannte die Berechtigung dieses Begehrens an und änderte die bereits getroffene Wahlkreiseinteilung derart ab, daß tatsächlich eine größere Anzahl von Kreisen mit jüdischer Majorität erstanden. Nun erinnerten sich urplötzlich die offiziellen Juden, die mit den Deutschliberalen und dem Polenklub verhandelten und verbastelten Kultusvorstände, Gemeinderäte, Abgeordnete u. a., an ihren Beruf und begaben sich gleichfalls zum Minister des Innern. Allerdings nicht, wie jeder Normaldenk'ende erwarten würde, in ' der Absicht, den bereits vorgetragenen Wunsch ' nach einer jüdischen Vertretung im Parlamente zu unterstützen, sondern sie bemühten sich, die Schaffung von jüdischen Wahlkreisen zu hintertreiben. Sie behaupteten, daß die Juden gerne auf jeden politischen Einfluß verzichten, ger.ne de» anderen Parteien dienen und absolut nichts für sich verlangen. Wer eine Sammlung der erbärmlichsten und schmachvollsten Kapitel aus der jüdischen-Geschichte veranstalten will, darf dieser .Episode nicht vergessen. Das Andenken an diese Szene, das Andenken daran, daß jüdische Vertreter einen christl. Minister um Entrechtung und politische Verkürzung ihrer Volksgenossen förmlich anflehten, verdient gewiß festgehalten zu werden. Der damalige Minister des Innern besaß genug Gerechtigkeitsgefühl und Einsicht und wies dieser sonderbaren Deputation, die aus Vertretern der großen Kultusgemeinden und anderen deutschünd polnischliberalen „israelitischen“ Kapazitäten bestand, die Tür. Die jüdischen Wahlkreise wurden geschah . fen, gegen den Willen der offiziellen Juden geschaffen, und einer dieser Bezirke ist der Wahlkreis Leopoldstadt I. Wenn ich Ihnen, meine Herren, in Kürze die Entstehungsgeschichte des jüdischen Wahlkreises Leopoldstadt erzählt habe, so geschah das keineswegs, um etwa ein verbrieftes Anrecht mefner Partei, der jüdischen Nationalpartei, auf das Mandat zu beweisen. Wir Jüdischnationale haben diesen Wahlkreis geschaffen, aber nicht mit der Absicht, uns ein Mandat, sondern um der gesamten österreichischen judenheit eine Vertretung im Parlamente zu sichern. Das Verleihungsrecht steht ja nur Ihnen zu. Und wenn wir im freien Wettbewerbe mit anderen Parteien um dieses Mandat kämpfen, so weisen wir als Legitimation einzig und allein unser Programm vor. Wir sagen nicht: „Wählt den Jüdischnationalen, weil Judischnationale diesen Wahlkreis geschaffen haben!“ Wir sagen: „W äh 11 den Jüdischnationalen, weil sein Programm ein gutes ist!“ Der Rückblick aut die Entstehung dieses Wahlbezirkes hat einen anderen Zweck. Er soll Sie, meine Herren Leopoldstädter Wähler, daran erinnern, daß dieser Wahlkreis nicht allein mit Rücksicht auf die Leopoldstädter Juden, sondern mit Rücksicht aut alle österreichischen Juden errichtet wurde, daß daher dem Vertreter dieses Kreises nicht allein die Vertretung Leopold Uädter Bezirksinteressen, sondern die Vertretung gesamtösterreichischer, gesamt jüdischer Interessen obliegt. Und wenn Ihnen, den Wählern dieses Bezirkes, die ehrenvolle Aufgabe zufällt, ein Mandat, das in gewisser Hinsicht moralischer Besitzstand aller österreichischen Volksgenossen ist, zu vergeben, so dürfen Sie sich hiebei nicht' engherzig zeigen, Sie dürfen sich nicht lediglich von Bezirksinteressen, von einseitigen Standesinteressen leiten lassen. Die Kaufleute dieses Bezirkes haben gewiß ein Anrecht darauf, daß ihr Vertreter voll und ganz für kaufmännische Interessen eintritt, die Handelsangestellten Und Beamten, daß er ihren Standesinteressen Verständnis und werktätige Teilnahme entgegenbringt. Aber diese Stände haben keineswegs das Recht, die parlamentarische Vertretung ausschließlich für sich, für ihre Standeszewcke zu reklamieren. Es gibt jüdische Gewerbetreibende, Arbeiter, Techniker und jüdische Angehörige freier Berufe und diesen steht doch das gleiche Recht zu. Dem Schlagworte „parlamentarische Vertretung der Stande sinteressen“ liegt wohl ein gesundes Streben zugrunde, aber es ist mit diesem Schlagworte zu stark herumgeworfen worden. Insbesondere meine Kollegen, die Herren Reichsratskandidaten, huldigen etwas zu ausgiebig dieser Mode. Wenn sich der Kandidat um 6 Uhr der Genossenschaft der Liqueurerzeuger vorstellt, so wird er nicht verfehlen zu beteuern, daß er diesen Stand für den wichtigsten hält, daß er sich die menschliche Gesellschaft ohne Liqueurerzeugung einfach nicht vorstellen kann, und daß er seine ganze Kraft, sein ganzes Wissen, sein ganzes Können, seine Tage und seine Nächte in den Dienst der Liqueurerzeugung stellen wird. Die Böhmische Industrial-Bank-Filiale iß Wien, I., Wipplingerstr. 2 Telephonnflmmern 23067,23068, 23069, 18347,21813 — Aktten&apital K 30,000 000. besorgt sämtliche Bank- und Wechselstubengeschäfte JL und verzinst die Einlagen auf Einlagsbücher mit - - - ' Die Rentensteuer trägt die Bank aufs Eigene. 11 0 4? 0