Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 18 (4.5.1911)
- Date
- 1911-05-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 18 Juden Wiens, reklamieret Euer Wahlrecht! Eine flüchtige Durchsicht der Wählerlisten ergibt, daß hunderte jüdischer Wähler nicht enthalten sind. Es ist die Pflicht eines jeden Juden sein Wahlrecht zu reklamieren. Für den Wahlkreis V. {Leopoldstadt I}, wo vom Jüdischen Nationalverein Gg. Robert Stricker, Ingenieur der k. k. Staatsbahnen, III., Bechardgasse 24 als Kandidat aufgestellt wurde, besteht ein eigenes Reklamationsbüro im Kaffee „Goldener Brunnen“ 11-, Schmelzgasse 1, Telephon Nr. 15117. Daselbst liegt die Wählerliste zur Einsicht auf. Reklamationen werden unentgeltlich besorgt. Auch an die Parteigenossen der anderen Bezirke ergeht die dringende Aufforderung, sofort in den Wählerlisten Nachschau zu halten und das Wahlrecht sofort zu reklamieren. Insbesondere werden dieGesinnungsgeno ssen im 9. Bezirke aufmerksam gemacht, daß ein großer Teil in die Wählerliste nicht auf genommen wurde. Auch diese mögen ihr Wahlrecht sofort reklamieren. Rote Assimüanten als Judenfeinde. Noch gibt es eine starke Schicht bürgerlicher Juden, welche in der Sozialdemokratie die Retterin gegen den Antisemitismus sieht. Sie denken, daß diese Partei, welche die unbedingte Gleichheit aller Mensdien als i'hr oberstes Postulat verficht, doch selbstverständlich jede Verfolgung von Bürgern wegen ihrer Nationalität oder Konfession perhorreszieren müßte. Die Haltung der sozialdemokratischen Partei und ihrer Presse in der letzten Zeit hat aber bewiesen, daß sie weder die Interessen der Juden verficht, noch selbst von Antisemitismus frei ist. Insbesondere können sich die roten Assimilanten in Judenfresserei nicht genug tun. Wir haben das in unserem Blatte des öfteren angenagelt und damit viele Juden von ihrer Schwärmerei für die Sozialdemokratie geheilt. Diese Partei aber glaubt noch immer, sie könne den Juden gegenüber ihre den Liberalen abgeguckte Taktik: ihnen Fußtritte zu versetzen, aber sie trotzdem als Stimmvieh. zu zählen, fortsetzen. Sie wagt es, den Juden der Leopoldstadt den Herrn Fritz Austerlitz als Kandidaten zuzumuten, welcher Genosse nicht nur schon längst aus dem Judentum ausgetreten ist, sondern der auch als oberster Chef des roten Antisemitenorgans, genannt „ Arbeiter - Zeitung“, fungiert. Wir werden in Kürze eine Blütenlese judenfeindlicher .Ausfälle dieses Blattes zusammenstellen und sie den jüdischen Wählern der Leopoldstadt präsentieren. Es wird daraus klar hervorgehen, daß die roten Assimilanten noch ärgere Volksverräter sind, als ihre liberalen Geistesverwandten, was sich übrigens erst kürzlich in einer Wähler Versammlung, die am 27. April im Hotel Post stattgefunden hat, aufs klarste dokumentiert hat. In dieser erhob sich ein getaufter Jude und sozialistischer Führer, Herr Dr. Robert Danneberg, um zu erklären, daß es ni cht ausgemacht sei , daß die Sozialdemokraten nicht für die Christlichsozialen stimmten! Scham und Zorn muß angesichts dieser Haltung eines jüdischen Renegaten jjeden fehrlich denkenden Volksgenossen erfassen, er sei welcher Gesinnung immer. Es gibt wohl kein besseres Beispiel für die verderbliche Wirkung der Assimilationslüge auf den sittlichen Charakter der Menschen, als das Schauspiel, wie ein sozialistischer Jude erklärt, für einen Antisemiten stimmen zu wollen! Auch in der sozialdemokratischen Partei selbst muß diese Haltung der jüdischen Genossen Eckel erregen und den Antisemitismus innerhalb ihrer Reihen nur noch steigern. Genau so, wie wir den Hinauswurf der Juden aus der deutsch-liberalen Partei vorausgesagt haben, können wir mit Sicherheit prophezeien, daß sich dasselbe im sozialdemokratischen Lager abspielen wird. Wir hoffen aber, daß die jüdischen Wähler es gar nicht dazu kommen lassen und sozialistischen Assimilanten vom Schlage eines Danneberg oder Austerlitz ihre Stimmen nicht geben werden. Selbst die Sozialdemokratisch organisierten Juden in der Leopoldstadt brauchen ihrer Ueberzeugung