Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 18 (4.5.1911)
- Date
- 1911-05-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. Nr. 18. Wien, Freitag den 4. Mai 1911. V. Jahrgang. MWJWJJWWfJ* .■■L - ._ Montag, den 8. Mai'1911, 8 Uhr abends im Hotel Guth, II., Stefaniestr. 14. in welcher der Obmann des „Jüdischen Nationalvereines“ Dr. Jakob Ehrlich und der Kandidat des »V. Wiener Wahlkreises (Leopoldstadt I.) Robert Stricker Ingenieur der k. k. Staatsbahnen referieren werden. ■ MWJWJW*JtfJV Dis WaUfietregung in Galizien. (Von unserem Berichterstatter). Wenn man die Anstrengungen der galizischenMoschkos, Mandate zu erwerben, aus nächster Nähe beobachtet, erinnert man sich an die Fabel vom Wolf im Schafspelz. Dieselben Herren, welche vor der Oeffent- Iichkeit polnisch tun und im Parlamente ihre Zugehörigkeit zur polnischen Nation betonen, werden vor ihren Wählern Juden und konstruieren für sich einen bequemen Standpunkt den eines wässerigen A11judentums. Es ist ganz gleichgiltig, zu welcher Partei sie sich sonst bekennen; Sozialdemokraten, polnische Demokraten und Allpolen mosaischer Konfession vergessen im Wahlkampf ihre Programme und Prinzipien und spielen nur ein Instrument: Das jüdische. DieWölfe ziehen einen Schafs- . pelz an und behaupten, die besten und ergebensten Sachwalter des jüdischenVolkes zu sein. So konstruierten sie einen neuen Begriff »jüdischer Besitzstand« und klagen die Zionisten an, daß diese durch ihre böse und verderbliche Politik diesen Besitzstand schmälern, indem sie den »besten Juden«, wie sich die Assimilanten bezeichnen, jüdisch-nationale Kandidaten entgegenstellen. Der Erfinder dieses Schlagwortes ist der Krakauer »Tug«, der zwischenZionisten, Allpolen und Sozialisten keinen Unterschied zu entdecken vermag und die jüdischen Wähler mit; diesem wässerigen Begriff »jüdischer Besitzstand« zu täuschen versucht. Von dieser Seite rühren auch die Versuche her, Kompromisse zwischen Assimilanten und Zionisten anzubahnen; bald erscheint in dieser bald in . jener Zeitung eine »jüdische« Kandidatenliste, welche Namen wie Löwenstein, Diamant und Stand brüderlich vereinigt, unbekümmert darum, daß zwischenzionistischen undassimilatorischen Kandidaten nicht nur Interessenverschiedenheiten, solideren Weltanschauungsgegensätze bestehen. Natürlich ist an diesem Gerede der verschiedenen Assimilantenblätter nicht ein Wort wahr. Offenbar ist bei den Assimilanten der Wunsch, sich bei der Macht zu erhalten, der Vater des Kompromissgedankens. Die Zionisten stehen diesen Versuchen vollkommen ablehnend gegenüber, denn sie verstehen, daß zwischen Zionismus, dem nationalen Leben und der Assimilation, dem nationalen Tode, nur erbitterter Kampf auf Leben und Tod bestehen kann. Die Zionisten kennen nur einen Weg: den der Selbsthilfe und Selbstständigkeit. Die jüdischen Wählermassen billigen ihn und .wollen von den Assimilanten nichts wissen; Die Vorgänge : der letzten Tage bewiesen das in unzweideutiger Wqise. Wo sich ein Assimilant vor den-jüdischen Massen zu erscheinen traute, würde er in entschiedener Weise abgelehnt; hingegen erfreuen sich die zionistischen Versammlungen ungeheuren Zuspruches und schliessen mit einstimmig .gefaßten Vertrauensworten für die zionistische Politik. Aus den kleinsten Städtchen kommen jüdische Deputationen mit dem. Verlangen,., ihnen zionistische Kandidaten"zu schicken, damit die Wäfiler," unbekümmert um den Wahlerfolg, ihrem Herzenswünsche, der zionistischen Partei ihr Vertrauen äuszudrücken, nachkommen können. So offenbart sich denn jetzt deutlich, daß die jüdisch-nationale Politik eine wahre Volkspolitik ist, die bei den jüdischen Massen volles Verständnis und uneingeschränktes Vertrauen gefunden hat. M. W. Ein Stahlbad. Wahlzeiten sind die Wochen, da die Menschenwürde in den Kot gezerrt wird; Das Wort „Stimmvieh“ ist roh, aber zutreffend. Der Wähler wird herangepfiffen und herangeködert, wie ein Hund, den man vor den