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Jüdische Zeitung · 1911-04-28 · 17 (28.4.1911) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3 Nr?: IT JÜDISCHE ZEITUNG brikaiiten ihre slawiscften Arbeiter, mit Anwendung wirtschaftlicher Gewaltsmaßregeln gezwungen haben, deutsch zu'wählen. In den gemischtsprachigen Gebieten erhalten die-Juden deutsche Trutzvereine und Institutionen. In Gegenden, wo es längst keinen Nationalitätenstreit mehr gäbe, weil die Bevölkerung hur aiis Tschechen Juden besteht, tobt der Kämpt weiter, weil die J uden das schwarZ-rot-göldene Banner ihochhalten. Direkt verheerend; hat'die :.Hetzar.beit der. von, Juden geschriebenen,- von Juden bezahlten deutedfrliberalen Presse gewirkt. Ich erinnere nur an ihre Haltung anläßlich der vorjährigen Tschechenkrawalle. Ausgerechnet Benedikt und Singer mußten das deutsche Wien retten! Sie haben den nationalen Radaubrüdern zugejubelt und das Zerschlagen tschechischer Firmentafeln als befreiende Tat hingestellt. Im polnischen Lager bietet sich uns das gleiche Schauspiel. Bei der Vergewaltigung der Rufhenen haben die Juden die eifrigsten Dienste geleistet und als Errungenschaft des letzten -Jahrzehnts präsentieren sich uns auch noch tschechischnationale Juden. Mit den , sdiwarz-rpt-goldenen Pollaks und Kohns wars nidht genug, .wir mußten noch blau-weiß-rote Abeies und Lewys dazukriegen. Der Schaden, den diese Leute dem Judentume zugefügt haben, ist unermeßlich. Gleichzeitig aber scihürten sie die Nationalitätenhetze. Die Juden aus dem nationalen Kampfe ausschalten, heißt denselben ein Gutteil seiner Schärfe dehfrien. Wenn die Wähler dem Juden, der sich' als Deutscher, Pole oder sonstwie gebärdet, ihre Stimmen verweigern, so nützen sie damit nicht nur ihrem Volke, sondern erweisen auch dem österreichischen Staat einen großen Dienst! Wir sind gute Oesterreicher! Unser Programm beschränkt sich nicht auf die Juden allein, es ist nicht nur gut-jüdisch, sondern auch gut-österreichisch. Das Wort- Guter Oesterrucher, G:sterreichi:cher Patriot hat für die meisten Leute einen fatalen Beiklang, man denkt dabei immer an den Radetzkymarsch, an VeteranenmuEik und die Burgwache und die Deutschmeister. Nun, ich kann Ihnen die_ beruhigende Erklärung, geben, daß wir Jüdischnationale den Radetzkymarsch nicht als die herrlichste. musikalische Schöpfung betrachten, die größte und schönste Veteranenleich macht unser. Herz nicht schneller schlagen und sogar der Anblick eines Deutsdhmeisterkorporals mit einer Köchin hm Arm und einer Virginier hinterm : -Ohr -läßt; uns verhältnismäßig -kalt. Unter- Liebe ' zu-Oesterreich verstehen wir was ganz anderes! 'Wir glauben an die Zukunft Oesterreichs, wir glauben an den gesunden Kern, welcher in diesem Reiche steckt, wir glauben daran, daß eine Harmonie unter diesen Völkern zu erzielen ist und wir;fc.’ Iauben daran, daß ein Friedensschluß unter den österreichischen Nationen möglich ist und kommen muß. Fischhof ist unser Führer. Wir arbeiten diesem Ziele energisch entgegen. Unser Führer auf diesem Wege ist Adolf Fischhof, der edelste Politiker, der größte Patriot, den Oesterreich hervorgebracht Vor dreißig Jahren, im JahTe 1882, wurde in den großen Musikvereinssaal in Wien eine Versammlung einberufen, in welcher Fischhof sein Programm entwickeln sollte. Da geschah etwas Unerwartetes, etwas unsäglich Schändliches: Die liberalen Deutschen, die Börsejudsn, die Zeitungsmerischen und die Antisemiten, die SChönerianer, schlossen sich zusammen und stürmten unter .Begleitung gemieteter Dienstmänner, Kutscher und1 Möbelpacker derr 'Saal und trieben Fischhof und seinen kleinen Anhang hinaus. Man frägt sich: Ja, was für ein Verbrechen hat dieser Mann geplant? Ein ganz fürchterliches: Er wollte allen Leuten, die vom NationaEtätenstreite leben, das Brot nehmen, den Berufspolitikern, den Zeitungsschreibern* den Börsespekulanten wollte er die Haupteinnahmsquelle verstopfen, er wollte den nationalen Frieden. Da ist die Meute, die sich