keinen Zwang anzutun, wenn sie statt eines Austerlitz unseren Kandidaten wählen, der an wahrhaft freiheitlicher Gesinnung und sozialem Empfinden dem ehrlichsten Sozialisten nicht nadisteht. Der Rassenkongress und die, Assimilanten. Eine große Gefahr droht allen Vertretern der Assimilation. Ende Juli findet in London ein Rassenkongreß statt, dessen Veranstalter, Männer der Wissenschaft, natürlich auch die Juden als eine besondere, ja sogar als eine orienta- Jische Rasse ansehen. Da auf der Tagesordnung des Kongresses Referate über die einzelnen Rassen stehen, so ist natürlich auch ein solches über djf jüdische Rasse angesagt worden. Mit dem ersehenen Referenten über dieses Thema, Mr. Zangjwill, den seine besten Freunde nicht als einen Wissenschaftler ansehen können, hatte man allerdings gerade keine glückliche Wahl getroffen. Immerhin, man konnte auch vom zionistischen Standpunkte zufrieden sein, daß über die jüdische Rasse verhandelt werden soll und das Aktionskomitee beschloß die Entsendung einer Deputation zu diesem Kongreß, der unter anderem auch Dr. Zollschan aus- Wien, der Autor des Buches: „Das Rassenproblem“ angehören soll. Da erscholl plötzlich ein Angstschrei aus dem Assimilantenlager. Ein bekannter englischer Zionistentöter, Prof. .Waldstein (übrigens ein deutscher Jude) schlug in den Zeitungen Lärm, und damit war das Signal gegeben, über die Veranstalter des Kongresses herzufallen, die, obzwar selbst Juden, so vorurteilslos waren, die Existenz einer jüdischen Rasse zu konstatieren. Die Argumente, die man gegen diese wissenschaftliche Feststellung erhob, waren natürlich die denkbar läppischsten. Prof. Waldstein machte gegen die Einreihung der jüdischen Rasse in die orientalichen Rassen geltend, daß sie in den europäischen Ländern, länger wohnen, als die meisten andern Völker. Das ist genau so geistreich, als wenn jemand jene Chinesen,, weldhe seit mehr als tausend Jahren auf den Philippinen wohnen, deshalb als Angehörige der malayischen Rasse betrachten würde. Und so ging die Polemik weiter. Schließlich mußten die Veranstalter schweren Herzens und gegen ihre bessere Ueberzeugung, das Referat über die jüdische Rasse vom, Kongreßprogramm streichen, weil, wie sich der Sekretär des Kongreses ausdrückte, dieser auf der Linie des geringsten Wiederstandes bewegen müsse. Es ist nunmehr völlig in Frage gestellt, ob auf dem Rassenkongreß überhaupt von der jüdischen Rasse wird gesprochen werden können. Angesichts des Zweckes des Kongresses, die Rassenvorurteile zu beseitigen und der Tatsache, daß niemand unter diesen in Europa so sehr leidet, wie die Juden, kann man ruhig sagen, daß durch das Treiben der Assimilanten dem Kongreß von vorneherein ein gut Teil seiner Bedeutung und seiner Wirkungsmöglichkeit genommen wurde. Wieder einmal zeigt es sich deutlch, welches furchtbare Hemmnis für eine Klärung der Judenfrage die Assimilanten bilden, die durch ihre Halbheit für das Judentum selbst nichts leisten können, aber überall dort, wo mit unsäglicher Mühe ein Schritt zur Besserung der Verhältnisse gemacht wird, hemmend oder gar' zerstörend wirken. Der Kampf gegea den Renegaten Dr. Josef Redlich. Die Erfahrung .lehrt, daß Täuflinge immer in solchen Wahlkreisen als Wahlwerber auftreten, in welchen die Wahl von jüdischen Stimmen' abhängt. Sie gehen dabeioffenbar von der Voraussetzung aus, daß die jüdische Wählerschaft dieselbe Charakterlosigkeit besitzt, welche den Kandidaten auszeichnet. Dr. Josef Redlich,’ welcher abermals im Gödinger Wahlkreise kandidiert, hat jedoch diesmal seine Rechnung gemacht, ohne das mächtig erwachte jüdische Selbstbewußtsein zu berücksichtigen. Die jüdische Wählerschaft ist fest entschlossen, sich diesen Täufling nicht mehr aufdrängen zu lassen und begrüßt überall aufs Freudigste die Kandidatur Lucian Brunners. Schon die Aufstellung R e d 1 i c h s spricht allen demokratischen Grundsätzen Hohn. In Göding sind vor kurzer Zeit sieben Personen zusammengekommen und haben — selbstverständlich einhellig — die Kandidatur Redlich s