Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4_ , JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 17 daran, sich zu wehren oder auch nur zu protestieren. Denn die Moschkos im Polenklub mußten kuschen und durften es nicht wagen, sich der jüdischen Interessen anzunehmen. Mit diesen Hausjuden wurde das Volk mundtot gemacht. Und so blieb’s bis zum heutigen Tage. Wo waren die Moschkos bei der Schänkerfrage? Wann und wo haben sie sich wirklich, nicht nur zum S chein, jüdischer Volksinteressen angenommen? Wenn die Zionisten in den Polenklub eintreten wollten, wozu dann der Wahlkämpf? Wozu den Moschkos entgegentreten? Das hieße das jüdische Volk betrügen. Dieses ist durch die fütteren Erfahrungen politisch gereift und weiß, daß heute nur eine mannhafte, durch keine feigen Rüdesichten gehemmte Vertretung seinen Interessen helfen kann, daß nur Männer, denen ausschließlich diese jüdischen, nicht aber fremde Interessen am Herzen liegen, seine einzigen «Vertreter sind. Für eine Vergrößerung des Polenklubs setzen unsere galizisdien Brüder in den Wahlkämpfen ihre Existenz nicht aufs Spiel. Es gibt nach wie vor für die Zionisten nur eine politisch richtige Taktik: Die Entente mit den Ruthenen. Diese Taktik im Jahre 1907 haben die Wiener Zionisten, die angeblich von den so geheimnisvollen Landesverhältnissen nichts wissen, durchgesetzt und nur ihr verdankt unsere Partei ihre Mandate in Galizien. Es ist heute genau so wie damals. Mit den- Ruthenen haben wir den Kampf gegen dieselben Bedrücker gemeinsam, mit ihnen verbindet uns ihr Programm der nationalen Autonomie, das nur durch einen Bund aller kleinen und unterdrückten Völker durchgesetzt werden kann, und nicht zuletzt sind die Ruthenen die einzige Nation Oesterreichs, welche die jüdische Nationalität anerkennen. Mit ihnen verbindet uns also eine gemeinsame Abwehr, ein in wichtigen Punkten identisches Programm und überdies ihre Anerkennung unserer bedeutendsten Forderung. Es bedarf wahrlich" nicht viel politischen Scharfsinns und der „Landeskenntnis", um dies zu verstehen. Wir könnten daher Zionisten, welche eine Liaison mit dem Poleriklub für uns empfehlen, kaujn damit entschuldigen,' daß ihnen die politische Einsicht mangelt. Solche Tendenzen müssen im Keime erstickt werden, denn das würde nichts anderes bedeuten, als ein Verlassen unseres Programmes und das Abirren von dem Wege einer wahrhaft demokratischen Politik, die das Leitmotiv all unserer bisherigen Handlungen war. An unsere Gesinnungsgenossen in der Provinz! Der in der letzten Nummer der „Jüdischen Zeitung veröffentlichte Aufruf hat bei unseren Gesinnungsgenossen in der Provinz Volle Zustimmung gefunden. Der „JüdischeNationalverein“ hat an seine Vertrauensmänner in denjenigen Orten, welche für das Eingreifen unserer Partei in Betracht kommen, einen ausführlichen Fragebogen versendet und erwartet nunmehr die genaueste und rascheste Beantwortung sämtlicher Fragen. Von der Arbeit unserer Vertrauensmänner hängt es nunmehr ab, ob unsere Aktionen mit Aussicht auf Erfolg eingeleitet werden können. Der Juden in der Provinz hat sich dank der bankerott gewordenen Assimilationspolitik ihrer Führer das- Gefühl der vollständigen politischen Verlassenheit bemächtigt. Gesinnungsgenossen! Es ist nunmehr an Euch, zu zeigen, daß Ihr Euerer nationalen Pflicht bewußt seid! Haltet Euch immer vor Augen, daß Ihr nicht für einen Tageserfolg strebet, sondern daß Ihr einer großen Idee dient, deren Verwirklichung einen langen und zähen Kampf erfordert. Setzt überall die Axt an und der Giftbaum der Assimilation wird endlich fallen Der „Jüdische Nationalverein“ für