sonst gegenseitig zerfleischt, einmütig und einträchtig über ihn hergefallen. Er war keine Kampfnatur und (verschwand von der Tribüne. Aber sein Programm hat er uns gelassen, die, nationale Autonomie und wir Jüdistiinationale können heute stolz Von uns sagen, daß wir die einzige Partei in Oesterreittf sind, welche für das Fischhofeche Programm Rümpft. Die nationale Autonomie. Fischhof. hat erkannt, daß insolange kein Frieden- (möglich ist, als. nicht jede Partei in Oesterreich in nationaler! und kultureller Hinsicht selbständig gemacht wird. Alle n ä t i o« aalen Fragen müssen aus den Beratungen des Parlamentes ausgeschaltet werden, damit, für eine sachliche .Behandlung der Wirtschaftsfragen Raum geschaffen werde. Wollen die Tsdhechen eine Schule, gut, sie jsollen sie haben, aber sie sollen sich sie auch selbst bezahlen! Wollen die Italiener eine Universität, so geht das den Herrn Huber aus M--Schönberg gar nichts, an, sie sollen sich sie errichten, aber sie messen auch selbst für die Mittel aufkommen. Es ist eine ganz unerhörte I Vergewaltigung, wenn man den Tiroler Kuhbauern oder den polnischen Schlachzizen darüber urteilen läßt, ob eine tschechische Universität eine Kulturnotwendigkeit ist oder nicht. Ja zum Teufe!, was verstehen denn die davon? Darüber zu urteilen steht nur der Nation zu, die in Frage kommt. Eine Ueberproduktion an Bildungsstätten ist nicht zu befürchten. Im Anfang wohl, aber, da ja die Geschichte Geld kostet, das aus eigener Tasche, nicht aber, wie jetzt, aus dem Staatssäckel bezahlt werden muß, würden es sich die einzelnen Nationen wohl überlegen Überflüssige Schulen zu errichten und zu erhalten. Das Parlament wäre von einem Alpdrücke b efreitr: Unsinn regiert das österreichische Parlament. Die widersinnige Parteigrupphrung müßte aufbören. Heute sitzt der städtische deutsche Vertreter mit dem Agrarier in einem Klub, trotz der verschiedensten Interessen müssen die beiden miteinander durch dick und dünn gehen, weil ja ihre nationalen Interessen es erfordern. Der tschechische Vertreter der Kaufmannschaft, der doch in Wirtschaftsfragen mit dem deutschen Kaufmanne stimmen sollte, er kanns''nicht tun, denn die zu errichtende tschechische Universität in Brünn steht gleich einem drohenden Gespenst zwischen den beiden. Der slowenische Liberale muß sich vom kroatischen Pfarrer ins Schlepptau nehmen lassen, der deutsche Demokrat vom christlichsozialen Alpenbauern. All die wirtschaftlichen Versprechungen welche die nationalen Kandidaten der Bevölkerung in Bezug aut Fragen des täglichen Lebens machen, sind eitel Schall und Rauch. Der nationale Klubzwang maclrt sie wortbrüchig. : "■-* * :i Die nationale Autömie beseitigt all diese Hemmnisse mit einem Schlage. Sie 'allein kann die Vereinigung aller freiheitlichen und fortschrittlichen Elemente bewirken. Ohne sie bleibt alles Gerede von der nationalen Versöhnung leeres Gefasel, leerer Kandidatenquatsch! Furcht vor den Hetzern im eigenen Lager hält heute die einsichtigen Politiker aller Nationen d avon ab, sich zur nationalen Autonomie z u bekennen. Für uns Nationaljuden existiert dieses Schreckgespenst nicht, wir bekennen uns freudig und stolz zu Fischhofs Ideen. Wir halten sie eben so hoch, wie unsere nationale Idee. Unsere Losung heißt: Ein starkes, gesundes Judenvolk, ln einem starken, gesunden Oesterreich! Taktik contra Programm. Noch sind die ersten Vorpostengefechte der Wahlschlacht nicht geliefert, doch schon ist die Luft erfüllt von giftigen Gerüchten und Aussprengungen, die unsere Feinde und zweifelhaften Freunde verbreiten, um unseren Kampf zu erschweren und unseren Sieg zu vereiteln. So spricht man in Galizien z. B. davon, daß die Zionisten sich verpflichten wollen, ihre künftigen Abgeordneten in den Polenklub zu entsenden; gewisse Führer hätten sich anheischig gemacht, in diesem Sinne zu wirken usw. Es scheint angesichts des klaren unzweideutigen Beschlusses der Lemberger Vertrauensmännerkonferenz vom 9. April eigentlich überflüssig, s olchen Ausstreuungen entgegenzutreten. Dieser Beschluß, der ja nur enthält, was selbst« Verständlich ist, lautet: „Die-Kandidaten der zionistischen Partei verpflichten sich für den Fall ihrer Wahl einen „Jüd. Klub“ zu bilden. Sollte die Bildung des ~ Klubs wegen zu geringer Zahl nicht möglich sein, dann ‘verpflichten sich die Kandidaten „Wilde“ Zu bleiben, d. h. keinem der bestehenden Klubs oder Parteiverbände des Parlamentes beizutreten.