beschlossen. Diese wackeren sieben Schwaben leben teilweise von den Redlich’schen Zuckerfabriken oder gehören zumindest zu seiner nächsten Verwandschaft. Man kann sich also denken, daß für ihre Entschließung einzig und allein die Rücksicht aut das Volkswohl maßgebend war. Nicht schart genug kann es verurteilt werden, daß an der Spitze dieses Komitees der Kultusvorsteher von Göding Dr. Ludwig Körner steht; daß Herr Redlich den Interessen dieses Mannes sehr nützlich ist, kann man ja nicht leugnen. Es wird aber gut sein, wenn die jüdische Oeffentlichkeit diesen sonderbaren Kultusvorsteher und eitrigen Wahlmacher eines christlich- Sozi alen Täuflings nachdrücklichst darüber belehren wird, daß er durch seine Aktion die Ehre der ihm anvertrauten Gemeinde und der ganzen jüdischen Gemeinschaft aufs Schwerste schädigt. Die Versammlung in Lundenburg. Auch der Kultusvorstand von Lundenburg kann sich sehen lassen! Kaum hatte er erfahren, daß der Jüdische Nationalverein eine Wählerversammlung für den 29. April einberuft, als er schleunigst eine Sitzung abhielt und beschloß — von der Versammlung ternzubleiben. Diesen Beschluß teilte der Kultusvorsteher Joset Holländer ■ Herrn Lucian Brunner sogar telephonisch mit. Die Antwort, die er erhielt, wird er wohl nicht in sein Gedenkbuch eintragen. Von der Ueberzeugung durchdrungen, daß es die vornehmste Aufgabe eines jüdischen Kultusvorstehers sei, die Wahl eines Renegaten zu sichern, ging dieses rare Exemplar eines Verwalters religiöser Angelegenheiten von Haus zu Haus und agitierte gegen den Besuch der .Versammlung. Er schreckte nicht einmal vor strafwürdigen Handlungen ' zurück, indem er den Funktionären der Kultusgemeinde unter Drohungen den Besuch der Versammlung verbot. Nichtsdestoweniger war der große Saal des Hotels „zur goldenen Krone“ bis-aufs letzte Plätzchen gefüllt. Als der Obmann des „Jüdischen Natiorialvereins“,'Dr. Jakob Ehrl ich, Hot -und Gerichtsädvokat in Wien, bei Eröffnung der Versammlung dieses schimpfliche Vorgehen des Kultus Vorstehers Joset Holländer mit den schärfsten Worten geißelte, brach die Versammlung in stürmische Pfuirufe gegen diesen Kultusvorsteher aus und die Entrüstung der Versammlung erreichte ihren Höhepunkt, als der Redner den Mißbrauch der Stellung als Kultusvorsteher beim rechten Na- ’ men nannte. Als nächster Redner sprach Dr. Fritz Löhner, Schriftsteller aus Wien. Er sprach über die Verwerflichkeit des Abfalls vom Judentum und schilderte in drastischer Weise das Buhlen R e d 1 i c h s um die Gunst der Christlidhsozialen. Seine temperamentvollen Ausführungen waren ein wahres Meisterstück und fänden den stürmischen Beifall der Versammlung. Nach ihm entwickelte der Kandidat Lucian Brunner in großangelegter Rede das Programm der jüdischen Nationalpartei. Er wurde wiederholt von den lauten Zustimmungskundgebungen der Versammlung unterbrochen, und als er seine Ausführungen endete, wollte der jubelnde Beifall der Versammlung kein Ende nehmen. Als letzter Redner sprach der Führer der Sozialdemokraten, Herr H o 1 a s e k. Auch er betonte die Notwendigkeit der Bekämpfung des Renegaten Redlich und erklärte, daß die Jüdischnationalen und Sozialdemokraten in diesem Wahlkampf dasselbe Ziel hätten: die Beseitigung Redlichs. Schließlich wurde eine Resolution einstimmig angenommen, in welcher dem Dr. Josef Redlich als einem Verräter des-Judentums und der Sache der Freiheit das Mißtrauen ausgesprochen und die Kandidatur Brunner genehmigt wurde. Der Eindruck, den die Versammlung aut die ' anwesenden Redlich-Abhänger machte, war ein so niederschmetternder, daß bei der Gegenprobe sich auch nicht'eine Hand erhob.' Eine improvisierte Versammlung, in Köstel. - Am 30. April fJassierten die früher genannten Gesinnungsgenossen .Kostei. Die. Nachricht von ihrer Anwesenheit hatte sich in der Stadt ras.ch verbreitet und bald-hatten sich die jüdischen Wähler im Restaurant Weigel versammelt, um.den Kandidaten Lucian Brunner zu begrüßen. Die Stimmung in diesem Ort ist eine vorzügliche und 'die "Empörung über die aber-