Fleischerkarren spannen will. Es sind die Tage, da die dunkelsten Existenzen im Mittagslicht in Gesinnung machen dürfen und gegen Taggelder Kandidaten Janzieren, wie der Strizzi seine Dirne. Man muß jetzt durch alle Gassen der Leopoldstadt gehen, man muß die Kaffeehausbörsen und Komiteeschacherbuden, die Wahlaktiengesellschaften und die ad hoc gebildeten Bruderschaften zur Erzeugung von Begeisterung studieren, man muß diesen bis in die Knochen kranken, tief unglücklichen jüdischen Bezirk nach allen Richtungen aushorchen — um jenes Maß von heiliger Leidenschaft, flammendem Zorn und mutiger Rücksichtslosigkeit aufzuspeichern, die nötig sind, wenn man hier Wandel schaffen will. Man hat — leider sehr zutreffend — die Leopoldstadt die Musterkarte des jüdischen Elends genannt. Hier reicht die Not des von der Scholle verjagten westlichen Landjuden dem spezifischen Martyrium des zugewanderten „Polnischen“ die Hände. Hohlwangiges Luftmenschentum des verzweifelten Proleten neben der lauernden Kaffeehauslungerei des deklassierten, falschspielenden Hochstaplers. Im Massenquatier trifft sich die westliche Tuberkulose mit dem östlichen Trachom, in den Straßen das allerletzte, das verhungernde Dirnentum mit der noblen Zuhälterei. Im Wirtschaftsleben hat der antisemitische Boykott alles auf den Kopf gestellt: der Kaufmann trägt seine Ausschußware mit sich und kriecht dem Kunden nach, anstatt daß die Kauflustigen in sein Gewölbe kommen, das er längst sperren mußte. Der Gewerbetreibende treibt Ratengeschäfte mit geborgten fertigen Stücken, anstatt sie selbst zu arbeiten, der Student steht irgendwo im Diurnium, anstatt zu lernen. Und es ist wie ein Hohn des Teufels: dieser potenzierte jüdische Jammer ist das Treib..ha us ge“w orden, in welchen die Schulen vorenthalten möchte, müssen gen Juden ge d e i-h t, die es mit ve r - schuldet haben, £_ Bis zum Ueberdruffi Wiederholtes seP.hier nicht“ nochmals .breitgetreten. Den Teutonenwahn des Herrn Mittler, der den Wiener Tschechendie Schulen vorenthqlten möchte, müssen immer neue jüdische Existenzen in den slavischen Provinzen büßen, die dann hier in Wien jene Reservearmee vergrößern, vonderet» Händen sich derselbe Dr. Mitter hinaufbeben lassen will. Um! solange Dr. Öftrer sein „deutsches Herz* auf der "Zunge trägt, wird ihm niemand glauben, daß er den Hausierern helfen kann — weil doch seine Deutschtümelei stets neue jüdische Desperados fabriziert. Damit aber das Maß des Unwillens voll werde, mag sich jeder von uns das niederträchtige Treiben unser israelitischen Kultusgemeindeclique vor Augen halten, welche für den deutschnationalen, antisozialen Juden Dr. Mittler mit Hochdruck arbeitet. Und nun ans Werk! Wir haben' einen Mann hinausgestellt, der über den kraftvollen Mut des Unbedingten verfügt. Wie kein' zweiter ist Robert Stricker geeignet den inneren Feinden des Judentums die Maske vom Gesicht zu reißen und den äußeren Feinden mit taktvoller Männlichkeit oder — wenns sein muß — mit stahlharter Faust zu begegnen. Wenn irgend einer, so vermag er’s, diesen verkrusteten Boden aufzubrechen und die Saat des bewußten, moderenen Judentums zu streuen. Dabei ist er ein kultivierter, hochentwickelter Geist von hervorragender politischer Begabung. Dieser Mann ist wiekein zweiter berufen, den Juden der Leopoldstadt ein Rückgrat zu werden. Das fühlen die Volksgenossen, die massenhaft in unsere Versammlungen strömen und unserem Kandidaten zujubeln, wenn er in seiner urkräftigen, unvergleichlichen Art sagt, was uns nottut — ohne Fräsen, ohne Konzessionen an die Masseninstinkte, ohne das kleinste Schmeichelwort für den „lieben“ Wähler. Der überreiche moralische Erfolg der eben erst begonnen Aktion wirkt auf uns alle zurück und jeder hat die frohe Empfindung, daß die Zukunft uns gehören muß. Hinein denn, Freunde, in den Wust von Ränken und Lügen und „Grad durch“! Dieser Wahlgang; ist ein Stahlbadi aus dem wir mit doppelten Kräften hervorgehen werden. Dr. O. A.