Oesterreich“. Die Wahlbewegung.;; Wien. Wäblerversammlung. Die erste Wählerversammlung, in der unser Kandidat, Gg. Ing. Robert Stricke r, sein Programm entwickelte, war massenhaft besucht und hinterließ tiefen Eindruck. . Die Eröffnungsansprache des Obmannes des „Jüdischen Nationalvereines“, Dr. Jakob Ehrlich, legte kurz und markig die Notwendigkeit einer bewußt jüdischen Kandidatur in der jüdischen Leopoldstädt. dar. Nicht nur im spezifisch-jüdischen Interesse sei unsere Wahlbewerbung zu werten, sie müsse auch' vom: Standpunkte der gesamtösterreichischen Politik verständen werden und. sei der Förderung aller Elemente sicher, die die endliche Völkerversöhnung und die nationale Gerechtigkeit herbeisehnen. Gg. Dr. Paul Weisengrün führte aus: Zunächst sei festgestellt, daß wir im Gegensatz zu den anderen Wahlbewerbern für ein Programm arbeiten. Deshalb sei auch diesmal ein bemerkenswerter Umschwung in den gegnerischen Lagern zu verzeichnen.- Vor vier Jahren Spott, Hohn, Verachtung — diesmal tiefer Ernst und unverkennbare Sorge. Redner behandelt hierauf die drei feindlichen Gruppen, welche in die „Wahlarena“ eingezogen sind. Den Sozialdemokraten könne sich das Gros der Bezirkswähler" aus rein wirtschaftlichen .Gründen unmöglich zuwenden. Dürfen insbesondere die jüdischen Geschäftsleute und . Gewerbetreibenden einer Partei, ihre Stimme geben, in deren Mitte der bittere nationale Hader enlbrannl ist? Die Ofnerleute proklamieren ihren Kandidaten tals „Sozialpolitiker“. Auf dieses Wort dürfe kein selbständig Denkender hineinfallen. „Sozialpolitik“ ist kein Programm, sondern kann auf Basis jedes Programmes getrieben werden — auch auf der des reaktionärsten. Auch der große Respekt vor Dr. Ofners unbestrittenen juristischen Fähigkeiten sei in der Politik unangebracht. Der Fall Virchov zeige, daß sogar ein berühmter Wissenschaftler ein elender politischer Führer sein könne. Für uns komme vor allem in Betracht, daß Dr. Ofner trotz aller „Sozialpolitik“ kein bestimmtes Programm habe, daß seine Stellung zur Judenfrage einfach reaktionär ist und daß er — „an seinen Früchten sollt Ihr ihn erkennen“ — von einer rückständigen, demagogischen Clique umgeben sei. _ Der dritte Gegner, Herr Dr. Mittler, habe ein klareres Programm als sein Gegner aus dem Cafe Donau — aber diese Eindeutigkeit spreche nicht |zu seinen Gunsten. Mittler ist ein Scharfmacher gegen die Sozialdemokraten, er vertritt den antiquiertesten und schädlichsten Aitiiberalismus, er ist einer von jenen Juden, die den kleinen jüdischen Mann durch ihre deutschnationale Politik dem antisemitischen Boykott in die Arme treiben. Dem liberalen Mischmasch des Mittlerklüngels dürften die (Wähler der Leopoldstadt nicht zustimmen, auch wenn sie keine Juden wären. Der Redner schloß mit dem Hinweis auf das .volle Verständnis, das gerade die hervorragendsten Arier unserer Bewegung entgegenbringen und forderte unter stürmischem Beifall zur Agitation für unseren Kandidaten auf. Gg. Ing. Robert Stricker, mit begeisterten Zurufen begrüßt, hielt nun seine Programmrede, die wir an leitender Stelle wiedergeben. Die Versammlung gab ihrer Zustimmung zu seinen Darlegungen wiederholt Ausdruck und genehmigte seine Kandidatur einhellig. ' Es war eine würdige Einleitung der national-jüdischen . Wahlarbeit. “ZkMräcficfy^Teil-’ nehmer" der Versammlung traten .spontan, .dejh- Wahlkomitee bei. . : ■ / .•?;i. ,w; Eine Abrechnung mit Hofrät Kuranda. (Wähler-Versammlung jini 1. 