“ Das ist deutlich. Da jedoch ein Zusammengehen mit dem Polenklub auch von befreundeter Seite der Erwägung für wert erachtet wird, wollen wir diese Frage nach ihrer prinzipiellen Und taktischen S eite erörtern. Mit allem Nachdruck muß betont werden, daß der Eintritt zionistischer Abgeordneter in den Polenklub völlig unmöglich und im. politischen Sinne auch undenkbar ist. Wer das nicht a priori einsieht,. dem fehlen die primitivsten Elemente politischer Bildung, nach welcher jede Partei, die durch ihre Taktik ihr Programm erschlägt, Selbstmord begeht und nichts anderes würde eine! Liaison mit dem Polenklub für die zionistische Partei bedeuten. Denn unser Programm ist vori allem ein nationales. Die Grundidee unserer Politik ist die, daß eine Besserung in der politischen und moralischen Lage der Juden Oesterreichs nur erzielt werden kann, wenn diese sich aus den fremdnationalen Kämpfen zurückziehen, sich selbständig national organisieren und die Verteidigung ihrer eigenen Interessen i n die Hand nehmen. Wie kann demnach ein national gesinnter Jude Mitglied eines fremdnationalen Klubs sein? Unser Programm basiert ferner auf der Idee der Selbstverwaltung (Autonomie) der Völker, wodurch der nationale Kampf in nationalen Frieden gewandelt werden soll. Die polnischen Machthaber sind aber die Vertreter nationaler Unterdrückungspolitik, sie vergewaltigen das ruthenische und mehr noch das jüdische Volk. Wie können Vertreter dieser Nationen zu ihren Erdrückern sich gesellen, ohne die ihnen anvertrauten Volksinteressen zu verraten? Der Polenklub ist ferner eine r eaktionäre, klerikale und agrarische Partei, während wir Juden, imj wohlverstandenen eigenen Interesse, freiheitliche, demokratische und industriell-parteiische Politik zu machen haben. Jeder Punkt unseres Programmes läuft also strikte all dem entgegen, was der Polenklub stets verfochten hat. Daher ist er unser politischer Gegner katexochen, zwischen ihm und uns gibt es nur Kampf. Wer uns in das Lager unserer ärgsten Gegner treiben will, von dem muß man sagen, daß er — um nichts Schlimmeres, direkten Verrat, anzunehmen — jedes politischen Denkens bar ist. Es ist übrigens gar nicht nötig, prinzipiell und programmatisch nachzuweisen, daß Zionisten nicht in den Polenklub eintreten können. Wir Verfügen ja über eine reiche praktische Erfahrung in bezug auf galizisch-jüdische Politik! Daß die Juden mit den Polen gehen müßten, weil diese die Machthaber im Lande seien, nach dieser politischen Maxime handeln ja die Moschkos;schon seit Jahrzehnten. Sie dachten sich a la Lueger: Lieber feig, als dumm. Aber die Geschichte hat gelehrt, daß diese Politik ebenso dumm, als feig ist. Denn wenn auch die Moschkos mit dem Polenklub durch dick und dünn gingen,;wie heute noch diese Gail, Gold, Kolischer und Löwensteins, so hatte das nur den Effekt, daß die polnischen Machthaber den Juden nur noch mehr verachteten und bedrückten. Die Pauperisierung unseres Volkes wurde in Galizien [von landeswegen mit immer größerem Zynismus betrieben und so geht es bis auf den heutigen Tag. Aber die elende Politik der Hausjuden |hat nicht nur das verschuldet, sondern sie (verhinderte das jüdische Volk sogar noch Die Böhmische Industrial-Bank-Filiale in Wien, I., Wipplingerstr. 2 Telephonnnminern 23067,23068, 23069, 18347,21813 — Aktienkapital K 30,000 000. 1! 0 besorgt-sämtliche Bank- und Wechselstubengeschäfte Jt und verzinst die Einlagen auf Einlagsbücher mit - 14 0 Die Rentensteuer trägt die Bank aufs Eigene.

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