'Bezirk.», v!V Dem demokrati-chen Zentralverein gebührt das Verdienst, den. Wählern des Kaiviertels die Zunge gelöst zu haben. End'ich hat mäh es von Anhängern der verschiedensten .Parteirithtungen. gehört, was sie von Hofrat Kuranda Kalten. Die Versammlung .des genannten Vereines,, die am 19. d. M.,. im Hotel „Post“ stattfand, und überaus zahlreich besucht - war, wurde vom Obmann des demokratischen Zenträlvereines Luzian Brunner eröffnet. Er entwickelte, das Programm seiner Gruppe, besprach .die Erfolglosigkeit der abgelaufenen 'Parlamentsperiode und den trostlosen Zustand der Wählerschaft. Der Referent des.Abends, Dr. Löhner, beleuchtete in temperamentvoller Rede die Parteikonstellation vor den Neuwahlen, insbesondere im zweiten und ersten Gemeindebezirke. Er unterzog die Kätzbalgerei ^wischen der Mittlerclique und den Ofnerianern einer scharfen Kritik, geißelte die ebenso s chmähliche wie lächerliche Haltung der Kultusgemeindegruppe, um dann das Sündenregister des Hofrates Kuranda, d,es neuerlichen offiziösen Kandidaten für’s Kaiviertel, dürchzugehen. Unter starker und allgemeiner Zustimmung forderte er die Wähler auf, gegen die Zumutung, von Kuranda im Reichsrate „vertreten“ izu werden, mit dem Stimmzettel zu protestieren . Gemeinderat Stein — bekanntlich. ein Parteigenosse Kurandas — sagte wörtlich: „Kuranda hät sich gegen die Interessen seiner Wähler aufs Schwerste vergangen.“ Er habe sich als „Hofrat“, als Regierungsmann, als Vertreter der Plutokratie betätigt und könne den Bezirk, der sich vornehmlich aus Kaufleuten und Gewerbetreibenden zusammensetzt, nie und nimmer vertreten. Redner tritt für die Kandidatur des Gemeinderates D.\ Hein, ein, und bittet insbesondere die Nätionaljuden, deren segensreiche Wirksamkeit er vollends anerkennt, um ihre Unterstützung im Kampfe gegen die Kuren Jaklüngel. Der Wähler des Bezirkes, Herr Blaß wandte sich ebenfalls in scharfen Worten gegen diesen scherwenzelnden Hintertteppenpolitiker und Herj- Freund schilderte unter Entrüstungsrufen,, wie brüsk dieser „liberale“ Hofrat jede Intervention in einer brennenden Hausiererfrage abgelehnt habe. Ein belustigender Zwischenfall muß noch mitgeteilt werden. Herr Hofbauer, der schlankweg zugab, Kuranda verdiene den Namen „Hintertreppenpolitiker“, suchte für den Herrn Hofrat eine Lanze zu brechen und berichtete, Kuranda habe es durchgesetzt, daß den Ratenhändlern am Samstag das Einkassieren gestattet werde. Damit habe er den kleinen jüdischen Kaufleuten, die am Samstag nicht einkassieren, eine große Wohltat erwiesen. Zum Unglück meldete sich ein Gewerbetreibender, Herr Bernhard, zum Wort und berichtigte tatsächlich, daß diese Inkassobewilligung^ an Sonntagen ein Werk der Christlichsozialen P a b s t und Bielo'hlawek sei, die sie wohl nicht im Interesse der ortodoxen jüdischen Zwischenhändler, vielmehr .der antisemitischen Erzeuger durchgesetzt hätten. Die allgemeine Heiterkeit war groß. Wenn nicht alle Zeichen trugen, begirint’s am Kai Zu dämmern. Die von der „freiheitlichen“ Geschäftspresse fabrizierte öffentliche Meinung gerät ins Wanken und mit ihr der Hofrat Kamillo Kuranda. Zivnostenskä banka Filiale Wien ■. Herrengasse 12. 4° EINLAGEN (auf Büchel: EINLAGEN im Konto nach Vereinbarung. r Aktienkapital und Reserven: K 75 Millionen. Wechselstuben in Wien: I. Herreng. 12. II. Praterstr. 24, VII. Märlahilferstr. 84 X. Favoritenstrasse 95, XVI. Neulercbenfelderstrssse 4l! 0 Kulante Besorgung aller Bank- und Börsentransaktionen Verzinsung Stahlkammer mit vermietbaren SAFES. - Abonnement von K12. an. Abonnements für die Reisesaison K 10.—. gegen Bänkschuldverschreibungen: 4 n o 2 0 Zentrale in Prag, gegr. 1868. — Filialen: Brünn, Budweis, Iglau, Klattau, Krakau, Lemberg, Olmütz, Mährisch-Ostrau, Pardubic, Pilsen, Pisek, Proßnitz, Tabor, Triest.